Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Süchtig nach ... | März 2011
Jani
von Susanne Ruitenberg

Der Fötus ist sechs Monate alt.
Hanna will eine gute Mutter sein. Sie will alles richtig machen.
Ihr Kind soll es weit bringen im Leben.
Sie hat sechs schlaue Bücher gelesen. Für jeden Monat eines.
Im ersten Monat isst sie eiweißreich und in abwechselnden Farben.
Im zweiten Monat isst sie nur Kartoffeln und Quark.
Im dritten Monat isst sie Fisch und Reis.
Im vierten Monat isst sie nur gekochtes Huhn und Hirsebrei.
Im fünften Monat isst sie vegan und bio.
Im sechsten Monat isst sie Rohkost nach festgelegter Reihenfolge und streng nach Uhrzeit.
Jeden Monat sagt ihr ein neuer Ratgeber, was sie essen soll.
Sie will alles richtig machen.
Im siebten Monat kommt sie mit Mangelerscheinungen ins Krankenhaus.
„So nicht“, sagt der Arzt und entlässt sie mit einem festen Speiseplan: normal und von allem. Wie Cousine Bauerntrampel auf dem Land.
Hanna hält sich daran.
Widerwillig.

Ihr Kind soll einmal schlauer sein als andere Kinder.
Ihr Kind soll ein besseres Abi, einen besseren Abschluss, einen besseren Job, einen besseren Ehepartner, ein besseres Leben haben.
Sie legt nach einem ausgeklügelten System Kopfhörer mit Mozart und Lyrik auf ihren Bauch.
Sie beschallt ihn mit englischen Hörbüchern. „Ulysses“ von James Joyce und „The Seven Habits of Highly Effective People”.
Sie besucht Schwangerschaftsgymnastik und Aqua Fitness, homöopathische Partnermassage; übt sich an ayurvedischem Chorgesang für werdende Mütter und macht eine Klangschalentherapie nach Orff.
Im achten Monat brennt ihr Mann mit seiner Sekretärin durch.
Auch gut, denkt Hanna, er hat seinen Zweck erfüllt.
Sie gebiert im Vierfüßerstand.
Es ist ein Junge.
Er soll Jan-Emmanuel heißen.

Jan-Emmanuel ist sechs Monate alt. Er weint.
Das Kind soll die ungeteilte Aufmerksamkeit der Mutter haben. Sagt der aktuelle Ratgeber.
Sie nimmt Jani hoch, wiegt ihn, wickelt ihn, füttert ihn, trägt ihn durch die Nacht.
Und die nächste.
Und die übernächste.
Sie hat im Büro Probleme, wach zu bleiben. Sie lässt sich ein Home-Office einrichten, um die adäquate Versorgung ihres Sohnes und ihren Beruf als Graphikdesignerin besser zu vereinbaren.
Sie gibt Beruhigungs-Globuli in seine Milch.

Jan-Emmanuel ist ein Jahr alt.
Hannas Anwältin hat ganze Arbeit geleistet. Der monatliche Unterhaltsscheck fällt sehr großzügig aus.
Die Besuchsregelung dafür sehr restriktiv.
So kann Ex ihren Jani wenigstens nicht mit seinen bescheuerten Hobbys wie Fußball (Igitt) und seinen schlechten Angewohnheiten – Socken auf der Heizung, Geschirr auf dem Boden (doppeltes Igitt) anstecken.
Hanna macht zur Feier eine Flasche Sekt auf.

Jan-Emmanuel ist zwei Jahre alt.
Hanna hat frei. Sie belädt den SUV und fährt ins Café Klatsch. Dort ist sie mit Brigitte, Tina und Petra verabredet.
Sie teilen ein Viertel des Cafés mit den Kinderwagen als Krabbelecke ab.
Die anderen Gäste müssen sich auf dem Weg zur Theke mit eingezogenem Bauch vorbeiquetschen.
Hanna und ihre Freundinnen schlürfen fettfreie vegane Latte Macchiato mit Aloe Vera-Sirup. Sie unterhalten sich über unfähige Erzieherinnen in der Kita und die neuen U3 Kursangebote der Kinder-Uni.
Brigitte wickelt Maximilian-André am Tisch. Der Dame am Nachbartisch kommt ihr Schokoladenkuchen hoch.
Tina lässt das Gläschen für Esmea-Jasmin wärmen und macht Witze über lahmes Personal aus bildungsfernen Bevölkerungsschichten.
Jan-Emmanuel und Thea-Sophia malen mit der Sahne lustige Bildchen auf das Fenster. Die Bedienung bekommt einen roten Kopf.
„Lass das, Jani“, sagt Hanna beiläufig. Jani denkt nicht daran.
„Findest du nicht auch, dass das expressionistisch aussieht?“, fragt Hanna, und beschließt, Jani montags zu interaktivem Bodypainting mit den fünf Sinnen anzumelden.
Montags hat er noch keinen Kurs.
Maximilian-André und Jan-Emmanuel rennen kreischend durch das ganze Restaurant und reißen im Vorbeigehen Jacken von den Stühlen.
Der Herr mit dem Laptop beschwert sich, er wolle arbeiten.
Die älteren Damen am Ecktisch beschweren sich, sie verstünden ihr eigenes Wort nicht mehr.
Esmea-Jasmin patscht mit beiden Händchen beim Herrn am Nebentisch in die Erdbeersahnetorte. „Du, Esmea-Jasmin, ich glaube, der nette Herr möchte nicht, dass du seinen Kuchen anfasst“, sagt Tina, ohne von ihren Mails aufzublicken.
Der Herr bittet, man möge die Kinder von seinem Tisch fernhalten, oder die Reinigung des Anzugs bezahlen.
Hanna und ihre Freundinnen regen sich lautstark über die Kinderfeindlichkeit der Deutschen auf.
Zwei weitere Mütter betreten das Café.
Die anderen Gäste fliehen.

Jan-Emmanuel ist drei Jahre alt. Hanna ist zu einer Hochzeit eingeladen. Damit er ruhig hält, hat sie Trinkfläschchen, Apfelstücke und Reiswaffeln dabei.
Beim Orgelvorspiel will er aufstehen und durch die Kirche tanzen.
Hanna setzt ihn hin und stopft ihm ein Stück Apfel in den Mund.
Bei der Begrüßung des Pfarrers stellt Jan-Emmanuel eine Frage nach der anderen. Sie steckt ihm die Trinkflasche in den Mund.
Nach dem zweiten Lied hat er Hunger. Sie schiebt ihm eine Reiswaffel zwischen die Lippen.
Er spuckt die Reiswaffel aus. Es ist pfuibäh, er will Fuchwerge haben.
Sie gibt ihm ein Stück Apfel.
Er spuckt den Apfel aus. Es ist pfuibäh, er will Fuchwerge haben.
„Ich habe hier keine Fruchtzwerge, Schatz“, sagt Hanna.
„ICH WILL ABBA ICH WILL ABBA ICH WILL ABBA“, kreischt er.
Hanna verlässt mit ihm die Kirche.

Jan-Emmanuel ist vier Jahre alt.
Er soll früh seine Selbstständigkeit erlangen.
Er darf selbst entscheiden, was er in den Kindergarten anzieht.
Er steht vor dem Kleiderschrank und reißt T-Shirts heraus.
„Nicht alles auf den Boden werfen, Jani“, sagt Hanna. Es dauert zu lang. Sie zieht ihm ein blaues T-Shirt und die neuen Shorts von Esprit an.
Er wälzt sich so lange kreischend auf dem Boden herum, bis sie ihm das rote T-Shirt mit der Eisenbahn anzieht, für das er sich eben entschieden hat.
Als Hanna ihn in die Kita bringt, will die Leiterin sie sprechen.
Jani schlägt andere Kinder, macht deren Sachen kaputt und stört beim Singkreis.
„Er hat eben eine ausgeprägte Persönlichkeit“, sagt Hanna. „Sie müssen mehr auf ihn eingehen.“

Jan-Emmanuel ist sechs Jahre alt.
Er hat keine Lust, in die Schule zu gehen.
„Du musst aber. Sonst kann die Mami nicht zur Arbeit. Die Mami hat einen Termin heute.“
Jani wirft seine Kakaotasse zu Boden, schmettert den Teller gegen die Wand, haut Hanna auf den Kopf und brüllt so lange, bis er sein Frühstück auf den Küchenboden erbricht.
Hanna schreibt eine Entschuldigung und bleibt mit ihrem kranken Kind daheim.

Jan-Emmanuel ist sieben Jahre alt.
Hanna sitzt im Gespräch mit der Lehrerin.
Jan-Emmanuel stört den Unterricht.
Jan-Emmanuel hat nie seine Hausaufgaben.
Jan-Emmanuel weigert sich, die Rechenaufgaben zu lösen.
Jan-Emmanuel hat mit einem Edding die neue Jacke von Riccarda-Melusine beschmiert.
„Jani ist hochbegabt. Er kann viel mehr. Er zeigt es nur nicht in ihrem Unterricht. Er ist unterfordert. Sie müssen mehr auf ihn eingehen“, sagt Hanna, und beendet das Gespräch.

Jan-Emmanuel ist neun Jahre alt. Sein Handy ist in der Schule kaputt gegangen. Er braucht sofort ein Neues.
„Das geht nicht, Jani, du bist doch heute bei der Oma wegen meines Massagetermins.“
Jan-Emmanuel geht an Hannas Schreibtisch und nimmt einen Entwurf. Er reißt ihn mitten entzwei. Er starrt Hanna an und nimmt das nächste Blatt hoch.
Hanna ruft ihre Mutter an, dass sie Jani nicht vorbeibringen wird, der Massagetermin habe sich erledigt.

Jan-Emmanuel ist dreizehn Jahre alt. Mit Maximilian-André und Finn-Silas streift er durch die Stadt. Sie haben keinen Bock auf Schule. Im Kaufhof spielen sie an den Konsolen, bis sie verjagt werden. Auf dem Weg nach draußen lassen sie einen USB-Stick mitgehen.
Maximilian-André ist über eins achtzig und sieht älter aus. Er wird zur Tanke geschickt.
Den Rest des Tages vergammeln sie bei Wodka-Red Bull im Park.

Jan-Emmanuel ist fünfzehn Jahre alt. In der Schule haben Maximilian-André und er die Kleinen zum Klauen abgerichtet.
Jan-Emmanuel und Maximilian-André verbringen die Pausen kiffend in der Schulhofecke. Die Lehrer sehen darüber hinweg, und Jan-Emmanuel und Maximilian-André stören den Unterricht nicht mehr. Mit diesem Deal ist jeder zufrieden.
Hanna beginnt Zweifel an dem geplanten Einser-Abi für Jani zu haben und meldet ihn für die neue Nachhilfeschule „Garantiert Bestnoten“ an.

Jan-Emmanuel ist siebzehn Jahre alt. Er ist seit drei Monaten in einer Suchtklinik für Jugendliche. Die Therapeuten fragen Hanna nach ihrer bisherigen Erziehungsmethode.
„Er hat eine überkreative Persönlichkeit. Sie müssen mehr auf ihn eingehen“, sagt Hanna und beendet das Gespräch.
Sie hat keine Zeit. Seit Kurzem hat sie einen neuen Partner. Heute will sie in die Buchhandlung gehen und nach neuen Ratgebern Ausschau halten.
Sie ist schwanger.
Sie will eine gute Mutter sein.
Sie will alles richtig machen.

Letzte Aktualisierung: 23.03.2011 - 15.43 Uhr
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