Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Süchtig nach ... | März 2011
Kuchendieb hat niemand lieb
von Helga Rougui

Das Wesen betritt das Großraumbüro. Schnuppert. Wittert.
Backteigduft liegt in der Luft.
Doch, tatsächlich.
Nicht nur des Reimes wegen.
Es saugt den Duft noch einmal tief in seine Lungen.
Bricht wie ein Wolf durchs Unterholz, kommt kurz vor dem Tisch in der hinteren rechten Ecke zum Stehen.

Ein Kuchenbuffet.
Kuuuuuuchenbufffffetttt.....
Kchnbfft.....mmmmmhhhmmmm

Irgendjemand hat heute Jubiläum.

Appetitlich. Einladend. Liebevoll dekoriert.
Eine Herausforderung.

Während bereits das erste Stück vor seinem weit geöffnetem Mund schwebt, kann es gerade noch denken
- ein Hoch dem edlen Spender –
und beißt dann mmmprrrmpffhhhh herzhaft in die Flanke der gigantischen Apfeltorte, die es wie eine kostbare lebensspendende Schale in seinen leicht angewinkelten Armen hält.

... ... ...

- Was soll das heißen, du bist gerade mal fünf Minuten weggewesen????
schreit Frau Markert, die Vorstandssekretärin der ToniSteinerSchärpenAG. Sie ist völlig außer sich, und sehr feuchte Spucketröpfchen treffen ihr Gegenüber, eine momentan extrem verschüchterte blonde Praktikantin, die entsetzt beobachten muß, wie ihr straffes, wohlgerundet gefülltes pinkes Top sich nach und nach dunkel einpunktet. Frau Markert bemerkt dies auch und versucht sich wieder ein wenig in den Griff zu kriegen. Sie rückt ein Stück von Louisa ab.
- Louisa, ich hab dir gesagt, rühr dich nicht von diesem Tisch weg und beobachte ihn ununterbrochen, denn sonst...
- ... sonst läuft es wie die anderen Male auch, seufzt Louisa tränenerstickt, jemand baut ein Kuchenbuffet auf, um mit den Kollegen zu feiern, aber...
- .... aber immer ist kurz vor dem gemütlichen Beisammensein der gesamte Aufbau entweder ratzekahl leergefressen oder völlig zermatscht vorgefunden worden, übernimmt die Sekretärin wieder ihren Part des Dialogs.

Und niemals wird jemand erwischt.

Das einzige, was man weiß, ist, daß der unbekannte Täter Obsttorten haßt (deren Exemplare er bis zur Unkenntlichkeit der Früchte zerknetet und durcheinanderwalkt), während er alle Sahne- und Buttercremekreationen bis zum letzten Krümelchen verputzt, als sei nie etwas auf den Tortenplatten gewesen.
Jedenfalls scheint das Täterwesen ein Vitaminhasser zu sein, denn es verabscheut besonders Möhrentorten (“möhrentorten!? rüüüblikuchen?? was – zum höllehölle urquasar - soll DAS sein!? entweder gesund und möhre ODER kuchen und lecker – beides gleichzeitig geht überhaupt nicht...“ - gerade eben erreicht uns diese GME (GalaxxoMexxageExprexxo) von Kommandantin Orla von Orbit aus der vorhinterletzten Galaxie OU-T.typsFault-13.off.03, deren wiedergegebene Ansicht wir vollinhaltlich und vollwiedreihaubitzen hiermit unterstützen, die wir aber gleichzeitig dringend bitten möchten, sich schleunigst mal rauszuhalten, weil... weil ... ach muß die alte neugierige Runzelkröte ihre Nase denn wieder in alles und jeden stecken zu ungegebener Zeit... V.i.S.d.P. gez. H.v. Leander). Möhrentorten also trifft der geballte lodernde Zorn des Wesens mit voller Wucht – sie werden gnadenlos zermürbt und aufgerieben, jedoch keinesfalls gegessen.
Im übrigen muß es sich entweder um eine sehr dicke Daseinsform handeln angesichts der Mengen, die es allein in öffentlichen Anstalten und Firmen wegputzt – irgendwo werden doch all die Kalorien sich zu Speckröllchen formieren müssen?... oder ...
Oder aber - es ist markerschütternd dünn. Jemand, der essen kann, was er will, und wird darum doch nicht dick.
(Wie ich sie hasse, diese Typen - diese angeblichen Problemfälle mit ihrer gespielten hilflosen Hilfsbedürftigkeit...“ ich bin dünn - wie schrecklich - helft mir zuzunehmen“... halloooo???? gehts noch???? Sehr gern immer noch und ganz allein v.i.S.d.P. gez. H.v. Leander.)

... ... ...

Das Wesen ist in seiner Höhle.
Es ist satt und einsam.
Es starrt ein Loch in die Luft.
Schon das dritte heute abend.
Nummer eins und Nummer zwei leuchten mattgolden in der Dunkelheit.
Wie pralle Tropfen süßen Honigs.
Wie fettglänzende gelbäugige Spiegeleier.
Ein kleiner Hunger regt sich.
Das Wesen weint
in seinen Wein.
Ganz allein.

... ... ...

Wie wunderbar. Ein sechzigster Geburtstag. Ein stilvoller Festsaal mit fein eingedeckten langen Tafeln, Silber, Kristall, Damastservietten. Ein Kamin, in dem ein kleines frühes Herbstfeuer eine heimelige Wärme verbreitet. Elegant gekleidete, froh gestimmte Gäste. Champagneraperitif.
Ein Drei-Gang-Menu ist geplant.
Das Vorspeisenbuffet wird in einem Nebenraum aufgebaut.
Räucherlachs und feinster Beluga an knusprigen Blinis mit Sauercreme, marinierte Jakobsmuscheln unter Spinatmousse versteckt, Verrines mit Crevetten in Dillschaum, cremiges Vitello tonnato mit Kapern nonpareilles, frischgebackenes Brot, Butter, Salat.
Der Commis de Rang wirft einen letzten prüfenden Blick auf die Anordnung, schaut nickend hinüber zum Maître d’Hôtel, dieser geht in den Festsaal, um der Gastgeberin Bescheid zu sagen.

Einige Minuten vergehen.

Dann wird die Tür zum Hauptsaal aufgeschoben, und während die Aufforderung „Das Buffet ist eröffnet“ erklingt, gehen die ersten Gäste hinüber, treten erwartungsvoll an den langen Tisch – und schauen verständnislos auf leere, glänzend geleckte Platten mit nichts als gar nichts darauf.

... ... ...

In der Höhle liegt das Wesen in der Ecke.
Hält sich seinen prallgefüllten Bauch und seufzt.
Wimmert leise.
Manchmal glaubt es, daß das Werk getan sei.
Daß kein Platz mehr sei in ihm für irgendetwas.
Egal wofür.
Daß nicht einmal die Erinnerung an das, was dort vielleicht hingehöre, noch in ihm sei.
Aber es gibt kein Ende. Keinen Ausweg.
Nur den, nicht nachzulassen.
Am Ball zu bleiben.
Das Wesen drückt ächzend seinen Kugelbauch.

... ... ...

- Noch ein paar Fäden Safran, oder was sagt das Rezept... ach egal, was es sagt, Safran muß einfach hinein. Und Zimt und Koriander sowieso... und Ingwer...
Paul aus Bochum rührt vorsichtig um. Im letzten VHS-Kochkurs ging es um marokkanische Küche, und er hat gut aufgepaßt und mitgeschrieben. Diese Füllung für Bstella mit Taubenfleisch und allen Gewürzen des Orients, Mandeln und Zucker soll die rechte Liebesspeise werden für ihn und sein süßes Täubchen, die liebliche Michaela, die sich heute abend zum ersten Mal seinen Koch- und vielleicht auch anderen Künsten anvertrauen will. Sie kommt aus Gelsenkirchen, sieht aber aus wie eine Prinzessin aus den Königspalästen von Rabat, mit schwarzen, langen Augen und feurigen grünen Haaren – halt, nein, umgekehrt. Er beginnt schon, die Dinge zu verwechseln, das machen der Wein, ein erdigroter schwerer Bourgogne, den er sich zur Stärkung einverleibt hat während des Kochens, und natürlich die Aufregung. Er sollte sich wohl besser ein wenig zurückhalten. Soll er? Ach nein, sie wird seine Beschwipstheit schon verstehen, und er liebt sie doch so sehr, und sie ihn, und er summt glücklich vor sich hin und rührt all seine Liebe mit in die Füllung hinein.

Ein Blick auf die Uhr.

Es wird Zeit, die Ouarka-Blätter zu backen. Er geht nach nebenan, um den Teig, der dort seit einer Stunde ruht, zu holen, entkorkt dort wohl auch eine zweite Flasche dieses köstlichen Aloxe-Corton, der jeden Cent seines stattlichen Preises wert ist – das sieht man schon allein, wenn man das Glas gegen das Licht hält und der edle Trank übermütig aufblitzt wie das reine Feuer der Liebe.
Mit Glas, Flasche und Teigschüssel beladen kehrt er zurück in die Küche, deponiert alles auf dem Küchentisch.
Und stellt fest, daß der Topf, in dem die köstlich duftende Füllung noch eben schmurgelte, völlig leer ist.
Gleichsam leergeleckt, als ob eine große rosa Zunge aus dem Nichts erschienen sei, die in Sekundenschnelle einen glühendheißen Topfinhalt ohne Rücksicht auf irgendwelche anatomischen Auswirkungen ausgewischt haben könnte.

Paul sinkt auf den nächsten Stuhl, guckt ungläubig.
Schaut um sich, desorientiert.
Das ist unmöglich.
Das ist –
- unmöglich.

Es klingelt an der Wohnungstür.

... ... ...

Das Wesen wälzt sich.
Dieser kleine Tropfen Fleischfüllung war als Amuse-Gueule gedacht.
Ein Auftakt.
Aber nun scheint es der Abspann zu werden.
Das Wesen windet sich in Krämpfen, versteht nicht.
Nur ein Happen, ein bißchen fast nichts, dieses Täubchenragout eines Kochanfängers.
Und dann.
Das Wesen verhält vor Schmerzen, aber auch aus plötzlich grell aufblitzender Erkenntnis den Atem.
Eine Überdosis...
Die finale Überdosis.
Viel zuviel von dieser einen Zutat in einer solch kleinen Menge Brei.
Zuviel selbst für das Wesen.
Das Wesen braucht unbedingt diese Zutat, sucht sie, verleibt sie sich ein, wo immer es sie findet.
Warum sollte es sonst dieses heimliche, diebische, gehetzte Leben leben.
Es hat sich schon längst – was für ein Elend - abgefunden.

Aber das heute. Out of order.
Execution?.

Es schmerzt. Alles schmerzt. Wie nie.
Aber
Und
Aua.
Endlich Ruhe. Endlich
vorbei.
Denkt es.

Bevor es platzt.

Execution.

... ... ...

In Bochum öffnet Paul die Wohnungstür.
Wie blöde starrt er seine Freundin an, die strahlend vor ihm steht.
Sie sprüht vor Leidenschaft. Wunderschön. Zu allem bereit.
Schöner als je, schöner als Paul sie in Erinnerung hat.
Und während er sie in seine Arme schließt, denkt er noch:
- Scheiß aufs Rezept, scheiß auf die Füllung, scheiß aufs Essen – allein...

und... ja tatsächlich ...

allein die liebe zählt

(orla
komm zurück
dein hero)

Letzte Aktualisierung: 11.03.2011 - 23.40 Uhr
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