Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Traumfrau/-mann | April 2011
Herzschmerz
von Ingo Pietsch

Brigitte lag am Strand und ließ sich von der Sonne verwöhnen.
Die zierliche junge Frau steckte mitten in ihrem Studium an der Hamburger Uni. Eine Woche Ruhe vom Lernstress, der sie die ganze Zeit über verfolgte.
Die Semesterferien dauerten zwar noch viel länger, doch reichte das Ersparte aus dem Nebenjob nur für diese kurze Erholzeit.
Brigitte war mit ihrer Freundin Ramona nach Mallorca gefahren. Alleine hätte sie sich das nicht getraut. Auch hatte Ramona ihr den Badeanzug weggenommen, der gut zwei Drittel ihres Körpers bedeckt hatte und ihr einen der eigenen Bikinis gegeben, damit sie nicht nur im Gesicht braun wurde.
Brigitte war normalerweise leicht zu überreden, aber sie konnte auch stur wie ein Esel sein, wenn sie in ihrer Meinung festgefahren war.
Ramona nahm sie des Öfteren an die Hand, wenn sie sich zum Shoppen verabredeten oder in die Disco gingen. Brigitte wusste, dass Ramona die Attraktivere war. Und prompt schlugen alle Versuche fehl, sich ins rechte Licht zu setzen, wie sie es auch anstellte. Ramona bekam das nicht so ganz mit, wie Brigitte sich das gewünscht hätte, und so direkt wie ihre Freundin war sie nun einmal nicht. Brigitte zog sich immer mehr in sich selbst zurück und Ramona deutete das, ihre Bemühungen zu steigern.
Brigitte hatte eigentlich zu hause in der gemeinsamen Wohnung bleiben wollen, aber letztendlich eingesehen, dass der Tapetenwechsel auch ihr gut tun würde.
Während Brigitte ihren Gedanken nachhing und bald darauf vor sich hindöste, traf sie etwas Kaltes am Oberschenkel.
Vor Schreck setzte sie sich auf. Erst sah sie nur helle Flecken vor ihren Augen. Wenn es wenigsten nur das Eis war, was sie getroffen hatte, welches Ramona holen wollte. Es war allerdings zu befürchten, dass es von viel weiter oben gekommen war.
Als sie wieder richtig sehen konnte, erkannte sie den Übeltäter: Eine Frisbee-Scheibe.
Langsam beruhigte sie sich wieder.
Brigitte stand auf und suchte mit einer Hand als Sonnenschutz über den Augen nach jemandem, der sein Spielzeug vermisste.
Sie starrte auf die gebräunte Brust eines jungen Mannes.
„Sorry, it´s mine“, sagte ein Spanier etwa in ihrem Alter, in gebrochenem Englisch. Sie musste zu ihm aufschauen, da er einen Kopf größer war als sie.
„Ich, ich“, stotterte Brigitte. Sie hielt die Frisbee fest an ihren Körper gepresst. Ihr Herz schlug wild.
„Hey!“, sagte der Fremde. „Kommst du etwa aus Deutschland?“
Birgitte nickte bloß und brachte keinen weiteren Ton heraus. Sie hatte sich sofort in ihn verschossen.
„Ich bin Ricardo“, versuchte er das Gespräch fortzuführen und hielt ihr die Hand hin. Schüchtern schüttelte sie sie.
„Hast du eigentlich auch einen Namen?“
Brigitte lief rot: „Ich bin Biggi.“
„Freut mich. Sag mal, hast du heute zufällig schon was vor? Nicht, dass ich aufdringlich sein will oder so, aber ich würde gerne mit dir was trinken gehen.“
Sie war sich nicht sicher, ob er es ernst meinte oder nur versuchte, sie rumzukriegen. Sie war eher ein Durchschnittstyp und Ricardo sah so verboten gut aus. Aber sie glaubte in seinen Augen die Wahrheit erkennen zu können.
„Ich weiß nicht“, meinte sie unentschlossen.
„Du kannst ja jemanden mitbringen. Außer es ist dein Freund!“, versuchte er sie zu überreden.
Brigitte brauchte einen Moment, um ihre Gedanken zu sammeln und die Anspielung zu verstehen. „Ich habe keinen Freund“, antwortete sie mit fester Stimme. „Aber ich bringe meine beste Freundin mit.“
Ricardo strahlte sie an: „Dann heute Abend an der Strandbar.“
Brigitte nickte.
Er sah sie noch länger an. Sie bekam Gänsehaut und begann leicht zu zittern.
„Äh, ich hätte noch gerne meine Frisbee wieder.“
Brigitte presste das Wurfgerät immer noch an sich.
„Ja, na klar.“ Sie gab ihm die Scheibe wieder.
Beim Weggehen winkte er ihr noch einmal zu.
„Wer war das?“, wollte Ramona wissen. Sie kam gerade vom Eisverkäufer wieder und hielt ihr ein Eis hin.
Brigitte sah zu Ricardo und den Frisbee-Spielern.
„Das ist unser Date für heute Abend!“, antwortete sie strahlend.
„Aha“, sagte Ramona und leckte an ihrem Eis. „Da bin ich ja mal gespannt!“

01.08.2009
Ich habe im Urlaub einen total süßen Typen kennengelernt. Wir haben uns am Strand getroffen und uns sofort ineinander verliebt. Er heißt Ricardo und studiert auch hier in Hamburg. Abends waren wir noch in ein paar Clubs. Moni war sauer, weil er nur Augen für mich hatte. So ging das noch die ganze restliche Woche auf Mallorca. Ich habe gar nicht richtig mitbekommen, dass sich Moni wie das fünfte Rad am Wagen fühlte, bis sie es mir gesagt hat. Das war mir ziemlich peinlich und unfair ihr gegenüber.

09.08.2009
Zurück in Hamburg mussten wir uns gleich wiedersehen. Ricardo war schon zwei Tage vorher angekommen. Aus Rücksicht auf Moni treffen wir uns bei ihm, da ich mit ihr eine Wohnung teile.

12.08.2009
Ricardo ist ganz lieb zu mir und bedrängt mich auch nicht. Er hat mir erzählt, dass sein Vater Spanier und seine Mutter Deutsche ist, deshalb habe ich ihn am Anfang für einen Einheimischen gehalten!
Heute waren wir zusammen im Kino. Er hat mich wie ein Gentleman nach hause gebracht und wir küssten uns noch lange, bevor er ging.

13.08.2009
Wir haben Stress mit dem Studium, aber am Wochenende wollen wir uns wiedertreffen. Moni geht mir schon ständig auf die Nerven, weil ich angeblich gar nichts mehr mit ihr unternehme. Dabei habe ich kein einziges Mal Ricardo erwähnt.

16.08.2009
Endlich Wochenende! Ricardo und ich waren Schwimmen. Moni wollte lieber zu Hause bleiben, lernen und schmollen. Ich glaube sie ist eifersüchtig. Das kann ich gut verstehen, denn Ricardo sieht sooo gut aus!

21.08.2009
Heute war Kuschel-Video-Abend. Natürlich haben wir uns Titanic angesehen. Wir sind an diesem Abend zum ersten Mal zärtlich miteinander geworden. Ricardo ist so ein toller Mann! Ich bin so glücklich.

Ramona legte Brigittes Tagebuch zur Seite. Brigitte hatte es versehentlich offen auf dem Wohnzimmertisch liegen gelassen.
Ramona bekam einen roten Kopf. Wenn sie die Gefühle ihrer Freundin nur geahnt hätte.
Brigitte kam angezogen und mit einem Handtuch um den Kopf gewickelt aus dem Bad.
Irritiert sah sie Ramona an und entdeckte dann ihr Tagebuch.
„Biggi! Es tut mir so leid. Ich wusste nicht, was du die ganze Zeit durchgemacht hast. Aber warum schreibst du die Dinge so auf, als wenn du sie erlebt hättest?“
Ramona ging auf Brigitte zu. Eigentlich hatte sie ihre Freundin umarmen und trösten wollen.
Im selben Moment klingelte der Ofen und Brigitte stürmte in die Küche.
Vorsichtig ging ihre Freundin hinterher.
Brigitte hatte das heiße Blech auf den Herd geschmissen und malträtierte die Pizza mit einem Fleischmesser, da sie keinen Pizzaroller hatten.
Ihre Linke umklammerte verkrampft das Messer, sodass ihre Knöchel weiß hervorstanden.
Ramona konnte nicht sehen, ob sie wütend oder traurig war. Aber wahrscheinlich war es von beidem etwas, da sie schluchzte.
„Biggi, ich wollte dir Ricardo nicht wegnehmen oder dir wehtun. Glaub mir bitte!“
Brigitte reagierte überhaupt nicht, so, als wäre sie allein in der Küche. Obwohl die Pizza fertig geschnitten war, schnitt sie auf dem Blech immer kleinere Kästchen.
Ramona riss ihre Freundin an der Schulter herum, damit sie ihr zuhörte.
Beide standen sahen sich still in die Augen. Ramona schnappte nach Luft. Sie bekam nur ein Röcheln zustande. Brigitte ließ das Messer los, das in Ramonas Brust steckte. Zwei Herzschläge stand sie noch da und sackte dann lautlos in sich zusammen.
Langsam breitete sich eine Blutlache unter dem toten Körper aus. Minutenlang stand Brigitte starr vor Schock da, während ihr unzählige Gedanken durch den Kopf gingen. Angst überkam sie. Sie zog das Messer aus der Wunde und presste vergebens ihr Handtuch darauf. Ramonas gebrochene Augen starrten zur Decke.
„Hallo! Seid ihr in der Küche?“, drang es von nebenan herein.
Ricardo war zum Pizza essen gekommen.
Brigitte sah sich hilfesuchend um. Sie nahm das Messer hielt es hinter ihren Rücken und ging ins Wohnzimmer.
„Hi Biggi! Ist Moni auch in der Küche?“, lächelte Ricardo sie an.
Aschfahl und monoton antwortete sie: „Sie ist schon vorgegangen.“
„Hä, wohin denn? Sag mal geht es dir gut?“ Ricardo ging auf sie zu.
Kurz vor ihr blieb er stehen und blickte zur Küchentür. Brigitte hatte eine blutige Fußspur hinterlassen.
„Bist du durch die Tomatensoße gelaufen?“
Brigitte sah zur Tür zurück. „Moni hat dich mir weggenommen! Du bist mein Traummann! Ich kann dich jetzt so einfach nicht gehen lassen!“ Unter Tränen der Wut, fing sie an zu weinen.
„Wo ist Moni? Was hast du hinter deinem Rücken versteckt?“ Ricardo war mit jeder Frage aufgebrachter geworden.
„Das ist mein Geschenk für euren Verrat.“ Birgittes Verstand schaltete sich endgültig aus und ihre Gefühle, die sich die ganze Zeit über aufgestaut hatten, übernahmen die Kontrolle. Weg war der Schmerz die beste Freundin verloren zu haben.
Mit beiden Händen packte sie das Messer und stürzte auf Ricardo zu.
Der Angriff kam völlig überraschend. Nie hätte Ricardo dieser zierlichen jungen Frau einen solchen Gewaltausbruch zugetraut. Doch viel Zeit blieb ihm nicht mehr, um über sein Erstauen, ja, Entsetzen nachzudenken. Gerade noch konnte er in einem Reflex heraus die Arme hochreißen. Die Klinge fuhr wie ein metallener Blitz durch seine Deckung und er verfolgte mit einem ebenso kurzen Anflug des Unverständnisses ihren Weg…

Letzte Aktualisierung: 19.04.2011 - 11.31 Uhr
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