Bitte lächeln!
Bitte lächeln!
Unter der Herausgeberschaft von Sabine Ludwigs und Eva Markert präsentieren wir Ihnen 23 humorvolle Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Elsa Rieger IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Traumfrau/-mann | April 2011
Der Pirat
von Elsa Rieger

Was für eine unmögliche Bar! Ich trete auf die Straße zurück, überprüfe, ob die Adresse stimmt. Tatsächlich! Zögernd trete ich ein.
Von der Decke hängen zerfetzte Fischernetze in schmutzigem Grün herab – manche so tief, dass sie die Köpfe der Gäste streifen. Ich stelle mich an die Theke. Die Barfrau trägt links eine Augenklappe. Ich starre sie offenbar intensiv an, denn hinter mir ertönt: „Die ist echt. Vor ein paar Jahren verlor sie das Auge bei einem Kampf hier herinnen.“
Wie bitte? Ich sehe den Mann an, der sich neben mir an den Tresen lehnt und verhindere gerade noch, vor seinem zahnlosen Grinsen zurückzuprallen. Er zeigt auf seinen Mund. „Mit mir.“
Abgesehen von den fehlenden Schneidezähnen oben und unten sieht er gut aus. Hat etwas von Johnny Depp; die schwellenden Lippen, das kantige Kinn, der leuchtende Blick. Allerdings ist er merkwürdig gekleidet. Die engen schwarzen Hosen stecken in kniehohen Stulpenstiefeln, unter einem dunkelroten Samtwams blitzt eine dicke Goldkette auf der nackten Brust. Am breiten Gürtel baumelt ein Degen; ein Tuch, das mit kleinen Totenköpfen bedruckt ist, hält die dunklen schulterlangen Locken zusammen. Alle seine Finger sind mit gleißenden Talmiringen geschmückt.
„Heutzutage gibt es doch schicke Implantate“, rege ich an.
„Och, ich finde, es passt so ganz gut zu meinem Charisma.“ Er lächelt und prostet mir zu. Nach einem ausgiebigen Schluck Bier sagt er: „Was macht so eine feine Lady in Soho?“
„Ich habe eine Verabredung.“
„Mit mir?“, scherzt er und rückt ganz nah an mich heran.
Ich nehme die Hitze seines Körpers wahr. „Nein ... nicht, dass ich wüsste.“
Er neigt seinen Kopf zu meinem Ohr. „Doch. Mit mir hast du die Verabredung. Ich bin Captain Jack Sparrow auf Landgang, meine Süße.“ Nach dem Satz steckt er seine Zunge zärtlich in meine Ohrmuschel. Rauschen umfängt mich, ich schließe die Augen. Aber warum denn die grässlichen Zahnlücken? Jack Sparrow legt den Arm um meine Taille, zieht mich an sich, knabbert an meinem Hals. Mich aus seinen Armen windend, nehme ich Abstand. Er grinst. Ich streiche über die angeknabberte Stelle an meiner Kehle, blicke auf die feuchten Finger: schwarze Farbe.
„Komm mit“, sagt er in tiefer Stimmlage und packt mich an der Hand, wirft ein paar Münzen auf die Theke und schiebt mich raus auf die Straße. Wir stehen auf der Dean Street, Ecke Oxford, das nächtliche Soho ist in rotes Reklamelicht getaucht. Jack Sparrow spuckt in ein Taschentuch und reibt die Schminke von seinen Zähnen.
„Los, komm“, treibt er mich an. Seinen Arm hat er fest um meine Schultern gelegt, wir laufen in Richtung Compton Street. Die Straße ist überfüllt mit Touristen, deren Blicke uns treffen. Kein Wunder, bestimmt fragen sie sich, ob der Pirat die hübsche Frau in dem eleganten Nadelstreifkostüm als Geisel genommen hat. Ich fühle mich auch so, kann kaum Schritt halten mit dem gestiefelten Kerl. Unerwartet zerrt er mich in einen Hauseingang und küsst alles an mir, was nicht von Stoff bedeckt ist.
„Komm“, flüstert er. Wir laufen weiter. An der Kreuzung wartet eine zweispännige Kutsche. Jack hebt mich schwungvoll ins Innere, knallt die Tür zu. Vom Kutschbock ertönt ein Peitschenknall, und die beiden Braunen traben los. Der Pirat schiebt die Hand unter meinen schmalen Rock, kühl spüre ich das Metall der Ringe, heiß seine Fingerspitzen, die sich ihren Weg bahnen. Nur allzu bereit bin ich. Als ich zu stöhnen beginne, lässt er mich allein mit meiner Lust, lehnt sich zurück und lacht. Ich richte mich auf und schlage die Beine übereinander, zwischen denen es pulsiert. Zur Ablenkung sehe ich nach draußen.
Wir haben die Themse erreicht, und nach wenigen Minuten wird angehalten, die Pferde schnauben leise. Jack Sparrow springt aus der Kutsche, reicht mir galant die Hand. Vor uns liegt der Kai, am Ende der Mole flackert eine Laterne.
„Komm schon!“ Er sagt es in meinem Mund, seine Zunge schmeckt nach Rosenwasser. Wir balancieren über die Planke auf eine altertümliche Schaluppe. Der Steuermann salutiert, das Schiff legt ab. Durch die Luke steigen wir in den Bauch hinab. Jack wiegt sich den engen Gang entlang, ich folge ihm atemlos. Er reißt eine Tür auf – die Kapitänskajüte! Auch hier flackernde Petroleumlampen. Das alte Holz knarrt, spricht von Kämpfen mit Kanonen, ich sehe geradezu, wie der Captain mit dem Zirkel auf dem schweren Schreibtisch die Seekarte studiert.
Als Jack mich von hinten umfängt, zur Koje drängt, mich in die nach Frische duftende, spitzenbesetzte Bettwäsche fallen lässt, summt das Blut in meinen Adern und beinahe schwinden mir die Sinne vor Begierde, von ihm besessen zu werden. Und schon entkleidet er mich, schält sich aus dem Kostüm, ist neben mir, auf mir, unter mir. Ich wiege mich auf seiner glühenden Mitte, meine Schenkel umfasst von den kräftigen Händen, die unseren Tanz der Liebe dirigieren. Er gönnt mir noch nicht den Sternenschauer der nahenden Entladung, gleitet unter meinem Leib weg, mein Seufzen ist wohl Gesang in seinen Ohren, denn er lässt ab von mir, streichelt nur zärtlich mein Gesicht.
„Komm her“, sage ich.
Im Morgendämmern erzittern wir gemeinsam, unser Schrei weht über die stille Stadt. Das Schiff legt an.

Als wir durch die erwachenden Straßen unserem Hotel zuwandern, drückt er meine Hand. „Ich hoffe, es war alles nach deinen Wünschen“, sagt er, jetzt in Jeans und Sakko. Das Piratenkostüm hat er in der Kajüte gelassen; der Skipper wird es dem Kostümverleih retournieren.
Ich bleibe stehen, sehe ihn an. „Danke für dieses zauberhaften zehnten Hochzeitstag, Liebster. Du bist und bleibst mein Traummann. Für nichts auf der Welt würde ich dich eintauschen wollen! – Wie wäre es im nächsten Jahr mit Lancelot?“
Er legt den Kopf in den Nacken und sein wundervolles Lachen ertönt in dem Moment, als die Sonne über den Dachgiebeln erstrahlt.

Letzte Aktualisierung: 06.04.2011 - 09.19 Uhr
Dieser Text enthält 5769 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2020 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.