Bitte lächeln!
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Jubilum | Februar 2011
Die goldene Uhr
von Eva Fischer

Eigentlich müsste ihm zum Jubilieren zumute sein, denn heute war ein besonderer Tag.
Seine Frau hatte ihm ein weißes Hemd herausgelegt sowie seine feine Sonntagshose. Im Schrank suchte er nach einer passenden Krawatte, die er sonst nur an Festtagen trug, und band sie sich vor dem Schlafzimmerspiegel um. Er sah sein Gesicht, in dem die Zeit ihre Furchen hinterlassen hatte. Dunkle Augen musterten ihn kritisch.
„Lächeln, du musst jetzt freundlich lächeln“, ermahnte er sich.
Seine Frau kam herein und betrachtete ihn stolz.
„Gut, siehst du aus, mein Paule.“
Sanft drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange.
„Du weißt doch, Elfriede, so im Mittelpunkt zu stehen, ist meine Sache nich’“, gestand er.
„Aber das ist heute dein Ehrentag. Du hast ihn dir wirklich verdient. Bistde nich’ neugierig, was deine Kollegen für dich vorbereitet hab’n?“

Er ging durch das Fabriktor, schaute verstohlen zu den Stempelkarten und der Stechuhr, vermisste ihr vertrautes Klicken. Der Pförtner beobachtete ihn.
„Ja, das ist jetzt vorbei, Paule. Freustde dich nich’ auf die große Freiheit?“
„Doch, doch!“, erwiderte er mürrisch und dachte:
Nein, mir ist eher zum Heulen zumute, wenn ich mir vorstelle, dass ich das letzte Mal hier bin. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit. Jede Maschine hier ist mir vertraut, ihr ganzes Innenleben. Ich habe sie kontrolliert und repariert, wenn sie kaputt gingen. War stolz, wenn ich den Fehler gefunden und sie wieder ans Laufen gekriegt habe. Tag und Nacht habe ich in drei Schichten gearbeitet. Das Kohlekraftwerk kennt keine Pause. Es herrscht eine prima Kameradschaft. Jeden einzelnen Kumpel kenne ich, habe mit ihm so manches Schnäpschen zusammen getrunken, und nun soll alles vorbei sein?
Ein kräftiger Schlag auf den Rücken riss ihn aus seinen Gedanken. Er drehte sich um.
„Mensch, Erich, was machst du denn hier? Hattest du nicht Nachtschicht?“
„ Nee, dat lass ich mir doch nich’ nehmen. Will doch sehen, wie die feinen Pinkel dich verabschieden. Hab’ gehört, der Werksdirektor kommt höchstpersönlich und hält ne Rede und wat schenken tun sie dir auch.“
„Lass man gut sein, Erich! Wennde mich fragst, hätt’ es dat ganze Gedöns nich’ gebraucht.“
Sie schritten schweigend zum Casino, dem Ort, wo Feierliches begangen werden konnte.
Die Stühle waren hintereinander aufgestellt. Vorne befand sich ein Mikrophon, damit die Stimmen der Redner den Saal füllten. Herr Kalupke vom Betriebsrat wies ihm einen Platz in der ersten Reihe zu, während Erich sich grinsend in die hinteren Reihen verzog, wo die übrige Nachtschicht bereits wartete. Herr Kalupke tätschelte Paul vertraulich die Schultern.
„Alles klar? Sie haben sich ja mächtig in Schale geworfen.“
Paul lockerte seine Krawatte, die ihm plötzlich die Luft abschnürte.
Hoffentlich hält der nicht auch noch ne Rede, dachte er.
Alles verstummte, als der Werksdirektor den Saal betrat. Im grauen Anzug mit tadellosen Bügelfalten marschierte er auf das Podest. Seine stahlblauen Augen blickten hinter einer Hornbrille selbstbewusst in die Runde, waren sich uneingeschränkter Aufmerksamkeit sicher.
„ Liebe Mitarbeiter!“, hob er an.
„ Wir haben uns heute versammelt, weil wir das 30jährige Dienstjubiläum unseres sehr geschätzten Herrn Paul Plaschke feiern, das zugleich seinen Abschied von unserer Firma bedeutet . Er war ein Mann der ersten Stunde. Bereits nach dem zweiten Weltkrieg hat er am Aufbau der Rheinpreussen AG als Maschinensteiger mitgewirkt und ihr allzeit treue und zuverlässige Dienste geleistet.“
Es folgte eine ausführliche Bilanz der Arbeit des Kohlekraftwerkes und dessen besonderer und unverzichtbarer Leistungen für die Menschen des Ruhrgebietes sowie eine detaillierte Analyse der Probleme, die man erfolgreich in den letzten Jahren gemeistert hatte, wozu Herr Plaschke auch seinen Teil beigetragen hatte. Die Worte wogten gleichförmig über die Köpfe hinweg.
„....deshalb überreiche ich Ihnen...“
Herr Kalupke gab Paul ein Zeichen, indem er ihm unsanft in die Rippen stieß. Aufstehen hieß das. Die Rede hatte ihn schläfrig gemacht. Die Predigt des Pfarrers am Sonntag hatte eine ähnliche Wirkung auf ihn.
Paul nahm das kleine Paket in seine Hände.
„Vielen Dank!“ , sagte er artig.
„Wenn Sie auch etwas sagen wollen“, ermunterte ihn der Werksdirektor.
Paul spürte, wie sein Herz raste. „Also, also,“ stotterte er. „Also, hiermit lade ich alle meine Kumpel am nächsten Samstag in meinen Garten zu einem Umtrunk ein. Ein paar Koteletts werfe ich auch auf den Grill und meine Frau macht einen leckeren Kartoffelsalat.“
Zustimmendes Klatschen in den letzten Reihen. Erich erhob sich und das Geschenkpapier konnte nicht verhüllen, dass es sich eindeutig um eine Flasche handelte. Pauls Augen leuchteten.
„Is’ dat dein Selbstgebrannter?“ fragte er gerührt. Erich nickte und Paul drückte die Flasche an sich, als sei sie aus purem Gold.
„Wollen Sie nicht Ihr Geschenk auspacken?“, hörte er den Werksdirektor fragen.

„Wie war die Feier?“, wollte Elfriede wissen.
„Der ganz große Bahnhof. Aber meine Kumpel waren auch da.“
„Und haste was gekriegt?“
Paul suchte nach dem kleinen Paket, das ihm der Werksdirektor überreicht hatte, der überraschend schnell wieder verschwunden war, gerade als es anfing, gemütlich zu werden. Elfriede entfernte vorsichtig das Geschenkpapier. Das konnte man ja noch einmal benutzen.
„Eine Uhr haben sie dir geschenkt! Guck mal, wie die leuchtet! Ich glaube, die ist aus Gold!
Ach Paul, da siehstde mal, wie die dich und deine Arbeit geschätzt haben. Is’ das nich’ schööön?“
Stolz wollte sie ihm das Präsent um das Handgelenk binden, aber dieser wehrte ab.
„Was soll ich mit ner Uhr? Ich habe nie eine gebraucht, hatte immer eine in der Fabrik und jetzt, wo ich nicht mehr arbeite, brauche ich erst recht keine.“
Seufzend legte Elfriede das Geschenk zurück in die Schachtel und da blieb es, ungenutzt.

Sven packte Umzugkartons. Bald würde er einen neuen Job in Berlin antreten mit Aussicht auf einen mehrmonatigen Aufenthalt in China. Drei Jahre Frankfurt waren genug, fand er. Da fiel sein Blick auf eine unscheinbare Pappschachtel. Neugierig öffnete er sie. Die alte Uhr von seinem Opa! Er hatte sie vollkommen vergessen. Seine Oma hatte sie ihm einst zum Abschluss seines erfolgreichen Ingenieurstudiums geschenkt. Er nahm sie in die Hände. Das war ja cool! Eine Omega im 70er Jahre Retro-Look! Er drehte sie um. „Für P.Plaschke zum 30 jährigen Dienstjubiläum“, las er dort eingraviert. Vorsichtig drehte er sie auf. Sofort setzten sich die Sekundenzeiger in Bewegung, erwachte die Uhr zu neuem Leben. Sven stellte die Zeit ein und band sie sich um. Präzision und Zuverlässigkeit, Schweizer und preußische Tugenden waren gar nicht so weit entfernt im alten Europa, dachte er amüsiert.

Seinen Opa hatte er nie kennen gelernt. Kurz nach der Rente litt er an Herzrhythmusstörungen, bis sein Herz schließlich ganz aufhörte zu schlagen. Alle hatten bedauert, dass er die Früchte seiner Arbeit nicht mehr hatte genießen können.
Nie hatte er einen Flugzeug bestiegen, hatte nichts von der weiten Welt gesehen.
Unvorstellbar, dachte Sven. Und 30 Jahre bei der gleichen Firma, das muss auch ziemlich langweilig sein!

Letzte Aktualisierung: 03.02.2011 - 09.06 Uhr
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