Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Jubilum | Februar 2011
Der Fluch
von Ingo Pietsch

Kommissar Gerhard Otto stieg umständlich aus seinem Auto aus. Das ganze Fahrzeug wackelte, als er sich an der Autotür hochzog.
Mit schweren Schritten stapfte er durch den frisch gefallen Schnee zu seinem Assistenten Siegfried Rubens hinüber.
Der wartete neben den geparkten Einsatzfahrzeugen der Polizei und des Rettungsdienstes, die auf dem breiten Schotterweg standen.
Der ganze Park war in ein weißes Laken aus Schnee gehüllt. An den hohen Bäumen am Rande der Wohnsiedlung bewegte sich nicht ein Zweig.
„Was haben wir?“, fragte Otto.
„Ein Zwölfjähriger. Ertrunken.“
Ottos Augenbrauen zuckten.
„Ein Jogger hat ihn dort drüben gefunden.“ Rubens zeigte auf eine weiße Fläche, auf der sich Polizisten tummelten und in deren ungefährer Mitte eine Insel aus Büschen und Bäumen lag. „Er lag dort ausgestreckt und hatte seine Schlittschuhe an.“
„Kann man denn hier Schlittschuhlaufen?“
„Als ich klein war“, antwortete Rubens, „war dies ein Tümpel. Und noch viel früher hat es hier tatsächlich mal einen See gegeben. Das ganze Land gehörte der holländischen Adelsfamilie Pattenson. Die haben das Gewässer nach und nach zugeschüttet und die Ländereien verkauft oder verschenkt. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Nein. Der Junge kommt aus dem Wohngebiet dort vorne. Höhere Einkommensschicht. Der Jogger ist ein Nachbar, deshalb konnten wir den Jungen so schnell identifizieren. Er wollte zur Eisbahn. Komischerweise gab es in der Nähe des Opfers keine weiteren Fußspuren. Der Junge kann noch nicht so lange dort gelegen haben, sonst wäre alles zugeschneit. Es sieht so aus, als wäre er dort hingeworfen worden. Die Kollegen haben herausgefunden, dass er ertrunken ist. Folglich kann der Junge nicht hier gestorben sein.“
Otto rieb sich sein Kinn.
Eine gutaussehende Frau mit hüftlangem Zopf kam auf die beiden zu.
„Ich fahre mal zu den Eltern und überbringe die Nachricht.“ Sie fasste sich an den Mützenschirm.
Otto und Rubens sahen dem „Todesengel“ hinterher. Katharina Borstel hatte aus irgendeinem Grund einen Hang zum Tod. Und sie war Expertin im Nahkampf und liebte Extremsportarten.
Ein Mercedes aus den Siebzigern parkte direkt Stoßstange an Stoßstange mit Ottos Wagen.
Der Kommissar vergrub seine Hände in den Taschen. Rubens zog einen Lutscher aus seiner Thermojacke.
Jean Zinklär stürzte aus dem Wagen, vollgepackt mit aufgerollten Karten und seiner alten Ledertasche. Mit dem Fuß schlug er die Tür zu.
Borstel stand plötzlich hinter ihm und klopfte ihm auf die Schulter. Er drehte sich um und sie schüttelte ihm die Hand. Dabei fielen seine Unterlagen zu Boden. Als seine Hand wie automatisch zugriff, schossen ihm Gedanken durch den Kopf und er spürte ihre Gefühle. Borstel grinste ihn an, als sie den völlig verdatterten Zinklär einfach stehen ließ.
„Tschau“, rief sie ihm zu und winkte zum Abschied.
Zinklär fasste sich wieder und sammelte seine Unterlagen ein.
Otto und Rubens waren ihm entgegengegangen.
„Na, hat unser Geisterjäger wieder seine Handschuhe vergessen?“, fragte Rubens in spöttischem Ton. Die Lederhandschuhe schützten ihn vor Reizüberflutung. Den Spitznamen hatte er von seinem Namensvetter und weil er die Gabe besaß, durch Berühren Sinneseindrücke von Menschen und Gegenständen zu erfühlen.
Schon viele Male hatte er als Medium der Polizei helfen können. Und schon oft hatte Borstel ihn hereingelegt und ihn mit wirren Gedanken zum Narren gehalten.
„Haben Sie schon etwas über diesen Ort herausgefunden, was unseren Experten bisher verborgen blieb?“ Otto glaubte nicht an das Übernatürliche. Er hielt Zinklär für einen Psycho-Spinner, der geschickt andere von seiner Meinung zu überzeugen wusste. Aber ein Spinner mit hoher Erfolgsrate. Immerhin hatte er einmal Ottos Autoschlüssel wiedergefunden.
„Laut Zeitungsartikeln hat es hier vor fünfzig, hundert und hundertfünfzig Jahren schon mal ähnliche Fälle gegeben. Immer Jungen, zwölf, höhere Einkommensschicht. Außerdem habe ich eine interessante Geschichte in den alten Kirchenarchiven gefunden.“ Zinklär wühlte in seiner Mappe herum und drückte Otto und Rubens Kopien in die Hand.
„Es handelt sich hierbei um ein Geständnis auf dem Totenbett von Eduard Pattenson, der vor ungefähr zweihundertfünfzig Jahren hier gelebt hat.
Als er zwölf war, spielte er mit einem gleichaltrigen Jungen, dem Sohn eines Bediensteten, an diesem See. Es war Winter und das Wasser erst vor kurzem zugefroren. Die beiden liefen über das viel zu dünne Eis, bis schließlich der Junge einbrach. Pattenson versuchte ihm zu helfen, aber er hatte zu viel Angst. Der Junge im Wasser schlug panisch um sich und riss dabei den Anhänger von Pattensons Familienkette ab. Pattenson rannte zum Herrenhaus zurück, ohne Hilfe zu holen. Er erzählte seinen Eltern, dass der Junge ihm den Anhänger gestohlen hatte und dann geflohen sei. Die Leiche tauchte nie wieder auf.
Möglicherweise holt sich ja der tote Geist alle paar Jahre ein Opfer aus Rache. Ein Fluch halt.“
„Zinklär, Sie glauben diesen Quatsch doch nicht etwa?“ Otto zog eine ungläubige Mine. „Sollen wir jetzt nach dem toten Jungen buddeln, um den Fluch aufzuheben?“
„Der ist längst vermodert. Aber wir können den Anhänger suchen. Haben Sie ein Bild davon?“ Rubens sah die Unterlagen von Zinklär mit ein.
Unterdessen packten die Beamten ihre Messinstrumente zusammen.
Otto sah sich um: Wo sollten sie diesen Anhänger finden? Der ganze See war längst verlandet.
Rubens sprach ihn an: „Ein Bild haben wir nicht, aber Zinklär geht zu dem Jungen und versucht mehr herauszufinden.“
Otto folgte Rubens zum Leichenwagen.
Zinklär legte seine Hände auf den toten Körper des Jungen. Zinklär zuckte zusammen und stöhnte. Seine Augen waren geschlossen. Er wiegte seinen Oberkörper hin und her.
Otto stöhnte ebenfalls: „Die Show wird jedes Mal schlechter. Mir reicht es. Ich gehe!“
Rubens hielt den Zeigefinger vor den Mund: „Pssst, er konzentriert sich.“
Otto schüttelte den Kopf. „So ein Schwachsinn.“
Plötzlich hatte Kommissar Otto das Gefühl, er würde angestarrt. Er bekam Gänsehaut und Schauer liefen ihm über den Rücken.
Alle starrten auf Zinklär.
„Überraschung!“, stimmte ein Chor der Versammelten an.
Otto zuckte zusammen. Alle seine Teammitglieder standen hinter ihm und hielten Sektgläser in der Hand. Als er sich wieder umdrehte, grinsten ihn Rubens, Zinklär, der Junge und der Jogger an.
„Alles Gute zum dreißigsten Jubiläum als Kommissar!“, sagte Borstel, die sich ebenfalls angeschlichen hatte.
Otto fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht und die Haare. „Leute, das wäre doch nicht nötig gewesen.“
„Wissen wir. Aber anders hätten wir nicht alle zusammenbekommen. Und wenn Sie gewusst hätten, was wir vorhaben, wären Sie nicht gekommen. Das sind übrigens mein Neffe und mein Schwager!“
„Hallo Kommissar!“ Rubens drückte dem Jungen einen Zwanziger in die Hand.
Borstel hatte Fotos von Otto gemacht. „Die sind das Geld auf jeden Fall wert!“
„Her mit der Kamera!“ Otto griff nach dem Apparat.
„Fangen Sie mich doch!“ Borstel lief davon.
„Und wer bezahlt den ganzen Aufwand?“, wollte Otto wissen.
„Das Verbuchen wir als Übungseinsatz.“ Rubens hatte weitere Gläser organisiert.
„Ist das nicht ein bisschen übertrieben. Und wer hat sich den ganzen Quatsch hier ausgedacht?“
Zinklär hob die Hand: „Das basiert alles auf einer wahren Begebenheit.“
Otto überging die Bemerkung: „So, jetzt fahren wir ins Hauptquartier zurück und dann wird richtig gefeiert! Nicht, dass uns die Polizei anhält, wenn wir zuviel getrunken haben!“
Alle lachten.

Letzte Aktualisierung: 19.02.2011 - 15.19 Uhr
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