Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Jubiläum | Februar 2011
Liebeszauber
von Regina Lange

Tempus Voyage 2011. Da stand sie. Meine Erfindung. Eine unscheinbare Maschine, die Großes bewirken wird. Eine Revolution! Welche Möglichkeiten wĂŒrden sich ergeben? Viele wissenschaftliche oder historische Fragen könnten beantwortet werden, ohne lange zu forschen. Es wĂ€re nicht ausgeschlossen, direkt an den Geschehnissen der Weltgeschichte teilzuhaben. Diese Errungenschaft zum Wohle der Menschheit einzusetzen.
»Mister Adams, eine Anzahl von Transistoren sind ausgefallen. Wir mĂŒssen den Versuch heute abbrechen!«
Daniels Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
»Sollten wir?«
»Ja, Sir! Es ist zu gefÀhrlich. Mein Programm hat eine Reihe von Fehlerquellen ausfindig gemacht.«
»Welche Transistoren arbeiten nicht korrekt?«, wollte ich von meinem Assistenten wissen.
Daniel schaute besorgt in seinen Computer und tippte eifrig auf die Tastatur.
»Einen Moment noch, dann habe ich die Ergebnisse ...« Er starrte gebannt auf den Monitor.
»Ist es der Schwachpunkt der Maschine, den wir seit langem kennen?«, fragte ich.
»Nein, Sir ...«
»Spann‘ mich nicht auf die Folter! Ich brauche Resultate. Jetzt!«
»Ein elektronisches Bauelement zum Schalten und VerstÀrken von elektrischen Signalen ist ausgefallen«, antwortete Daniel, ohne seinen Blick vom Display abzuwenden.
»Welche noch?«
»Eine Schaltung im System ...«
»Genauer!«
»Ein integrierter Schaltkreis funktioniert nicht!« Der Assistent rollte auf seinem BĂŒrostuhl zu einem weiteren Computer.
»Der Zeitpunkt lÀsst sich nicht fixieren!«
Ich blĂ€tterte in meinen Unterlagen. Was war schiefgelaufen? Meine Berechnungen hatte ich zigfach ĂŒberprĂŒft. Ich lief im Labor auf und ab wie ein Tiger im KĂ€fig. Auf einmal blieb ich abrupt stehen. Machte auf dem Absatz kehrt und hastete in riesigen Schritten zum Universalrechner. Ich gab eine Reihe von Daten ein.
»Ich hab‘s!«
»Sir?«
»Komm‘ mit zur Maschine!«, befahl ich.
Daniel folgte mir mit einem nachdenklichen Gesicht. Ich nahm einen Schraubendreher zur Hand und öffnete eine Platine.
»Wir mĂŒssen einen Mikroprozessor ersetzen«, bemerkte ich. Vorsichtig löste ich den Prozessor und hielt ihn meinen Assistenten vor die Nase.
»Dieser kleine Störenfried hat die Stromzufuhr fĂŒr den Bipolartransistor unterbrochen.«
»Sie sind ein Genie! Darauf wÀre ich nicht im Geringsten gekommen!«
Ich verschloss die Leiterplatte, wÀhrend er zum Universalrechner spurtete und das Fehlerdiagnoseprogramm nochmals startete. Eine Anzahl von Zahlen, Buchstaben und Zeichen liefen wie bei einem Nachspann eines Spielfilmes auf dem Monitor ab.
»Mister Adams, wir haben es geschafft. Die Eingabemaske fĂŒr ‚Expedition‘ blinkt auf. Die Koordinaten können erfasst werden.«
»Okay, der letzte Versuch war ausgesprochen kurz. Ich möchte heute einen grĂ¶ĂŸeren Sprung wagen. Ich denke an das Jahr 1886 ...«
Daniel sah mich mit offenem Mund an.
»Worauf wartest du? Gib die Daten ein!«
»Sir, bei allem Respekt, ist das nicht zu gewagt? Eine derart lange Reise verbraucht eine Menge Energie. Mir ist nicht klar, ob das Stromaggregat eine ausreichende Versorgung generiert, um Sie auf jeden Fall zurĂŒckzubringen. Warum 1886?«
»Ich möchte meinem großen Idol begegnen. Ein Pionier seiner Zeit ...«
»Sie meinen doch nicht etwa ...«
»In der Tat ein tollkĂŒhnes Experiment. Dessen ungeachtet bin ich entschlossen. 29. Januar 1886. Wie war das Wetter an jenem Tag? Benötige ich meine dicke Daunenjacke?«
»Sie wollen 125 Jahre in die Vergangenheit reisen und machen sich Sorgen um die Witterung?«, fragte Daniel kopfschĂŒttelnd.
»Ja, du hast recht. Einen Schal sollte ich auf jeden Fall auch mitnehmen!«, antwortete ich schmunzelnd und ging zur Tempus Voyage 2011. Ich setzte mich hinein und prĂŒfte nochmals die Details.
»Alle Funktionen sind in Ordnung. Du kannst die Kabine verschließen und den Start am Universalrechner veranlassen.«
»Was soll ich Ihrer Frau erzÀhlen? Sie wird nach Ihnen fragen.« Daniel hielt den Griff des Kabinendeckels in der Hand und zögerte, diesen zuzusperren.
»Sag ihr, dass ich mich auf einer GeschĂ€ftsreise befinde und rechtzeitig zum JubilĂ€um zurĂŒckkehre!«
»Wie bitte?«
»Zu unserem Hochzeitstag werde ich ihr etwas Besonderes mitbringen!«
»Das glaube ich nicht. Sie wollen einen Zwischenstopp einlegen? Das ist viel zu gefÀhrlich!«
»Schließe jetzt die Kabine und starte die Maschine!«
Daniel verschloss sie, wie befohlen und ging zum Rechner. Er zögerte. Blickte sich noch einmal um. Ich nickte ihm lĂ€chelnd zu. Dann drĂŒckte er die Entertaste.

***

»Wo ist mein Gatte?«
Daniel erschrak. Wie aus heiterem Himmel stand Mrs. Adams hinter ihm.
»Ihr, Ihr Ehemann ... ist auf GeschĂ€ftsreise«, stammelte er ohne den Blick vom Monitor abzuwenden. Er wartete auf ein Signal. Ein Zeichen der RĂŒckkehr. Wo war er? Irgendwo im Universum? Gefangen in einem Zeitabschnitt? Wie sollte er es ihr erklĂ€ren?
»Wann kommt mein Mann nach Hause? Hat er eine Nachricht fĂŒr mich hinterlassen?«
»Er wollte zu Ihrem JubilĂ€um zurĂŒck sein«, antwortete Daniel.
»Oh, wie schön, er hat daran gedacht!«
Sie schien sich zu freuen. Er fĂŒhlte sich elendig schlecht und hĂ€tte ihr am liebsten alles erzĂ€hlt. In diesem Moment schlug der Computer Alarm. Auf dem Display tauchte eine Meldung auf: Bitte bestĂ€tigen: Ankunft 14. Februar 2011 15.00 Uhr. Daniel traute seinen Augen nicht. Das Experiment war scheinbar gelungen. Nervös betĂ€tigte er die Eingabetaste.

Mit einem lauten Krach erschien wie aus dem Nichts die Tempus Voyage im Labor. Ätzender Dampf stieg aus allen Poren der Maschine. Mrs. Adams fuhr zusammen, wĂ€hrend Daniel einen Freudenschrei der Erleichterung ausstieß. Mit einem Feuerlöscher bewaffnet lief er zur Kapsel. Er sprĂŒhte hektisch gegen die Ă€ußere Metallverkleidung. Mrs. Adams wiederum stand wie angewurzelt da und beobachtete, wie der Assistent versuchte, das glĂŒhende Metall abzukĂŒhlen.

***
Der Kabinendeckel öffnete sich und ich kletterte umstÀndlich heraus. Mein Mitarbeiter und meine Frau musterten mich vom Kopf bis zu den Zehen, ohne einen Mucks von sich zu geben.
»Hat es euch die Sprache verschlagen? Ein wenig Freude hatte ich erwartet. Es ist alles zu meiner Zufriedenheit verlaufen.«
Ich stolperte. Daniel erwachte aus seiner Lethargie und fing mich auf.
»Sir, Sie sehen ... Àhm, mitgenommen aus«, sagte er.
Mir war speiĂŒbel. Lag vermutlich an der Zeitdilatation. Die Relativgeschwindigkeit der Uhr war extrem hoch eingestellt.
»Eine anstrengende Reise, unabhĂ€ngig davon ein großer Erfolg fĂŒr die Wissenschaft. Im Übrigen, einen schönen Gruß von ‚Carl Benz‘. Ich war anwesend, als er seinen dreirĂ€drigen Motorwagen patentieren ließ.«
»Der Beginn des Automobils ... Wahnsinn, Sir.«

GlĂŒcklich ging ich zu meiner Gattin und umarmte sie.
»Liebes, alles Gute zum Hochzeitstag. Es sind deine Lieblingsrosen, ‚Liebeszauber‘, die Ersten aus der ZĂŒchtung des Jahres 2001.« Ich ĂŒberreichte meiner Frau einen Strauß der blutroten Edelrose, die einen lieblichen Duft verbreitete.

Letzte Aktualisierung: 22.02.2011 - 21.08 Uhr
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