Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Traumfrau/-mann | April 2011
Schillernd wie ein Chamäleon
von Glädja Skriva

Es regnete in Strömen, doch sie spürten nicht, wie der kalte Regen auf ihre Haut platschte. Die anderen waren bereits vorausgerannt. Immer paarweise, der rettenden Arche entgegen. Der Himmel war tiefschwarz; Blitze zuckten auf die Erde nieder und jeder rettete, was irgendmöglich zu retten war, bevor alle Felle davonschwammen. Für immer.

Nur Pepe saß auf einem dicken Baumstamm, der nun unter seinem gewaltigen Gewicht zu ächzen begann. Ein tiefer Spalt zog sich durch die niedergeworfene Eiche. Dennoch hielt Pepe still, aber nicht, um sie vor dem Durchbrechen und sich vor einer Bruchlandung zu bewahren, sondern, weil er - Kitty entdeckt hatte. Kitty in der Schar der dahineilenden, wuselnden, kreischenden, schreienden, trompetenden Tierscharen. Als er sie sah, schien er wie von einem der vom Himmel zuckenden Blitze getroffen und ihm war, als sei er dabei von einem Engel berührt, der die Welt stehen ließ. Nichts drehte sich mehr, außer um Kitty und um ihn.

Sie hatte sich bei dem Unwetter zu ihm geflüchtet, als dicke Hagelkörner auf die Erde prasselten und sie einem lauten Trommelwirbel glichen, der die Erde zum Schwanken brachte. Er wusste nicht, wie lange sie beide schutzsuchend aneinander gelehnt gesessen hatten. Monate oder Jahre. Vielleicht auch nur Stunden oder wenige Sekunden. Er wusste nur, als er ihren zitternden Körper an dem seinen spürte, dass sie es war, die er sich immer so sehr gewünscht hatte. Sie, von der er geträumt hatte, selbst, als er die eine oder andere in seinen Armen hielt, wohlwissend, dass sie nur ein Abklatsch von dem waren, das ihn einmal für immer erfüllen würde.

Als der Hagel nachließ, saß Kitty immer noch neben ihm. Sie schaute zu ihm auf und legte dabei ihre kleine Pfote sanft und warm auf sein Knie. Bei jedem seiner Worte nickte sie wie Weizen, der sich leicht im Wind wiegte, und er meinte dabei seine Mutter das Wiegenlied summen zu hören, das ihm Sattheit brachte und eine wohlige Müdigkeit. Hin und wieder klang sie hell wie ein Silberglöckchen, läutend und schwingend, wenn sie mit ihm lachte.

In diesen Momenten fühlte er sich wie Pepe, der große, gewaltige und doch zärtlich fühlende Elefant. Aber nicht nur wie ein Elefant, der trompetend den Tag begrüßte, mit seinem Rüssel seinen Kumpel am Rücken kratzte, Futter stibitzte oder eine Wasserfontäne über dessen Kopf ausschüttete. Nein, er war nicht nur Pepe. Er konnte plötzlich auch so mutig sein wie der König des Dschungels, so albern wie die Affen auf den Bäumen und so festlich gekleidet wie die befrackten Pinguine. Ja, er hatte sogar so einen aufreizenden Hintern wie das Nilpferd mit seinem wackelnden Schwänzchen, wenn es sich besonders begeistert beim Vertilgen eines wohlriechenden Heuballens zeigte.

Es war - wie das Paradies auf Erden. Seine Augen versenkten sich in den ihren. Ihre Augen in den seinen. Klimpernd und klappernd. Betörend und zierend. Die Sterne tanzten in einem Maienreigen vom Himmel. Blumenbekränzt und berauschend duftend, sodass beide kaum die Wasserwogen wahrnahmen, die von der Reling schwappten, als sie wie im Traum den anderen Tieren in die Arche folgten und die Schiffsbrücke in letzter Sekunde hinter ihnen hochgezogen wurde. Nun waren sie in Sicherheit. Sie und er. Er und sie. Und ihre Liebe. Eine Liebe, die die Boshaftigkeit einer gefallenen Welt überdauern würde.

Dann begann es jedoch mit einer Nichtigkeit. Er vermisste zunächst nur ein wenig, dann mehr und mehr den Schabernack treibenden Rüssel hinter seinem Ohr, auf seinem Rücken, das neckende Umschlingen des Heuballens und lautes Fanfarentrompeten in der Wildnis. Er wurde traurig. Heimwehtraurig. Bis ihm das Heu nicht mehr schmeckte, er den Brotlaib nicht mehr anrührte, die süßen Äpfel nicht mehr mit seinen Stoßzähnen aufspießte. Deshalb bat er Kitty, seine allerliebste Freundin, seine Traurigkeit zu verscheuchen und endgültig die tiefschwarze Wolke, die über ihm hing, wegzupusten, indem sie ihn am Ohr kitzle, ihm den Rücken krabble und seine Sprache spreche. Da sie ihn über alles liebte, kletterte sie flink hinauf zu seinen großen Elefantenohren, die herabhingen wie Segel, denen die erfrischende Böe abhanden gekommen war. Sie versuchte ihr Bestes. Krabbelte und spielte. Juchzte und tollte. Mit den Pfötchen hierhin und dorthin. Doch Pepe blieb traurig. Es war nicht so, wie er es mochte, wie er es sich wünschte, wie er es gewohnt war und sich erträumte. Tänzelte Kitty zu seinen Ohren hinauf, ließen ihn ihre Beinchen bereits so laut auflachen, dass er nach kurzer Zeit ausgelacht und wieder todtraurig war. Und so bat er sie, wenigstens laut zu trompeten. So laut, wie Waldemar, sein Cousin. Aber Kitty konnte nur piepsen, hell, klar und hoch, wie ein Mäuschen, das aus Leibeskräften Reißaus vor einer Katze nimmt. Da herrschte Pepe sie das erste Mal an, dass sie, wenn schon, wieder so engelsgleich zu tönen habe wie ein Silberglöckchen, berauschend und schön. Und er stampfte dabei mit seinen dicken Füßen auf den Schiffsboden, dass die Planken krachten. Von diesem Tag an bedrängte Pepe Kitty, sie möge anders sein; am besten so geschmeidig wie eine Leopardin oder so züngelnd wie die Schlange oder, besser noch, so aufreizend und betörend wie der Pfau.

Kitty liebte Pepe über alles und so versuchte sie, sich einen Pelzkragen aus Leopardenfellhaaren um den Hals zu legen, Pfauenfedern ins Haar zu stecken und dabei ihre kleine, rote Zunge über ihre schmalen Lippen wandern zu lassen. Bald glänzte der Schweiß auf ihrer Stirn von der schweren Last der Federn, die sie wie ein gerupftes Huhn hinter sich her schleppte, während sie mühsam versuchte verführerisch ihre Hüften im Gang zu wiegen, worüber sie jedoch ins Stolpern geriet und sich letztlich schmerzhaft in ihre Zunge biss. Längst war sie zum Gespött der gesamten Arche geworden. Das Stachelschwein wälzte sich wackelnd und buckelnd auf dem Rücken, bis seine Spitzen sich in den Heuballen verhakten, die Lamas blökten mit breiten, gelben Zähnen, spuckend über die Reling, und selbst der Mäuserich, der Kitty ebenfalls den Hof machte, schlug vor Lachen Purzelbäume. Pepe aber seufzte und stöhnte, dröhnte und trompetete: „Ach, Kitty“, wobei er ihr ernst in die Augen blickte, „ach, Kitty, könntest du nur ein Chamäleon sein. So gelb wie mein Sonnenschein. So grün wie ein kräftiges Grillpicknick auf einer saftigen Wiese. So zartblau wie ein Traum auf einer Himmelskutsche und so verrucht rot wie der Straps einer Elefantenkuh.“

Kitty schaute hin und her. Zwischen Pepe und dem Mäuserich, der sich bereits selbstzufrieden die Hände rieb. Und wieder von dem Mäuserich zurück zu Pepe. Dann schaute sie an sich herunter. Klein, dünn, grau, nicht gelb, nicht grün, nicht verrucht. Eine Maus. Sonst nichts. Sie seufzte. Eine kleine Träne rollte die schniefende Nase herunter, den faltigen Hals und vorgewölbten, unförmigen Bauch entlang, bis sie sich wie ein kleiner See um sie bildete.

Sie war eine Maus. Sonst nichts.
Sie war eine Maus. Sonst nichts – aber genau das.
Sie war eine Maus. Sonst nichts – aber genau das – und nichts anderes.

Genau das wollte sie sein. Kitty. Eine Maus. Kein Löwe. Kein Affe. Keine Schlange. Kein Pfau. Sie war flink und klein und clever. Sie spürte ihr Herz pochen, schnell und warm. Genau in diesem Moment umfasste sie Pepe und setzte sie hinter sein Ohr, klein, leicht und so unverschämt verführerisch grau wie sie war. Mit einer der Pfauenfedern kitzelte sie ihn hinter seinen gewaltigen Segelohren, bis er vor Lachen dröhnte: „Ich war ein Dummkopf, Kitty, du und ich, so verschieden gut.“ Und die Sterne tanzten dabei vom Himmel, blühend und berauschend wie der Maienreigen.

© P.S./Glädja Skriva/April 2011

Letzte Aktualisierung: 27.04.2011 - 13.19 Uhr
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