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Süchtig nach ... | März 2011

Burgunderfliege
von Karl-Otto Kaminski

Meine Frau mag es eigentlich nicht, wenn ich Wein aus WasserglĂ€sern trinke. Sie hĂ€lt das fĂŒr stilwidrig. Aber sie wird auch böse, wenn ich eines der teuren, geschliffenen WeinglĂ€ser kaputt mache, die sie mit in die Ehe gebracht hat. Doch nach der zweiten Flasche Rotwein sind meine HĂ€nde nicht mehr besonders griffsicher. Also trinke ich meine Tagesration seit dem letzten Missgeschick vorsichtshalber aus dickwandigen, billigen Zahnputzbechern. Wein ist ja schließlich auch nur Wasser, wenn auch ĂŒber Rebholz destilliert.
Ich kann es ĂŒbrigens gar nicht leiden, wenn außer mir noch jemand aus meinem Glas trinkt. Heute Nachmittag versuchte das eine neugierige Stubenfliege. Die verlor dabei auf dem glatten Becherrand wohl irgendwie den Halt und zappelte plötzlich in meinem Burgunder. Erst wollte ich sie ja darin ersaufen lassen, zur Strafe. Aber eine FlĂŒssigkeit, in der eine Leiche schwimmt, ist nicht nach meinem Geschmack. WegschĂŒtten wollte ich den guten Wein aber auch nicht. Es war ja erst mein sechstes Glas, noch fast voll. Also musste das Tierchen da raus.
Ich bin kein ausgebildeter Rettungsschwimmer. Darum dauerte es auch eine Weile, bis ich die kleine Fliege aus dem Nass gezogen hatte. Vorsichtig setzte ich sie auf den Tisch. Sie begann sofort, sich ausgiebig zu putzen. Bein fĂŒr Bein, alle zwölf.
Wie bitte? NatĂŒrlich weiß ich, dass Fliegen nur sechs Beine haben. Ich sah aber zwölf. Liegt wohl an meiner Brille. Muss mir bald eine neue kaufen.
Fasziniert sah ich dem Unfallopfer bei seiner intensiven Körperpflege zu. AllmĂ€hlich bekam ich aber den Verdacht, dass es der kleinen Diebin dabei gar nicht ums Putzen ging. Vermutlich schleckte sie von ihren ExtremitĂ€ten genĂŒsslich die letzten winzigen Tropfen der köstlichen FlĂŒssigkeit ab, in der sie eben beinahe ertrunken war. Nachdem sie schließlich auch noch umstĂ€ndlich ihre FlĂŒgel gesĂ€ubert hatte, rĂŒlpste sie ein wenig, bekam einen Schluckauf und startete dann ungeschickt zu einem taumelnden Rundflug durchs Zimmer. Himmel, war die besoffen!
„Welch winzige Menge Alkohol doch manchem Lebewesen schon zum Rausch gereicht!“, dachte ich ein wenig neidisch. Ich fĂŒhlte mich als ihr Lebensretter, war ein bisschen gerĂŒhrt und im Nachhinein bereit, ihr den Minimundraub zu gönnen.
Die Fliege summte irgendein mir unbekanntes Trinklied. Als ich sie nach dem Text fragte, landete sie reichlich unbeholfen direkt neben der winzigen WeinpfĂŒtze, die ich beim EinschĂŒtten des fĂŒnften Glases auf den Tisch gekleckert hatte. Doch statt meine Frage zu beantworten, begann sie sofort, gierig Burgunder zu schlĂŒrfen.
„Das kann ja wohl nicht wahr sein!“, dachte ich entrĂŒstet. „Hat das unverschĂ€mte kleine Biest denn noch nicht genug?“ Ich kann SĂ€ufer nĂ€mlich auf den Tod nicht ausstehen. Und diese Fliege war auf dem besten Wege alkoholsĂŒchtig zu werden.
„Wehret den AnfĂ€ngen!“, heißt es. Dieser moralischen Aufforderung muss ich unbedingt zustimmen. Darum habe ich das gefĂ€hrdete Tier mit der zusammengefalteten Samstagsbeilage meiner Tageszeitung erschlagen.

Letzte Aktualisierung: 20.03.2011 - 09.13 Uhr
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