Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Süchtig nach ... | März 2011
Vollmilch-Nuss
von Andrea Will

Ich war Mitte vierzig. Im Beruf erfolgreich als Sekretärin in einem Krankenhaus. Fast alles erreicht und doch mit zwei Schwächen: Ich war süchtig nach Schokolade. Und ich war verliebt in meinen Chef, Klinikleiter Professor Walter Hansen. Vermutlich würde das Verlangen nach dem kakaohaltigen Naschwerk abnehmen, sobald der Professor meine Liebe erwiderte. Manchen Anzeichen glaubte ich entnehmen zu können, dass seine Ehe nicht glücklich war. Ich konnte warten.
Es war fünf Uhr morgens, als mein Wecker mich wie jeden Morgen aus dem Schlaf riss. Das allmorgendliche Ritual folgte: Im Bad die Heizung andrehen. Frühstück vorbereiten. Kleidung herauslegen und die Tasche packen. Duschen, anziehen, frühstücken. Und dann schnell ins Auto und auf den Weg in die Klinik.
Normalerweise war ich die Erste im Verwaltungsbetrieb. Dann herrschte stets eine ungestörte Ruhe. Doch diesmal war mein Chef bereits vor mir da und bat mich in sein Büro. Mein Herz pochte immer laut, wenn ich ihn sah, auch jetzt. So laut, dass ich Angst hatte, er könnte es hören.
„Schön, dass Sie kommen“, sagte er. Man merkte, dass er sehr nervös war.
„Sie müssen heute eine Rede für mich halten. Ich habe ganz vergessen, eher frei zu nehmen. Meine Schwiegermutter feiert ihren 70. Geburtstag. Und die Familie würde es mir sehr übel nehmen, wenn ich nicht dabei wäre. Andere vom Personal kommen für die Rede nicht infrage.“
Mein Gott, dachte ich. Und suchte sofort in meiner Handtasche nach meiner Lieblingsschokolade. Vollmilch-Nuss. Denn ich brauchte sie immer in schwierigen Situationen. Ohne sie fehlte mir einfach etwas Lebenswichtiges.
„Eine Rede. Für Sie? Chef, das kann ich nicht. Ich bin dafür doch noch nicht mal angemessen angezogen.“ Händeringend suchte ich nach Ausreden, um der Situation zu entkommen.
Ich setzte mich. Und doch ärgerte ich mich in diesem Moment, denn wenn ich stehen geblieben wäre, hätte ich zumindest in Ohnmacht fallen können. Ärgerlich, dass ich zu spät auf diese Idee kam. Es wäre die Lösung gewesen. Wieder glitten meine Hände in die Handtasche. Doch ich fand nur noch leeres Einwickelpapier. Ich fing an zu schwitzen. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Erst drehte es sich in meinem vor Sucht gierenden Magen, dann in meinem Kopf.
Ich hatte keine Schokolade mehr. Ich brauchte dringend Nachschub.
„Frau Wiesemann? Hören Sie mir überhaupt zu? Sie müssen mir helfen! Wir erwarten mögliche Geldgeber. Die suchen nach einem Projekt, in das sie investieren können. Und ich brauche Ihnen ja nicht zu sagen, wie es um unsere Klinik steht. Es hat ja schon mehrere Entlassungen gegeben.“
„Chef, ich habe noch nie eine Rede vor Leuten gehalten. Könnte sie nur ablesen. Sie dagegen machen es ohne Vorlage. Ich kann das nicht!“
Ich und eine Rede. Gerade ich! Die immer errötete, sobald sie einem anderen Menschen nur in die Augen sah.
„Nichts Besonderes. Sie müssen nur eine Begrüßungsrede halten. Das ist schon alles. Der Oberarzt wird dann mit den Leuten essen gehen und ihnen die Klinik zeigen. Er kann aber leider nicht früher.“
„Aber ich schaff das nicht. Sie müssen sich da jemand anderen aussuchen.“
„Seien Sie nicht albern. Sie als kompetente Person. Immer tadellos vorbereitet. Überhaupt: wer könnte einer Frau schon etwas abschlagen? Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss weg.“
Damit war alles gesagt. Und ich stand alleine in seinem Büro. In gut einer Stunde würden die ersten Leute eintreffen. Was sagt man da nur? Ich schloss die Augen, sah aber nur Schokolade. Mein Magen schmerzte. Warum tat der Boden sich nicht auf und verschluckte mich? So was passiert leider, wenn überhaupt, nur im Märchen. Wie sollte ich mich beruhigen?
Die große Eingangshalle füllte sich. Praktikanten führten die Gäste in den Vortragssaal.
Da sollte ich bald eine Rede halten und hatte nicht ein einziges Stückchen Schokolade mehr in meiner Handtasche. Noch ein paar Minuten. Meine Gedanken waren nicht bei der Sache. Sie kreisten nur noch um die fehlende süße Droge.
Der Moment war gekommen. Ich stand vor den Anwesenden. Sollte das Geld locker machen, für meinen Geldgeber.
„Sehr geehrte Damen und Herren …“ Ich merkte, wie ich errötete. Worte formten sich ohne Zusammenhang. Ich wusste nur, ich stand da und redete und redete. Und irgendwann hörte ich mich sagen: “Ich möchte Sie nun noch zu einem Rundgang durch die Klinik und zu einem Essen einladen“.
Jetzt, dachte ich, käme zumindest ein kleiner Applaus. Doch ich sah in ratlose Gesichter. Der Oberarzt war eingetreten. Er kam kopfschüttelnd auf mich zu.
„Frau Wiesemann. Ich denke den Rest überlassen Sie mir. Gehen Sie nach Hause.“
Was war nur passiert?
Nur ein Mann, der ebenfalls in der ersten Reihe gesessen hatte, kam auf mich zu.
„Mein Name ist Sprengel. Karl-Josef Sprengel. Inhaber einer großen Schokoladenfabrik. Ich würde Ihnen gerne eine Stelle als Ressortleiterin unserer Werbeabteilung anbieten. Noch niemanden habe ich so ein wunderschönes Hoch auf die Schokolade sagen hören. Zu Ihrem Gehalt wiege ich Sie jedes Jahr auch noch in Schokolade auf.“
„Danke, Herr Sprengel. So, wie das hier gelaufen ist, werde ich wohl einen neuen Job brauchen können. Wann kann ich anfangen?“
Ich lächelte. Armer Walter, selber schuld! Der alte Chef war Vergangenheit, es lebe der neue! Es war bei mir Liebe auf den ersten Blick. Mein Herz sollte nur ihm gehören. Das Gehalt einer Ressortleiterin und jedes Jahr 98 Kilogramm Schokolade. Wer würde da nicht schwach werden?
Inzwischen glaube ich übrigens, dass auch Karl-Josefs Ehe unter keinem guten Stern steht …

Letzte Aktualisierung: 06.03.2011 - 19.19 Uhr
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