Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Süchtig nach ... | März 2011
Sonnenbrand
von Ingo Pietsch

Netan Aquis sah auf die Displays seiner Messgeräte und spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Die Bilder der Monitore zeigten eine lila Sonne, um die ein erdähnlicher Planet kreiste.
Netans Raumschiff hing sicher in vierzig Lichtminuten Entfernung im leeren Raum.
Einen Augenblick später begann das Spektakel, auf das er hingefiebert hatte: Die lila Sonne dehnte sich pulsartig aus. Sie wuchs und wurde immer heller. Ihr Strahlen überlagerte die Finsternis des Weltraums. Einer der Monde explodierte einfach. Der Planet verbrannte auf der Tagseite völlig. Die Atmosphäre entwich wie ein letztes Ausatmen in die unendliche Dunkelheit.
Kurz bevor die Sonne auseinanderzuplatzen drohte, zog sie sich wieder zusammen. Sie schrumpfte auf ein Minimum ihrer ehemaligen Größe zusammen. Die lebenspendende Energiequelle hatte sich in einen weißen Zwerg verwandelt und hinterließ todbringende Strahlung, die sich durch das ganze System ausbreitete.
Netan war enttäuscht. Er hatte ein Feuerwerk von bunten Explosionen erwartet. Tatsächlich entpuppte sich die Vernichtung des Systems als ein Luftballon, der langsam seine Luft verlor und schlaff wurde.
Zehn Minuten waren vergangen. Noch eine halbe Stunde, dann würden die tödlichen Strahlen Netan erreicht haben. Genug Zeit, den nächsten Kurs zu programmieren.

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Netan war schon als kleines Kind von Knallkörpern und Feuerwerk fasziniert gewesen. Zum Jahreswechsel oder großen Feierlichkeiten war er immer der Erste, der draußen stand, um sich an den schillernden und leuchtenden Lichtern zu erfreuen. Er liebte die lauten Kanonenschläge und das Kribbeln am ganzen Körper.
In jungen Jahren spielte er nur mit Knallfröschen und Wunderkerzen. Als er größer wurde, waren es dann Böller und Raketen. Er ließ die Sprengkörper erst im letzten Moment los, um den größtmöglichen Kick zu bekommen, denn er wusste um die Gefahr.
Im Erwachsenenalter bastelte er sich sein Feuerwerk selbst zusammen und machte sein Hobby zum Beruf: Er wurde Sprengmeister in einem Abrissunternehmen.
Doch er wollte mehr. Netan meldete sich zur Weltraumkolonisierung.
Als Sprengmeister eignete er sich hervorragend zum Terraforming.

-

Netan Aquis erreichte sein Ziel: Ein System mit drei Sonnen, die um einen bewohnten Planeten kreisten. Eine einmalige Konstellation aus Rot, Blau und Gelb.
Sofort flog er in eine niedrige Umlaufbahn und positionierte seine Kameras im Orbit und zwischen der Handvoll Monde, die auf aberwitzigen Umlaufbahnen um die Himmelskörper schwirrten.
Netan las in der Datenbank, dass die Bewohner kurz vor der interstellaren Raumfahrt standen. Auch die Monde waren besiedelt und überall schwebte Weltraummüll von Satelliten- und Raketenresten umher.
Das Raumschiff flog ganz dicht an den Sonnen vorbei. Netan bereitete die Torpedos vor und schoss dann einen nach dem anderen in die bunten Glutöfen.
Er konnte die Hitze der Sonnen schon fast durch die Kälte des Raumes, die sein Schiff umgab, spüren.
Sein Körper spannte sich an, wenn Netan daran dachte, welch optisch berauschende Explosionen sich hier entwickeln könnten.

Wehmut lag in seinem Blick, da er wusste, dass die Torpedos die letzte Munition waren. Dies würde das große Finale werden. Und es würde diesmal keinen Fehler in den Berechnungen geben.
Als die Kameras online waren, flog er dreißig Lichtminuten weit aus dem System und wartete mit seinem Raumschiff in der Nähe eines Gasriesen.

-

Es war eine unheimlich intensive Erfahrung für Netan, wie er auf einen Berg zu blickte, der in wenigen Augenblicken eingeebnet sein würde. Wenn seine Kollegen in einem Schutzbunker Zuflucht gefunden hatten, stand er draußen mit einer Schutzbrille und wartete auf das Ereignis. Am Anfang gab es nur diesen ohrenbetäubenden Knall, der sich zu einem langgezogenen Dröhnen dehnte. Dann folgte das Rumpeln der einstürzenden Gesteinsmassen. Eine gigantische Staubwolke bildete sich am Fuß des Berges und breitete sich ringsherum aus. Glühend heiße Meteore flogen in alle Richtungen und einige verfehlten Netan nur knapp. Er konnte sein Werk nicht nur sehen und hören, sondern auch fühlen. Tiefste Zufriedenheit durchströmte seinen Körper.
Als schließlich der Gipfel hinter einer Wand aus Dreck und Staub verschwand, atmete er erleichtert aus. Es war unglaublich wie seine Sinne stimuliert wurden.
Doch tief in ihm schlummerte der Wunsch nach noch Größerem.

-

Das Ergebnis der Manipulation raubte ihm den Atem: Alle drei Sonnen schrumpften nacheinander zusammen. Durch den Sog wurden fünf Monde angezogen. Wegen der immensen Anziehungskraft zerplatzten sie in tausende Teile und verdampften in den immer noch glühenden Himmelskörpern. Ein sechster kollidierte mit dem Planeten und riss Stücke davon in den Weltraum mit hinaus.
Netan tanzte vor Glück.
Als Erstes dehnte sich die gelbe Sonne aus und erfasste die rote. Die rote tat es der gelben gleich und verschlang die blaue.
Ein Spektrum aus der Kombination aller bekannten farblichen Nuancen verwöhnte Netans Augen.
Die Sonnen vereinten sich zu einem gigantischen wabernden Pulsar und verleibten sich den Planeten ein.
Zwei Milliarden intelligente Lebewesen hörten schlagartig auf zu existieren.
Jetzt geschah dass, womit Netan nicht gerechnet hatte: Die Druckwelle beschleunigte auf Überlichtgeschwindigkeit, raste durch das ganze System und schob dabei alle Planetoiden aus ihrer Umlaufbahn.
Die Schutzschirme des Raumschiffes hielten stand.
Danach schien alles in Zeitlupe abzulaufen.
Der Pulsar wuchs und wuchs. Er wurde schwarz und zog alles in sich hinein. Die Planeten des Systems flogen darauf zu, rammten und pulverisierten sich dabei gegenseitig.
Netans Schiff wurde ebenfalls erfasst. Er schlug auf der Steuerung herum, doch das von ihm geschaffene schwarze Loch war zu stark.
Seine Angst wich einem Zustand des Glücks. Für diesen einen Moment hatte er gelebt. Die ultimative Destruktion. Er starb mit einem Lächeln auf den Lippen, als sein Schiff sich auflöste – ohne großen Knall und ohne Funkenregen.

Letzte Aktualisierung: 22.03.2011 - 19.29 Uhr
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