Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Jubilum | Februar 2011
Keine sieben Leben
von Helga Rougui

Am 10. Januar habe ich ein rundes Jubiläum gefeiert. Meine Frau natürlich auch.
Hochzeitstag.

Meiner Frau geht es gegenwärtig sehr gut.

Wir haben an dem Tag die Kinder mitgenommen und waren gemeinsam essen.
Ich habe meiner Frau ein Collier geschenkt. Kam gut an. Hatte ja auch mein Sohn ausgesucht. Der Kleine hat einen guten Geschmack, obwohl er erst acht Jahre alt ist.

Ich hab eigentlich ne Menge Zeit, jetzt, wo ich nur diesen Minijob habe, aber eigentlich auch wieder nicht.

Jeden Mittag hole ich die Kinder ab, erst meinen Sohn aus der Schule und danach meine kleine Tochter, die noch in den Kindergarten geht.
Nachmittags kümmere ich mich um Stefans Hausaufgaben, sorge dafür, daß Julia und er ihren Kakao und ihre Plätzchen bekommen und gehe mit ihnen ins Schwimmbad oder ab und an ins Kino.
Wie gut, daß mich die Begeisterung für Zeichentrickfilme nie verlassen hat.
Wenn meine Frau nach Hause kommt, sind die beiden schon bettreif, und das ist auch gut so, denn sie ist von ihrer Tätigkeit in der Anwaltskanzlei abends immer ziemlich geschlaucht.
Und am Wochenende muß sie sich erholen, in die Sauna gehen, ihre Freundinnen treffen, ihre Akten aufarbeiten und so weiter.

Und ich passe auf die Kinder auf.

Früher bin ich noch mittwochs zum Taekwondo gegangen, aber seitdem sie ausgerechnet an diesem Abend eine Fortbildung macht, habe ich den Sport aufgegeben. Bringt mich eh nur auf dumme Gedanken. Bin dann einfach zu energiegeladen und werde unruhig irgendwie.
Letztens war ich mit einer ehemaligen Arbeitskollegin einen Kaffee trinken, hatte sie ganz zufällig beim Einkaufen getroffen, das war ganz nett, sie ist sehr schön und intelligent und wäre als Geliebte ideal, weil ungeheuer diskret – aber das ist nichts für mich. Flirten ja, aber Fremdgehen lieber eher nicht.

Ich bräuchte halt auch einen Tag in der Woche, der nur mir gehört, an dem ich mich bewegen kann, wie ich will.
An dem ich wie früher sein kann, als ich allein war und doch nicht allein.

Wenn ich einen Vorstoß in diese Richtung unternehme, mich beispielsweise, um einen Anfang zu machen, am Freitagabend mal wieder mit meinen früheren Kumpels treffen will, hat meine Frau wie zufällig ausgerechnet für diesen Abend ein paar gute Freunde eingeladen. Ihre guten Freunde, wohlgemerkt, denn meine sind nicht unbedingt willkommen.

Sie läßt mich keinen Schritt allein gehen, aber ich gehe jeden ihrer Schritte mit ihr.

Das war mal anders, früher, in den ersten Jahren unserer Ehe. Neben meinem Job filmte ich häufig am Wochenende Hochzeiten aus allen Kulturen. Das war abwechslungsreich und brachte zusätzliches Geld in die Haushaltskasse. Ich erlebte die verschiedensten Gastgeber, geizige und freigebige, sowie wohlwollende und verkniffene Familienangehörige, ich sah dünne und dicke, schöne und häßliche Bräute, angenehme und unangenehme zukünftige Ehemänner, und – ach! die wunderhübschen Brautjungfern, kichernd, aufgeregt, glühend vor Sehnsucht... Manch eine Hochzeit endete noch vor dem Hinscheiden der Nacht in Tränen und Wehklagen. Oft kam Streit auf, für mich aber nie Langeweile, und obwohl mich diese Wochenenden ziemlich schafften, war ich innerlich wie bunt bebildert von meinem prallvollen Leben.

Meine Frau guckte schnippisch, wenn ich mal wieder von Samstag auf Sonntag weggewesen war. Nach einem sehr späten Sonntagsfrühstück zur Mittagszeit machten die Kinder und ich uns oft auf zu einem Ausflug mit dem Fahrrad oder wir besuchten die beiden Omas. Meine Frau ging selten mit. Sie behauptete, sie habe Kopfschmerzen.

Tatsächlich hatte sie dann wochenlang Migräne.

Nun hat sie keine mehr, und es ist lange her, daß ich ein Wochenende lang aushäusig war.
Dabei war ihre Eifersucht immer völlig unbegründet. Schließlich liebe ich meine Frau. Auch wenn sie ist, wie sie ist.
Aber das scheint sie nicht zu glauben.

Nun habe ich seit einigen Wochen eine Freundin. Eine Emailfreundin. Nie gesehen die Frau, und was sie mir von sich erzählt hat – ich weiß nicht, ob sie mein Typ wäre. Aber darauf kommt es nicht an. In den Mails an sie kann ich gefahrlos und ohne um die Konsequenzen zu bangen schreiben, was mir gerade durch den Kopf geht, kann ihr mein Leid klagen und auch die schönen Momente ausbreiten, ohne mir überlegen zu müssen, ob mir ihre Reaktion wohl gefallen wird. Und ich kann mit ihr flirten und ihr tausend virtuelle Küßchen geben, und sie spielt das Spiel mit und wir haben Spaß.
Meine Frau weiß nichts davon. Und das wird so bleiben. Hoffe ich.

Das Abendessen an unserem Hochzeitstag war sehr schön. Meine Frau strahlte, und ein prächtiger Strauß roter Rosen sorgte für berauschenden Duft. Und die Kinder waren richtig brav, und ich war wie gelähmt.
Gezähmt, betäubt, erstickt.

Wieviele Leben hat man eigentlich?

Letzte Aktualisierung: 20.02.2011 - 20.29 Uhr
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