'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Traumfrau/-mann | April 2011
Yago
von Antje Uebach

Yago wusste nicht, dass dieser Tag anders werden sollte. Schwerfällig erhob er sich aus seinem mit einer Decke ausgelegten Plastikkörbchen, tappte zu seinem Napf und fraß die in Wasser eingeweichten, stets etwas muffig riechenden Krümel.

Bald würde Gitta kommen und ihn für eine Weile in den umzäunten Auslauf bringen. Dort konnte er tun, was die Natur forderte und die steifen Knochen ein wenig bewegen. Wenn er Glück hatte, würde einer der Gassigänger später am Tag noch eine Runde mit ihm ausgehen.

Es hatte eine Zeit gegeben, in der seine Welt nicht an den Gittern eines Zwingers endete. Aber das war lange her. Viele Artgenossen waren in den letzten Jahren gekommen und wieder gegangen. Er selbst blieb. Solche wie er standen nicht an erster Stelle auf dem Wunschzettel. Am kürzesten blieben die dicken Labradore mit den Kulleraugen und die wuscheligen Mischlinge bei denen Menschen, vor allem die kleinen und die weiblichen, entzückt quietschende Geräusche von sich gaben.

Yagos dreieckiger Schädel mit den dick bemuskelten Backen rief solche Reaktionen nicht hervor. Als er jung war, hatten sie ihm die Ohren abgeschnitten, so dass es aussah, als wüchsen ihm zwei fleischfarbene Rosenblüten aus dem Kopf. Es hatte wehgetan. Daran erinnerte er sich. Seine Augen waren nicht rund und rehbraun, sondern klein und schwarz. „Stechend“, sagten manche. Was immer das bedeuten mochte.
Yago fragte sich, warum die anderen „süß“ waren und er nicht. Und warum man überhaupt „süß“ sein musste, wo es doch viel wichtiger war, wie jemand roch.

Yago schnupperte und fing einige zitronenduftige Moleküle aus der Luft. Gitta kam. Und der Mann, der sich in seiner Nase so gut anfühlte. Immer wieder war er in den vergangenen Tagen vor seinem Zwinger aufgetaucht. Er hatte sich auf den Boden gesetzt und Yago angeschaut. Gesagt hatte er nichts, aber in seinem Blick lag etwas, das Yago verstand. Und heimlich begann er, auf ihn zu warten.

„Ihr werdet ein wandelndes Klischee sein“, hörte er Gitta sagen. Dann bogen sie um die Ecke.

Der Mann hieß Bernd und wenig später schnüffelte sich Yago an seiner und an Gittas Seite durch den Wald. Bernd hatte Fleischwurst in der Tasche. Ab und zu ließ er ein Stückchen zu Boden fallen. Yago war verrückt nach Wurst und ließ Bernds Finger nicht aus den Augen. Sobald er etwas fallen sah, senkte er die Nase zu Boden, spürte dem Geruch eifrig nach und verschlang die Bröckchen gierig und mit lautem Schmatzen.

„Wenn es unbedingt dieser Hund sein soll, musst du den Sachkundenachweis erbringen. Und den Wesenstest müsst ihr auch zusammen bestehen. Bist du dir darüber im Klaren, dass er dich die dreifache Steuer kosten wird?“

Yago hatte in seinem ganzen Leben noch niemanden gebissen. Aber er hatte begriffen, dass er so aussah wie einer, der das schon mal getan hatte und deshalb musste er, anders als die dicken Labradore, beweisen, dass er s-p-a-z-i-e-r-e-n gehen konnte; dass er still hielt, wenn ein Betrunkener auf ihn zutorkelte und ihn mit einem Stock bedrohte und sich nicht wehrte, wenn andere Hunde ihm gegenüber den Leinen-Rambo gaben. Wenn er sich daneben benahm, stülpte man ihm einen Korb über den Fang. Und das war sehr unkomfortabel.

„Ja, ich weiß. Und ich weiß auch, dass ein paar Spießer uns angiften werden. Ich will ihn trotzdem.“

Yago spitzte die Ohrenrosen und streckte die Nase schnuppernd nach oben. Es lag etwas in der Luft.

An einem heißen Sommertag vier Monate später streckte Yago sich genüsslich, bevor er von seinem Sofa sprang und ausgiebig gähnte. Er wusste, dass dieser Tag genauso werden würde wie die vielen, die ihm vorangegangen waren. In der Küche klapperte Bernd mit dem Napf. Wie jeden Morgen würde es rosig-rotes Frischfleisch geben. Bernd holte es bei Hubert, dem Metzger am Ende der Straße. Danach würden sie gemeinsam in die Friedhofsgärtnerei gehen, wo Bernd Blumen zu kunstvollen Gebinden zusammensteckte. Später würden sie diese auf den Gräbern verteilen und Yago würde sehnsüchtig den Kaninchen hinterherschauen. Sie zu jagen war leider strikt tabu. Da konnte Bernd sehr streng sein. Und Bernd war der Boss.

Manchmal begegneten ihnen Menschen, die sie beide kritisch beäugten. Yago kannte diesen Blick. Von damals, als er noch im Zwinger saß. In den Augen dieser Menschen war er eben immer noch nicht „süß“ und Bernd wohl auch nicht. Schließlich hatte der keine Haare und sein Gesicht, wie sein ganzer Körper, war über und über mit seltsamen Mustern verziert. In den Ohren, den Lippen und den Augenbrauen hingen silberne Ringe und seine Kleidung war stets etwas abgewetzt und derb. Yago war das gleichgültig. In den vielen Jahren im Tierheim hatte er nie von Bernd geträumt. Heute, wo er wusste, dass es ihn gab, tat er es. Jedesmal wenn er schlief. Er liebte ihn und seinen Duft nach Erde, Schweiß und frischer Luft.
Es kam vor, dass ihnen jemand etwas zurief wie: „Ihr Typen mit euren verdammten Kampfhunden! Erschossen gehören die alle! Kinderkiller!“ Aber Bernd entgegnete dann stets ganz ruhig: „Komm, Yago. Anders sein macht eben einsam.“
Und dann gingen sie gemeinsam nach Hause.

Letzte Aktualisierung: 27.04.2011 - 13.21 Uhr
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