Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Ingeborg Restat IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Fee | Mai 2011
Ein fataler Wunsch
von Ingeborg Restat

Zum Entsetzen aller, die sich davor ekelten, konnte der zwölfjährige Timo Schlangen, Gewürm, Spinnen und Frösche anfassen. Zu gern hielt er sie den anderen unter die Nase und freute sich, wenn einer schreiend davonrannte.
Als er wieder einmal am Bach nach irgendwelchem Ungetier suchte, entdeckte er im Wasser einen Fisch mit golden schimmernden Flossen. Der benahm sich seltsam. Er kam auf ihn zugeschwommen und hob schnappend sein Fischmaul aus dem Wasser, als wollte er etwas sagen. Neugierig folgte Timo ihm. In einer kleinen Bucht verharrte der Fisch und hob ihm erneut mehrmals sein Fischmaul aus dem Wasser entgegen. Was hatte das zu bedeuten?
„Quak, quak!“
Saß ein Frosch neben ihm im tiefen Gras? Timo bückte sich, drückte die Gräser auseinander und entdeckte unter Blättern eine dicke Kröte. Die wollte weg, konnte aber nicht. Mit einem Bein hatte sie sich in einer vergessenen Angelschnur verfangen.
„Du armes Ding!“, murmelte Timo. Schnell hatte er sie befreit. Er setzte sich ins Gras und behielt sie noch in seiner Hand. Starrte sie ihn an? Das Wasser platschte. Auch der Fisch schien ihn anzusehen? Hatte der ihn hierher gelockt, damit er die Kröte befreite? „Blödsinn! So etwas gibt es nicht“, murmelte Timo, setzte das Tier ins Gras und sagte: „Mach, dass du wegkommst!“
Doch die Kröte streckte sich, wurde größer und größer. Timo sprang auf, wollte weglaufen. Da, mit einem leisen Knall verwandelte sich die Kröte in eine wunderschöne Frauengestalt im schimmernden Gewand. Langes, schwarzes Haar umrahmte ihr Gesicht.
„Hab keine Angst. Ich bin eine Fee. Du hast mich befreit. So seien dir drei Wünsche gewährt“, sprach sie.
„Drei Wünsche? Egal was?“, fragte Timo ungläubig.
„Ja. Aber überlege sie dir gut.“
Und Timo überlegte, bis er pfiffig grinsend sagte: „Ich habe nur einen Wunsch.“
„Nur einen?“
„Ja, nur einen einzigen.“
„Und wie lautet der?“
„Ich möchte, dass alle meine Wünsche in Erfüllung gehen.“
„Ich warne dich, auch böse Wünsche werden sich erfüllen.“
„Das zu vermeiden, kann nicht schwer sein.“
„Ja, wenn du das glaubst, dann …“ Damit hob die schwarze Fee ihre Arme.
„Tu es nicht, Schwester!“ Der Fisch aus dem Bach sprang aus dem Wasser und wurde zu einer schönen blonden Fee im golden schimmernden Gewand.
„Warum soll ich es nicht tun?“
„Weil es Unglück bringen wird.“
„Ach, was! Mir gefällt es, mal zu sehen, was dieser schlaue Bursche daraus macht“, sagte die schwarze Fee, legte Timo eine Hand auf den Kopf und streckte die andere zum Himmel.
„Du machst einen Fehler, Schwester!“
Aber die achtete nicht mehr darauf, sondern rief der Sonne entgegen: „Dein Wunsch sei dir gewährt!“
Wie ein Hauch im Nebel verschwanden die Feen. Nur ein gülden schimmernder Fisch schwamm durch den Bach und eine Kröte hatte es eilig, ins Gebüsch zu springen.

Timo strich sich über die Augen. Hatte er das eben wirklich erlebt? Wenn, dann war er schlau gewesen, hatte aus drei Wünschen mit einem einzigen so viele gemacht, wie er wollte. Hei! Das musste er gleich ausprobieren.
Kaum gewünscht, hatte er eine große Eiswaffel in der Hand. Hurra, es funktionierte! Er setzte sich ins Gras, schleckte genüsslich daran und überlegte, was er sich noch wünschen könnte. Ein Modellboot mit einer Fernbedienung wäre nicht schlecht. Sogleich plumpste es neben ihm herunter. Wie schnell das ging. Das war ja herrlich! Jetzt brauchten die anderen Jungen nicht mehr vor ihm damit anzugeben, was sie alles hätten, er konnte mithalten.
So erfüllte er sich in der nächsten Zeit einen Wunsch nach dem andern. Ob es Spielzeug war, Neues für den Computer, Markenkleidung oder etwas zu naschen, nichts ließ er aus. Doch alles versteckte er vor den Eltern, die sich bestimmt darüber wundern würden. Als es kaum noch etwas gab, was er sich wünschen konnte, begann es ihn zu langweilen. Da probierte er, wie es war, sich mit Hilfe seiner Wünsche an denen zu rächen, die ihn ärgerten oder die er nicht leiden konnte. Wer ihm jetzt dumm kam, der hatte nichts zu lachen. Er ließ sie stolpern, hinfallen, sich bekleckern und mehr. Auch wichtige Arbeiten für die Schule ließ er verschwinden. Er genoss die Macht, die er damit über alle hatte.
Auch das ewige Meckern des Nachbarn wollte er sich nicht mehr gefallen lassen. Als der ihn wieder einmal ausschimpfte und gerade beim Rasenmähen war, wünschte Timo, dass es keinen Strom mehr geben solle, damit der Rasenmäher stehen blieb. Er wusste, wie wütend der Nachbarn darüber werden konnte und wollte sich daran ergötzen.
Und so geschah es. Timo sah zu, wie der Nachbar fluchend an seinem Mäher herumfummelte und lachte ihm frech ins Gesicht.
„Was gibt es da zu lachen?“, polterte der. Aber was er auch versuchte, der Rasenmäher war nicht mehr in Gang zu bringen.
Noch feixte sich Timo eins, da kam die Mutter aus dem Haus gelaufen. „Haben Sie auch keinen Strom?“, rief sie hinüber zum Nachbarn.
Timo stutze. Wie das? Er wollte doch nur, dass der Nachbar sich ärgern sollte. Warum …? Hastig rannte er ins Haus zu seinem Computer. Er stellte ihn an – nichts. Er versuchte das Radio – nichts. Sollte …? Schnell versuchte er mit einem neuen Wunsch zu erreichen, dass es wieder Strom gab … Vergebens!
Es wurde dunkel, die Laternen gingen nicht an. Der Vater kam von der Arbeit den weiten Weg nach Hause gelaufen. Sein Auto war nicht angesprungen. Es fuhr auch keine Bahn mehr. In seinem Betrieb waren alle Computer ausgegangen und die Produktion stand still. Kein Licht brannte in den Häusern. Nur hier und da sah man den Schein eines Kerzenlichtes hinter einem Fenster. Warmes Essen gab es auch nicht, nicht einmal Wasser aus dem Wasserhahn. Obwohl es abends bereits kühl war, blieb die Heizung kalt.
„Das wird eine Katastrophe, wenn die den Schaden nicht bald finden und beheben können“, sagte der Vater.
Timo duckte sich. Erneut versuchte er, seinen Wunsch rückgängig zu machen - wieder ohne Erfolg. Der Vater hatte bestimmt recht, irgendwo musste nur ein Schaden behoben werden.
Am nächsten Morgen gab es nicht einmal eine Zeitung. Niemand konnte erfahren, was los war. Als die Mutter einkaufen wollte, waren die Läden fast leer. Neue Lieferungen gab es nicht. Die Menschen hamsterten. Dabei ließ sich keine Kasse bedienen. Wie früher rechneten die Kassiererinnen auf einem Zettel jeden Einkauf zusammen.
Der Vater fuhr mit seinem Fahrrad zur Arbeitsstelle.
Als er zurückkam, berichtete er: „Nichts geht mehr in der Stadt. Überall stehen Autos herum, die nicht mehr anspringen, ebenso Busse und Straßenbahnen dort, wo der Stromausfall sie abgebremst hat. Alle Batterien scheinen leer zu sein. Kein Aggregat ist in Gang zu bringen, auch kein Kraftwerk, kein Windrad oder eine Solaranlage.“
„O Gott, die Atomkraftwerke! Was wird daraus?“, warf die Mutter ein.
„Und man kann nicht erfahren, woran es liegt oder was unternommen wird“, sorgte sich der Vater.
„Was machen wir nur? Auch bei uns geht alles elektrisch, ob Herd, ob Kühlschrank, Telefon oder Waschmaschine“, klagte die Mutter.
„Wir haben im Keller noch den alten Spirituskocher vom Camping“, erklärte der Vater.
„Und Spiritus?“
„Ich besorge so viel wie möglich. Und du, Timo, nimm einen Eimer und geh zum Ende der Straße zum Brunnen, um Wasser zu holen“, forderte der Vater.

Als Timo dort hinkam, standen bereits in langer Schlange Menschen davor, die Wasser holen wollten.
Alle rätselten, niemand wusste etwas von einem Schaden. War er mit seinem Wunsch doch schuld daran, dass es keinen Strom mehr gab? Warum gelang ihm kein Gegenwunsch? Er geriet in Panik.
„Ich muss es wissen! Die Fee, sie muss mir helfen!“ Kaum gedacht, rannte er an den Menschen vorbei zum Bach. Auch hier schöpften viele Wasser. Er eilte weiter mit seinem leeren Eimer und suchte nach dem Fisch mit den golden schimmernden Flossen. Doch die blonde Fee trat bereits dort, wo er den Feen begegnet war, aus einem Gebüsch, als hätte sie auf ihn gewartet.
„Treibt dich dein Gewissen her?“, fragte sie. „Nun siehst du, was man mit unbedachten Wünschen anrichten kann.“
„So bin ich wirklich schuld daran? Bitte, mach es ungeschehen!“, flehte Timo.
„Warum sollte ich das tun? Ich habe davor gewarnt.“
„Aber ich habe das nicht gewollt. Nur den Nachbarn …“
„Missbraucht hast du unseren guten Willen, um zum Spaß andere zu ärgern.“
„Es tut mir leid!“
„Dazu ist es zu spät. Wünsche sind nicht einfach rückgängig zu machen. Ich kann dir nicht helfen.“
„Wer dann?“
„Meine Schwester, die dir den unsinnigen Wunsch gewährte, wenn sie es will.“
„So rufe sie, bitte!“
Doch die Kröte war bereits da. Sie sprang aus dem Busch, streckte sich und wurde zur schwarzen Fee. „Du brauchst nicht so zu frohlocken, Schwester. Ich habe gewusst, was ich tat. Eine Lektion sollte es für diesen nimmersatten Buben sein, der sich für sehr schlau hielt und glaubte aus drei Wünschen mit einem einzigen unendlich viele machen zu können. Ich habe gewusst, früher oder später erliegt er der Versuchung, damit seine Macht auszuspielen.“
„Das war falsch, ich weiß. Bitte, mach es ungeschehen“, bettelte Timo.
„Du wirst dabei alles, was du dir bisher gewünscht hast, wieder verlieren. Ist es dir das wert?“
„Ja, wenn es nur wieder Strom gibt!“
„So sei es!“ Damit hob die schwarze Fee ihre Arme der Sonne entgegen und rief: „Nichts sei gewesen und alles vergessen.“ Und zu Timo sagte sie: „Du hättest drei Wünsche haben können. Nun hast du sie verspielt und nicht einen.“
Ein Wind kam auf und mit ihm verschwanden die Feen.

Als Timo heimging, schöpfte niemand mehr Wasser aus dem Bach. Kein Mensch stand mehr am Brunnen. Autos fuhren die Straße entlang. Die Laternen gingen an. Und die Mutter stand zu Hause am Herd, sie kochte das Abendessen.
„Wo kommst du jetzt her? Und warum trägst du einen leeren Eimer mit dir herum?“, fragte sie.
Erstaunt blickte Timo sie an. „Aber ich sollte doch Wasser holen. Es gab nirgendwo mehr Strom.“
„Keinen Strom? Wann? Junge du träumst. Gott behüte, dass das jemals geschieht. Das wäre eine Katastrophe, so abhängig wie wir von der Elektrizität sind. Ohne Strom geht ja so gut wie gar nichts mehr.“

Letzte Aktualisierung: 26.05.2011 - 19.35 Uhr
Dieser Text enthält 9915 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2020 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.