Burgturm im Nebel
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"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Jubilum | Februar 2011
Familienfreund
von Farida Halib

So gut wie namenlos und doch stets geliebt, hast du uns begleitet in guten wie in schlechten Zeiten, durch dick und dünn.

Du tratest in sein Leben - fünfundzwanzig Frühlinge ist es nun her – von Herzen willkommen und mit Mühe erobert. Ab jenem Moment wurdest du als teurer Freund gehütet, ja, während der ersten Zeit geradezu verhätschelt. Obwohl ausgesprochen unauffällig, verharrtest du stets neidlos an seiner Seite. Du hattest Einblick in seine Abenteuer, als er nicht nur über dichtes Haupthaar verfügte, sondern dieses sogar als schwarz bezeichnen durfte. Du dagegen vermitteltest den Eindruck, seit jeher grau gewesen zu sein. Du nahmst teil an seiner kummervollen Beziehung, an Bespitzelungs-Manövern zu Lasten seiner untreuen Ehefrau. Dann, als es quer durch Europa ging, von Griechenland bis England, warst du zur Stelle. Du hast ihm stets Freude bereitet, warst ihm immer ein treuer Begleiter.

Ich lernte dich erst auf halbem Wege kennen. Du wiesest mich hin auf seine Solidität, auf seine Einfachheit und Zuverlässigkeit. Ich lernte schnell, dich ebenfalls zu lieben und zu schätzen. Du wurdest unser Komplize, du decktest unsere ersten romantischen Treffen, du wurdest Heimat und Geborgenheit für uns beide und schenktest uns deine Wärme.

Ich hatte ein schlechtes Gewissen, als nicht du es sein durftest, der uns an unserem Hochzeitstage begleitete, weil man dich für „nicht standesgemäß“ hielt. Aber du nahmst es uns nicht übel und warst sogleich verfügbar, als wir im Anschluss deine fortwährende Hilfe bei der Haussuche benötigten.

Auch als ich schließlich schwanger wurde, erfreuten wir uns deiner ständigen Dienste. Du warst es, der mich zur überstürzten Entbindung brachte und der uns letztendlich mit den winzigen Zwillingen nach Hause begleitete, als wir zittrig, unerfahren und besorgt aus dem Krankenhaus entlassen wurden.

Dann kamen einige schlimme Monate, in denen wir beide uns nur selten begegneten. Ich kam nicht mehr aus dem Hause, war von den Stillterminen rund um die Uhr gemartert und durch meine tödliche Müdigkeit unansprechbar. Meinem Mann hingegen warst du auch in jener Zeit ein zuverlässiger Beistand, wenn er die Einkäufe ohne meine Hilfe erledigen musste und sich mit den irrsinnigen Spar-Windel-Großpackungen vom Supermarkt nach Hause begab.

Dann, als die Babys schließlich etwas größer waren, verhalfst du uns zu etwas Freiheit und einigen schönen Stunden im Grünen. Ich durfte immer auf dein Platzangebot zurückgreifen, um meine Tandem-Stilltermine einzuhalten. Du botest mir die Intimität, um das in einer adäquaten Umgebung zu erledigen. Klaglos und stundenlang ertrugst du unsere beiden Schreihälse. Hatte ich mit deiner Unterstützung schließlich noch einen Windelwechsel vorgenommen, konnten wir die Zeitspanne verlängern, während der wir unseren vier städtischen Wänden entrannen.

Dann kamen die ersten Urlaube mit den Kindern, auf die du uns beständig begleitetest. Du wurdest während der Fahrten besabbert, bekrümelt, verschmiert und trugest heroisch das Gewicht einer Freundschaft mit Zwillingen, die während der Fahrten nur pausenlos unterhalten oder essend Ruhe gaben und ansonsten lautstark und unerschöpflich protestierten.

Seit einigen Jahren nun riskieren wir leider, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, nur weil wir nicht von dir lassen können, dir ewige Treue geschworen haben. „Denn“, so heißt es, „solche wie dich dürfte es in unserer Welt gar nicht mehr geben!“

Aus inniger Liebe zu dir hat mein Mann, der dich stets als Vegetarier respektierte und deine Vorlieben und Bedürfnisse exakt kennt, einen lebensverlängernden Fitness- und Ernährungsplan eigens für dich ausgeklügelt. Dafür riskiert er eine sechsmonatige Haftstrafe und siebentausendfünfhundert Euro Buße, im Falle, dass es herauskommt, dass wir dich mit Raps und Mais versorgen.

Im vergangenen Mai haben wir dir zu Ehren ein Fest gegeben, aus Dankbarkeit für fünfundzwanzig Jahre außerordentlicher Freundschaft. Auf unserem Lebensweg haben wir vierhundertsiebzigtausend Kilometer gemeinsam zurückgelegt. Nun hoffen wir, dass wir uns noch ebenso vieler Jahre Deiner Freundschaft erfreuen werden. Vielleicht lernen die Zwillinge mit dir, geliebter VW Golf, noch das Autofahren?!

Letzte Aktualisierung: 15.02.2011 - 11.13 Uhr
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