Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere K├Âstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Jubilńum | Februar 2011
Klassentreffen
von Gary Kilian

┬╗Hallo, Du musst Leo sein┬ź, begr├╝├čte mich ein mir unbekannter, etwa 50 Jahren alt aussehender Mann. Das meiste seines sch├╝tteren Haars war grau und kurz geschnitten, der beige-gr├╝ne, d├╝nne Pullover hing ihm locker ├╝ber den Bauch und die Jeans. ┬╗Sch├Ân, dass du auch kommen konntest.┬ź
┬╗Ja, klar┬ź, sagte ich, ┬╗Ehrensache.┬ź Sollte ich ihn doch gekannt haben, hatte ich das Gesicht, und den Namen dazu vergessen. ┬╗Dein Ged├Ąchtnis ist besser als mein┬┤s.┬ź Ich versuchte mich heranzutasten.
┬╗Ich bin Ronald. Ich habe dir die Einladung geschickt.┬ź
┬╗Ronald Anderwald┬ź, sagte ich vorsichtig. Sein Namen stand auf der Mail, ansonsten h├Ątte ich ihn nicht gewusst. ┬╗Ich habe dich tats├Ąchlich nicht erkannt. Aber warte. Ja tats├Ąchlich. Ronald. Langsam kommt die Erinnerung.┬ź Und tats├Ąchlich hatte ich eine Illusion von Wiedererkennen. Gesichtsz├╝ge f├╝gten sich zu einem vergessenen Bild. ┬╗Du also hast dieses hier organisiert.┬ź Andererseits konnte ich mich auch t├Ąuschen.
┬╗Nach einem viertel Jahrhundert, dachte ich, w├Ąre es schon Mal an der Zeit zur├╝ckzuschauen.┬ź Es klang etwas zu sehr auswendig gelernt, als dass ich ihm zuh├Âren wollte. Dabei schaute er leicht in die Runde der anderen mir Unbekannten, um anzudeuten, dass nicht Wenige seinem Gedanken und seiner Einladung gefolgt waren.
┬╗Wie hast du blo├č alle erreicht?┬ź.
┬╗Internet┬ź, sagte er, ┬╗Stayfriends, Facebook und so. Zu einigen hatte ich noch Kontakt, die wieder zu anderen. Es war nicht schwer. Nur du warst nicht leicht zu finden, Leo.┬ź Es klang wie ein Vorwurf, und darauf hatte ich keine Lust. Ich hatte versucht wenig Spuren im Netz zu hinterlassen.
┬╗Ich werde dann mal die anderen begr├╝├čen┬ź Ich wusste eigentlich nicht, warum ich gekommen war. Das letzte Vierteljahrhundert hatte ich diese Menschen nicht gesehen und die Zeit war nicht so schlecht gewesen, als dass ich mich nach ihnen gesehnt h├Ątte. Es hatte mich ├╝berrascht, dass Ronald mich gefunden hatte, vielleicht war ich daher neugierig geworden.
Ich machte die Runde durch den Stehempfang mit Sekt und Orangensaft. Auf der Suche nach einem bekannten Gesicht, begr├╝├čte ich mir freundlich zul├Ąchelnde Menschen, konnte aber niemanden beim Namen nennen. Eine Frau, sie war in den Vierzigern, wie, mich eingeschlossen, alle hier ÔÇô au├čer Ronald, der sah ├Ąlter aus ÔÇô rief spontan, ┬╗Hallo Leo! Mann, du siehst ja richtig gut aus.┬ź Ich ├╝berlegte kurz, ob ich zu Zeiten, als sie mich zu kennen glaubte, nicht so gut ausgesehen hatte und musste die Frage bejahen, wollte aber nicht weiter dar├╝ber nachdenken. Zu diesem Treffen hatte ich, anders als die meisten M├Ąnner hier, auf Freizeitkleidung verzichte. Lediglich die Krawatte hatte ich weggelassen. Vielleicht viel ich daher ein wenig auf.
Ich griff die Hand, die sie mir reichte, und betrachtete sie zwei Sekunde lang, bevor ich etwas sagte. Sie war gro├č schlank mit dunklem, gut frisiertem Haar. ┬╗Das Kompliment kann ich nur zur├╝ckgeben.┬ź Ich l├Ąchelte, w├Ąhrend ich versuchte, ihren Namen zu erinnern. ┬╗Auch du siehst umwerfend aus.┬ź Das Kompliment fiel mir nicht schwer. Sie hie├č Waltraud, ein schrecklicher Name, wie ich meinte, wurde aber Walle genannt, was nicht besser war. Einige Erinnerungssplitter kamen hervor und ich wusste noch nicht, wie sie zusammenpassten. Schon wollte ich mich zu ihr stellen und eines der Gl├Ąser Sekt trinken, die gef├╝llt auf dem Stehtisch aufgereiht waren, als ich hinter mir deutlich eine Stimme erkannte. Ein Lachen, das durchdringend und unverwechselbar klang. Es geh├Ârte dem Sportsbesten und M├Ądchenaufrei├čer der Klasse, die sich hier traf. Ich drehte mich zu dem Lachen, das lediglich schnarrender geworden war, um und erkannte in dem Gesicht vor mir Gunnar. Wir hatten uns nie gemocht. Ich war nicht besonders sportlich gewesen und er machte mit allen, die es nicht waren und es sich gefallen lie├čen, seine Sp├Ą├če. Mit einem Erstaunen in der Stimme sagte er: ┬╗Ha, Leo, du auch hier. Wie gehtÔÇÖs denn so?┬ź und wiederholte sein Lachen.
┬╗Gunnar, altes Haus!┬ź
Vom Tisch, an dem Walle noch stand, hatte ich mir eines der Gl├Ąser gegriffen, st├╝rzte den Inhalt in mich hinein und wartete darauf, dass die Wirkung einsetzte. Wir tauschten in K├╝rze die wichtigsten Fakten aus, so den Familienstand die Anzahl der Kinder und nat├╝rlich die Art, wie wir gen├╝gend Geld f├╝r den jeweiligen Lebensstandard machten. Ich war einigerma├čen froh, zu erfahren, dass er es zu nichts besonderem gebracht hatte, trotz seines immer w├Ąhrenden vorlauten und selbstbewussten Auftretens. Er dr├Ąngte mich durch den Raum zu einem anderen Tisch an dem wiederum Unbekannte standen, die ich unbedingt begr├╝├čen sollte. Der eine war dick mit einer grobrandigen Brille, der andere im Begriff ihm im K├Ârperumfang nachzufolgen. Beide versuchten, durch ├╝ber die Hosen getragene, geb├╝gelte Hemden locker modern zu erscheinen und ihren Umfang zu kaschieren, sahen aber aus, als h├Ątten sie vers├Ąumt, sich vollst├Ąndig anzuziehen. Anders als Gunnar, der hatte ein verwaschenes T-Shirt mit einem nicht mehr leserlichen Aufdruck ├╝bergeworfen.
Da ich keinen von ihnen erkannte, stellte Gunnar sie mir vor: Michael und Mike oder anders. Ich habe mir die Namen nicht gemerkt. Gunnar sagte bald, er wolle mal kurz nach drau├čen eine Zigarette rauchen. Ich tauschte also mit Michael und Mike oder so die ├╝blichen Daten aus, bevor uns der Gespr├Ąchstoff ausging. Mein Blick ging zur├╝ck zu Waltraud. Ich hoffte, mich mit ihr ├╝ber Interessanteres unterhalten und dadurch dem Abend eine freudvollere Wendung geben zu k├Ânnen. Sie stand nun mit einer konservativ wirkenden Frau zusammen, deren matronenhafter K├Ârper in einem grobwolligen Kost├╝m steckte, aus dem eine R├╝schenbluse hervorquoll. Besonders auffallend war aber, dass sie einen Hund dabei hatte, der an einer Leine unter dem Tisch schn├╝ffelte. Der Hund war klein und sah freundlich aus. Also ging ich zu den Damen hin├╝ber.
Sie hie├č Dea und war lustig, schien mich zu kennen, tat vertraut und machte Scherze ├╝ber mich, von einer Art, die uns drei lachen lie├č. Wir tranken ein paar Gl├Ąser Sekt und nahmen, nachdem das Buffet ge├Âffnet hatte, ausreichend davon, w├Ąhrend der Hund die Leine um das einzige Tischbein wickelte und daran zog, bis der Tisch wackelte. Wir mussten die Gl├Ąser festhalten und Dea entwirrte ihren Hund, der Kōno hie├č. Das sei ein japanischer Name, erkl├Ąrte sie mir und notierte ihn auf eine Serviette, damit ich die eigenwillige Schreibweise sehen konnte.
┬╗Er ist sicher eine Kreuzung, wie so viele, die aus dem Ausland mitgebracht werden?┬ź, In Hundefragen war ich unwissend, traf sicher auch nicht den richtigen Ausdruck. Den Hund aber fand ich drollig. Er hatte einen schwarzen Strich ├╝ber der wei├čen Nase und ein abgeknicktes Ohr.
┬╗Wo denkst du hin. Kōno ist ein reinrassiger Okinawa-Jagdhund. Er ist st├Ąrker als er aussieht.┬ź Dea war stolz auf ihren Hund.
┬╗Das glaube ich┬╗, sagte ich, war aber skeptisch.
┬╗Sie z├╝chtet diese Hunderasse┬ź, sagte Waltraud, als Kōno sich wieder einmal verwickelt hatte und Dea sich unter dem Tisch darum k├╝mmerte. ┬╗Aber sie verkaufen sich nicht gut, weil sie keiner kennt. Dabei vertragen sie sich mit Kindern so gut wie mit anderen Hunden.┬ź Die Rasse wurde mir sympathisch, auch wenn ich selbst nicht ├╝ber diese Eigenschaften verf├╝gte.
Waltraud und Dea erinnerten sich, dass Gunnar mich einmal bei der Lehrerin verpfiffen hatte, weil ich ihr Schl├╝sselbund ins Klo geworfen hatte. Mir war die Geschichte entfallen und vielleicht stimmte sie auch nicht. Auch Anderen konnte die Erinnerung Streiche spielen. Aber wir lachten sehr dar├╝ber.
Alle M├Ąnner, die ich im Raum sehen konnte, waren l├Ąngst zu Bier ├╝bergegangen. Nur die Frauen tranken Wein, Sekt, Saft, und ein paar Teebecher waren zu sehen. Die Stimmung wurde lebhaft, besonders an dem Tisch, an dem Gunnar, Michael und Mike, und nun auch Ronald abwechselnd standen, wenn sie nicht gerade drau├čen waren und rauchten, war es besonders laut. Immer wieder h├Ârte ich dieses Lachen.
┬╗Mich wundert┬ź, gestand Walle Dea und mir, ┬╗dass Ronald und Gunnar sich so gut verstehen. Der Gunnar hat dem Ronald die Frau ausgespannt. Das war Jahre sp├Ąter, daher wisst ihr es nicht. Wir sind nie aus dieser Gegend weggezogen und h├Âren Manches voneinander. Der Ronald war damals sehr w├╝tend und trank viel. Sie haben sich nie vers├Âhnt, so weit ich wei├č.┬ź
┬╗Ja,┬ź sagte ich, ┬╗komisch.┬ź Mit dieser neuen Information konnte ich das Verhalten der beiden neu interpretieren. Sie sahen nun weniger entspannt aus und das Lachen klang nicht mehr so freundlich. Sie tranken schnell und st├Ąndig ging einer, um weiteres Bier zu holen. Auf dem Tisch sammelten sich Flaschen. H├Ąufiger gingen sie abwechselnd hinaus, kamen wieder herein. Aber sie gingen nie gemeinsam rauchen. Ihre Rede wurde lauter, bis sie weit zu h├Âren war.
Dann fielen Flaschen und zerschellten laut. Alle schauten hin├╝ber zu Ronald und Gunnar, die sich beschimpften, sich in T-Shirt und Pulli krallten und gegen den Tisch stie├čen, dass weitere Flaschen fielen. Kōno, der sich unbemerkt erneut um das Tischbein gewickelt hatte, erschrak und anstatt bei Dea Schutz zu suchen, sprang er los und riss nun seinerseits unseren Tisch um. Ich konnte gerade noch mein Glas und ein H├Ąppchen greifen. Dea und Walle hatten weniger Gl├╝ck. Sie standen in Fallrichtung des Tisches und wurden unter Sekt, Krabbenschnittchen, allerlei Salaten und leider auch dem Tisch begraben.
In der Zeit, in der ich mich um die Befreiung meiner Tischpartnerinnen bem├╝hte, ich war froh, dass mein Anzug unbeschadet geblieben war, entwickelte sich ein Handgemenge zwischen Gunnar, Ronald, den beiden Dicken und anderen, die helfen oder schlichten wollten. Auch Kōno sprang, den Tisch hinter sich herziehend, bellend auf die Duellanten zu. Er war tats├Ąchlich st├Ąrker als ich geglaubt hatte.
Ich sagte, nachdem ich beiden Frauen aufgeholfen hatte und die gr├Âbsten Verunreinigungen von ihnen entfernen konnte. ┬╗Nun M├Ądels, ich denke, wir sollten woanders hingehen.┬ź
Alles in Allem hatte es sich doch gelohnt, zu kommen, dachte ich.

Letzte Aktualisierung: 12.02.2011 - 21.30 Uhr
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