Burgturm im Nebel
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"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Traumfrau/-mann | April 2011
Die unbekannte Schöne
von Susanne Ruitenberg

Ferenc sah sie zuerst.
Er stellte seinen Cocktail mit so viel Schwung ab, dass die Orangenscheibe samt aufgesteckter Kirsche und Schirmchen aus dem Glas hüpfte und auf dem Tisch landete. „Wo hat der die aufgerissen“, fragte er und starrte zur Eingangstür herüber.
Ludger fächerte ihm mit der Cocktailkarte Luft zu. „Ferenc? Geht‘s dir gut? Oder hat dir der Verhandlungsmarathon die letzten Nächte den Rest deines Hirns zersetzt? Nicht, dass man bei einem Absolventen der Wickham Law School überhaupt Hirn voraussetzen kann.“
„Lass den Quatsch und schau lieber, wen der hässliche Zwerg von Brooks & Gardiner am Arm hängen hat.“
Zwei Köpfe drehten sich in die angezeigte Richtung. Zwei Augenpaare wurden aufgerissen, zwei Kinnladen klappten gen Süden.
„Ich fass es nicht, die schönste Frau der Welt sucht sich ausgerechnet diesen aufgestumpten Angeber von Clemens Classmann aus“, zischte Thorben.
„Vielleicht hat sie Steuerschulden.“ Ludger kippte den Rest seines Whiskeys hinunter und winkte nach dem Kellner.
Sie saßen im Jimmy‘s, wie jeden Samstag. Zumindest jeden, an dem sie nicht durcharbeiten mussten oder in der Weltgeschichte herumreisten.

Am nächsten Wochenende war Ferenc allein, die beiden anderen trieben sich auf der Hauptversammlung einer Münchner Aktiengesellschaft herum. Aus purer Neugierde war er dennoch ins Jimmy’s gepilgert, obwohl er direkt neben einer Sachsenhäuser Kneipe wohnte.
Um Punkt zehn Uhr, wie das letzte Mal, kam sie herein. Wieder mit dem Steuerzwerg. Ferenc hatte ausgiebig Zeit, sich jeden Zentimeter ihrer Erscheinung einzuprägen. Von der kupferroten Mähne über die dezente Andeutung von Sommersprossen auf ihren schlanken Armen bis zu den grünen Augen, die ihn an eine Katze erinnerten. Und erst die Figur! Kein Hungerhaken wie diese Models, nein, das Mädel besaß Rundungen, wo sie hingehörten und seine Finger sehnten sich augenblicklich danach, ihr die Träger ihres grünen Kleides von den Schultern zu streifen und sich auf Pilgerreise über diese milchweiße Haut zu begeben.

Die Woche über ließen die Mandanten Ferenc kaum Zeit zum Luftholen, geschweige denn zum Nachdenken über das Paarungsverhalten von Mitbewerbern.
Als der Samstag endlich kam, hatte nicht das Jimmy‘s nach endlosem Mailverkehr zum Thema „wohin, wann, und wer kommt alles mit?“ das Rennen gemacht, sondern Ernies Lounge.
Umso überraschter waren die Freunde, als die unbekannte Schöne auch hier aufkreuzte. Diesmal am Arm eines Juniorpartners von Hinkels & Chitwick. Die Konversation geriet ins Stocken, weil immer wieder jemand mit verträumtem Blick zum Ecktisch blickte, an dem sich das Paar niedergelassen hatte, das sich nach einer Stunde bereits erhob. Beim Weggehen sah die Schöne einen Augenblick herüber. Ferencs Herz galoppierte los wie ein Rennpferd nach dem Startschuss. Seinen Freunden schien es nicht anders zu ergehen, so, wie sich ihre Gesichter binnen Sekunden in glühende Flächen bar jeden Funkens menschlicher Intelligenz verwandelten.

Am Dienstag wisperte der Flurfunk, Classmann wäre spurlos verschwunden. Eine dubiose Steuerstruktur bei einem Asset Deal wurde ins Feld geführt. Man wusste ja, wie umskrupellos es bei Brooks & Gardiner zuging.
Zwei Tage später, als Ferenc auf dem Weg zu seinem Vorgesetzten war, hörte er zufällig Ludger, wie er einem Kollegen von der atemberaubendsten Frau der Welt vorschwärmte. „Die schwärzeste Lockenmähne, die du dir vorstellen kannst, dazu Augen wie glänzende Oliven, cappucinobraune Haut und ein Paar Monstertitten, sag ich dir. Wenn die echt sind –zehnkommanull auf der Ludger-Skala.“
Ferenc musste schmunzeln. Na, zumindest ging es nicht um die unbekannten Schöne aus der Bar. Aber von welcher Schwarzhaarigen sprach sein Kumpel? Ihm fiel auf Anhieb keine ein.

Am Freitag erschien nicht der Juniorpartner von Hinkels & Chitwick in Ferencs Kanzlei für eine Verhandlung, wie avisiert, sondern ein Kollege. Ferenc dachte sich nichts dabei. Bei dem Deal war ohnehin eine Armee von Anwälten beteiligt.
Komisch nur, dass der Juniorpartner auch keine Mails mehr beantwortete.
Am Samstag war wieder das Jimmy‘s an der Reihe. Ferenc und Thorben waren schon bei der dritten Runde, ohne dass Ludger aufgekreuzt wäre.
Als er am Arm der Schönen die Bar betrat und triumphierend herüberblickte, fiel Thorben beinahe das Glas aus der Hand. „Wie hat er das angestellt? Und wo hat er sie aufgegabelt? Das ist ungerecht!“
Ferenc kippte seinen Drink in einem Zug hinunter. Ausgerechnet Ludger mit seinen Segelohren und den dünnen Haaren. Etwas mehr Geschmack hätte er der Schönen schon zugetraut. Warum hatte sie nicht ihn auserwählt? Schließlich sah er viel besser aus.
In stillem Einvernehmen gaben sie sich die Kante.

Ferenc, verkatert, flog am nächsten Tag nach New York für einen Deal. Erst am Samstag landete er spät abends in Frankfurt. Nach den anstrengenden Verhandlungen hatte er jetzt einen Drink verdient, befand er, und begab sich, ohne die anderen anzufunken, ins Café Maxwell. Von dort konnte er praktisch ins Bett fallen.
Ein knutschendes Paar in der schummerigen Ecke mit dem bequemen Sofa sprang ihm ins Auge. Rote Haare blitzten von Zeit zu Zeit im Kerzenschein auf.
Als sie aufstanden und die Bar verließen, verschluckte sich Ferenc an einer Olive.
Die Schöne! Diesmal mit - Thorben!

Am Sonntag früh klingelte es Sturm. Mit der Kaffeetasse in der Hand schlurfte er zur Tür.
„Herr Weber? Dr. Ferenc Weber? Kriminalpolizei.“
Ferenc schluckte. Er konnte sich an kein Fehlverhalten erinnern. Hatte er nach einer Tour durch die Bars jemanden angefahren? Er fuhr doch nur Fahrrad. Schulterzuckend öffnete er.
Zwei Beamte betraten seine Wohnung.
„Wir müssen Sie zum Tod zweier Ihrer Kollegen befragen“
„Der Tod zweier ... versteh ich nicht. Ich bin gestern aus New York zurückgekommen und war noch nicht in der Kanzlei. Nehmen Sie Platz. Kaffee?“
Es stellte sich heraus, dass Ludger am Donnerstag tot am Mainufer gefunden worden war. Übersät mit Messerstichen.
„Bei der Befragung gab Ihr Kollege Dr. Thorben Joost an, den Toten einige Male in Begleitung einer außergewöhnlich schönen, sehr schlanken Frau mit aschblonden Haaren und einer auffallenden Goldbräune gesehen zu haben. Sagt Ihnen das etwas?“
Aschblonde Haare? Ferenc runzelte die Stirn.
„Nein, das sagt mir gar nichts. Ich hörte kürzlich, wie Ludger einem Kollegen von einer schwarzhaarigen Schönen vorschwärmte. Dunkelhäutig. Aber von einer Blonden hat keiner je gesprochen.“
Seine Rothaarige konnte es ja auch nicht sein, nicht einmal mit Perücke, so hellhäutig, wie sie war. Also erwähnte er sie nicht. „Aber Sie sprachen von zwei ...“
„Dr. Thorben Joost wurde heute Morgen tot in seinem Auto in der Tiefgarage seines Wohnhauses gefunden. Mit einem Schraubenzieher im Herz.“
Ferencs Kaffee bahnte sich einen Weg zum Notausgang.

Nachdem die Beamten endlich gegangen waren, beschloss Ferenc, sich zur Ablenkung zum Essen einzuladen. Japanisch. Als er danach an der Bar stand, spürte er eine Präsenz im Rücken, drehte sich um und schluckte.
Von Nahem sah sie noch schöner aus. Die grünen Augen waren goldgesprenkelt, die Augenbrauen ebenmäßig, das ganze Gesicht eine Studie in Symmetrie und Perfektion.
„Hallo“, hauchte sie. „Ich hätte Appetit auf einen Cocktail. Hast du schon etwas vor?“
„Jetzt ja“, sagte er, und bot ihr den Arm.
Sie gingen ins Berenice, tranken Cocktails, tanzten. Nach Stunden hauchte sie: „Komm mit mir.“
Ferenc wartete, bereits im Mantel, an der Tür, während sie sich noch die Nase puderte.
An einem Tisch in der Nähe redete jemand auf sein Mobiltelefon ein. Beim Wort „schön“ schob sich Ferenc unauffällig näher heran und spitzte die Ohren.
„Doch, ich schwör’s, es ist dieselbe, die wir schon mal im Jimmy‘s gesehen haben. Die absolute Traumfrau, ich sag’s dir. Immer mit einem anderen Typen. Ach komm, was heißt Verwechslung? So eine üppige kastanienbraune Mähne kann es nicht zwei Mal geben. Und der barocke Vorbau erst. Quatsch, sie war doch nicht rotblond und dünn, wovon träumst du nachts?“
Ferenc begriff und erstarrte.
In dem Moment hakte sich jemand bei ihm ein. „Komm mit“, hauchte sie.

Letzte Aktualisierung: 20.04.2011 - 12.50 Uhr
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