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Süchtig nach ... | März 2011
Wohlgefühl
von Anne Zeisig

Helga schloss ihre Augen und sog tief den zarten Hauch von Moschus und Amber ein.
Die geschlossenen Augenlider flatterten unruhig.
Ein Wohlgefühl strömte durch ihren Körper.
Sie fuhr sanft mit zittrigen Fingerspitzen über die Flächen und Konturen.
Über ihrer Oberlippe bildeten sich Schweißperlen.

Ein lautes, aber freundliches. „Kann ich Ihnen helfen?” riss sie aus dieser Verzückung.
Das grelle Licht der Strahler schmerzte in Helgas Augen. Sie lehnte sich zurück und atmete tief durch. Die Verkäuferin nahm die Schuhe an sich.
„Ein extravagantes Modell. Crashlack mit Wildleder kombiniert.”
Und ehe Helga sich versah, schmückten diese Schuhe ihre Füße.
„Schwarz ist in diesem Sommer stark angesagt. Genau das Richtige für eine selbstbewusste, emanzipierte Frau.”
„Oh ja”, hauchte Helga und wischte sich ihre feuchten Hände rasch am Mantel trocken. Sie stand auf und betrachtete die Pumps von allen Seiten im Standspiegel.
Herzrasen.
‘Kaufen! Kaufen!’, befahl eine innere Stimme.

„Achten Sie auf die Nahtführung. Dadurch wirkt Ihr Fuß zierlich.” Die Verkäuferin stöhnte. „Wir haben leider alle keine Modelmaße.”
„Was kosten die?” Helgas Stimme klang brüchig. Sie schritt auf und ab. Bemühte sich um einen eleganten Gang.
„Bemerken Sie den Schockabsorber? Der ist unsichtbar im Absatz untergebracht.” Sie kicherte. „Das ist vergleichbar mit Stoßdämpfern bei einem Auto. Jeder Schritt wird abgefedert. Das schont die Gelenke bis hinauf zur Halswirbelsäule.”
Helga setzte sich, zog die Schuhe aus und drehte einen in ihren Händen hin und her.
‘Kauf sie endlich!’

„Mit Gelenkpelotte.” Die Verkaufsdame erhöhte nun ihre Stimmlage. „Und weil der Absatz im Mittelpunkt zur Ferse gearbeitet ist, haben Sie stets einen sicheren Stand.”
„Die sind, sind, so, so schön”, flüsterte Helga stockend, „wie ein Kunstwerk.” Sie roch wieder an den Schuhen, schloss abermals die Augen und inhalierte den Geruch gegerbten Leders.
„Italienisches Kalbsleder auf deutschen Leisten gearbeitet.”
„Ich könnte mir mit diesen Pumps einen Theaterbesuch vorstellen”, hörte Helga ihre Stimme wie aus weiter Ferne. Sie öffnete die Augen.
Die Verkäuferin lächelte. „Oder ein Dinner mit dem Liebsten?”
Helga sah sich in einem schwarzen Chiffonkleid ein Restaurant betreten. Der Kellner würde sich leicht vor ihr verbeugen und ein dezentes Kompliment flüstern. Ihr Mann Michael säße bereits am Tisch und würde ihr den Stuhl zurechtrücken. "Wow! Du bist die eleganteste Dame im Lokal.”
Und der Champagner prickelte in der Kehle.

„Ich nehme die Schuhe”, sagte Helga hastig.
Das Paar wurde ihr aus den Händen genommen und flink in den Karton gelegt.
„Die Kasse ist drüben. Ich beglückwünsche Sie zu ihrer Entscheidung.”
Helga bezahlte und nahm die Tragetasche in Empfang.
Die Verkäuferin hielt die Tür auf. „Und viel Vergnügen im Theater und beim Dinner.”
Helga ging mit weichen Knien zur Haltestelle. Es kam ihr vor, als trage sie eine Zentnerlast in der Einkaufstasche heim.
. . .

In der Diele stank es nach Nikotin.
„Wo warste so lange?”, hörte sie ihren Mann aus dem Wohnzimmer rufen. „Haste Bier, Schnappes und Tabak mitgebracht?”
Daran hatte sie nicht mehr gedacht. Ihre Kehle wurde trocken.
Eilig quetschte Helga den Schuhkarton in die letzte freie Ecke des Dielenschrankes. Danach hängte sie ihren Mantel und den Schlüssel an den Garderobenhaken.
„Ich habe dich was gefragt!”, rief Michael. Er hustete gequält.
Sie holte die letzte Flasche Bier aus dem Kühlschrank und stellte sie vor ihn auf den Wohnzimmertisch. „Die Letzte. Ich hatte meine Geldbörse vergessen.” Wieder kam es ihr vor, als sei ihre Stimme weit weg.
Er räusperte sich und zog die Träger seines Unterhemdes zurecht. „Ach so! Vergessen! Madame vergisst in letzter Zeit ziemlich viel!”, brüllte er und sein Gesicht lief hochrot an. „Und gekocht hast du auch nicht! Was tust du den ganzen Tag, wenn ich auf der
Arbeit bin?”
„Ich mache dir Salat und Rührei.” Helga wandte sich um und wollte in die Küche gehen.
Er schnellte hoch, schnappte seine Frau an ihrer Bluse und riss sie auf das Sofa. „Ich mag aber kein Kaninchenfutter und labberiges Ei”, zischte er.
Sie wandte sich angeekelt ab, weil sein Atem nach Schnaps stank.
„Dann taue ich ein Steak in der Mikrowelle auf.” Helga wollte sich aufrichten.
Michael drückte sie nieder.
„Ich esse aber nichts Aufgetautes!” An seinem Hals trat dick eine Ader hervor.
Der Alkoholgeruch erzeugte bei Helga ein Würgen.
Er holte aus und gab ihr eine Ohrfeige. „Warst bestimmt wieder in Schuhläden, anstatt dich um den Haushalt zu kümmern!”
Helga wimmerte und schüttelte den Kopf.
Michael zündete sich eine Zigarette an. Helga nutzte diesen Moment und stand auf. „Es ist noch ein frisches Schnitzel im Kühlschrank. Das brate ich dir”, sagte sie leise und hielt ihre kühle Handinnenfläche auf die heiße Wange.
Michael rülpste, nahm einen Schluck aus der Bierflasche und stellte den Fernseher an. Helga blieb in der Wohnraumtür stehen und rieb sich die Wange. „Wenn du nicht immer betrunken von der Arbeit kommen würdest, könnten wir mal wieder in ein Restaurant gehen. Wie früher.” Sie schluchzte. „Bitte hör mit der Sauferei auf.”
Er lachte schallend und stellte den Fernseher lauter. „Von dir lasse ich mir mein Feierabendbier nicht verbieten! Kannst ja gehen, wenn ‘s dir nicht passt!”
Helga zuckte mit den Schultern und ging in die Küche. „Ich werde dich auch verlassen!”
Er lachte schrill. „Aber von mir kriegste keinen müden Cent Unterhalt!”


Gerade, als sie mit dem Teller in die Diele kam, polterte Michael ihr entgegen. Fast hätte sie das heiße Essen über seinen Oberkörper geschüttet.
„Pass doch auf, du tollpatschige Kuh!” Er wedelte mit einem Blatt vor ihrem Gesicht herum. „Das ist unser Kontoauszug!”
Sie huschte in den Wohnraum und stellte den Teller ab. „Iss doch erst. Wird sonst kalt.” Helga wischte ihre schweißnassen Hände an den Seiten ihrer Jeans ab.
Sein aufgedunsenes Gesicht lief wieder rot an. „Fünfhundert Miese!”
Helga ging in die Küche. Ihre Kehle war wieder trocken. Sie hielt ein Glas unter den laufenden Wasserhahn und trank. Aber der Knoten in ihrer Kehle wollte sich nicht auflösen. Sie wischte das Tranchiermesser sauber und legte es auf die Abtropffläche der Spüle. Dann nahm sie einen weiteren Schluck.

In der Diele rumorte Michael. Er warf Schuhkartons umher. „Alles voller Schuhe! So viele, dass sich die Einlegeböden biegen! Die Alte stürzt mich in den Ruin!”
Er stürmte in die Küche, riss Helga von der Spüle fort und drückte sie wuchtig gegen den Kühlschrank. Das Wasserglas fiel herab und zersprang klirrend. Helga rang nach Luft. „Schnaps, Bier und Zigaretten kosten auch Geld!”, keuchte sie.
„Aber im Gegensatz zu dir gehe ich dafür malochen!"
Michael bekam einen Hustenanfall und ließ von ihr ab. Er lief wieder in die Diele und warf wütend Schuhkartons auf den Boden. Dann stampfte er auf die Schuhe herum.
Helga folgte ihm. Sie weinte. „Du weißt genau, wie schwer es ist, in meinem Alter eine neue Stelle zu finden. Und ab und zu was Schönes möchte ich mir doch auch gönnen."
Er warf ihr einen Schuh an den Kopf. „In diese Treter passen deine Elefantenfüße sowieso nicht rein!”
Seine Grimasse mit den Bartstoppeln und den verfaulten, gelben Zähnen verschwamm vor ihren Augen.

Er stieß sie zu Boden. „Räum mir diese Dreckstreter aus den Augen!”
Helga raffte die Schuhe unter sich zusammen. Wütend warf er weitere Paare auf sie und grölte. „Beeil dich! Musst noch mein Feierabendbierchen besorgen!”
Sie spürte einen stechenden Schmerz im Rücken, weil ein Absatz hart ihre Rippen getroffen hatte. Für einen Augenblick blieb ihr der Atem weg.
Der Geruch des Leders vermischte sich mit seinem Gestank nach Schweiß. Helgas Hände krallten sich an Sandaletten fest.
Das Trommelfeuer auf ihrem Rücken nahm kein Ende. Ihr wurde übel und sie erbrach sich. Seine Schimpftiraden drangen nur noch bruchstückhaft an ihre Ohren.
„Freie Putzstellen gibt es genug!”... „Faule Schlampe!”
Helga atmete tief durch. „Ich kann deine Erniedrigungen nicht mehr ertragen!”, stieß sie hervor.
„Heb deinen Hintern hoch und hole endlich Schnappes!”
Ihr Oberkörper bäumte sich auf. Sie sprang ihm entgegen und schlug mit dem spitzen Absatz der Sandale auf Michaels Visage ein. Er verschränkte die Arme schützend vor seinem Gesicht und taumelte von der Diele in die Küche. „Du wagst es, aufmüpfig zu werden?” Helga sah, wie sein Blick das Tranchiermesser traf. Dieses Aufblitzen in seinen Augen!
Da ergriff sie das Messer ...
. . .

Michael lag winselnd auf dem Küchenboden und wollte nach ihren Knöcheln greifen. Helga sprang zur Seite. Sie lief in die Diele, zog sich Schuhe und Mantel an. Nahm ihre Handtasche, blieb stehen und blickte in die Küche. „Ich gehe!”, kreischte Helga. Sie schlotterte am gesamten Körper.
Michaels Augen starrten ins Leere. Er röchelte. „Beweg deine Elefantenfüße.” Aus einem seiner Mundwinkel rann Speichel herab. „Bier.”
Blutdurchtränkt das Unterhemd.
Sie schritt langsam an ihn heran und versetzte ihm einen kräftigen Tritt auf seine Visage.
„Hast du meine Elefantenfüße gespürt?”, zischte Helga.
Michaels Kopf fiel leblos zur Seite. Sie stolperte in die Diele und sackte vor dem geöffneten Garderobenschrank zusammen.
Helga schloss die Augen und saugte den Lederduft in sich hinein.
Da ist es wieder.
Das Wohlgefühl.

Letzte Aktualisierung: 15.03.2011 - 19.48 Uhr
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