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Jubiläum | Februar 2011
Geburtstagspost
von Bernd Kleber

Der Postbote klingelt. Ich gucke vertrĂ€umt auf die große gelbe PlastiktĂŒte, die mit mehreren bedruckten Klebestreifen ĂŒberdeckt ist.
„Diese Zustellung wurde zur Adressermittlung geöffnet!“
Ich leiste die Unterschrift an der Stelle, die mir der Bote zeigt.
Der Postmann meint: „Wollen Sie die Beschwerdeadresse fĂŒr die Zustelllogistik? Dann habe ich hier 'nen Vordruck fĂŒr Sie.“
Er reicht mir ein Formular. Mich drĂ€ngen im Kopf tausende Fragen und ich weiß nicht, was der will.
„Wie? Wieso? Was ist das? Ich habe nichts bestellt.“
Der BrieftrĂ€ger sagt: „Nein, nein, das ist ein Brief, der leider in den Weiten der Deutschen Post herumirrte. Meine Kollegen behaupten, eine so lange Laufzeit hĂ€tten sie noch nie erlebt. Ist ja auch was. Bei uns kommt eben nichts weg. Guten Tag!“

Ich gehe zwei Schritte zurĂŒck, schiebe die TĂŒr zu und blicke auf das total verklebte Etwas.
Es ist Din-A4 groß!
Adresse ermittelt ... Adressat verzogen... EmpfĂ€nger unbekannt ... Postleitzahl recherchiert ... Nicht nachsenden! ... – unzĂ€hlige StempelabdrĂŒcke.

Ich lese: „Weißensee, Charlottenburger Straße 18“ und bekomme Herzklopfen.
Dann sehe ich „Rosenfelder Str. 18“ und kann „MĂŒggelheim: Nachsendeantrag Karlshorst, Gundelfinger 1“ erkennen. Mir wird schwindelig. Was ist das?

Ich setze mich an den Esstisch, lege den großen gelben Plastikbeutel vor mich auf den Tisch, streiche ihn glatt und frage mich: „Warum?“.
Auf der Straße hupt ein Auto, aus Angst gestohlen zu werden, im Dauerton.
Cleo, unsere HĂŒndin, legt sich zu meinen FĂŒĂŸen und brummt, will sagen, dass dieses Hupen nervt.
Ich starre geradeaus und wĂŒnsche mir eine heiße Tasse Kaffee.
Wie fremdbestimmt erhebe ich mich und gehe in die KĂŒche. Der Plastikbeutel auf dem Tisch macht mich zwar neugierig , aber wie ein BombenentschĂ€rfer will ich mir die nervenaufreibende Öffnung der WundertĂŒte aufsparen, mich konzentrieren, es genießen, jeder Handgriff muss sitzen.
Ich spĂŒre, das ist besonders wichtig. Was da liegt ist etwas Bedeutendes zu meinem FĂŒnfzigsten?

Mit wenigen Griffen habe ich Kaffee angesetzt. Die Kaffeemaschine blubbert mir zu: Das wird von Martina sein, die im Streit die TĂŒr zugeschlagen und sich nie wieder gemeldet hatte.
Das Auto hupt energischer: Nein, das wird von deiner Schwester sein. Sie bereut den Abbruch eures Kontakts wegen des Streites um ihren MachobrÀutigam.
Ich sitze auf einem KĂŒchenstuhl und grĂŒbele. Cleo kommt getrottet, legt ihren Kopf auf meinen Schenkel. Sie fixiert mich und sendet mir telepathisch ihre Meinung: Nein, nein! Der Brief ist von Nicole, die dich angeschrien hatte, sie hĂ€tte keine Lust mehr, sich zu rechtfertigen.
Langsam gehe ich zum KĂŒchenschrank. Der Kaffee duftet. Die Tasse fĂŒllt sich mit dunklem Trank, die Milch fĂ€rbt ihn rehbraun.
Vorsichtig, nicht zu schwabbern, gehe ich zum Esstisch zurĂŒck, stelle den Kaffeepott in sicherem Abstand zu dem gelben PĂ€ckchen auf den Tisch.
Warum klopft mein Herz so?
Vielleicht, weil ich morgen fĂŒnfzig Jahre zĂ€hle? Und, weil ich am kommenden Samstag viele Freunde aus allen Jahrzehnten meines Lebens treffen werde?
Sicher, da ist eine Überraschungsparty geplant und um mich herum ist viel an GeheimniskrĂ€merei. Sicher auch, ich ahne nicht einmal, wo ich feiere. Ich weiß nicht, mit wem.
Und nun dieser Brief, dieser fehlgeleitete , irrgelaufene Brief.
„Charlottenburger Straße 18!“
Ich bin vierzehn. Der Kohlenhof mit den lauten schwarzen MĂ€nnern auf der gegenĂŒberliegenden Straßenseite bestimmt den Charakter der Gegend. Geruch nach Kohle, frischem Holz, der Staub in der Luft! Das GerĂ€usch der Holzhackmaschine, die gebrĂŒllten Rufe, die das Hacken ĂŒbertönen. Meine Unsicherheit, wenn ich in das schwarz gefĂ€rbte BĂŒro soll.
„...geh, frag nach zwei Zentnern Kohle auf Karte, so schnell wie möglich, sonst frieren wir ab nĂ€chste Woche!“
Warum macht das Mutter nicht selbst?
„Was willste?“, dröhnendes Lachen. Ich zucke zusammen.
„... ja, sonst frieren meine zwei Schwestern, meine Mutti und ich ab nĂ€chste Woche“, sage ich wahrheitsgemĂ€ĂŸ und kleinlaut.
„Na , jib mal her deine Karte, du Prinz!“

Dahin sollte der Brief gegangen sein? Oder ein Fake, eine Überraschungsidee?

„Rosenfelder 18“ ... meine erste Wohnung, ein Zimmer, Kochnische, Bad, erste Etage.
Wie schön die Möbel meiner geliebten Großmutter darin aussahen; mich an sie erinnerten.
Sie war gerade verstorben, hatte die Wohnung nicht mehr kennengelernt.
Was habe ich da erlebt?!
Die Nachbarin, die nach einem SolidaritĂ€tsbeitrag fĂŒr die VolkssolidaritĂ€t fragte und in meinem Bett landete. Marina nebenan, die mich bat, auf ihre Tochter zu achten. Beatrice, mit der ich Hausaufgaben machte. Die Straße, auf der Panzer Richtung Osten dröhnten, als in Polen Solidarność zum Problem fĂŒr den Warschauer Pakt wurde. Diese Jahre des Aufbruchs, des Umbruchs. Da war der Brief gelandet? Dieses gelbe PĂ€ckchen?

„Schönhauser Allee“ ... Drei Zimmer hatte ich da, habe die Feste gefeiert wie sie fielen, habe das Leben in vollen ZĂŒgen genossen. Die Wende lag hinter uns. Ich kannte die kleinen, die neuen und die großen Stars der Musikszene in den Neunzigern. Manche Nacht kam ich nach Hause, ohne am nĂ€chsten Tag zu wissen, wie.
Auch da hatte dieser Gelbe versucht, mich zu erreichen.

„MĂŒggelheim“, mein trautes Heim, in Wohlstand und GlĂŒck, wie „Emil Pelle auf seiner Gartenlandparzelle“.
Cleo war Familienmitglied geworden. Der Wald, die Seen, die Ruhe. All das.
Das Haus! Schon Jahre zurĂŒck! Werde eben FĂŒnfzig! Ein halbes Jahrhundert!

Warum wage ich nicht, den Brief zu öffnen?

Ich nestele an der Plastikfolie. Das liegt da wie ein Geschichtsprotokoll, hat den Kalten Krieg ĂŒberlebt, die Achtziger, die Wende, die Neunziger und erreicht mich einen Tag vor meinem großen JubilĂ€um.
Was fĂŒr ein Scherz ist das?
Endlich reiße ich die Folie vollstĂ€ndig auf.

Ein kleiner Brief rutscht heraus. Das Schriftbild lÀsst meinen Atem stocken. Ich kenne diese Bögen an den Anfangsbuchstaben der Worte, ich kenne diese hohen Anstriche.

Bernd Kleber
Charlottenburger Str. 18
112 Berlin

Absender

Gertrud MĂŒller
Straße der DSF 28
156 Teltow

Mir lĂ€uft kitzelnd eine TrĂ€ne ĂŒber die Wange. Ich sehe, wie der Briefbogen in meiner Hand zittert.
Ich höre mich atmen, mein Herz drĂŒckt, Kindheitserinnerungen wirbeln durch meine Gedanken.


Teltow, den 7.02.1979

Mein lieber Bernd,

zu Deinem 18. Geburtstag wĂŒnsche ich Dir alles Gute.
Du bist nun endlich mit diesem Tag in die Welt der Erwachsenen aufgenommen.
Ich bin sehr stolz auf Dich und was aus Dir geworden ist. Emmi Böhm hat sich auch sehr gefreut, dass Du Deine PrĂŒfungen bestanden hast, sogar die GiftprĂŒfung, vor der Du solche Bange hattest.
Wir sehen Dich schon mit weißem Kittel in Deiner eigenen Drogerie stehen.
Du weißt, dass ich Dich sehr liebe und ich freue mich auch schon auf das kommende Wochenende.
Bei Hertie am Ku-Damm gab es leider nicht die von Dir gewĂŒnschte Jeans, man sagte, Schlauchjeans seien schon aus der Mode. Aber ich bringe Dir etwas anderes Schönes mit. Ich freue mich sehr, meinen großen Bernd in die Arme zu nehmen.
Meine Liebe zu Dir ist eine riesige Wolke, die mein tĂ€gliches Leben zu einer großen Freude macht.

GrĂŒĂŸe an Deine Schwestern und Doris,
fĂŒhl Dich umarmt und gekĂŒĂŸt

Deine Omi.

Letzte Aktualisierung: 24.02.2011 - 11.52 Uhr
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