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Traumfrau/-mann | April 2011
Die perfekte Kleinanzeige
von Till Kurbjuweit

So als hätte er als Geschäftsführer einer GmbH nichts Wichtigeres zu tun, war Jonathan am helllichten Vormittag zu Cron & Lanz gegangen und hatte sich einen Cappuccino bestellt. Das war neu, das hätte er sich früher nicht gestattet, wäre nicht einmal auf die Idee gekommen. Die große Freiheit der probeweisen Trennung erlaubte es ihm auch, Dinge zu tun, die gar nicht verboten gewesen waren. Er hatte sich eine Tageszeitung vom Haken genommen, mehr oder weniger zufällig die Süddeutsche und darin ein wenig herum gelesen. Das Feuilleton überblätterte er. Dann auf einmal Bekanntschaftsanzeigen. Donnerwetter! Hier war er also, der Markt, auf den er sich werfen konnte. Hier standen die interessantesten Frauen gleich reihenweise in ansprechend gestalteten und vollmundig formulierten Anzeigen. Und schon hatte er sich die Chiffre-Nummer einer „schlanken, unerfüllten Aphrodite“ notiert, ohne eine Ahnung zu haben, wo diese zuhause war. München vielleicht?
Er hatte noch am gleichen Tag auf die Annonce geantwortet und eine knappe Woche später einen nach einem sinnlichen Parfum duftenden Antwortbrief erhalten. Ihre Adresse hatte die Dame nicht verraten, jedoch ihre Telefonnummer. Jonathan hatte natürlich gleich gesehen, dass es eine Bremer Vorwahl war. Auch nicht schlecht. Dann war alles sehr schnell gegangen: Zwei lange nächtliche Telefonate voller Harmonie und Sinnlichkeit und dann eine ICE-Reise nach Bremen.
Das Café, das die Dame vorgeschlagen hatte, hatte er schnell gefunden. Und die Aphrodite hatte ihm trotz ihrer Schlankheit in der Tat auf Anhieb gefallen. Mehr als das. Er hätte sich gleich dies und das mit ihr vorstellen können. Leider hatte sich recht schnell herausgestellt, dass das nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, und die Dame war schon nach einer Viertelstunde aufgebrochen und hatte sich mit recht nüchternen Worten verabschiedet.
Der K.O. nach Tiefschlag dauerte drei Tage. Dann begann Jonathans Psyche sich wieder zu entspannen, er hörte auf, alle Frauen „eh doof“ zu finden, konnte wieder lächeln. Dann gab er selber eine Kontaktanzeige auf. Im Stadtmagazin Charakter. Das passte auch viel besser zu seinem Typ, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen, zu agieren und nicht zu reagieren.
Er wollte eine aufregende und möglichst erotische Frau kennen lernen. Ein kürzlicher Besuch im tabula hatte ihn wieder an seine Henry Miller-Lektüren aus der Studentenzeit erinnert. Und an Anaïs Nin, deren erotische Kurzgeschichten, die sie einst für einen Dollar pro Seite für einen amerikanischen Lebemann geschrieben hatte, ihn durch ihre besondere Laszivität heftig erregt hatten. So wie die Verfasserin des Delta der Venus stellte er sich eine sinnliche, erotische Partnerin vor, die immer wollte. Das führte zu der rettenden Idee: Er wollte eine Anaïs Nin, genau das war’s.

Die Anzeige, die er an Charakter schickte, war kurz und bündig: „Henry Miller sucht Anaïs Nin” und kostete nur zehn Mark. Als er sie inklusive Geldschein direkt in den Hausbriefkasten der Redaktion eingeworfen hatte, kamen ihm Zweifel. Das war ja nun wirklich zu speziell. Wenn es in Deutschland eine Frau gab, die darauf antworten könnte, so wohnte sie doch vermutlich nicht in Göttingen oder las zumindest dieses Blättchen nicht.
Dennoch erhielt er zwei Zuschriften. Eine von einer Gilda, einer jungenhaften Frau, die seine Anzeige überhaupt nicht verstanden hatte, der andere Brief war von einer Henriette aus Geismar, und der traf ins Schwarze:
„Da ich annehme, dass Dein Text auf einer tieferen Kenntnis der Zusammenhänge beruht, wird dir dieses Anaïs Nin-Zitat über Henry Miller gewiss nicht fremd sein:
«Henry liebt auf eine primitive Art. Er genießt, nimmt, gebraucht, gibt sich niemals selbst. Alles muss für ihn da sein, für sein Werk, sein Wohlergehen, seine schriftstellerische Karriere, seinen Appetit, sein Vergnügen.» Wenn das auch auf dich zutrifft, möchte ich dich sehr gerne kennen lernen. Henriette.“

Jonathan war perplex. Er hätte es nicht für möglich gehalten, dass eine Frau unter dieser Sonne imstande wäre, solch einen Brief zu schreiben. Er war geradezu erschüttert. Sein Frauenbild wankte. Sein Selbstbild wankte. War er dieser Henry Miller? Wollte er der sein? Dieser Chauvi?
Nun, er hatte eine aufregende, geile Frau kennen lernen wollen, eine peppige, eine mit Format. Das schien von daher ein Treffer zu sein. Aber würde er diese Frau kennen lernen wollen? Was konnte sich hinter dieser Zuschrift verbergen? Eine dürre Ziege mit Kettchen am Fußgelenk? Nun, er war neugierig genug und rief die angegebene Telefonnummer an; sie verabredeten sich für den gleichen Abend im Apex.

Als er die Theaterstraße hinauf ging und dabei hier und dort in ein Schaufenster blickte, sah Jonathan plötzlich sein Spiegelbild in einem zur Dekoration gehörenden, fast mannshohen Spiegel. Vermutlich wäre er normalerweise einfach weiter gegangen, hätte den Spiegel nicht einmal bemerkt, aber er war auf Brautschau. Gelegenheit für einen Check vor dem Treffen mit Henriette. Das erste, was ihm auffiel, war sein ernster, fast mürrisch zu nennender Blick. Mit dem wollte gewiss keine Frau angeschaut werden. Das musste er sofort ändern. Probegrinsen. Na, das war noch verbesserungswürdig. Dann die Kravatte. Der Knoten war zu klein und schief geknüpft. Wie beim Tanzstundenabschlussball. Was sollte er überhaupt mit einer bürgerlichen Kravatte im Apex? Weg damit! Er faltete sie säuberlich dreimal und steckte sie in die Tasche seines dunkelblauen Camel-Jacketts.
Ah, der Mann mit den grauen Schläfen. Sie waren noch etwas grauer, die Schläfen, als bei der letzten unfreiwilligen Selbstkontrolle, und das Haar insgesamt etwas lichter, die Stirn schon weitgehend frei. So ist das halt, wenn man älter wird. Ich könnte gern ein paar Kilo weniger wiegen, sagte sich Jonathan, das Sakko strämmte leicht über dem Bauch, also Knopf auf und Bauch etwas einziehen bitte.

Jonathan bog nach rechts in die Burgstraße ein und stand nach einer Minute vor dem unscheinbaren Fachwerkhaus. Er stieß die Kneipentür fünf Minuten vor der verabredeten Zeit auf. Drei freie Tische gab es noch. Jonathan setzte sich an den, von dem aus er den Eingang genau im Blick halten konnte und bestellte ein Alsterwasser.
Es war eine Weile her, dass er das letzte Mal im Apex gewesen war. Mit Dorothee hatte er eine Kabarettveranstaltung besucht, zwei Männer in seinem Alter, die mit schärfstem Göttinger Akzent einen Kalauer nach dem anderen produziert hatten.
Henriette betrat das Apex punkt zwanzig Uhr und marschierte ohne eine zehntel Zögersekunde direkt auf seinen Tisch zu. Jonathan hatte Probleme, seinen Augen zu trauen. Ein prachtvolles, stattliches Weib mit großem Busen, breiten Hüften und wehendem, flammendrotem Wildhaar kam da auf ihn zu gerauscht mit einer Bugwelle, dass er befürchtete, die Kerzen auf den Nachbartischen könnten ausgeblasen werden. Dies war seine Traumfrau! Das wusste er sofort. Die Frau seiner Tagträume, ein Weib, ein richtiges Weib.

Sie sagte „Hi”, setzte sich ihm schräg gegenüber und schaute ihn eindringlich und prüfend an. Dann erst, als sie saß und sich entspannte, lächelte sie. Sparsam. Und ein wenig spöttisch, wie es ihm schien. Ihre dunklen Augen blitzten, fokussierten ihn. Ihre Mimik veränderte sich von Sekunde zu Sekunde, ohne dass Jonathan herausgefunden hätte, was sie zu bedeuten hatte. Die Bedienung kam, sie bestellte ein Bier ohne aufzusehen. Jonathan wollte ihrem Blick nicht ausweichen, andererseits reizte es ihn, ihren gut gerundeten Körper mit den Augen abzutasten. Er hatte auf Anhieb gesehen, wie deutlich sich ihre Brustwarzen durch den dünnen eng anliegenden Pulli abzeichneten. Während er bei anderen Treffen sofort auf die Gesprächsschiene gegangen war, wo er sich sicher fühlte, war hier erstmals eine Frau, die ihn von ihrer Körperlichkeit her total anmachte.
Sie stellte die Fragen. Jonathan antwortete. Er hatte sogleich die Initiative abgegeben, reagierte statt zu agieren. Sie schien ihren Fragekatalog fertig im Kopf zu haben, denn die Fragen folgten aufeinander wie Schüsse aus einem Schnellfeuergewehr. Nach einer Viertelstunde wurde sie sanfter, ihre Fragen langsamer und weniger direkt. Auch Jonathan bekam nun Gelegenheit, sie zu befragen und auch Dinge zu erzählen, die er von sich aus beisteuern wollte. Zwischendurch huschte immer wieder mal dieses leicht spöttische Lächeln über ihr Gesicht.
Plötzlich sprang sie auf und griff ihre Tasche. „Und sowas will Henry Miller sein!”, rief sie mit höhnischem Unterton so laut, dass es in der ganzen Kneipe zu hören war und ging raschen Schrittes, ohne sich noch einmal umzuschauen zum Ausgang - ohne an die Bezahlung ihres Getränks zu denken.

Jonathan war ebenso verblüfft wie deprimiert zurück geblieben und hatte eine Weile in einer regelrechten Starre an seinem Tisch gesessen. Die Szene ging ihm noch tagelang nach. Er hatte das Gefühl, eine Prüfung nicht bestanden zu haben. Ausgerechnet bei dieser Frau, die ihm von der Körperlichkeit her so überaus gefallen hatte. Erst nach einer Weile fiel ihm wieder ein, dass diese Henriette, die sich als Hebamme geoutet hatte, unter anderem erwähnt hatte, dass sie Probleme mit dem Älterwerden habe. Und sie war dreiunddreißig! Das bedeutete ja wohl, dass sie Angst vor Ablehung hatte. Und mit ihrem ganzen nassforschen und zynischen Auftreten überspielte sie diese Angst und lehnte selber ab. Da konnte sie nicht abgewiesen werden. Eine wunderbare und logische Erklärung, aber was nützte sie ihm? So bekam er dieses wuchtige Weib auch nicht. Sowas will Henry Miller sein, hatte sie verächtlich geschnaubt. Aber war sie denn Anaïs Nin? Die Frage hatte er sich an dem Abend nicht gestellt, weil er zu verdattert gewesen war. Hatte sie auch nur irgendetwas von dem fragilen Frauenzimmer mit dem nostalgischen Blick, das die Geliebe Henry Millers und seiner Frau June bekanntlich gewesen war? Mitnichten. Diese Erkenntnis nützte ihm zwar ebensowenig, aber sie milderte seine Kränkung.

Letzte Aktualisierung: 01.04.2011 - 19.49 Uhr
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