Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Lutz Schafstädt IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Jubilum | Februar 2011
Bleibt so, wie ihr seid
von Lutz Schafstädt

"Jetzt bin ich doch ein wenig aufgeregt," sagt Frank und blinzelt in die Nachmittagssonne.
"Alles ist perfekt", beruhigt Simone ihren Mann, "das wird unser großer Tag."
Sie stehen an der Reling, Schulter an Schulter, blicken zur Hafentreppe hinüber. Gleich werden die Gäste kommen. Wie haben sich Simone und Frank auf diesen Tag gefreut. Im Frühjahr waren beide Fünfzig geworden und hatten bei der Frage nach einer Feier auf den Sommer vertröstet: Dann, zur Silberhochzeit, trommeln wir alle zusammen. Heute. Jetzt.

Die Familie, die Freunde und Kollegen treffen ein. Es wird begrüßt und gratuliert. Eine wirklich gelungene Idee, für das Fest einen Dampfer zu mieten, meint jemand.
„Dampfer?“, fragt Frank. „Das habe ich auch gesagt und wurde belehrt, das Ding heiße Fahrgastschiff, Rufname Belvedere. Für uns macht es heute eine Charterfahrt über die Havelseen. Und zu diesem Brett mit Handlauf sagt der Fachmann Gangway. Los, nun an Bord mit euch, wir müssen hier kein Defilee veranstalten.“
„Sucht euch einfach einen Platz, der euch gefällt“, ergänzt Simone, bemerkt ein Zögern, stupst ihrem Sohn in die Seite und flüstert: „Andi, sieh mal zu, dass nicht allzu sehr gefremdelt wird.“

Ein Wink zum Kapitän, schon werden die Leinen eingeholt. Die Maschine beginnt zu brummen, das Schiff legt ab. Simone und Frank nehmen Aufstellung vor dem Kuchenbuffet.
„Ihr Lieben“, Simone räuspert sich, „wir freuen uns sehr, dass ihr alle gekommen seid. Wir wünschen euch und uns ein paar vergnügliche Stunden.“
„Jetzt greift zu den Gläsern“, die Lautsprecher klirren, Frank weicht vor dem Mikrofon zurück. „Fünfundzwanzig Jahre schippern Simone und ich nun gemeinsam durchs Leben. Dieses maritime Bild kann ich euch leider nicht ersparen: Stürme und raue See haben wir durchlebt, lagen vor Madagaskar ...“, er lacht laut, „... aber dass wir zwei hier stehen zeigt ja, dass wir alle Klippen gut gemeistert haben. Soviel der Ansprache, ein paar Worte hebe ich mir noch für später auf. Lasst es euch also gut gehen.“ Frank küsst Simone, stößt mit ihr an und erhebt das Glas, um den Gästen zuzuprosten.

Der Diskjockey spielt Schlager, Kellnerinnen laufen mit Kaffeekannen herum, vor den Fenstern gleiten Schwäne vorbei. Frank setzt sich zu seiner Mutter und seinem Schwager Klaus, der ihm mit einem Bleib-wie-du-bist auf die Schulter klopft.
„Ach, ich habe mich wirklich bemüht, all die Jahre“, erwidert Frank. „Mir ist nicht gelungen, ein flotter Vierziger zu bleiben. Ich hab mich ganz von selbst verändert, da war nichts zu machen.“
Seine Mutter blickt auf ihren Teller und nickt.
„Nun gehöre ich auch dazu, zur Generation 50 plus, was Mama? Jetzt können wir beide am Sonntag untergehakt in die Begegnungsstätte zum Tanztee gehen, ohne Probleme mit dem Türsteher zu bekommen. Du nimmst mich doch mit?“

Das Sonnendeck belebt sich. Vom Ufer winken Kinder, die Stadt verschwindet hinter einer Flussbiegung. Simone steht bei ihrem Sohn Andreas und seiner Frau. Silberhochzeit, das ist schon was, meint die Schwiegertochter, und: bleibt wie ihr seid.
„Das würdest du nicht wollen,“ sagt Simone. „Andi vielleicht, der lässt sich gern bemuttern. Ich wäre dafür, das wir uns öfter sehen, nicht nur telefonieren. Wir sollten beweglicher sein, euch besuchen, haben aber auch ein wenig Angst, dass ihr dann wünscht, wir würden bleiben nicht wie, sondern wo wir sind.“
Die Kinder wehren ab, Simone zwinkert und lacht. „Geht ihr mal euren Weg, ich halte mich derweil fit, damit ich auf eurer Silberhochzeit mit den Enkeln tanzen kann.“

Die Musik wird lauter, einige Gäste tanzen. Am Tisch bei Franks Kollegen klingen die Biergläser: Auf dein Wohl, bleib ...
„Danke, Hans“, fällt Frank ins Wort, „ich weiß, was du sagen willst. Wir zwei brauchen uns doch nur anzuschauen, um einander zu verstehen.“ Er wendet sich einem jüngeren Kollegen zu. „Hans war schon bei meiner Hochzeit dabei, ich kenne ihn länger als meine Frau. Die ganzen Jahre in der selben Firma, so etwas ist selten geworden heute. Ich will dir auch gar nicht empfehlen, uns nachzueifern. Nur so viel: Es ist völlig egal, welche Arbeit wartet. Wichtig sind die Leute, die morgens mit dir durchs Werktor schlurfen. Wenn sie dir grün sind und du mit ihnen auf einer Wellenlänge schwingst, können viele zufriedene Jahre daraus werden. Müssen es aber nicht und es geht nicht immer danach, was man selbst gern will. Vielleicht hatten wir Glück, oder waren einfach nur sehr genügsam? Was meinst du, Hans?“

Der Schiffsbug zerschneidet den Fluss, Möwen kreischen, in der Ferne blinken Segel. Auf einer Bank an Deck sitzt Simone mit ihrer Freundin.
„Wenn die Kinder aus dem Haus sind, ist das große Gemeinschaftsprojekt des Lebens erledigt. Der Alltag fühlt sich dann lange ziemlich fremd und leer an. Aber dann verstehst du, dass du nicht wehmütig zurück oder sorgenvoll voraus, sondern in den Spiegel schauen musst. Man verliert sich selbst aus den Augen, zwischen all den Aufgaben und Pflichten. Nach langen Jahren als Familie sind Frank und ich wieder ein Pärchen geworden.“ Simone verstummt und denkt kurz nach. „Wie oft habe ich dir das schon erzählt? Egal, jedenfalls musste ich gerade daran denken, ob ich mir wünschen würde, alles wäre wieder wie es war.“

Mehr als zwei Stunden dauert die Fahrt bereits. Simone geht auf Frank zu: „Soll es losgehen?“
Er schaut durch das Fenster über das Wasser, hält nach Orientierungspunkten Ausschau.“Ein paar Minuten noch, sobald wir hinter der Brücke sind.“
Der Diskjockey reicht Simone das Mikrofon hinüber. Das Schiff verringert seine Fahrt.
„Schenkt ihr uns bitte noch einmal eure Aufmerksamkeit“, sie wartet, bis die Gäste vom Sonnendeck herunterkommen. „Wir danken euch sehr für all die guten Wünsche. Bleibt wie ihr seid, wurde uns oft mit auf den Weg gegeben. Für unsere Silberhochzeit haben wir uns jedoch ein eigenes Motto ausgedacht.“
„Auf zu neuen Ufern“, übernimmt Frank, „und das im wörtlichen Sinne. Das neue Ufer wollen wir gleich mit euch erkunden, sobald wir angelegt haben. Fünf Spazierminuten von hier warten Grillsteaks, Würstchen und kühle Getränke auf uns.“
Die Gäste freuen sich, einige applaudieren. Das Mikrofon wechselt zu Simone.
„Wir haben alle unsere Ersparnisse zusammengekratzt und ein Wassergrundstück mit Häuschen und Garten gekauft. Hier werden wir Rosen ziehen, Gemüse anbauen, auf dem Rasen liegen und Bücher lesen. Vielleicht gönnen wir uns auch ein Ruderboot. Kommt uns bitte besuchen, so oft ihr wollt.“
Überraschte, ungläubige Gesichter.
„Simone und ich, wir haben beschlossen, dass es Zeit ist, sich noch einmal ein Herz zu fassen und etwas zu wagen. Wir geben unsere Jobs auf und werden fortan hier leben. Im nächsten Jahr wollen wir im Ort eine Fahrradwerkstatt eröffnen: Ich mache dann Ketten geschmeidig, Simone die Kundschaft. Und wenn uns nach Ruhe ist, machen wir zu.“
Das Schiff hat den Anleger erreicht.
„Soweit unsere Neuigkeiten, über die wir gleich weiter plaudern können. Wir laden euch herzlich in unseren neuen Garten ein. Das Schiff wird hier warten und euch heute Abend zum Hafen in die Stadt zurückbringen. Frank und ich, wir bleiben hier, an unserem neuen Ufer.“


Lutz Schafstädt (2/2011)

Letzte Aktualisierung: 13.02.2011 - 12.02 Uhr
Dieser Text enthlt 7329 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2024 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.