Bitte lächeln!
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Jubilum | Februar 2011
Lauter nette Leute
von Hajo Nitschke

Um ehrlich zu sein: als ich das Werkstor an der Elbe passierte, geschah dies mit gemischten Gefühlen. Krümpel-84 lag im Morgenlicht des 28. März 2034 wie eine Festung. Hier also sollte ich einen unabhängigen Bericht zur letzten Jahresrevision des dienstältesten deutschen AKWs zusammenstellen. Heute, am fünfzigsten Jahrestag seiner Inbetriebnahme. Wieso der Betreiber Wattental ausgerechnet mir diesen Auftrag gab, einem einfachen Landesbeamten, habe ich nicht verstanden. Aber es war mir eine Ehre, zumal der Bericht in allen Bundesländern veröffentlicht werden sollte. Um jeden anrüchigen Anschein zu vermeiden, hatte ich Urlaub genommen. Ich würde die Besichtigung als Privatmann durchführen. Dass die selbsternannten Umweltschützer von Grünpilz von angeblichen Störfällen gesprochen hatten, sollte mich nicht beeinflussen. Dennoch dieses Schwanken.

Lag es daran, dass im Pförtnerhäuschen nur ein freundlicher alter Herr hockte statt einer bewaffneten Kohorte? Schnell beruhigte ich mich: Wo keine Gefahr droht, reicht ein erfahrener Wachmann völlig aus. Ich nannte meinen Namen, wollte mich ausweisen, als er schon gähnend die Schranke öffnete. Nun gut, es war meine vertrauenerweckende Ausstrahlung. Die Beklemmung wich.

Beginn der Feierlichkeiten war für nachmittags angesetzt. Bis dahin blieben mir einige Stunden.
Neun Uhr, die Frühschicht würde jetzt in die Kaffeepause gehen. Ich betrat die Halle des Trockenlagers mit den abgebrannten Brennstäben. Tatsächlich saßen einige Arbeiter frühstückend auf Castor-Behältern und Tonnen. Als ich mich räusperte, schnipste einer der Anwesenden seine Zigarette beiseite und kramte aus der Hosentasche eine Folie.
„Moin Moin! Schriev mol dien Nom hier rin, Meister …“
„Redlich. Alfons Redlich.“ Ich befestigte die Folie am Revers. Dazu muss ich erklären, dass ich tatsächlich so heiße, was auch meinem Charakter entspricht. Die Leute spüren so etwas. Deshalb fühlte ich mich hier gleich wohl, zumal die kleine Gruppe mich in netter Form einlud, die Pause mit ihr zu verbringen. Jemand reichte mir einen Becher mit dampfendem Kaffee.

„Herrschaften“, wollte ich wissen, „ irgendwelche Unregelmäßigkeiten kann ich mir nicht vorstellen, oder? Sicherheitskontrolle funktioniert? Behälter vollzählig? (als Beamter hatte ich mir bis auf das hanseatische „s-t“ Hochdeutsch angewöhnt)“
„Mensch, Alfons, wat meenst, wo du büst!?“, lachte der Zigarettenschnipser, „Wi hebbt hier hunnertveerundsösstig Castoren. Wisst’em zähln?“
Seine Kollegen stimmten in sein herzliches Lachen ein und ich notierte mir die Anzahl. Ob ich die aktuellen Listen einsehen könne, wagte ich zu fragen. Das fröhliche Lachen steigerte sich, nur hier und da von einem Husten unterbrochen. Ich sah genauer hin: Die meisten nutzten die Pause für einen Zug am Nikotinwölkchen, daher der Husten.


„Listen? Brukt wi nich – hebbt wi allns in Kopp!“, erklärte ein Arbeiter und deutete auf seinen unbehaarten Schädel. Ein zweiter zeigte auf eine große gelbe Tonne:
„Kiek mol, dat is de ganze Kladderadatsch von drüben! Dor lot wi de Fingers vun, nich, Jungs?“
Besagte Tonne war zwar an den Schweißnähten aufgeplatzt, schien aber sonst noch ganz passabel. Sie hatten einen großen Totenkopf aufs Blech gepinselt. Na also!
Ich schaute in die kleine Runde. Gutmütige, gewissenhafte Zeitgenossen, redlich wie ich selbst, mit offenen Gesichtern und herzlichen Blicken aus wimpernlosen Augen. Ich spürte ihre Zuverlässigkeit und verließ die Halle beruhigt. Die Sicherheit der abgebrannten Brennelemente wusste ich in guten Händen.

Noch vier Stunden bis zur Feier. Die Straßen im Werksgelände füllten sich. Ich sah einige Frauen, die ihre Männer von der Arbeit abholten, auch den einen oder anderen von der Presse, jedenfalls nahm ich es an. Vor dem Zwischenlager entstieg ein Asiate mit einer großen Aktentasche seiner Limousine. Er wurde schon erwartet. Der Zigarettenschnipser begrüßte ihn freundschaftlich. Ist doch gut, dachte ich: Familiäre Atmosphäre, internationale Geschäftsbeziehungen – gesunde Mischung aus Business und Wohlfühlgarantie.
Ich lenkte meine Schritte zur Reaktorhalle, dem Herzstück des AKWs.

Krümpel-84 ist ein Leichtwasser-Meiler mit einem Siedewasser-Reaktor. Den Wasserkreisläufen kommt besondere Bedeutung zu. Grünpilz hatte von Kühldefekten und Bränden mit der Folge von Reaktor-Schnellabschaltungen berichtet und den Entzug der Betriebserlaubnis gefordert. Ich konnte nirgends Spuren von Bränden feststellen. Zwar sah ich einige frisch gestrichene Wände, aber der Reaktorchef wies Zusammenhänge glaubhaft zurück. Überhaupt der Chef: Hartmut Schröder und ich waren uns auf Anhieb sympathisch. Er kommt aus Hamburg, ich aus Uetersen. Bevor wir uns auf den Rundgang begaben, hatten wir uns in seinem Büro zusammengesetzt. Die Erzählung unserer Lebensläufe schafften wir in einer Stunde. Zwei kleine Mädels hat er. Süße Kinder, wie die Fotos zeigten. Und erst die Gattin! Wir tauschten kurz die Vitas unserer Ehefrauen aus, dazu wenigstens die bekanntesten Hamburger Kneipen und Uetersener Gastronomieangebote, dann zeigte er mir die Liste der besonderen Vorkommnisse und Störfälle („S-törfälle“, wie man bei uns sagt): Sauber! Absolut astrein: Kein einziger Eintrag.

„Weetst, Alfons“ (wir waren schnell beim Du gelandet), „ allns Tüünkrom – nix dorhinner. Wenn dat her een Störfall geben hat, möt ik dat jo weten … nich, Toni?“
Toni, in Pinneberg zu Hause, entpuppte sich als sein Vertreter. Er erwähnte einen Beinahe-Supergau vor zwei Wochen: Explosion eines Brennstabes, eine „bannig düstere“ Situation, wie er hinzufügte. Aber dann sah ich aus seinen freundlichen Augen den Schalk blitzen. Jeder Hinweis auf die Liste erübrigte sich, zumal Toni sie gegengezeichnet hatte. Mehr Kontrolle ging nicht.
Viel Zeit bis zum Festakt blieb nun jedoch nicht mehr, und so zogen wir los. Hartmut voran, Toni hinterher.
„Jo – wen hebbt wi denn dor?“ Das war jemand aus der Betriebmannschaft, der aber nicht mich meinte, sondern eine untersetzte bärtige Gestalt mit Rucksack und Sonnenbrille, die unserem kleinen Tross in einigem Abstand gefolgt war. Niemand schien den Mann zu kennen, er verbeugte sich, murmelte etwas und verschwand in einen Nebenraum. Wir sahen ihm achselzuckend hinterher. Vielleicht ein Reporter, vielleicht ein verfrühter Jubiläumsgast. Schnell galt die ungeteilte Aufmerksamkeit wieder mir.

Ja, sie waren aufmerksam. Und ganz feine Kerle. Hartmut stets mit gewinnendem Lächeln, Toni immer zu Späßen und Anekdoten aufgelegt. Köstlich! Ich fühlte mich aufs Trefflichste unterhalten. Hier war zwar mal ein Rohr mit Anzeichen von Ermüdungsbruch, dort eine etwas asthmatisch klingende Umwälzpumpe, mal ein – sorgfältig – geflickter Materialverschleiß, mal ein defekter Schalter. Egal, das System funktionierte reibungslos, und für jede Barriere gab es eine Ersatzbarriere.

„Kiek mol, Alfons“, erklärte Hartmut: „Wat is, wenn bei di to Hus mit dem Strom wat passeert? Kernschmelze?“
„Hoho! Dann fliegt einfach die Sicherung raus, Chef!“, erwiderte ich grinsend. Wir Uetersener lieben Humor, er versüßt den Alltag.
„Siehste! So ähnlich is dat bei uns ock“, freute sich Hartmut und klopfte mir gutmütig auf die Schulter, „Ja-nee: Bei uns is allns klor!“ Dann wies er noch auf die vorhandenen Sicherheitsstandards hin, die „Fehler verzeihen“. Das imponierte mir. In Uetersen verzeihen wir schließlich ebenfalls.

Ja, wir verstanden uns. Toni verglich es mit dem Doppelstopper im Fußball. Er wies auf eine ausgeklügelte zusätzliche Vorsorge hin: Überall standen Kühlschränke herum. Sie liefen im Fall des Falles über Notstrom und enthielten nichts anderes als kleine Kühlakkus. Zu warmes Elbewasser und andere Ausfälle konnten so mit einfachsten Mitteln überbrückt werden. Ich schaute in Hartmuts und Tonis ehrliche Gesichter und schämte mich meiner anfänglichen kleinlichen Zweifel. Diese freundlichen Menschen versprühten Vertrauen und professionelle Zuverlässigkeit.

Zum Schluss stellte Hartmut mich dem Sicherheitsexperten vor, einem weißhaarigen, rüstigen Herrn, der seine Kompetenz mit dem Alter – etwa Mitte siebzig – begründen konnte. Auch er ein äußerst angenehmer und aufgeschlossener Typ. Von ihm erfuhr ich ein Betriebsgeheimnis: Im Reaktorraum lagerten Säcke mit Moltofix. Man war somit bestens gewappnet für den unwahrscheinlichen Fall eines Lecks im Reaktorbehälter.
„Well, Mister Redlich, wir sind …ähem … very … very – wie sagt man bei Ihnen? – gerüstet, yes, you may be sure!“, entließ er mich.
Im Abgehen erklärte mir Hartmut, ich habe eben mit dem ehemaligen englischen Boss von BP gesprochen, der nach dem unglücklichen, unverschuldeten Zwischenfall im Golf von Mexiko vor vierundzwanzig Jahren eine Chance erhalten hatte, sich bei Wattental zu rehabilitieren. Der gute Mann hat sie genutzt!

Wir passierten auf dem Rückweg einige lose Rohre, die fachmännisch mit Stricken an ihren Halterungen befestigt waren, einen heftig – aber immerhin – brummenden Trafo, etliche Kabelbrüche mit soliden Umgehungsleitungen, nach Bruch perfekt zusammengelötete Turbinenschaufeln sowie eine Monitorwand, aus der hier und da ein „Error“ blinkte. Dies bedeutete jedoch nichts, wie mir ein junger Mann höflich versicherte, der nach einer Weile im zuvor verwaisten Computerraum auftauchte. Nachdem alles in bester Ordnung war, wollte ich mich bei meinen netten Gastgebern bedanken, als plötzlich beißender Rauch aufzog und eine Sirene Alarm gab, während gleichzeitig der bärtige Rucksack von vorhin auftauchte – um gleich das Weite zu suchen. Hartmut führte mich rasch zum Ausgang. Er beruhigte mich mit dem Hinweis auf einen Probealarm wegen eines simulierten Reaktorbrandes, verabschiedete mich mit kräftigem Männerhändedruck und einem herzerfrischenden „Tschüss, Alfons, min Jung. Kiek mol weder in!“

Werd ich machen, Hartmut. Vorher noch mein Bericht, für den Wattental immerhin einen kräftigen Spesenvorschuss gezahlt hatte. Ich würde der Landesregierung eine Laufzeitverlängerung um dreißig Jahre vorschlagen. Betriebserlaubnis entziehen … Wo sind wir denn!?

Letzte Aktualisierung: 18.02.2011 - 09.26 Uhr
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