Ganz schön bissig ...
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Fee | Mai 2011
Die Leiden der grünen Fee
von Ann Nissuth

„Warum siehst du so traurig aus, Cynthia?“

Die kleine Fee seufzte tief. Ihre Wangen schienen förmlich eingefallen und selbst ihre grünen Augen wirkten blass. Darunter hatten sich dunkle Ringe eingenistet.

„Weil ich todtraurig bin“, dachte sie. Aber sie schluckte die heraufdrängenden Tränen tapfer herunter und antwortete nur:
„Ich bin okay, nur keine Bange.“

Die Oberfee sah sie milde zweifelnd an.

„Du weißt, dass wir uns nicht in Menschen verlieben dürfen“, mahnte sie. „Sonst geht unsere Zauberkraft zum Teufel.“

„Schon klar“, murmelte Cynthia und strich sich unbehaglich über ihr grünes Paillettenkleid.

„Ich verlasse mich auf dich, meine Kleine.“

Zum Glück ließ es die Oberfee dabei bewenden und flog davon.

Cynthia hatte das Gefühl, nicht mehr fliegen zu können. Das Herz war ihr so schwer, dass es sie förmlich zu Boden drückte.

„Reiß dich zusammen, du dämliche Feenpute“, schalt sie sich selbst. Mühsam trugen sie ihre Flügelchen an Theos Schreibtisch.

Dieses nimmersatte Mensch würde noch alles vermasseln. Dabei hatte sie ihm doch eindringlich geflüstert, was Sache war. Dass er einfach von ihrem Feensaft trinken müsste und sie würde seine Fantasie beflügeln und seinen Sprachschatz bereichern. Die Worte würden nur so in die Tastatur fließen. Er müsste einzig lernen, seine Ungeduld zu zügeln und auf ihren Zauber zu vertrauen.

Trunken vor Freude hatte er in ihre Richtung geblickt und einen Moment lang war sie versucht gewesen zu glauben, er könnte sie sehen.

Gut schaute er aus, wie er da saß, das schwarze Haar verwuschelt und das energische Kinn in die kräftigen Hände gestützt. Eigentlich schade, dass Feen und Menschen sich nicht näherkommen durften. Sie hätte ihn zu gern mit ihren Flügeln gestreichelt. Aber so etwas war nur Garvia erlaubt, für die das zu ihrer Arbeit zählte. Sie, Cynthia, hatte sich darauf zu beschränken, geistige Höhenflüge zu vermitteln.

Wäre er nur nicht so unbeherrscht bisweilen. An manchen Tagen bekam er regelrechte Tobsuchtsanfälle, wenn ihm nicht alles direkt wie gewünscht glückte. An anderen Tagen wiederum brütete er finster vor sich hin und war beinahe zum Fürchten.

„Vertrau mir doch“, flüsterte sie dann und konnte nur schwer ihre Bestürzung verbergen. Diese ewigen Launen! Sogar des Nachts wälzte er sich unruhig, als föchte er Kämpfe aus, raubte ihr damit den Schlaf. Wo sie doch all ihre Kraft brauchte, um für ihn zu zaubern.

Im Moment schien Theo jedoch äußerst zufrieden. Flink glitten seine Finger über die Tastatur. Nanu, sie hatte ihm doch noch gar nichts eingehaucht. War er imstande, alleine an den Kreativfaden anzuknüpfen, den sie ihm vorgesponnen hatte? Konnte er vielleicht gar bald auf sie verzichten?
Neugierig ließ Cynthia sich auf seiner rechten Schulter nieder – und erschrak.

„Nein!“, schrie sie ihm empört in sein Ohr, das sie noch eben am liebsten angeknabbert hätte.

Er zuckte zusammen und langte sich an den Kopf. Sie schaffte es gerade noch auszuweichen.

„Das darfst du nicht.“ Cynthia versuchte, ruhige Energie in die Botschaft zu legen. Er würde mit Sicherheit sowieso gleich alles wieder löschen.

„Geistiger Diebstahl ist Diebstahl und wird auf jeden Fall geahndet.“

Ihr sollte er vertrauen und nicht irgendwo abkupfern! Hatte sie ihm nicht schon Millionen Male erzählt, dass sie gezwungen war, ihm Minuspunkte in das Geduldsregister einzutragen, wenn er ihre Botschaften - und damit sie - missachtete. Und jeder dieser Punkte brachte ihn einem abrupten Abschied von ihr näher. Dann wäre er wieder auf sich alleine gestellt. Mogeln war dabei für sie nicht drin. Sonst würde man ihr, Cynthia, am Ende noch Eigennutz unterstellen. Was sie wiederum – zu ihrem eigenen Schutz, wie die Oberfee bei solchen Gelegenheiten stets betonte – für ein Jahr vom Dienst am Menschen ausschließen würde und gleichzeitig Zwangsdienst im Feengarten bedeutete. Angeblich zur Rückgewinnung der reinen Zauberkraft.

Warum lächelte Theo so triumphierend? Hatte er den Text etwa eben ernsthaft gespeichert?
Ob sie ihm schnell alles löschen sollte?

„Gänsefüßchen“, hauchte sie ihm ein. „Setz wenigstens Anführungszeichen, wenn du zitierst.“

Es hatte nicht den Anschein, als würde er auch nur versuchen, sie zu verstehen.

Sicher, sie war noch jung. Aber hatte sie sich derart in ihm getäuscht? War er einfach ein maßloser Mensch, auch in seinem Streben nach Ruhm? Skrupellos dazu?

Nein, wenn sie seine Tastatur anlangte, ging sie zu weit. Den Feenregeln nach durfte sie nur helfen, aber nicht für Theo handeln. Wenn er sich ihr absolut verweigerte, dann sollte sie ernsthaft die Flatter machen und sich eine Künstlerseele suchen, die ihr vertraute. Vielleicht war eine Frau für sie auch besser geeignet. Dann war zumindest die Gefahr, sich zu verlieben, gebannt.

Als Theo sich vor den Spiegel stellte und, hochauf zufrieden mit sich selbst, sein Glas hob, schmeckte er plötzlich nur Wasser. Eine Dimension weiter strebte ein zartes Wesen traurig von ihm weg. Aber seine Flügel begannen bereits wieder grün zu leuchten.

Letzte Aktualisierung: 26.05.2011 - 19.40 Uhr
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