Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Süchtig nach ... | März 2011
Im Sturm der Nacht
von Ingeborg Restat

Augustus Rionaldi geht durch die dunklen Straßen und stemmt seinen ausgemergelten Körper dem heulend heranbrausenden Sturm entgegen. Mit beiden Händen hält er seinen alten, verbeulten und speckigen Hut auf dem geneigten Kopf fest. Pechschwarz ist die Nacht; kein fahles Mondlicht bleicht die Finsternis, als hätte sich der Mond in der Weite des Alls verirrt und fände den Weg nicht mehr zurück. Hier und da glitzern Sterne auf zwischen den am Himmel dahinjagenden Wolken über der Stadt und dem Fluss.
„Du lausiger Bastard von einem Sturm willst du mir beweisen, wie alt ich bin? Willst du meine müden, klapprigen Glieder umwerfen? Hoho! Ich bin stärker, als du glaubst!“ So lehnt der Alte sich auf gegen die Naturgewalt. „Blas’ nur, blas’, du elender Schurke! Tu' dich nur wichtig hier unten! Bis zu den Sternen reichst du nicht hinauf. Sie kannst du nicht durcheinander schütteln, wenn es dich auch danach gelüstet! Hohoho!“ Sein meckerndes Lachen reißt ein Windstoß mit sich und wirft es gegen die nachtgrauen Häuser.
Die Straße öffnet sich. Eine hölzerne Brücke führt über das schwarze sturmgepeitschte Wasser des Flusses. Ihr Holz ist alt und ächzt bei jeder Bö. Die Schritte des Alten dröhnen, als er sie betritt. „Wühl nur im Wasser, Sturm, wirble es hoch und erhitz dich daran!“, ruft er über den Fluss. „Ich lache deiner Wut, hoho! Den Grund erreichst du nie!“ Ein Windstoß lässt ihn schwanken. „He, willst du mich übers Geländer werfen? Hehe, Augustus Rionaldi kann nicht schwimmen! Reiß mir nur den Atem von den Lippen! Glaubst du, ich weiß nicht, dass auch du Atem schöpfen musst?“
Eine erneute Bö heult mit Macht heran, wirft ihn gegen das Geländer und reißt ihm seinen Hut vom Kopf. Halt suchend krallt er beide Hände in das morsche Holz. Hoch wirbelt der Sturm den Hut in die Luft, ehe er ihn in die tobenden Fluten fallen lässt. „Du hinterhältiger Schuft von einem Sturm! Das war mein einziger Hut! Woher soll der arme Augustus Rionaldi einen neuen bekommen?“, schreit der Alte klagend in die Nacht und beugt sich über das Geländer. Suchend schaut er in das finstere, brodelnde Wasser, während der Sturm wie frohlockend seine dünnen grauen Haarsträhnen durchkämmt.
Plötzlich stutzt er. Hockt dort, ihm zum Greifen nah, auf einem der vorspringenden Balken nicht ein Mensch? „He!“, ruft er. „Schatten, bist du wer?“
„Pack dich, Alter! Geh weiter oder ich springe ins Wasser!“
,,Tatsächlich, eine Stimme! - Soll das eine Drohung sein? Wenn du über das Geländer geklettert bist und nun die Beine ins Nichts hängen lässt, so ist es doch nur ein letztes Zögern, was dich noch davon abhält. Da habe ich Lust, stehen zu bleiben. Man bekommt nicht alle Tage zu sehen, wie sich ein Schatten umbringt."
„Verschwinde, Alter!“
,,Warum so böse? Gönn' mir die kleine Freude.“
„Hau ab, oder ich springe!“
,,Na und? - Deshalb steh' ich hier. Hoho! Wenn du mich verdrießen willst, so warte ich nicht, bis du in der brodelnden Flut abgesoffen bist. Vielleicht fischen sie dich eher heraus, als Gott dir Flügel wachsen lässt. Ich hätte wahrlich Lust dazu. Welche Gelegenheit, dich im Krankenhaus zu besuchen. Nicht um deinetwillen, weiß Gott! Ich mache gerne Besuche im Krankenhaus, weil ich mich dann freue, so gesund und munter zu sein und nicht selbst darin liegen zu müssen.“
„Was soll das Geschwätz?“
,,Geschwätz? – Verlass dich lieber nicht darauf, dass meine Beine nicht mehr so schnell laufen können, um Hilfe herbeizuholen. Und dann? Hast du überlegt, wie es sich weiterlebt, wenn alle Welt in der Zeitung gelesen hat: Der Sowieso hat sich gestern Nacht von der ‚Alten Brücke' gestürzt.“
„Was willst du, Alter?“
„Nur ein wenig plaudern, solange du zauderst, ins Wasser zu springen. Du hast dir einen schlechten Tag dazu ausgesucht. Muss verdammt kalt sein das Wasser. Hättest bis zum Sommer warten sollen, dann fändest du ein wärmeres Leichenbett.“
„Du bist unerträglich!“
„Hoho! Damit meinst du nicht mich, den großen Augustus Rionaldi? Die Opernbühnen der Welt rissen sich um mich. Hast du nie gehört, wie ich das Steuermannslied des fliegenden Holländers sang?“ Weit breitet er seine Arme aus und der Gesang seiner alten Stimme zieht mit dem Sturm über den aufgewühlten Fluss: ,,Steuermann, halt die Wacht …“
„Hör auf! Hör auf!“, heult der Schatten auf. Quälende Erinnerung scheint ihn zu überwältigen - und die Flut zieht und lockt. Seine Hand löst sich vom Geländer.
Der Alte sieht es. ,,Wart! Wart!“, schreit er und streckt angstvoll seinen zitternden Arm vor, als wollte er den Unbekannten festhalten.
Der Schatten schrickt zusammen und verharrt.
„Warte noch ein wenig! Ich habe so lange keinem Menschen mehr von mir erzählen können. So arm ist der große Augustus Rionaldi geworden. Oh, noch einmal auf der Bühne stehen, noch einmal hören, wie die eigene Stimme von den Wänden widerhallt, und spüren, wie sie alle in ihren Bann schlägt. Ich war süchtig nach Beifall. Konnte nicht genug davon bekommen und nahm jedes Angebot an, egal woher es kam.“
„Du langweilst mich, Alter.“
„Ja? Was macht das schon? Bald suchst du eine größere Langeweile auf. Ich glaube nicht, dass die Ewigkeit unterhaltend ist. – Darum gönn mir ein wenig von der letzten Zeit deines Lebens und lass dir erzählen, wie es mir ergangen ist. Es kam der Tag, an dem ich erkennen musste, dass nicht nur ich, sondern auch meine Stimme alt wurde. Das war ein trostloser Tag damals! Man wollte mich nicht mehr - und der Beifall erlosch. Aber noch hatte ich Geld, war angesehen und in den Spielkasinos willkommen. Wenn ich verlor, lachte ich, wenn ich gewann, machte ich großzügige Geschenke. So fand ich wieder einen Beifall eigener Art. Ich war erneut süchtig und konnte es nicht mehr lassen - bis alles verspielt war.“
„Was kümmert mich das? Geh endlich weiter, Alter!“
„Es muss dich nicht kümmern. Doch willst du wirklich nicht hören, wie es mir danach erging?“ Unbeirrt erzählte der Alte weiter: „Als ich alles verloren hatte, musste ich aus meinem großen Haus ausziehen in eine kleine Wohnung. Bald reichte es auch dafür nicht und ich kroch in ein halbes Kellerloch. Der große Rionaldi hatte kaum noch etwas auf dem Leib, der große Rionaldi, der nur volle Schüsseln kannte, hatte kaum noch Brot. Niemand fragte mehr nach ihm. Es gab auch keinen Menschen, der zu ihm gehörte, weder Frau noch Kind. Dafür hatte er nie Zeit gehabt. Diese Seite seines Lebens war leer geblieben.“
„Was klagst du, Alter? So konntest du auch niemanden verlieren.“
„Dummkopf! Wer arm ist, kann nicht arm werden, das ist wahr. Doch wer etwas besaß, und es verlor, sollte nicht nur darum hadern, sondern auch dankbar sein über das, was ihm zuteil wurde.“
„Alter, an dir scheint ein Weiser verloren gegangen!“
„Du spottest nicht mir, du spottest dem Leben, das gibt und nimmt! Vielleicht lernst du es noch - oh, ich vergaß! Wahrlich, du scheidest als Dummkopf von dieser Welt. - Ich wollte mir damals auch das Leben nehmen. Eines Abends nahm ich alle Tabletten ein, die ich hatte und malte mir aus, wie sich die Welt in Reue verzehren würde, weil sie den großen Augustus Rionaldi vergessen hatte. Am Morgen danach erwachte ich und hatte nichts als Kopfschmerzen. Ist das nicht lustig? Hihi!"
„Sehr lustig! Wahrhaftig!“
„Siehst du! Geld, um neue Tabletten zu kaufen, besaß ich nicht, so lebe ich weiter. Ich habe gelernt, mir mal einen Apfel zu beschaffen, wenn mein Gaumen danach verlangt. Die Frauen auf dem Markt können ihre Augen nicht überall haben. - Das darfst du aber niemanden erzählen. Ach nein, Tote sprechen ja nicht mehr.“
„Hör auf mit dem Gerede und verschwinde endlich, Alter!“
„Ja, warte, gleich! Ich hätte noch eine Bitte. Hast du gesehen, wie eben mein Hut ins Wasser fiel? Im Jenseits brauchst du keinen Hut mehr, aber mich könnte es leicht am Kopf frieren. Vielleicht darf ich zu deinen Angehörigen gehen und mir einen von deinen Hüten geben lassen.“
„Es gibt keinen alten Hut, auch sonst niemanden mehr!“, schluchzt der Schatten auf.
„Niemanden?“
„Du bringst mich zur Verzweiflung, Alter. Du solltest nach Hause gehen! Vielleicht vermisst dich bereits jemand.“
„Mich …?“
„Ja, dich!“
„Du bist so sehr mit dir selbst beschäftigt, dass du nicht zugehört hast, als ich dir sagte, dass ich niemanden hätte, nicht Frau noch Kind. – Da, schau mal, die Sternschnuppe! Hast du sie gesehen?“
„Was geht sie mich an?“
„Schade! Du hättest hinsehen sollen. Es war das letzte Mal, dass du im Leben eine Sternschnuppe sehen konntest.“
„Hör endlich auf mit dem Gerede?“, stöhnt ungeduldig der Schatten.
„Gleich, gleich! Nur noch das: Kannst du dir vorstellen, dass ein Menschenleben verglichen mit dem Bestehen des Universums nicht länger währt als das Leben einer Sternschnuppe, die eben geboren wieder verlischt? Lächerlich, nicht wahr, dass man da das ganze Leben und sich selbst so wichtig nimmt.“
Der Schatten schweigt.
Fröstelnd hüllt sich der Alte enger in seinen dünnen Mantel. „Mir ist, als hätte mir der Sturm alles Gefühl aus den Gliedern geblasen. Mich friert. Ich will nun weitergehen. Wie hältst du es nur so lange auf dem Balken aus?“, sagt er, sch1ägt seinen Mantelkragen hoch, wendet sich ab und setzt mühsam seinen Weg fort. Am Ende der Brücke drückt er sich an die Seite und schaut zurück. Angstvoll lauscht er auf das brausende Wasser und wartet auf einen dumpfen, klatschenden Aufschlag. Doch erlöst atmet er auf, als er sieht, wie der graue Schatten über das Geländer steigt und auf das sichere Holz der Brücke springt. Dabei schlägt er polternd hin. Die Brücke stöhnt unter seinem Gewicht, ehe er sich erhebt und zur anderen Seite davongeht. Schatten und Nacht werden eins.
„Sturm, weiß Gott, du bist ein hinterlistiger Schuft!“, lacht Augustus Rionaldi und fährt mit der Hand über sein Haar. „Du wusstest genau, weshalb du mir dort den Hut vom Kopf gerissen hast. Du hast recht, es ist nicht schade um den alten Hut. Ich habe ihn nicht umsonst verloren.“

Letzte Aktualisierung: 15.03.2011 - 10.22 Uhr
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