Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Süchtig nach ... | März 2011
21
von Jens Ritter

18, 19, 20 … Es begann mit 21, gefühlten 23, als es gerade 6 Millionen gab, ich 321 im Minus war und die Zahlen 5, 7, 13, 21, 33 und 41 getippt hatte. Gezogen wurden damals die 6, 12, 14, 15, 23, 26 und Zusatzzahl 1, an einem Samstag den 23. kurz vor 20 Uhr. Mittlerweile sind 11 Jahre vergangen, ich bin 32, gefühlte 46 und habe ein Minus von 2176 € und 57 Cent auf meinem Konto mit der Nummer 7355412726.
Es ist wieder einmal Samstag, diesmal der 9. April, 21 Uhr 40, im Jackpot sind 2 Millionen und ich erwarte ungeduldig das Ende der 3. Folge, der 2. Staffel von „Hase sucht Kaninchen“, auf Kanal 1. Auf meinen Tippschein habe ich die Zahlen 3, 5, 12, 27, 33 und 41 angekreuzt. Wieder einmal war ich mir nicht sicher, ob ich nicht lieber die 1, 7, 14 und 23 mit dazu nehmen sollte, die meine regelmäßigen Wahrscheinlichkeitsberechnungen herausgespuckt hatten. Mit einem 2. Tipp wäre das kein Problem gewesen, aber der existiert seit 4 Jahre für mich nicht mehr, auf Anraten meines Therapeuten. Da meine Berechnungen auf immer wieder neuen Gleichungen basieren, in denen auch schon mal die Außentemperatur oder der Preis für ein Stück Butter eine Rolle spielen, verlasse ich mich dann doch lieber auf den freien Willen meines Glücksstiftes, obwohl er mir bisher nicht wirklich welches gebracht hat.
In 5 Minuten wird es losgehen, meine Hände haben schon die Obergrenze von 42 Grad erreicht und es sind noch genau 11 Salzstangen da, welche die nächsten 2 Minuten nicht überleben werden. Noch 4, noch 3 Minuten und das Glas mit den Salzstangen ist seit 1 Minute leer. Dann noch 3 Schluck Limonade hinterher und es kann losgehen. Auf Bier habe ich heute wieder bewusst verzichtet, nachdem ich vor 3 Wochen schon ab 13 Uhr damit begann, 8 ½ Bier trank, ungefähr 19 Uhr 21 einschlief und erst gegen 23 Uhr 12 wieder erwachte, also 1 Stunde und 27 Minuten zu spät. Es kann auch etwas weniger gewesen sein, denn zuvor beglückte man das restliche Fernsehpublikum mit einer Liveübertragung, welche wahrscheinlich geschätzte 19 Minuten überzogen wurde. Zum Glück gibt es noch die Videotextseite 581, auf der die Lottozahlen zu lesen sind. Ich verbrachte die ganze Nacht auf dieser Seite, um immer wieder die Zahlen miteinander zu vergleichen, 12, 17, 21, konnte es einfach nicht glauben, 22, 30, 31, dass diese Zahlen gezogen wurden, Zusatzzahl 23. Ich hatte es nicht gesehen, nicht mit meinen eigenen Augen, wie eine Kugel nach der anderen herunter fiel. Und dann dieser Spruch darunter: „ohne Gewähr“. Da musste man doch Zweifel haben! Bei der nächsten Sitzung versuchte mein Therapeut ihn mir zu nehmen, aber ohne Erfolg.
Es ist endlich soweit, 21 Uhr 45. Das Programm spielt mit einem Werbespot in eigener Sache noch etwas auf Zeit, aber dann müssen sie nach gefühlten 5 Minuten ihre Hinhaltetaktik aufgeben. Es sind in Wirklichkeit nur 50 Sekunden gewesen, korrigiert mich meine Digitaluhr, dann tanzen endlich die Lottokugeln über den Bildschirm. Noch ein breites Grinsen und langweilige Begrüßungsfloskeln und endlich rollt die erste Zahl. 4 und danach die 26. Es ist wieder einmal knapp daneben und doch …, aber das kennt man ja. Danach folgt die 12. Endlich kann ich auf meinem separaten Zettel, mit meinem Stift, eine Zahl umkreisen. Das macht Hoffnung und ich werde noch unruhiger, was man in meinem Fall wohl kaum noch werden kann. Es folgen die 30, die 24 und die 1. Wieder einmal sind alle Träume ausgeträumt und ich sitze völlig enttäuscht auf meinem Sofa. Keinen Gewinn, keine Limo und keine Salzstangen mehr. Nicht einmal mein Teddy Bruno kann mich trösten. Er hängt auch nur schlaff auf dem Sofa rum. Vollständigkeitshalber sollte ich noch die Zusatzzahl erwähnen, die 3. Nun ist der Lottoschein nur noch etwas für meine Akten. Fein säuberlich abgeheftet, das Ergebnis der Ziehung daneben sorgsam notiert und somit archiviert, in einem der zahllosen Ordner. Wahrscheinlich werde ich diese Akten mit ins Grab nehmen, ohne jemals richtig gewonnen zu haben. Ich gebe mir noch genau 41 Jahre, nach eigenen Berechnungen, dann wird es wohl vorbei sein und ich habe meine letzte Chance verspielt, mein Geld sowieso. Noch 8 € und 23 Cent sind in meinen Portemonnaie, für diesen Monat. Da werde ich mich wohl kulinarisch etwas einschränken müssen.
Nicht Trübsal blasen. Am Mittwoch gibt es doch wieder eine Ziehung und ich bin wieder mit dabei. Irgendwann wird es klappen, da bin ich mir sicher und wenn ich mit 73 Jahren die Lottowelt verlasse, wird man mich nicht einfach nur auf der Wiese verstreuen. Nein, da wird es für mich ein riesengroßes Grab geben, 3 mal 4 m, mit einen großen weißen Grabstein, 1,50 breit und 2 m hoch, und darauf steht dann:

„Hier ruht Waldemar Kuhn, Gewinner des Jackpots von 12 Millionen, mit den Zahlen 5, 7, 8, 12, 23, 41, Zusatzzahl 2“,

auch wenn das mein Therapeut etwas anders sieht. Ich werde es ihm schon zeigen!


© Jens Ritter

Letzte Aktualisierung: 06.03.2011 - 19.20 Uhr
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