Bitte lächeln!
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Jubilum | Februar 2011
Blick in die Zukunft
von Silke Sarkander

Es war noch sehr früh am Morgen und noch dunkel draußen. Mein Bett war warm und neben mir konnte ich Peters gleichmäßigen Atem hören. Welchen Tag hatten wir heute? Es war Samstag. Ich fühlte mich wunderbar schläfrig und liebte es langsam wach zu werden, ohne Wecker, sich einfach noch mal umdrehen, an etwas Schönes zu denken und weiterschlafen zu können. Für mich - reiner Luxus. Also drehte ich mich noch einmal um und begann mir den vor mir liegenden Tag auszumalen.
Mein 40. Geburtstag, mein Gott, was war in diesen 40 Jahren schon alles passiert. Wie alt ich schon war. Es gab einige Fältchen um die Augen und der Po war lange nicht mehr so straff, wie ich es gern hätte. Ich sah eben nicht mehr aus wie eine 20-Jährige. Zugegeben, ich war doppelt so alt und so tröstete ich mich damit, dass es viele gab, die bedeutend schlechter aussahen und grinste in mich hinein. Für 40 ganz okay. In meinem Leben hatten viele verschiedene Menschen eine Rolle gespielt. Heute Abend würde ich einige, sogar sehr viele von ihnen, wieder sehen. Wir hatten beschlossen meinen Geburtstag groß zu feiern. Es sollte der Anfang einer schönen Tradition werden. Wir wollten zu jedem unserer runden Geburtstage alle uns wichtigen Menschen aus unserem Leben einladen und heute Abend…, da würden viele wundervolle Erinnerungen wach werden….
Als ich das nächste Mal erwachte, war es schon hell im Zimmer. Mein Bett fühlte sich noch genauso wohlig an und ich blinzelte in die Sonne, die durch das geöffnete Fenster hereinfiel. Die Helligkeit stach mir in die Augen. Etwas hilflos versuchte ich mich zu orientieren. Das war irgendwie….komisch. Das war definitiv nicht mein Bett. Verunsichert malträtierte ich meine Gehirnwindungen und versuchte logisch an die Sache ranzugehen. Was hatte ich gestern getan und wie zum Teufel war ich nur hier hingekommen. Wo war Peter? Schon aufgestanden? - Wohl kaum -dachte ich mit einem Anflug von Ironie, als ich frustriert feststellte, dass ich in einem Einzelbett lag. Nichts glich unserem Schlafzimmer zu Hause. Aber dafür musste es eine Erklärung geben, dessen war ich mir sicher, nur welche? Etwas verunsichert wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hatte.
Eine Panikattacke, meine Panikattacke, bahnte sich an und ich versuchte verzweifelt ruhig zu bleiben. Gestern Abend hatte ich die Mädchen vom Sport abgeholt und dann aßen wir gemeinsam zu Abend. Danach lief im Fernsehen ein ziemlich langweiliger Krimi und um 23:00 Uhr bin ich dann völlig erledigt von der Woche ins Bett gegangen. Aber das war doch keine Erklärung. Ich wusste immer noch nicht, wie ich hier hingekommen war und so verzweifelt ich mich auch bemühte, ich fand keine Antwort.
Gut, oder auch eher nicht. Ironie breitet sich in mir aus. Welche Möglichkeiten gab es? Amnesie? Vielleicht, aber ich konnte mich doch noch genau an den gestrigen Abend erinnern - also eher nicht. Entführung? – Also wenn ich ehrlich war, dann sah meine Umgebung nicht gerade bedrohlich aus. Die Sonne schien durch das Fenster auf der rechten Seite. Es gab einen kleinen Tisch mit zwei Sesseln und ein Fernseher hing an der Wand. Vielleicht ein Hotelzimmer. Mir wurde schlagartig bewusst, dass es bei einer Entführung auch einen Entführer oder eine Entführerin geben müsste. Mein Herzschlag beschleunigte sich, als ich mich im Bett aufsetzte und meinen Blick in jede Ecke schweifen ließ. Es war niemand da. Ich befand mich alleine im Zimmer. Also auch wohl eher keine Entführung. Somit schied diese Möglichkeit wohl auch aus. Ich warte einen Moment, bis ich wieder ruhiger wurde. Meine Finger entkrampften sich nur langsam. Sie waren ganz steif. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich sie derart angespannt hatte. Ganz offensichtlich drohte mir hier keine Gefahr, zumindest für den Moment.
Das Zimmer war nett eingerichtet, groß und hell. Es gefiel mir. Die Möbel hatten einen Stil, den ich nicht kannte. Irgendwie ungewöhnlich, denn ich konnte ihn auch nicht mit einer anderen Kultur in Verbindung bringen, dennoch waren die Farben geschmackvoll arrangiert und es gefiel mir sehr, wenn auch vielleicht ein wenig futuristisch.
Auf der gegenüberliegenden Seite hatte ich eine Kommode entdeckt, auf der einige Bilder standen, die meine Neugier geweckt hatten. Meine Glieder fühlten sich vom Schlaf noch ganz steif an und ich krabbelte etwas unbeholfen aus dem Bett. Ich konnte die Motive auf den Bildern nicht erkennen. Beim Näherkommen stellte ich fest, dass es sich ausnahmslos um Personen handelte. Ich nahm das Foto ganz vorne in die Hand und sah eins meiner Hochzeitsfotos. Dieses Foto von Peter und mir hing gestern noch an einer Wand in unserem Esszimmer, zusammen mit zwei Kinderfotos von Lisa und Marie, die ein Fotograf im Kindergarten aufgenommen hatte. Beide Fotos befanden sich jetzt in einem Standrahmen fast genau daneben. Allerdings waren unsere Fotos zu Hause von einer weit besseren Qualität, längst nicht so unscharf, wie diese hier. Auf einem weiteren Bild sah ich eine junge Frau mit einem kleinen Jungen abgebildet. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, dann hätte ich sie für Marie gehalten, aber Marie war erst sechzehn und diese Frau eindeutig älter. Der Junge daneben war bestimmt ihr Sohn. Er sah ihr ähnlich. Er hatte das markante Kinn von Peter. Ich fragte mich, ob es in unserer Familie irgendwelche Cousinen in diesem Alter gab, die Kinder hatten, aber mir fiel niemand ein.
Das Stehen wurde langsam anstrengend. Ich setzte mich auf einen Stuhl, der neben der Kommode stand und sinnierte so vor mich hin. Da dämmerte es mir so langsam und schließlich traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag. Wie konnte ich nur so blöd gewesen sein und so langsam kapieren. Es war ja nicht das erste Mal, dass mir so was passierte. Ich träumte. Ja ganz bestimmt träumte ich. Zugeben, eine etwas seltsame Art, aber nicht ungewöhnlich für mich. Meine Träume zeigten mir manchmal einen vagen Teil meiner Zukunft. Sie waren nicht zuverlässig, aber immerhin: als ich noch nichts von meiner Schwangerschaft mit Marie wusste, sah ich mich mit einem kleinen Mädchen auf einem Spielplatz in einer fremden Stadt. Marie wurde geboren und heute wohnen wir zwei Straßen von diesem Spielplatz entfernt, auch wenn Marie nie auf diesem Spielplatz gespielt hat, sie war schon zu alt, als wir herzogen. - Jetzt wurde ich erst recht neugierig.
Gespannt widmete ich mich wieder den Fotos, wenn sie nur nicht so verschwommen wären. Das Mädchen auf dem Foto war anscheinend wirklich Marie und ich war mir sicher, dass es sich bei dem Jungen daneben um ihren Sohn handelte, einen wirklich süßen kleinen Kerl. Ich war sprachlos… Ich würde Oma werden. Als ich ein weiteres Foto zur Hand nahm, um es eingehend zu betrachten, öffnete sich sachte die Tür und herein schob sich eine eigentlich ganz sympathisch aussehende ältere Dame.
Ich schaute sie forschend an: „ Wer sind Sie?“
Sie seufzte leise: „ Mama, ich bin’s Lisa, deine Tochter.“
Ich schaute genauer hin. Sie hatte Recht, das waren Lisas Augen und ihr Mund.
„Mama, was machst du denn hier?“, murmelte sie, noch etwas verschlafen.
„Ich schaue mir die Fotos an“, entgegnete ich. „Wer ist der Junge neben Marie, das ist doch Marie, oder?“
„Ja sicher und das war Robert zu seiner Einschulung. Jetzt ist Robert schon fast erwachsen, mit seinem Studium fertig und hat letztes Jahr geheiratet. Erinnerst du dich?“
Natürlich erinnerte ich mich nicht. Es war ja auch nur ein Traum, aber ein schöner Traum.
„Wo ist Papa?“, fragte ich unvermittelt, als mir das Einzelbett wieder in den Sinn kam.
„Mama, Papa ist doch schon seit fast 10 Jahren tot und ihr beide hattet ein wirklich schönes gemeinsames Leben“, antwortete mir meine Tochter auf eine Art, als wenn sie mir das schon eintausend Mal erzählt hätte. - Mein Peter war tot. - Das war ein Schock. Ich wurde von meinen Gefühlen übermannt, verlor die Kontrolle und fing an zu weinen. Jetzt fand ich den Traum auf einmal gar nicht mehr so schön.
Traurig forderte ich: „Erzähl mir etwas über die anderen Fotos“, immer noch schniefend und in der Hoffnung, noch mehr schöne Dinge über die Personen auf den Bildern erfahren zu können.
„Das mach ich nach dem Frühstück, ganz bestimmt und heute Nachmittag werden sie alle hier sein“, versprach mir Lisa.
„Alle, das ist gut“, entgegnete ich zerstreut. Wer auch immer „alle“ waren, es war mir plötzlich gleichgültig.
Lisa strich mir zärtlich über die Wange. „Sie werden alle kommen – die gesamte Familie und alle deine Freunde – So hast du doch immer deine runden Geburtstage gefeiert. Erinnerst du dich noch an deinen 40. Geburtstag? Es waren über 70 Personen…“
„Nein“, schnauzte ich. Wie sollte ich auch, ich hatte ihn ja schließlich noch gar nicht erlebt.
Begütigend legte mir Lisa ihre Hand auf den Arm. „ Davon erzähle ich dir auch nachher und dann werden wir deinen 90. Geburtstag gebührend feiern.“
„Ich werde 90“, erwiderte ich fassungslos und völlig perplex .
Sie stützte mich beim Aufstehen. „Mama, es ist noch früh, gerade mal 7:00 Uhr. Du kannst noch etwas schlafen, dich noch einmal umdrehen und an etwas Schönes denken.“ - das hatte ich doch schon mal irgendwo gehört - und fuhr fort: „Komm, ich helfe dir ins Bett zurück.“
Ungeduldig schüttelte ich ihren Arm ab. „Das kann ich alleine“, grantelte ich und schlurfte zurück in Richtung Bett. Das Bett war noch ein wenig warm. Das tat meinen müden Knochen gut. Während ich wieder einschlief, hörte ich Lisa noch mit jemanden sprechen „… Manchmal kann sie sich noch nicht mal an mich erinnern…“
Aber es war nicht mehr wichtig. Ich würde zurückkehren zu meinem 40. Geburtstag… JETZT…

Letzte Aktualisierung: 21.02.2011 - 14.12 Uhr
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