Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Jubiläum | Februar 2011
Prost Mahlzeit
von Susanne Ruitenberg

... und deshalb bedanke ich mich ganz herzlich bei Herrn Dr. Wagner für dieses Jubiläumsessen. Es tut gut, gewürdigt zu werden nach vier Jahrzehnten bei Wagner Fördertechnik.

Aber jetzt muss ich mich erst einmal setzen, ich bin ja nicht mehr die Jüngste und dann die Aufregung und der Sekt. Ich und eine Rede halten - Kindchen, gib mir doch mal das Menü, was kommt als nächster Gang?
Ach stimmt, RehrĂĽcken.

Rotwein? Ja, warum nicht? Danke.
Ich trinke ja sonst nichts, aber zu Wild - du hast Recht, ich sollte nicht immer Kindchen zu dir sagen, ich hab das auch nicht gemocht, als ich als Lehrmädel hier anfing damals - Azubi gab es noch nicht und wir wurden alle mit Fräulein angeredet.
Vielen Dank, gerne.

Die sind aber aufmerksam, die Kellner, ich hatte das Glas doch gerade erst geleert.
Hihi, Kind... äh, Jennifer, hast du gesehen, der alte Huber aus der Buchhaltung, wie der schon wieder eine Glühbirne hat? Ganz im Vertrauen, ich hab das von der Maier, der soll auch eine Flasche in seiner Schublade - aber ich will nichts gesagt haben, nachher heißt es noch, die Alte tratscht.
Ich doch nicht.
Guck mal, der Frieling pennt gleich in seinem Sessel ein. Das ist eine Schnarchnase vor dem Herrn! Warum sie den unbedingt einladen mussten, ich mochte den nie. Du hast ihn ja nicht mehr erlebt, er ist seit ein paar Jahren in Rente. Ich wette, die jungen Ingenieure haben drei Kreuze gemacht, als er ging. Weißt du, er hat sich bis zum Schluss geweigert, am Rechner zu zeichnen. Nein, alles am Zeichenbrett, und die studierten Dippel-Inschs mussten sein Zeugs anschließend im System abpinseln, um es verwenden zu können.
Kannst du dir das vorstellen?

Danke, gerne noch eins.
Lecker, der Wein, nicht wahr?
Warum sie den Frieling nicht rausgeschmissen haben, sagst du?
Nun, er hatte viel Wissen ĂĽber die Kunden gehortet, das er mit keinem geteilt hat. Seine Unterlagen so gefĂĽhrt, dass niemand da durchblickte.
Zudem hatte er mit fĂĽnfzehn als Lehrbub hier angefangen.
Er hat immer gedroht, wenn man ihn rauswirft, wird’s teuer. Dabei hat er sich Sachen rausgenommen! Material heimgeschleppt, bei Kundenbesuchen Umwege über den Baumarkt gemacht und das halbe Haus gebaut, bei der Arbeit die Fußnägel geschnitten – ohne Worte, ich sag’s ja - und wer weiß was sonst noch. Ich hab ja immer für die Kaufleute geschrieben und kam selten mit den Technikern in Berührung.
AuĂźerdem war er gut Freund mit Fischer, dem Betriebsratsvorsitzenden. Du verziehst das Gesicht, kann ich verstehen.
Das ist auch so 'ne Leuchte. Der ist so unfähig, keine Auslegung von ihm war je brauchbar. Voller falscher Berechnungen. Dafür übervorsichtig mit der Statik, den ganzen Unterbau der Maschinen doppelt und dreifach dick geplant. Materialverschwendung, sag ich dir.

Prost, Herr Frieling, danke. Ja, wer hätte das gedacht, jetzt bin ich doch länger hier als Sie.
Weißt du, Jenny, die Jungs haben immer gesagt, wenn je eine Förderstraße von Fischer in einer Fabrik installiert wär’, würde sie den Boden durchhauen und in den Keller fallen, hihi.
Wenn der nicht im letzten Moment gewählt worden wäre, hätten sie ihn hochkantig rausgeworfen. Als Betriebsrat konnte er schalten und walten, wie er wollte. Mischt sich überall in Sachen ein, die ihn nix angeh’n und gibt zu allem seinen Senf dazu. Am liebsten zu solchen, von denen er nix versteht, und das sind so ziemlich alle.

Herr Ober, könnten Sie? Danke.
Sagte ich schon, dass der Wein köstlich ist?
Kanntest du eigentlich den alten technischen Leiter noch, den Borstig? Der soll ja gar nicht Krebs gehabt haben. Nein, es wäre Aids gewesen, munkelt man, und dass der deshalb immer so hübsche Lehrbuben eingestellt hätte früher, weil er ... na, du weißt schon.
Ich hab mich ja nie an den BĂĽrointrigen beteiligt und wĂĽrde nie was Schlechtes ĂĽber jemanden sagen.
Aber ganz im Vertrauen, das sage ich dir, weil du noch so jung und naiv bist – hier sind zum Teil Sachen gelaufen, wenn man das im Film sehen würde, würde man sagen, die haben sie nicht mehr alle.
Zum Beispiel damals - die Ursula, die mit mir angefangen hat in der Schreibstube, also, als die gehen musste - man hat es schon gesehen, sie war ja so schmal. Ihr Verlobter hätte sich nicht gedulden können, hat es geheißen, aber das ist Quatsch, der war zu der Zeit gar nicht da, weil er gedient hat. Es war doch allgemein bekannt, dass der alte Wagner seine Hände nicht bei sich behalten konnte und mehr als das. Bei mir hat er es nur kurz versucht, ich hatte damals diese hässliche Brille, und war nicht die Schlankste – wie heute auch, hihi.
Danke, gerne noch ein Glas.
Mich hat er dann jedenfalls in Ruhe gelassen.

Ups, ’tschuldigung, hast du was abgekriegt? War ja nur das Wasserglas, das gibt keine Rotweinflecken, hihi.
Apropos, das Weinglas muss ein Loch haben, wo ist denn der Kellner?
Ja, Herr Dr. Wagner, danke. Grüßen Sie auch Ihren sehr geschätzten Herrn Papa von mir.

Hihi, langsam wird mir auch warm. Jetzt könnten sie mal das Wild bringen.
Seit der Sohn den Laden schmeißt, hat sich ja so einiges geändert. Dass er gleich seine Frau als Office-Managerin hier hingesetzt hat, fand ich den Gipfel. Die hat doch bloß eine Verkäuferlehre. Von Personalwesen versteht sie ja mal gar nix und ihre eigenen Dienstpläne kann sie auch nicht lesen. Das klappt hinten und vorne nicht mit den Früh- und Spätschichten in der kaufmännischen Abwicklung. Teilt Leute ein, die Urlaub haben, vergisst, wer krank ist und sie weiß nicht mal, in welchen Bereichen die meiste Arbeit anfällt. Und wenn man was sagt, wird sie schnippisch.
Sie soll bei ihrer letzten Stelle gefeuert worden sein, sagt man. Weil sie’s nicht gebacken gekriegt hat.
Für uns ist sie aber gut genug und hat ihr supertolles Büro gekriegt. Das sie nie verlässt. Sie sieht nicht, wer mit Arbeit zugeschüttet wird und wer um Punkt Fünf die Flatter macht. Die Schleimer haben’s gut bei ihr und die anderen machen alles, was liegen bleibt.
Das Dollste ist ja, sie soll sich an den feschen Gero rangemacht haben. Deshalb hängt der auch so oft bei ihr im Büro rum, obwohl er mit den Kaufleuten ja nix zu schaffen hat.
‚Besprechung’ das ich nicht lache!

Ja, gerne noch eins.
Ah, endlich der Hauptgang. Na, das haben sie aber schön dekoriert mit der halben Birne und dem Gelee da drin.
Mir fällt ja grad was auf: Die Wagner trinkt den ganzen Abend nur Wasser. Die wird doch wohl nicht einen Braten in der Röhre?
Da bin ich aber gespannt, wie sie das erklären will, wenn das Balg Geros rote Haare hat, wenn es ...
Halt’ hier mal kurz die Stellung, Kindchen, und pass auf mein Weinglas auf, hihi. Ich geh der Zicke mal eben auf den Zahn fühlen.

Prost liebe Frau Wagner.
Was, Sie trinken ja gar nichts heute? Verbergen Sie etwa ein süßes Geheimnis? Mir können Sie’s ruhig anvertrauen. Ich bin verschwiegen wie ein Grab.


Letzte Aktualisierung: 25.02.2011 - 11.37 Uhr
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