Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Traumfrau/-mann | April 2011
Sternenhimmel
von Gisela Reuter

Das Schlimmste war, wenn sie mich fragten, was mein Vater beruflich macht. Sicher wollten sie es nicht aus wirklichem Interesse wissen. Doch es war wohl gerade so eine Mode. Ich hasste diese Frage. Ich hasste sie, weil ich sie nicht beantworten konnte. Und ich hasste es, aufs Gymnasium zu wechseln. In eine neue Klasse. Dann käme wieder diese Frage. Was macht dein Vater?

Niemand schien darüber nachzudenken, wie armselig ich mich fühlte, wenn ich nach ihm gefragt wurde. Denn ich habe keinen Vater.
Als ich das Gerda erzählte, hat sie mich ausgelacht und gemeint, das sei Quatsch, weil jedes Kind einen Vater hat. Ihre Mutter hat ihr das wohl gesagt. Oder ihr Vater. Vielleicht auch beide.
Zuerst habe ich mich geschämt aber irgendwann einfach mitgelacht, weil das weniger weh tat als die Schmach, vaterlos zu sein.

Ich versuchte mich daran zu erinnern, was meine Mutter geantwortet hatte, wenn ich sie nach ihm fragte. Sie wich jedes Mal aus. Und ich meinte, dabei einen traurigen Schimmer in ihren Augen entdeckt zu haben. Irgendwann habe ich aufgehört zu fragen.
Und später begann ich, mir einen Vater zu träumen.

Er war groß und klug. Er nahm mich auf den Arm und trug mich durch den Garten. Manchmal hob er mich an einer Hand und einem Fuß hoch und drehte sich. Flugzeug nannten wir das.
Wenn ich die Augen fest geschlossen hielt und ganz intensiv daran dachte, wurde mir sogar ein wenig schwindelig.
Er hörte mir zu, wenn ich von der Schule erzählte und tröstete mich, wenn ich eine Arbeit verhauen hatte.

Während meine Schulkameraden die Beatles und die Stones anhimmelten, schwärmte ich von einem Vater.
Ich wollte nicht betrogen sein von dieser Welt. Ich wollte beide Elternteile haben. Ich kramte in Mutters Nachttischschublade, in der Hoffnung meine Geburtsurkunde zu finden. Ich stellte mir vor, dass dort ein Name stünde, damit ich diesen Mann, der mein Vater war, ausfindig machen könnte. Natürlich hätte er so sein müssen wie in meinen Träumen. Das war Bedingung. Mit zehn Jahren hat man solche Gedanken. Solche Träume. Solche Sehnsüchte.

Mit dreizehn bekam ich ein Tonbandgerät. Ich begann, Hitparaden aus dem Radio aufzunehmen und war fasziniert von der Musik. Zu Weihnachten wünschte ich mir eine Gitarre. Meine Mutter schüttelte den Kopf. Don McLean, Janis Joplin und Bob Dylan waren hoch im Rennen bei meinen Schulkameraden. Ich übte ‘Blowing in the wind’, bis meine Fingerkuppen schmerzten. Ich nahm mir vor, es meinen Mitschülern vorzuspielen und zu sagen, dass mein Vater Musiker sei und mir das Stück beigebracht hätte. Dieser Gedanke lies mein Herz höher schlagen. Mein Vater ist Musiker. Er ist immer auf Tournee. Manchmal darf ich in den Ferien mit ihm reisen und abends spielen wir dann gemeinsam auf unseren Gitarren.
Ich war nicht traurig, als ich sitzenblieb und in eine neue Klasse musste. Ich konnte kaum das Ende der Ferien abwarten. Und wenn dann nach ein paar Tagen die Frage käme, was mein Vater macht, würden meine Augen leuchten, meine Stimme würde nicht zittern und alle würden mich um ihn beneiden. Mein Vater ist Musiker.

Ich träumte ihn auf die Bühne. Und mich in die erste Reihe. Der Applaus begleitete mich in den Schlaf, wenn ich im Bett lag. Er begleitete mich am Tag, wenn ich in der Schule saß. Und ganz besonders begleitete er mich, wenn ich auf meiner Gitarre spielte. Ich hatte mir ein Bild geformt, das mir den nötigen Halt gab. Ein Bild von einem Menschen, der mich behütete. Der auf mich acht gab. Dem ich alles erzählen konnte, was meine Kinderseele bewegte.

Die Tochter meines Gitarrenlehrers fragte mich einmal, für wen ich schwärme. An diesem Tag bekam mein Vater einen Namen. Ich hatte soeben ein neues Stück von Don McLean gelernt. Vincent. Starry starry night. Sternennacht. Sterne am Himmel. Mein Vater war ein solcher Stern. Vincent, sagte ich daraufhin, Vincent heißt er. Das Mädchen zuckte mit den Schultern und gab mir damit zu verstehen, dass es ihn nicht kannte. Und ich zuckte ebenfalls die Schultern und gab ihr damit zu verstehen, dass sie keine Ahnung hatte.

Die Furcht, meine Mutter könne mir erzählen, mein Vater hätte sie verlassen oder wäre gestorben oder sie wüsste gar kaum mehr, wer er sei, nagte zeitweise an mir, aber es gelang mir mit den Jahren, sie mehr und mehr zu verdrängen. Ich glaube, meine Mutter war froh, dass ich keine Fragen mehr stellte.

Als sie starb, war ich fünfzehn. Irgendwie gelang es mir, mich von meinem Vater trösten zu lassen. In Gedanken. In meinen Träumen. Meist brauchte ich seinen Trost nachts, wenn ich meine Mutter besonders vermisste und mich bemühte, nicht zu weinen. In diesem Schuljahr blieb ich erneut sitzen und es war mir egal. Meine Mutter fehlte an allen Ecken und Enden, aber ich hatte ja noch meinen Vater. Mein Vater, der Musiker, der immer auf Tournee ist. Der mich unsäglich liebt. Der mich in meinen Träumen umarmt.

Ich durfte fortan bei Tante Betty wohnen. Tante Betty hatte keine eigenen Kinder und das war gut so. Vielleicht hätten die mich nicht gemocht. Sie hatte auch keinen Mann. Aber sie hatte Zeit für mich. Und ich glaube, sie freute sich, als ich zu ihr zog.

Tante Betty bezahlte mir den Gitarrenunterricht und hörte zu, wenn ich übte. Manchmal sang sie mit. Sie hatte eine glockenhelle Stimme. Den Bariton meines Vaters träumte ich mir dazu und so klang es herrlich zweistimmig.
Von meinen Mitschülern zog ich mich zurück. Aus Angst vor weiteren Fragen. Wann denn mein Vater mal auftreten würde? Wann er mich besuchen käme? Wie er hieße und ob es Schallplatten von ihm gäbe? Meine Lehrerin nahm mich nach dem Unterricht beiseite und fragte, ob ich klar käme. Ja, habe ich gesagt. Ja, ich komme klar.

Natürlich komme ich klar. Mein Vater gibt mir die nötige Stütze. Und das Schöne ist, dass er immer bei mir ist. Er ist nicht wie andere Väter, die tagsüber arbeiten oder abends Bier trinken gehen oder am Wochenende Fußball spielen.

Die Spirale zog mich immer weiter in die Tiefe. Tante Betty blickte mich oft sorgenvoll an, aber dann lächelte ich und ihr Gesicht glättete sich wieder. Mit sechzehn verließ ich die Schule. Mittlere Reife genügte mir. Tante Betty war da anderer Ansicht, aber ich meinte die Hand meines Vaters auf der Schulter zu spüren und ihn mit gütiger Stimme sagen zu hören, dass das, was ich tat, völlig in Ordnung sei. Musiker brauchen kein Abitur. Sie müssen die Musik fühlen. Sie müssen sich in sie hineinhören. Sie im Bauch spüren. Ganz eins sein mit ihr. Tägliches Üben fiel mir nicht schwer, ich hatte sowieso kaum mehr an etwas anderem Interesse.

Eines Tages kam der Pfarrer zu uns ins Haus und sprach lange mit Tante Betty und mir. Er schien sich Sorgen um mich zu machen und überlegte, ob ich eine Behandlung bräuchte. Tante Betty sah beunruhigt drein, aber ich warf ihr einen tröstenden Blick zu. Keine Sorge, Tante Betty. Ich war mir sicher, dass ich weiterhin alleine klar käme.

Vor zwei Monaten kam Tante Betty ins Krankenhaus. Es geht ihr nicht gut. Vielleicht wird auch sie nun sterben. Und mit ihr die einzige Möglichkeit, herauszufinden, wer mein Vater ist. Ich weiß, dass sie es weiß. Ich sehe es an ihren Augen. Ich weiß nur nicht, ob ich es noch erfahren möchte. Meinen Vater darf ich mir nicht nehmen lassen. Nicht von irgendeinem Dahergelaufenen, der meine Mutter geschwängert, ja, vielleicht sogar vergewaltigt hat. Nicht von jemandem, der mich nicht liebt. Nein, so einen lasse ich nicht an mich heran.

Ich wünsche mir, dass Tante Betty ihr Geheimnis mit in den Tod nimmt. Dann bin ich unverwundbar. Dann gibt es keine Beweise. Und niemand hat die Möglichkeit, mir das Bild meines Vaters zu zerstören.
Ich greife nach meiner Gitarre, spiele Don McLean und singe aus vollem Halse. Und ich weiß, dass ich nicht alleine bin. Dass ich niemals alleine sein werde. Weil ich Vincent habe. Vincent, meinen Vater.

Starry starry night. Ich lasse das Stück mit einem Flageolet-Ton enden, streiche liebevoll über die Saiten und stelle meine Gitarre beiseite. Ich kauere mich auf die Couch, denke an Tante Betty und beschließe, ihr ein Bild zu malen. Ich weiß, dass es mein Abschiedsgeschenk an sie sein wird. Ich werde einen Sternenhimmel malen. Er soll so aussehen, wie der Sternenhimmel von van Gogh, dem Don McLean sein Musikstück gewidmet hat.
Und nein, ich werde keine Therapie machen. Ich brauche das nicht. Ich bin nicht krank. Auch wenn der Pfarrer das meint.

Gestern war ich zum Probespielen bei einer Band. Sie wollen mich mit auf ihre Konzert-Tour nehmen. Frank, der Schlagzeuger, hat gesagt, ich sei das einzige Mädchen, das in Frage käme. Weil ich die Musik fühlen würde.
Anschließend hat er mich nach Hause gebracht. Es tat gut, an seiner Seite durch die Straßen zu gehen. Es tat gut, ihm zuzuhören. Es tat gut, ihn neben mir zu spüren.

Ich denke, ich werde zusagen.



© 2011, Gisela Reuter

Letzte Aktualisierung: 22.04.2011 - 11.44 Uhr
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