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Sonnenbrand
von Ingo Pietsch

Netan Aquis sah auf die Displays seiner Messger├Ąte und sp├╝rte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Die Bilder der Monitore zeigten eine lila Sonne, um die ein erd├Ąhnlicher Planet kreiste.
Netans Raumschiff hing sicher in vierzig Lichtminuten Entfernung im leeren Raum.
Einen Augenblick sp├Ąter begann das Spektakel, auf das er hingefiebert hatte: Die lila Sonne dehnte sich pulsartig aus. Sie wuchs und wurde immer heller. Ihr Strahlen ├╝berlagerte die Finsternis des Weltraums. Einer der Monde explodierte einfach. Der Planet verbrannte auf der Tagseite v├Âllig. Die Atmosph├Ąre entwich wie ein letztes Ausatmen in die unendliche Dunkelheit.
Kurz bevor die Sonne auseinanderzuplatzen drohte, zog sie sich wieder zusammen. Sie schrumpfte auf ein Minimum ihrer ehemaligen Gr├Â├če zusammen. Die lebenspendende Energiequelle hatte sich in einen wei├čen Zwerg verwandelt und hinterlie├č todbringende Strahlung, die sich durch das ganze System ausbreitete.
Netan war entt├Ąuscht. Er hatte ein Feuerwerk von bunten Explosionen erwartet. Tats├Ąchlich entpuppte sich die Vernichtung des Systems als ein Luftballon, der langsam seine Luft verlor und schlaff wurde.
Zehn Minuten waren vergangen. Noch eine halbe Stunde, dann w├╝rden die t├Âdlichen Strahlen Netan erreicht haben. Genug Zeit, den n├Ąchsten Kurs zu programmieren.

-

Netan war schon als kleines Kind von Knallk├Ârpern und Feuerwerk fasziniert gewesen. Zum Jahreswechsel oder gro├čen Feierlichkeiten war er immer der Erste, der drau├čen stand, um sich an den schillernden und leuchtenden Lichtern zu erfreuen. Er liebte die lauten Kanonenschl├Ąge und das Kribbeln am ganzen K├Ârper.
In jungen Jahren spielte er nur mit Knallfr├Âschen und Wunderkerzen. Als er gr├Â├čer wurde, waren es dann B├Âller und Raketen. Er lie├č die Sprengk├Ârper erst im letzten Moment los, um den gr├Â├čtm├Âglichen Kick zu bekommen, denn er wusste um die Gefahr.
Im Erwachsenenalter bastelte er sich sein Feuerwerk selbst zusammen und machte sein Hobby zum Beruf: Er wurde Sprengmeister in einem Abrissunternehmen.
Doch er wollte mehr. Netan meldete sich zur Weltraumkolonisierung.
Als Sprengmeister eignete er sich hervorragend zum Terraforming.

-

Netan Aquis erreichte sein Ziel: Ein System mit drei Sonnen, die um einen bewohnten Planeten kreisten. Eine einmalige Konstellation aus Rot, Blau und Gelb.
Sofort flog er in eine niedrige Umlaufbahn und positionierte seine Kameras im Orbit und zwischen der Handvoll Monde, die auf aberwitzigen Umlaufbahnen um die Himmelsk├Ârper schwirrten.
Netan las in der Datenbank, dass die Bewohner kurz vor der interstellaren Raumfahrt standen. Auch die Monde waren besiedelt und ├╝berall schwebte Weltraumm├╝ll von Satelliten- und Raketenresten umher.
Das Raumschiff flog ganz dicht an den Sonnen vorbei. Netan bereitete die Torpedos vor und schoss dann einen nach dem anderen in die bunten Glut├Âfen.
Er konnte die Hitze der Sonnen schon fast durch die K├Ąlte des Raumes, die sein Schiff umgab, sp├╝ren.
Sein K├Ârper spannte sich an, wenn Netan daran dachte, welch optisch berauschende Explosionen sich hier entwickeln k├Ânnten.

Wehmut lag in seinem Blick, da er wusste, dass die Torpedos die letzte Munition waren. Dies w├╝rde das gro├če Finale werden. Und es w├╝rde diesmal keinen Fehler in den Berechnungen geben.
Als die Kameras online waren, flog er drei├čig Lichtminuten weit aus dem System und wartete mit seinem Raumschiff in der N├Ąhe eines Gasriesen.

-

Es war eine unheimlich intensive Erfahrung f├╝r Netan, wie er auf einen Berg zu blickte, der in wenigen Augenblicken eingeebnet sein w├╝rde. Wenn seine Kollegen in einem Schutzbunker Zuflucht gefunden hatten, stand er drau├čen mit einer Schutzbrille und wartete auf das Ereignis. Am Anfang gab es nur diesen ohrenbet├Ąubenden Knall, der sich zu einem langgezogenen Dr├Âhnen dehnte. Dann folgte das Rumpeln der einst├╝rzenden Gesteinsmassen. Eine gigantische Staubwolke bildete sich am Fu├č des Berges und breitete sich ringsherum aus. Gl├╝hend hei├če Meteore flogen in alle Richtungen und einige verfehlten Netan nur knapp. Er konnte sein Werk nicht nur sehen und h├Âren, sondern auch f├╝hlen. Tiefste Zufriedenheit durchstr├Âmte seinen K├Ârper.
Als schlie├člich der Gipfel hinter einer Wand aus Dreck und Staub verschwand, atmete er erleichtert aus. Es war unglaublich wie seine Sinne stimuliert wurden.
Doch tief in ihm schlummerte der Wunsch nach noch Gr├Â├čerem.

-

Das Ergebnis der Manipulation raubte ihm den Atem: Alle drei Sonnen schrumpften nacheinander zusammen. Durch den Sog wurden f├╝nf Monde angezogen. Wegen der immensen Anziehungskraft zerplatzten sie in tausende Teile und verdampften in den immer noch gl├╝henden Himmelsk├Ârpern. Ein sechster kollidierte mit dem Planeten und riss St├╝cke davon in den Weltraum mit hinaus.
Netan tanzte vor Gl├╝ck.
Als Erstes dehnte sich die gelbe Sonne aus und erfasste die rote. Die rote tat es der gelben gleich und verschlang die blaue.
Ein Spektrum aus der Kombination aller bekannten farblichen Nuancen verw├Âhnte Netans Augen.
Die Sonnen vereinten sich zu einem gigantischen wabernden Pulsar und verleibten sich den Planeten ein.
Zwei Milliarden intelligente Lebewesen h├Ârten schlagartig auf zu existieren.
Jetzt geschah dass, womit Netan nicht gerechnet hatte: Die Druckwelle beschleunigte auf ├ťberlichtgeschwindigkeit, raste durch das ganze System und schob dabei alle Planetoiden aus ihrer Umlaufbahn.
Die Schutzschirme des Raumschiffes hielten stand.
Danach schien alles in Zeitlupe abzulaufen.
Der Pulsar wuchs und wuchs. Er wurde schwarz und zog alles in sich hinein. Die Planeten des Systems flogen darauf zu, rammten und pulverisierten sich dabei gegenseitig.
Netans Schiff wurde ebenfalls erfasst. Er schlug auf der Steuerung herum, doch das von ihm geschaffene schwarze Loch war zu stark.
Seine Angst wich einem Zustand des Gl├╝cks. F├╝r diesen einen Moment hatte er gelebt. Die ultimative Destruktion. Er starb mit einem L├Ącheln auf den Lippen, als sein Schiff sich aufl├Âste ÔÇô ohne gro├čen Knall und ohne Funkenregen.

Letzte Aktualisierung: 22.03.2011 - 19.29 Uhr
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