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Süchtig nach ... | März 2011

Nach drüben!
von Thea Derado

Nur wer die Sehnsucht kennt
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
Nach jener Seite. (Goethe)

Auf dem einfachen Holztisch liegt ausgebreitet eine Landkarte. Selbst an diesem Nachmittag im Hochsommer des Jahres 1985 dringt kein Sonnenstrahl in die ebenerdige Stube des Hintergebäudes, abgeblockt von den dicht angrenzenden Häusern. Im Lichtkegel der Tischlampe vergleicht Götz mit dem Zirkel zum wiederholten Male die Entfernungen zwischen unterschiedlichen Küstenabschnitten. Wenn es gelingen soll, muss alles stimmen. Schwer ist es, Windrichtung und die Meeresströmung in den Buchten vorherzusehen. Die Gefahr, wieder an den mecklenburgischen Strand getrieben zu werden, birgt ein mörderisches Risiko. Und dennoch! Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Dieser Spruch seiner Großmutter gehörte zwar zu deren Erlebnissen aus der Nazizeit. Aber seinem Gefühl nach ist er in seiner derzeitigen Lage genau so beschissen dran, wie die damals.
Ihm ist, als würde es ihn zerreißen wie einen überhitzten Druckkessel. Seit einigen Wochen kreisen seine Gedanken nur um das eine Thema: Wie komme ich hier raus? Seine Sehnsucht nach Freiheit lässt sich nicht länger an die Kette legen, der Wunsch, sein Leben selbst bestimmen zu können.
Geburtsurkunde und Ingenieur-Diplom zwängt Götz in eine Plastikhülle. Sorgfältig verklebt er sie. Wasserdicht verschlossen, sollte der Inhalt eine Seefahrt ohne Schaden überstehen.
Er zuckt zusammen, als es klingelt. Hastig, dennoch sorgfältig zieht er die Tischdecke über die Karte der Ostseeküste. Zum Zusammenfalten ist keine Zeit. Die kleine Plastiktüte verschwindet in der Innentasche des Anoraks über der Stuhllehne.
Ein Blick durch den Spion besänftigt seinen rasenden Puls. Seine Freundin Biggi steht vor der Tür. Gut! Das kann seine überstrapazierten Nerven vielleicht doch für eine Weile besänftigen, ihn ablenken.
Der Begrüßungskuss schwillt unter dem Ansturm seiner verworrenen Gefühle rasch zu mehr an. Während sie sich wie zwei Gehetzte gegenseitig ausziehen und sich aneinander festsaugen, erhofft jeder vom Anderen Kraft und Zuversicht. Trügerische Hoffnung. Ungestüm drängt Götz seine Freundin auf das ohnehin ungemachte Bett. Ja, er spürt selbst, dass er hart, fast brutal vorgeht. Hoffentlich versteht sie, dass ihm jeder Nerv für Rücksicht und Einfühlung verloren gegangen ist in den Qualen der letzten Tage. Er sucht nur Erleichterung, egal wie. Auch wenn sie nicht lange anhalten wird. Keuchend dreht er sich zur Seite und will nach den Zigaretten langen.
„Du, die von ‚Horch und Guck‘ waren heute bei mir am Arbeitsplatz.“
Erschrocken legt er ihr den Zeigefinger auf den Mund und presst seine Lippen aufeinander. Sie muss verstehen, dass sie schweigen soll! Er zieht sie vom Lager zur Dusche hin. Vor Jahren hat er die Nasszelle in mühsamer Kleinarbeit in dieser Bruchbude installiert. Alles Bück-dich-Ware.
Erst als beide eng unter der voll aufgedrehten Brause stehen, können sie reden.
„Wanzen?“
„Denk schon. Jedenfalls war in letzter Zeit jemand hier drin. Ich hatte Fädchen vor Schubladen und die Schranktür gespannt. Die waren eines Abends weg. Klar sind die hinter mir her. Die wollen mich fertig machen, wie jeden, der nicht im Gleichschritt mit ihnen denkt. Und was wollte ‚die Firma‘ von dir?“
„Soll dich überreden, deinen Ausreiseantrag zurückzuziehen. Ich würde das ja liebend gern tun.“ Zärtlich blickt sie zu ihm auf und schlingt ihre Arme um seinen Hals. „Ich will gar nicht daran denken, dass du von mir weg willst.“
„Wollen? Nicht von dir, mein Schatz. Ich werde getrieben. Das ist kein Klima, in dem Liebe wachsen darf. Wir haben es ja schon so oft bekakelt: Ob ich gehe oder bleibe, du wirst keine Freude an mir haben. Wenn ich hier bleibe, drehe ich durch. Es zersprengt mir den Schädel. Dann können die mich gleich in die Klapsmühle stecken. Oder ich lande im Knast. So oder so, ich bin von der Bildfläche verschwunden.“
„Komm, mir wachsen schon Schwimmhäute zwischen den Fingern.“
Während Biggi ihre Haare frottiert, gleitet ihr Blick über die kahlen Stubenwände. Nicht gerade gemütlich, so eine Junggesellenbude. Aber einer alleinstehender Person steht nun mal nicht mehr als ein Raum zu. Und das hier ist immer noch besser, als unter den neugierigen Blicken und Ohren einer Vermieterin leben zu müssen.
„Kuscheln wir uns ins Bett! Wenn wir die Decke über den Kopf ziehen, können wir uns doch auch unterhalten. – Du, Götz, an der Wand stand doch immer dein Surfbrett?“
„Hm.“ Götz versucht, locker zu klingen. „Ich hab’s bei einem Fischer an der Ostsee untergestellt. Jetzt für den Sommer, ist doch praktischer.“
„Wollen wir nicht mal paar Tage gemeinsam hochfahren? Ich kann freinehmen.“
„Geht ja nicht. Falls doch der Ausreise-Bescheid kommt, du weißt ja, innerhalb von 24 Stunden muss man das Staatsgebiet verlassen haben. Ansonsten war alles für die Katz‘ und man fängt von vorne an. Nein! Ich muss raus, je schneller, desto besser. Mit jeder Faser meines Hirns und meines Leibes jagt es mich von hier weg. Vier Wochen sitze ich nun schon ohne Arbeit, das bringt mich um. Es ist nicht nur, dass sie dich aus dem Betrieb entlassen, ohne jeden Pfennig Unterstützung, weil du dich ja mit dem Antrag angeblich als Staatsfeind zu erkennen gegeben hast.“
„Eine andere Arbeit kriegst du auch nicht?“
„Totengräber wäre das einzige. Wenn sie einen nur erniedrigen können! Aber noch schlimmer ist, dass die Kumpel aus dem Werk, ja aus der eigenen Abteilung, einen großen Bogen schlagen. Sie wechseln die Straßenseite, wenn sie mich nur von weiten sehen! Mich Staatsverräter! Gut, dass ich dich noch habe!“ Seine Umarmung wird wieder enger und drängender.
„Ja, halt mich ganz fest, sonst fang ich an zu flennen.“

Später, bedrückt am Tisch sitzend, läuft die Unterhaltung trotz voll aufgedrehter Radiomusik nur flüsternd. Biggi quält der Gedanke, dass die bevorstehende Trennung ein Auf-Nimmerwiedersehen sein wird.
„Götz, wie unvorstellbar toll wäre es, wenn wir zusammen abhauen könnten!“
„Vergiss es! Ich habe dir doch erzählt, was meinem Schulfreund passiert ist? Er stand in der ČSSR an der Grenze Richtung Österreich. Ein Grenzer fragte ihn: ‚Na, dahin willst du wohl?‘ Er hat nur grinsend genickt, hielt das für nen Gag, und schon hatten sie ihn hops genommen und eingelocht. Macht nichts, dachte er, kannst ja über Dr. Vogel in die BRD verkauft werden. Devisen sind hier ja stets willkommen.“
„Nun, er ist doch auch rausgekauft worden?“
„Aber erst haben sie ihn fix und fertig gemacht. Seine Mutter hat’s mir erzählt. Er saß anderthalb Jahre im Bau, davon sechs Monate Einzelhaft. Der tickt nie wieder richtig. In der Pension, in der seine Mutter drüben untergekommen war, hat er alle Lampenfassungen aus der Decke gerissen und von den Wänden die Steckdosen. War überzeugt, die Stasi hätte alles verwanzt. Verfolgungswahn. Ohne harte Psychopharmaka läuft bei dem gar nichts mehr. Nee, bei aller Liebe, Biggi! Dann lieber bei einer gewagten Flucht vom Grenzschutz abgeknallt werden. Wie auch immer. Nur nicht in die Fänge von diesen Dreckskerlen geraten!“
Sie flüstert ihm ins Ohr: „Wenn du drüben Fuß gefasst hast, kann ich ja einen Ausreiseantrag stellen. Ach, schau nicht so skeptisch. – Na, dann schleich ich mich mal, meine Mutter wartet bestimmt schon mit dem Abendbrot. Morgen nach der Arbeit bin ich wieder hier. Schade, dass es für unsereins kein Telefon gibt.“
„Ha! Die können doch nur so viele Anschlüsse zulassen, wie sie Leute zum gleichzeitigen Abhören haben!“
„Sei nicht so bitter, Schatz. Du warst stets so ein fröhlicher Mensch! Wo ist das alles hin?“
„So? War ich mal fröhlich? Das muss wohl in einem anderen Leben gewesen sein. In diesem Staat wird es auch nie wieder so werden. Die können doch nur mit seelischen Krüppeln klar kommen.“
Beide erschrecken, als es klingelt. Wer? So spät noch? Ratlos schauen sie sich an. Wieder klingelt es, heftiger als zuvor.
„Du musst öffnen, die haben doch Licht gesehen!“, raunt Biggi ihm zu.
Ein Uniformierter steht vor der Tür, fragt nach Herrn N., nach Götz.
Ist es der lang ersehnte Bescheid für die Ausreise? Die Bullen kommen doch sonst stets zu zweit. Sitzt noch einer draußen im Auto? Alles überschlägt sich in Götz‘ Hirn.
„Ich möchte Sie bitten, zu einer Anhörung mitzukommen.“
Anhörung! ? Das kennt man doch! Sechs Monate? Achtzehn Monate? Warum nun das noch? Wer hat mich verpfiffen? Der Fischer, bei dem das Surfbrett liegt? Biggi etwa? Ich werde verrückt, ich stehe das nicht durch! Hoffentlich sieht der nicht, dass die schrillenden Alarmglocken meine Haare aufrichten!
„Tut mir ja leid, dass Se gerade nen Schatz hier ham. Awer Vorschrift is Vorschrift.“
Biggi beobachtet, wie seine Augen den dienstlichen Ausdruck verlieren.
„So eine Anhörung kann wohl länger dauern?“, hört Götz sich fragen.
„Na ja, mer wees es nie genau.“ Der sächsische Staatsfreund ist offenbar einer von der gemütlichen Sorte. Vertraulich flüstert er Götz zu: „Es kann nie schaden, eene Zahnbürschte und Wäsche zum Wechseln mitzunehmen. Awer ich hab nüscht gesagt. Newahr?“
Götz knotet die Schnürsenkel zu und schlüpft in seinen Anorak.
„Schön, dann geh ich mal paar Sachen einpacken. Nehmen Sie doch einstweilen Platz.“
Das Küchenfenster nebenan liegt verführerisch tief. Es führt zur Rückseite, wo kein Streifenwagen steht.
Biggi kennt das tuckernde Geräusch seines anspringenden Motorrades. Für einen Moment setzt ihre Atmung aus und kleine spitze Pfeile entern ihre Eingeweide.
„Kann ich Ihnen derweil eine Limo anbieten? Oder lieber ein Bier?“

Letzte Aktualisierung: 14.03.2011 - 21.00 Uhr
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