Honigfalter
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Süchtig nach ... | März 2011
Sinneslust mit Folgen
von Farida Halib

WĂ€hrend sie das Betttuch glattzieht, stĂŒrmt ihre Ă€ltere Kollegin mit der Zeitung ins Hotelzimmer, umarmt und kĂŒsst sie, drĂŒckt sie ganz fest. „Guarda qui! ... da, schau her, was in der Zeitung steht! - Ich wusste, dass du diese verdammte Arbeit hier nicht ewig machen wĂŒrdest. Wie ich mich fĂŒr dich freue!
***
Sie war gerade achtzehn, als sie erfuhr, was es bedeutete. Als sie es kennenlernte, dieses einzigartig erhebende GefĂŒhl, diesen Taumel, den sie mit all ihren Sinnen gierig aufnahm und von dem sie nie wieder loskam, nie genug hatte, nie genug bekommen wĂŒrde.

Stunden unertrĂ€glicher Spannung sind vorausgegangen. Momente, ja, Tage der Überwindung, des sich Zusammenreißens, des beschleunigten Wachstums hat sie erlebt. Sie reiht sich an dreizehnter Stelle zwischen den neunundzwanzig Konkurrentinnen auf der TribĂŒne ein. Linker Fuß vor den rechten, HĂ€nde nach hinten, fĂŒr ein einheitliches Bild. Ihr Blick verweilt kurz auf ihren goldenen Riemchensandalen, ihren nackten Beinen. Ein Paar zwischen neunundzwanzig Paaren. Der Moderator spricht, zieht die Bekanntgabe der Entscheidung gekonnt in die LĂ€nge. Nutzt die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums, um werbende Slogans einzuwerfen. Die gleißende Hitze des Scheinwerferlichtes kĂ€mpft gegen das erregte Frösteln in ihrem Inneren. UnglĂ€ubig nimmt sie wahr, dass der dritte und der zweite Platz bereits vergeben werden. Wenige Sekunden noch bis sich alles entscheidet. Der Moment ist spannungsgeladen, unterschwellig brodelnd, wie eine Sektflasche, die kurz vor dem Knall steht.

Und dann kommt es! „La nostra vincitrice ..., unsere Siegerin, in deren Besitz das schicke Cabrio heute Abend ĂŒbergeht und die in der kommenden Woche nach Ibiza fliegt ... und die sich hiermit qualifiziert fĂŒr den nationalen Wettbewerb, ist die Konkurrentin mit der Startnummer ... – atemlose Stille - ... dreizehn!“

Sie wird herausgerissen aus der Reihe der Namenlosen. Die triumphale Musik durchdringt sie, vibriert in ihr. Sie spĂŒrt das Prickeln des Champagners, der ihre nackte Haut benetzt, wĂ€hrend der aufgeschĂŒttelte Perlenstrahl aus den ĂŒberdimensionalen Flaschen durch die Luft schießt. Das Blitzlichtgewitter bricht ĂŒber sie herein. Goldene Konfetti wirbeln durch die Luft. Fremde HĂ€nde legen ihr die SchĂ€rpe um, die sich sanftseiden an ihren Körper schmiegt. WĂ€hrend man ihr die Krone aufsetzt, nimmt sie deren feste Konturen wahr, spĂŒrt die Haare, die sich zwischen den eingefassten Strasssteinchen verfangen und ziepen. Das Zepter wird ihr gereicht. Fremde Menschen gratulieren. Die MĂ€dchen, mit denen sie das anstrengende Abenteuer der vergangenen Tage geteilt hat, umzingeln sie, umarmen sie, wollen teilhaben an ihrer Freude, wollen ihren soeben erlangten Ruhm befĂŒhlen. Das unsichtbare Publikum im dunklen Zuschauerraum jubelt und applaudiert. Sie berauscht sich daran. Der Vorstand der Jury ĂŒberreicht ihr den Blumenstrauß. WĂ€hrend sie das kunstvolle Gebinde verlangend an sich drĂŒckt, glaubt sie, trotz des LĂ€rmes das Knistern der Folie zu hören.

Nun soll sie sich aufstellen mit den beiden anderen gekĂŒrten MĂ€dchen. Sie wird von ordnenden HĂ€nden hin- und hergerĂŒckt und findet allmĂ€hlich wieder zu sich. Nach diesem Höhepunkt, der wenige Minuten gedauert hat, spĂŒrt sie TrĂ€nen in sich aufsteigen, TrĂ€nen der Freude und der Erlösung. Ein Presse-Fotograf ruft ihr zu: „Non adesso!“, gebietet ihr, “jetzt nicht die Wimperntusche verlaufen lassen! Das Foto, das morgen in der Tageszeitung erscheint, ist reprĂ€sentativ fĂŒr den berĂŒmten Miss-Italia-Wettbewerb!“

***

Am folgenden Morgen ist sie ĂŒbernĂ€chtigt. Das Adrenalin hat die paar Nachtstunden, die ihr zum Schlafen blieben, zum Tag gemacht. DafĂŒr hat jetzt eine friedliche Mattigkeit von ihr Besitz ergriffen, fĂŒhlt sie sich von wohliger Entspannung durchdrungen. Der Jubel hallt in ihren Ohren nach, der Ruhm erleuchtet sie von innen, wĂ€hrend sie das Zimmer fĂŒr die nĂ€chsten GĂ€ste vorbereitet. Nein, sie spĂŒrt es jetzt ganz deutlich! Hier wird sie nicht bleiben, keine Toiletten mehr putzen, keine Betten mehr machen, keine Fußböden mehr schrubben. Stattdessen verlangt es sie, wieder und wieder von dem unvergleichlichen Rausch zu kosten, sich am Glanz zu betören, dĂŒrstet es sie, die ekstatische Erfahrung zu wiederholen, immer und immer wieder ... und zahllose Zeitungsausschnitte mit der Schlagzeile „La bella Sabrina!“ zu sammeln.

Letzte Aktualisierung: 27.03.2011 - 19.09 Uhr
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