Sexlibris
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Jubiläum | Februar 2011
Die Silberhochzeits-Torte
von Thea Derado

Aufgeregt zupft Tina ihrem Uwe an der ohnehin untadeligen Krawatte und striegelt ihm mit etwas Spucke die Haare glatt. Zu ihrer Silbernen Hochzeit solle niemand sagen, dass sie keine fĂŒrsorgliche Ehefrau sei! Als Landwirte haben sie wegen des Viehs nie Zeit zum Feiern. Aber an diesen Tag sollen sich ihre Angehörigen und Freunde noch lange erinnern. Um die vielen GĂ€ste zu bewirten, haben sie ins Wirtshaus ‚Zur Linde‘ eingeladen. Ein großartiges Ehe-JubilĂ€um!
Feierlich empfĂ€ngt der Wirt das Jubelpaar und fĂŒhrt sie zum festlich geschmĂŒckten Ehrenplatz. Ach, ja schau, Herr Pfarrer hockt schon da, gleich neben Uwes Stuhl.
„So kann er alle, die uns gratulieren, mit seinen frommen SprĂŒchen martern“, flĂŒstert Uwe seiner EhehĂ€lfte ins Ohr.
Ein Ellenbogen in seiner Flanke ist die ermahnende Antwort.
HochwĂŒrden gratuliert den Eheleuten mit viel Hosianna: „Ihre drei Buben sind so wohl geraten, wahrlich vorbildlich. Gewiss ein treffliches Spiegelbild eines harmonischen Elternhauses. Doch, doch! Nie hat ein Hader sie entzweit. Stets sind zum Helfen sie bereit. Möge Gottes Segen 
“
Verlegenheit, aber noch mehr Stolz lassen die Mutterbrust erbeben. Da will sie doch gleich zeigen, wie brav ihre Söhne sind. Auf ihren Wink lösen sie sich vom Fensterbrett, von wo aus sie tuschelnd jeden Gast begutachten und dabei krÀftig lÀstern.
„Ihr könntet doch den GĂ€sten helfen, die Geschenke hereinzutragen. Breitet sie hinter uns auf dem Tisch an der Wand aus. Und die Torten, die stellt ihr am besten in ein kĂŒhles Nebenzimmer. Die gibt es dann als Nachtisch. So wie immer.“
Es ist Familientradition, dass SchwĂ€gerinnen, Tanten und auch Freundinnen zu solch herausragenden Festen eine selbst gebackene Torte mitbringen. Die Frauen wetteifern jedes Mal, wem wohl das Werk am besten gelingt. Die Siegerin wird dann ausgiebig gefeiert und „dreimal Hoch“ leben gelassen.
Der Lindenwirt verweist die drei Burschen auf einen kleinen Raum, etwas abseits und auf der Nordseite gelegen. Da kann die Sommerhitze den gebackenen Köstlichkeiten nichts anhaben.
Die Jungs sind sehr beschĂ€ftigt mit den vielen Geschenken und Torten. Keiner der GĂ€ste will sich lumpen lassen. Jeder fĂŒrchtet ĂŒble Nachrede. Nein, nein, Knausrigkeit bei solch einem JubilĂ€um wird rasch zum OrtsgesprĂ€ch - fĂŒr Wochen.
Tante Dorle hat sich extra von einem Nachbarn mit dem Auto zum Gasthof fahren lassen, damit der Torte ja nichts passiert. Keiner weiß so recht, um welche Ecken herum sie mit ihnen verwandt ist. Eine schon sehr geschrumpelte, putzige Alte, die eisgrauen Haare im Nacken zur Glaubenszwiebel geknotet, geht dem Ă€ltesten der BrĂŒder kaum bis zur Achselhöhle. FrĂŒher, als Buben, haben sie mit Dorle hĂ€ufig Schabernack getrieben, ihr auch einmal im Winter die TĂŒr mit einer Schneemauer verbarrikadiert.
Doch heute sind sie als Kavaliere gegen jedermann und jederfrau verpflichtet. Tante Dorle balanciert ihre abgedeckte Platte ins Gasthaus.
„Ach, das ist aber lieb, dass ihr sie mir abnehmt. Dass nur ja nichts passiert. Die Torte hat so viel MĂŒhe gemacht. Aber fĂŒr eure lieben Eltern ist mir nichts zu schade. Da opfert man sich ja gerne mal auf. Ich glaube, sie ist mir diesmal besonders gut gelungen“, erklĂ€rt sie mit hoher piepsiger Stimme. „Stellt sie kĂŒhl, damit die Sahne keinen Stich kriegt.“
Dorle rechnet fest damit, dass sie diesmal alle Rivalinnen aussticht und ihr der erste Preis sicher ist. An Uwes Lob liegt ihr recht viel, den hat sie ja schon als kleinen Jungen herumgetragen und gekost.

Im Festsaal geht es bereits hoch her. Jeder Gast wird mit einem BegrĂŒĂŸungstrunk empfangen, oder mit zwei, oder gar mit drei. Heute zĂ€hlt doch keiner nach! Uwes Sportsfreunde lesen aus der Festzeitung vor. Allerlei AnzĂŒgliches aus seinen Jugendtagen steht da verewigt.
„Gut, dass deine Jungs draußen sind, die könnten sonst noch was lernen. Bloß nichts Gescheites.“

Die drei BrĂŒder haben unterdessen die letzten Torten von ihrer Verpackung befreit und begutachtet.
„Oh, geil! Das ist ne Torte! Die da von Tante Dorle.“
Ein mehrstöckiges Kunstwerk strahlt sie an: Sahne und Creme quellen zwischen den Lagen. Erlesene kandierte, bunte FrĂŒchte, umrankt von BlĂ€ttern aus Schokolade, zieren die Deckschicht. Unwiderstehlich.
Die Drei stehen und staunen, und das Wasser lĂ€uft ihnen im Mund zusammen. Die Idee ist rasch geboren: „Los, wir schneiden einmal lĂ€ngs und einmal quer durch die Mitte. Nur ganz schmale Scheiben, um zu kosten. Dann schieben wir das Ganze wieder zusammen. Das merkt doch keiner.“
Wie das schmilzt auf jeder Zunge! Schwupps, der Appetit kriegt Junge.
„Noch zwei Scheiben aus der Mitte? Da bleibt doch noch genug ĂŒbrig. Was meint ihr?“
Einstimmig ist die Zustimmung. Der Genuss ist gar noch grĂ¶ĂŸer, jetzt, wo sie wissen, was ihr Gaumen erwartet. Ja, aber nicht der Genuss fĂŒrs Auge! Die Torte, oder was davon ĂŒbrig ist, sieht schon recht seltsam aus. Nach dem abermaligen Zusammenschieben ist nichts mehr dort, wo Dorle es platziert hatte. Sahne matscht ĂŒberall heraus, von den SchokoladenblĂ€ttern ist ohnehin fast nichts mehr ĂŒbrig.
Max, den JĂŒngsten von den Dreien, plagen Bedenken. „Die Mutter merkt’s doch, die wird schimpfen!“
Wie sie die Torte nun auch streichen und drĂŒcken, das ist beileibe kein schöner Anblick auf einer Festtafel. Paul, der Mittlere, findet die Lösung: „Da bleibt uns gar nichts Anderes ĂŒbrig, wir mĂŒssen den Rest auch verdrĂŒcken. Das fĂ€llt dann viel weniger auf bei diesen vielen Kuchen. Also, ran wie Mopps an die Möhren!“

Der große Gong ruft zum Mittagsmahle. Ganz weit weg von den Eltern setzen sie sich. Denen wĂŒrde sofort auffallen, wie vornehm sich die drei krĂ€ftigen Esser plötzlich zurĂŒckhalten. Sie sind so knallsatt, dass sie keinen Bissen mehr hinunterbekommen. Da locken Suppe, Fische, dampfende Knödel und Braten vergebens.
„Was ist los? Seid ihr denn krank?“, fragen besorgte Tischnachbarn. „So ein schönes Essen! Ihr werdet’s noch bereuen!“
Bald danach schenkt die Wirtin den Kaffee ein. Die Torten werden hereingebracht.
Die drei BrĂŒder wĂŒrden am liebsten die Kurve kratzen. In die hinterste Ecke verdrĂŒcken sie sich. Da hören sie schon Dorles schrille Aufforderung: „Nun bringt doch endlich auch mal meine! Da werdet ihr staunen! Die Torte ist besonders fein.“
Jetzt geht das Suchen los. Die Tortenhelden mĂŒssen alle drei ganz dringend aufs Örtchen, damit keiner sie fragen kann.
Wo ist denn Dorles Torte bloß? Da hilft kein Navi, die Torte ist und bleibt verschwunden.
„Dorchen, du hattest zu viel Wein! Alles nur Einbildung? Musst dich dafĂŒr nicht schĂ€men. Das kann in deinem Alter schon mal passieren. Gib zu, du hast gar keine Torte mitgebracht“, wird sie nun auch noch gehĂ€nselt.
Die alte Frau ist den TrĂ€nen nahe. Sie beschreibt, wie viel MĂŒhe sie sich gegeben hat. Das steigert nur die allgemeine Heiterkeit. Keiner glaubt ihr.
Dem Maxel tut die Dorle leid. Von hinten schleicht er sich an Uwes Stuhl und flĂŒstert ihm ins Ohr: „Du, Papa, die Torte, die war wirklich da. Schade, dass du das PrachtstĂŒck nicht mehr sehen kannst! Aber wir konnten einfach nicht widerstehen.“ Und Max beichtet seinem Vater ganz leise, wie das anfing mit so einem klitzekleinen Schlitz aus der Mitte.
Uwe schlÀgt auf die Tischplatte, dass es nur so knallt und bricht in schallendes Lachen aus. Als sich alle erschrocken nach ihm umdrehen, erhebt er seine Stimme, um von allen gehört zu werden.
„Unser Herr Pfarrer preist von allen Göttern nur den, den noch nie ein Auge gesehen hat. So sei es heut auch bei der Torte. Was soll ich viel um den heißen Brei reden, es bedarf nicht vieler Worte: Meine Jungs haben das Urteil vorweggenommen, Dorles Torte war die beste. Ein dreifach Hoch! Dorle, du bekommst den ersten Preis! – Ich bin sicher, die ‚verschwundene Torte‘ wird so schnell keiner vergessen.“

Letzte Aktualisierung: 08.02.2011 - 20.38 Uhr
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