Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Jochen Ruscheweyh IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Süchtig nach ... | März 2011
Kundenakquise
von Jochen Ruscheweyh

„Mensch, Jörg, das is´ mal wieder deine Urangst vor Autoritäten. Klar, der Typ is´ ´n alter Nazi, aber er bringt dich dazu, deine Angst zu überwinden. Geh´ einfach mal hin, was hast du schon zu verlieren?“
Ich nicke.
„Guck mich an“, sagt Michael. „Ich bin jedes Mal ´n zuckendes Nervenbündel mit Brille gewesen, seit ich den Marathon-Mann mit Dustin Hoffman gesehen hab´, aber jetzt is´ alles super. Nimm´ dir ´ne Woche frei und mach´ die Therapie bei Mertens. Und die Sprechstundenhilfe ... ´ne ziemliche Granate!“



Gewöhnliche Zahnärzte gleiten in den Behandlungsraum, ein offenes Lächeln auf den Lippen, während ihre feingliederigen Finger blind den Desinfektionsspender finden. Nicht so Dr. Mertens. Er scheint sich aus dem Nichts materialisiert zu haben, plötzlich, unerwartet und unabänderlich steht er da. Aus kalten blauen Augen blickt er über den Rand seiner Brille, hält sich nicht mit Höflichkeiten auf. Seine Worte: kurze harte Befehle, die keinen Widerspruch zu dulden scheinen. Mund öffnen, durch die Nase atmen, zusammenbeißen, Grenze sichern, keine Gefangenen. Der Mann soll mich von meiner Zahnarztphobie heilen? Never!
Sämtliche Muskeln meines Körpers fühlen sich so hart an wie nach zehn Meter Eistauchen in der Napola, aber ich bin mir sicher, mehr arktischen Schweiß auf der Stirn stehen zu haben, als die Schüler sämtlicher nationalpolitischen Erziehungsanstalten zusammen.
Dr. Mertens schiebt den Deckenarm mit der Halogenleuchte Modell „Verhör“ zur Seite, wie er es sicherlich tausendmal mit dem Periskop der U99 vor Norwegen getan hat.
„Sie sind ein typischer Phobiker: Anfang Vierzig, gebildet, im Prinzip gesund, aber: Sie machen sich selbst Druck!“
Auf einmal tritt der Anflug eines Lächelns auf sein Gesicht. Die Kälte in seinem Blick schmilzt und ich spüre seine Hand auf meiner. Nur eine Geste, ein Angebot, das aber so herzlich wirkt, dass ich ... ja, ich glaube, ich lasse mich tatsächlich darauf ein.
„Ich werde Sie behutsam mit Ihren Dämonen konfrontieren.“
Mertens Stimme klingt jetzt weich, gütig, aber dennoch etwas spitzbübisch und erinnert ein wenig an Hans Joachim Kuhlenkampf.
„Wie sieht es mit Spritzen aus?“
„Sie meinen, ob ich Angst davor habe?“
„Darauf zielte meine Frage ab, ja!“
„Nein, ganz im Gegenteil, eine Spritze beruhigt mich. Es ist mehr das Geräusch beim Bohren und wenn irgendetwas aus Metall meine Zunge berührt.“
„Gut, darauf kann ich aufbauen. Manuela wird Ihnen jetzt ein Präparat injizieren. Ansonsten geschieht heute nichts, verstehen Sie? Nein, ich möchte, dass Sie mich dabei anschauen. Wiederholen Sie: Es wird mir nichts geschehen!
Eigentlich will ich Jawoll, Herr KaLeu! schreien, echoe aber lieber das neutrale Es wird mir nichts geschehen!
„In Ordnung, dann sehen wir uns morgen wieder.“



Die Armlehne fühlt sich stumpf an, als ich mit den Händen darübergleite. Kein Schweiß. Kein beklemmendes Grundgefühl, das mich sonst schon immer Stunden vor dem Zahnarztbesuch überkommt. Den gestrigen Nachmittag und Abend habe ich in einem Zustand angenehmer Lethargie und Gleichgültigkeit verbracht und Kerstin beim Putzen zugesehen. Ich liege völlig entspannt im spartanisch eingerichteten Behandlungsraum und überlege gerade, ob ich mir heute Morgen überhaupt die Zähne geputzt habe, als die Sonne aufgeht, denn die Sprechstundenhilfe schwebt ins Zimmer.

„Also, Jörg, ich hab´ ein gutes Gefühl, was deinen Behandlungserfolg angeht. Es ist wirklich sehr selten, dass die Therapie so schnell anschlägt wie bei dir.“ Manuelas Angebot gestern, uns zu duzen, trägt erheblich zu meinem Wohlbefinden bei.
„Wir sind eine Art Wander-Praxis, ein mobiler Betrieb, weil wir möglichst viele Menschen erreichen wollen.“
Ich nicke, und verdränge die Frage, wie diese Art Dienstleistung auf Dauer funktionieren soll.
„Da ist es recht schwierig, Leute kennenzulernen. Aber du bist schon jemand, der auf meiner Wellenlänge liegt. Vielleicht habt ihr ja mal Lust, am Wochenende mit mir was Trinken zu gehen, du und deine Freundin?“
Zu meiner neuen Angstfreiheit mischt sich das erhabene Gefühl, begehrt zu werden.
„Wie kommst du darauf, dass ich eine Freundin habe?“
„Ach, hast du nicht? Nicht erschrecken, jetzt kommt wieder der kleine Pieks.“
Ich spüre, wie sich das Sedativum in das Innere meiner Wangentasche drängt.
„´ieses ´ochenende?“, frage ich mit offenem Mund und denke an Michael und sein vermutlich sparsames Gesicht.
Manuelas Blick scheint vielsagend, die Hand auf meinem Oberschenkel eindeutig.
„Ach, wollte der Doktor heute nicht mit der Kariesbehandlung anfangen?“, konfrontiere ich mich mit der Realität.
„Jörg, mach´ dir nicht so viel Stress und vertrau´ deinem Arzt.“



„Wenn Sie ihre Injektion bekommen haben, werde ich heute ein wenig Zahnstein entfernen, der nächste Schritt der Therapie. Und dann haben Sie erst einmal Wochenende!“, klärt mich Mertens am nächsten Tag auf.
Ich trinke einen Schluck Wasser – mein Mund fühlt sich seit ein paar Tagen etwas trocken an – und bestätige.
Er führt ein Gerät in meinen Mundraum, in den kurz vorher die Injektionsnadel und wiederum davor Manuelas Zunge gedrungen ist. Es zischt einmal kurz, und dann zieht Mertens das Gerät bereits wieder heraus. „Fertig für heute.“



Von Sonntag auf Montag wälze ich mich umher, wechsele gegen 3 Uhr mein feuchtes T-Shirt, finde aber auch danach keine rechte Ruhe. Ich erinnere mich an das herrlich entspannte Gefühl der Sorglosigkeit während der ersten Tage meiner Behandlung. Irgendetwas ist mit mir geschehen. Als ob meine Angst zurückkommt. Nein, nicht die Angst, eher die Symptome. Gut, dass ich mich eh für die nächste Woche arbeitsunfähig gemeldet habe.



„Heute geht es mir nicht besonders.“
„Rückfälle gehören zu jeder Therapie dazu. Sie müssen sich das wie bei einer Truppe im Krieg vorstellen: Es geht zwei Schritte vor, und einen zurück.“
„Das habe ich zuerst auch gedacht, Herr Doktor. Aber es ist mehr wie bei einer Grippe.“
„Ihr Gefühl täuscht Sie. Reine Psychosomatik. Da müssen Sie jetzt durch.“
„Nein, ich weiß doch, wie es sich anfühlt, wenn ... “ Ich verschlucke den Rest, als plötzlich wieder diese anfängliche Kühle in Mertens Blick tritt.
„Es ist in Ordnung, Jörg“, flüstert Manuela, „Hier darfst du schwach sein. Komm, mach´ deinen Mund etwas auf, damit ich dir die Spritze setzen kann.“ Sie beugt sich zu mir herunter, während mir ein filigran gestochener japanischer Oni aus ihrem Dekolleté entgegenstarrt. Wenn dieser Mephistopheles reden könnte ...

Zuhause sind meine vermeintlichen Symptome bereits verflogen. Die Erkenntnis, meine Dämonen mit Mertens Hilfe ein weiteres Mal unschädlich gemacht zu haben, verleiht mir ein unglaubliches Hochgefühl, das auch Kerstins feige an den Spiegel geheftete Nachricht nicht schmälern kann. Ihr Auszug, leise und diskret. Ihre schriftliche Versicherung, mich immer noch zu lieben, nach den letzten Tagen jedoch keine Basis mehr für ein gemeinsames Zusammenleben zu sehen. Ich wühle in meiner Erinnerung, aber außer verschlafenen Nachmittagen voller Harmonie finde ich nichts. Unschuldig. Auf der Eckbank in der Küche rolle ich mich zusammen und schlafe augenblicklich in vollkommenem Einklang mit mir selbst ein.



„Die Praxis ist ab heute Nachmittag geschlossen. Wir verlegen unseren Standort.“ Manuela schiebt meine Hand weg, als ich sie wie gewöhnlich in ihren Kittelausschnitt gleiten lassen will. Sicher PMS.
„Komm´ morgen zu dieser Adresse.“ Ein kleiner gefalteter Zettel.
Irgendetwas tief in mir breitet seine Flügel aus und hält mit großen Schlägen auf die weiche Wolke zu, die mein Bewusstsein umgibt.
„Aber meine Therapie ist noch nicht zu Ende.“
„Mach´ jetzt keinen Aufstand. Sei einfach da, o.k?“



Michael kommt die Straße herunter, er scheint zu frieren, presst sich in kurzen Abständen die Hand gegen den Unterleib. Er winkt ab, als ich frage, wie es ihm geht. Weitere Männer, alle unser Alter, finden sich ein. Wir sprechen nicht, starren auf den Boden. Endlich hält ein weißer Scirocco neben uns. Manuela und ein bulliger Kerl in Lederhose steigen aus.
„Das hier ist Hardy vom Chapter Münster.“ Manuela legt ihren Arm um den Biker. „Er ist ab jetzt eure Quelle. 50 Euro pro Shot.“
„Welche Quelle, ich verstehe nicht ..?“, presst einer der Mitwartenden hervor.
Manuela bindet sich ihr Haar zu einem Zopf, ehe sie sich selbst mit schrill verstellter Stimme parodiert: „Ein kleiner Pieks nur!“
Hardy fügt hinzu: „Banshee is´ das heftigste synthetische Heroin, das Mertens je zusammengekocht hat, und ihr Penner habt euch das fünfmal pro Woche in die Backe schießen lassen!“

Wir reden durcheinander. Dinge, die keinen Sinn ergeben, die nicht nach Empörung, eher nach Resignation klingen, nicht mehr als symbolisches Auflehnen gegen die Tatsache, die uns wohl allen unterbewusst präsent war.
Michael, der letzte Pragmatiker unter uns, der Arsch, dem ich alles zu verdanken habe, macht einen Vorstoß: „Aber Manu, wir brauchen jemanden, der das Zeug ... , ich meine, wer soll uns das spritzen?“
„Lasst euch eben was einfallen. Und als kleinen Anreiz: Jeder, der mir zwei neue Phobie-Patienten bringt, kriegt seine normale Dosis, die anderen nur 75%. Wir sind ab jetzt in Bochum, die genaue Adresse kriegt ihr per SMS. Machst du den Rest, Hardy? Ich kann dieses Junkie-Pack nicht mehr ertragen.“
„Aber wir könnten zur Polizei gehen ... “, bringt ein Typ mit wirrem Haar und Fingern wie ein Froschlurch matt hervor.
Hardy packt ihn am Kragen. „Dann erlebst du kleiner Wichser, was echte Schmerzen sind. Die meisten krepieren beim Runterkommen von Mertens seinem Stoff. Dagegen is´´n kalter Crack-Entzug wie von Eduscho auf Kaffee-Hag umsteigen.“



Schon seit Wochen gibt es kein richtig oder falsch mehr, nur Entscheidungen, pro oder contra Banshee. Bis jetzt habe ich mich immer dafür entschieden. Meine Finger zittern mittlerweile so stark, dass sie kaum die Tasten des Telefons finden. Schließlich höre ich das Freizeichen in der Leitung.
„Hallo, Gabi. Hier ist Jörg. Sag´ mal, du suchst doch einen neuen Zahnarzt für dich und die Kinder ... “

Letzte Aktualisierung: 26.03.2011 - 11.15 Uhr
Dieser Text enthält 9960 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2017 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.