Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Traumfrau/-mann | April 2011
The winner takes it all
von Hajo Nitschke

Geduldig harrte sie aus. Fragte sich, während sie ihn beobachtete, ob etwa jemand sie im Fokus hatte. Aber da war sonst niemand.


***

Sie wartete. Saß nur da und sah ihn an. Atmete gleichmäßig, im ruhigen Rhythmus des Herzschlags. Konzentriert. Aber auch gelassen, beinahe andächtig. Ihre Haltung wie die einer Madonna. Hure und Heilige zugleich. Es war, als falteten sich ihre Hände wie zum Gebet. Ein langes Gebet, denn sie hatte noch Zeit. Sollte das Abwarten die kritische Masse erreichen, würde sie handeln. Ihrer Macht war sie sich bewusst. Er konnte ihr nicht entkommen. Jetzt nicht mehr. Aber das wusste er nicht. Oder doch? Ahnte er etwas?

Seine Augen bekamen jenen Glanz des Begehrens. Langsam, zögernd fast, schritt er auf sie zu. Stellte sich vor sie hin und schaute sie verlangend an. Sie, seine Traumfrau. Das Warten hatte sich gelohnt.




Gelohnt hatte es sich für sie, die nun den Atem anhielt. Der ewig gleiche Mechanismus des Triebes würde sich in diesem Moment wiederholen. Eine vertraute Stimme sang in ihrem Kopf:

”Something in your eyes was so inviting …“



Er stürzte sich auf sie. Mehr noch: Er besprang sie. Brutal und fordernd. Alle Scheu war verflogen. Kein Argwohn mehr, keine Vorsicht, kein Schutz. Sie nehmen, aber sich ihr gleichzeitig völlig hingeben. Und sie selber zur Hingabe zwingen. Seine Vorgänger? Vielleicht waren sie einfach schlechtere Liebhaber. Er jedenfalls würde der Sieger sein. Sie die Besiegte. Seine Angebetete, seine Göttin, von seiner Leidenschaft unterworfen.

Eng presste er sie an sich. Drang in sie ein, die sich seiner Männlichkeit willig öffnete. Die ihn umfing und fest an sich drückte. Ihre Augen tauchten groß wie Sterne in die seinen. Entfachten mit ihren tiefen Blicken seine Glut erst recht. Zwei Leiber, die eng umschlungen hin und her zuckten im ekstatischen Tanz des uralten Rituals der Geschlechter, solange es Leben gibt. Er meinte, vor Lust zu vergehen. Wollte vor Wonne schreien, doch sie verschloss sanft seinen Mund mit ihrem. Schaute ihn nur an.




”Something in my heart told me I must have you.”

Strangers in the Night: Sie waren immer noch da, die Fremden! Fremd und doch vertraut. Ruhig, Frankie Boy, dachte sie: Du bist schon eine Weile tot. Und er wird es auch bald sein. Seine Traumfrau hat er gefunden? Es wird sein Albtraum werden. Ein kurzer, aber schrecklicher Albtraum. Ja, jetzt begreift er. Jetzt, da er wehrlos ist, nicht einmal mehr schreien kann.



Das Toben der Begierde hatte an die zwei Stunden gedauert. Immer neue Wogen der Leidenschaft! Nun endlich schien sie des Liebesspieles müde zu sein. Hielt ihm den Mund zu, ihm, der sein Entzücken hinausschreien wollte. Er versank, nun doch erschöpft, selig im Anblick ihrer Augen. Waren diese, wenn es denn möglich wäre, gerade nicht noch größer geworden? Woran mochte sie denken? Mit einem Mal beschlich ihn ganz zaghaft ein Gefühl der Besorgnis. Hatte er im alten Ringen der Geschlechter wirklich den Sieg davongetragen? Sie, seine Traumfrau, für sich gewonnen, für sein Leben?

Doch über sein Leben dachte sie offenbar anders als er. Völlig anders, wie er jäh zu erkennen glaubte. Aus seiner Besorgnis wurde Angst. Als sich das Gesicht der Göttin in eine Fratze verwandelte, wich die Angst der Panik.

Fort! Nur fort!




In diesem Moment drängte sich der King of Pop dazwischen! Er sang den immergültigen Thriller. Die ewige Macht des Weibes, dachte sie triumphierend. Was mochte das Opfer in diesem Augenblick empfinden? Ihr Körper wurde zu einem einzigen Resonanzboden:

“She’s so dangerous, dangerous …”

Vielleicht hörte auch er den Thriller?

Dangerous!
Dangerous!

Vielleicht dämmerte es ihm, dass sie die Herrscherin war? Und er der Verlierer?

Dangerous!
Dangerous!

Vielleicht sah er seine Traumfrau jetzt mit anderen Augen? Jetzt, da es zu spät war.

Dangerous!
Dangerous!



Es WAR zu spät! Er mochte sich winden und sich abstemmen: Es gab kein Entrinnen. Sie hielt ihn in schmerzlich hartem Griff. Es bohrte sich wie Stahl in seinen Rücken. Da wusste er: Sein Schicksal war besiegelt. Er hatte die Gefahr unterschätzt. Seine Instinkte hatten ihn verlassen. Etwas Besseres zu sein als die anderen, hatte er sich eingebildet. Welcher Hohn! Die Erkenntnis ließ ihn in Gleichgültigkeit erstarren. Apathisch in sein Schicksal ergeben, blickte er in ihre Augen. Und in ihren Schlund. Der Kussmund war zum Mordwerkzeug geworden. Zum Rand der Hölle. Und die Hölle kam über ihn.



Angewidert und fasziniert zugleich verfolgte sie seinen Todeskampf.
Dangerous? Welch schwaches Synonym für die weibliche Omnipotenz! Für eine Herrschaft, offen oder heimlich, der kein männliches Wesen gewachsen ist. Eine unbändige, alles entmachtende, alles versklavende, alles verzehrende Gewalt. Unter der Mimikry göttlichen Glanzes und nahezu spiritueller Schönheit verborgen. Jede eine Madonna. Jede eine Weltenlenkerin. Törichte Zweifler: Sie bezahlten mit dem Leben. So, wie er.



Er war noch bei Besinnung, als sich ihre Kiefer über seinem Kopf schlossen. Auch als es krachte und mahlte, arbeiteten noch Restteile des Hirns. Dann war nichts mehr. Sie hatte den Kopf mit ihrer Fressöffnung völlig abgetrennt. Fraß ihn zügig. Riss den dicken, fleischigen Brustteil mit dem Fangbein vom Rumpf und kaute ohne Hast. Den Rumpf ließ sie achtlos wie ein lästig gewordenes Spielzeug zu Boden fallen. Das zweite Fangbein umschloss das restliche Beutestück zusätzlich. Aus zwei betenden Händen waren zwei Leichenbestatter geworden, aus Albrecht Dürer Hieronymus Bosch. Und endlich war sie gesättigt. Nichts mehr außer dem weggeworfenen kleinen Fetzen des schmalen Rumpfes war von ihm übrig. Ihr Hunger war für eine Weile gestillt. Sie hatte nicht zu jagen brauchen. Ihre Beute war freiwillig gekommen. War ahnungsloses Opfer geworden: Sexkannibalismus …


***

Ja, freiwillig, dachte sie. Sie dünken sich als Machthaber über uns. Aber sie kommen freiwillig und wir verschlingen sie. Mit Haut und Haar. Welch Triumph! Und dieses Gefühl erwuchs jedes Mal in ihr, wenn sie die zartgrüne Göttin beobachtete, ihre Mantis religiosa.
Die Gottesanbeterin, deren Insektarium für ihre Besitzerin längst zum Wallfahrtsort geworden war. Welche Anmut, welche Selbstbeherrschung! Welche majestätische Ruhe, und diese allwissenden Augen! Einzigartig im Insektenreich der dreieckige Kopf auf einem Kugelgelenk, das eine Rotation um 360 Grad erlaubte. Immer, wenn die Mantis den Kopf zu ihr drehte oder ihn gewissermaßen mitwandern ließ, sobald man an ihrem kleinen Reich vorüberging, geschah es. Und es geschah vor allem, wenn die Beobachterin ihre Position vor dem sandigen, zweigbestückten Mantis-Gehäuse einnahm. Es war, als entstünde zwischen ihnen eine Beziehung, ein Kontakt.

Das herrliche, beinahe zehn Zentimeter lange Geschöpf kauerte auch jetzt auf seinen vier Schrittbeinen und hatte die zwei Fangbeine wieder vor der Brust gefaltet. Der Dreieckskopf war der Betrachterin zugewandt, die großen Fühler standen ab wie eine Herrscherkrone. Und die riesigen Facettenaugen schienen umgekehrt sie zu studieren. Wir verstehen einander, dachte sie. Er wird sich noch wundern. – Aber dann wird es zu spät sein, fügte sie laut hinzu. Die Mantis ließ den Blick nicht von ihr. Ja, wundern, zu spät sein, greifen, fressen, schien sie die Botschaft der Zukunft hinter die Stirn der Beobachterin zu senden. Die Stirn, hinter der sich ein weiterer Geist zu den anderen Solisten gesellte, gar eine Band:

“We are the champions, my friend, …”

Freundchen, das wirst du bald erleben, frohlockte sie. Dann sang sie leise den Refrain mit. So leise, dass er, der soeben betrunken wie so oft nach Hause gekommen war, es nebenan nicht hören konnte. Hören und Sehen würden ihm bald vergehen, dieser Niete. Vielleicht schon diese Nacht, wenn er sich mit seinen stinkenden Ausdünstungen sabbernd über sie werfen würde.

“… and we’ll keep on fighting till the end.”

Dieser Möchtegern-Despot. Jemand, der glaubte, für immer grausamer Tyrann, Sklavenbesitzer und Dauervergewaltiger sein zu dürfen. Seine Tage waren gezählt. Noch konnte sie warten. Konnte sich verstellen, um den günstigsten Zeitpunkt zu treffen.
Sie ahmte die Mantis nach:

Atmete gleichmäßig, im ruhigen Rhythmus des Herzschlags. Konzentriert. Aber auch gelassen, beinahe andächtig. Ihre Haltung wie die einer Madonna. Hure und Heilige zugleich. Ihre Hände falteten sich vor der Brust wie zum Gebet. Ein langes Gebet, denn sie hatte noch Zeit. Sollte das Abwarten die kritische Masse erreichen, würde sie handeln. Ihrer Macht war sie sich bewusst. Er konnte ihr nicht entkommen.

“No time for losers, ’cause we are the champions …

… of the world.”

Letzte Aktualisierung: 27.04.2011 - 13.18 Uhr
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