Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Fee | Mai 2011
Hoffnung
von Ingo Pietsch

Ian stand mit seinem geweihten Schwert vor der Banshee. Er hatte sich die Todesfee als menschenähnliches Monster vorgestellt. Doch sie war das genaue Gegenteil.
Er hob seine Waffe, doch ein Gefühl der Zuneigung hinderte ihn, zuzuschlagen.
Die Banshee stand bewegungslos da. Niemals zuvor hatte sich ihr ein Mensch in den Weg gestellt. Alle hatten ihr Schicksal akzeptiert.
Sie und ihre Schwestern waren gekommen, um die Familien des irischen Dorfes zu erlösen. Sie waren Vorboten des Todes. Ihr Klagen und Weinen lockte den Tod. So hatten die Verwandten noch die Möglichkeit, die sterbenden zu heilen, wenn dies möglich war.
Eine schreckliche Krankheit breitete sich im ganzen Land aus und verschonte kaum jemanden.
Ian war ausgeschickt worden, die Todesfeen aufzuhalten oder sogar zu vernichten, wenn es möglich war.
Lichter blitzen hinter der Fee auf.
Ian war hin und hergerissen. Wenn er jetzt reagierte, wäre das Dorf verloren.
Die Banshee betrachtete Ian nachdenklich. Sie hatte Mitleid mit dem Menschen. Schließlich fasste sie einen Entschluss und fasste Ian bei der Hand. Sie zog den völlig überrumpelten Mann Richtung Dorf.

Hope schreckte aus dem Schlaf hoch. Die Sechsjährige sah sich schlaftrunken in ihrem vom kleinen Nachtlicht erhellten Zimmer um.
Alles stand und lag dort wo es hingehörte.
Hope konnte sich an keinen Alptraum erinnern, der sie geweckt haben könnte. Auch hatte sie weder Durst, noch musste sie zur Toilette. Aber was war es dann gewesen?
Plötzlich hörte sie eine Frauenstimme ihren Namen flüstern: „Hope?“
Es klang in ihren Ohren unheimlich, aber auch gleichzeitig irgendwie vertraut.
Das Mädchen folgte dem Ruf, verließ ihr Zimmer und ging die Treppe hinunter.
Dort blieb sie stehen und lauschte.
Aus dem Wohnzimmer drangen Geräusche eines Films in den Flur.
Ihr Vater war wahrscheinlich wieder vor dem Fernseher eingeschlafen.
Wieder wurde Hope gerufen. Sie wurde in die Küche gelockt, aber auch hier war niemand.
Ein milchig-heller Schein fiel durch das Fenster der Küchentür. Er war heller als das Mondlicht und glitzerte ein wenig. Sie lugte durch das Fenster und erkannte, dass der Schein von hinter der Hecke hervor kam, die an den Wald grenzte.
Hope verließ mit nackten Füßen und nur mit ihrem Nachthemd bekleidet die Küche und ging in den Garten. Ein frischer Wind umspielte ihre Haare und feine Wölkchen ihres Atems fielen hinter ihr zurück. Der Boden war kalt und trotzdem fröstelte sie nicht.
Die Sechsjährige folgte dem Flüstern bis in den Wald. Sie verspürte nicht die geringste Angst, denn die Stimme beruhigte sie.
Als sie die ersten Bäume hinter sich gelassen hatte, erkannte sie, dass sich der Schein jetzt hinter einer dicken Tanne versteckte und nun hervortrat.
Es war eine wunderschöne junge Frau, ganz in weiß gekleidet. Sie trug ein schlichtes Kleid und ihr helles Haar schien um sie herum zu schweben.
Die Frau konnte nur eine Fee sein.
Die Fee ging leichten Fußes auf Hope zu, als berühre sie den Boden nicht und kniete sich vor dem Mädchen in das Moos.
„Hallo Hope!“
Hope machte einen Schritt rückwärts. „Woher kennst du meinen Namen?“
Die Fee streckte ihre Hand nach Hope aus: „Ich bin deine Mutter!“
Das Mädchen trat weiter zurück. Sie war sichtlich aufgewühlt durch diese Behauptung.
„Aber du bist eine Fee! Wie kann das sein?“
Die Fee ging nicht darauf ein: „Ich möchte, dass du deinem Vater ausrichtest, dass ich dich heute Nacht mitnehme. Er wird es schon verstehen.“
Hope erwiderte trotzig und ohne zu überlegen: „Ich will aber bei meinem Papa bleiben!“
„Schatz“, sagte die Fee mit freundlicher Stimme, „es tut mir leid, aber es geht nicht anders.
„Mein Vater wird mich niemals gehen lassen. Wieso nimmst du mich nicht gleich mit?“
„Ich möchte, dass du dich von deinem Vater verabschieden kannst und du sollst auch verstehen, warum du ihn verlassen musst.“
Weiter hinten im Wald leuchteten Lichter in verschiedenen Farben auf. Hope hörte ein Weinen und Klagen in der Ferne.
„Lauf, Hope, und richte es deinem Vater aus!“
Ohne sich umzudrehen rannte Hope ins Haus zurück und weckte ihren Vater.
Er sprang sofort auf, als er begriff, dass die Fee da war, und suchte dem Schwert, das er vor langer Zeit gut versteckt hatte. Eigentlich glaubte er, es nie mehr benutzen zu müssen, doch nun… Vorsichtig trat er ans Fenster.
Hope verstand nicht, warum ihr Vater solche Angst hatte. „Ist sie wirklich meine Mutter?“
„Ja, sie ist deine Mutter“, sagte er, während er weiter nach draußen sah. „Aber ich lasse nicht zu, dass sie mir dich wegnimmt.“
„Bin ich dann auch eine Fee?“
Ihr Vater sah jetzt sie an: „Ich weiß nicht ob sie eine Fee ist. Vor vielen hundert Jahren“, erklärte er ihr, „wütete hier in eine schwere Krankheit. Deine Mutter ist eine Todesfee und war gekommen, um uns alle zu holen. Ich wurde auserwählt sie aufzuhalten. Das Schwert war stärker als sie. Sie gab ihre magischen Kräfte auf und lebte fortan unter uns. Unser Dorf war gerettet und wir hatten den Tod überwunden. Deine Mutter und ich verliebten uns in einander und dann wurdest du geboren. Kurz nach deiner Geburt verschwand sie plötzlich und wir alle fingen wieder an zu altern.“
Ein weißer Ball flog ins Wohnzimmer hinein, blieb mitten im Raum stehen und verwandelte sich in die Fee, die Hope kennengelernt hatte.
Der Vater streckte ihr das Schwert entgegen.
Die Fee blieb, wo sie war: „Ian, dein Schwert kann mir nichts anhaben, dass konnte es nie!“
„Du lügst!“, schrie er sie an. Hope hatte sich hinter dem Fernsehsessel versteckt und sah mit an, wie ihr Vater durch den Körper ihrer Mutter schlug – aber nichts passierte.
Ihr Vater verlor den Halt, da er auf keinen Widerstand traf.
Weinend stützte er sich auf sein Schwert: „Nein, das kann nicht sein!“
„Als du damals versucht hast, dein Dorf zu beschützen, hatte ich Mitleid mit dir und bewunderte deinen Mut. Etwas in mir verspürte Zuneigung und ich begab mich in deine Hände. Ich machte euch unsichtbar für die anderen Banshees. Aber mit der Zeit schwanden meine Kräfte und ich wurde sterblich.“
Die Todesfee sprach jetzt zu Hope: „Dann wurdest du geboren, meine Tochter.“
„Nie zuvor hatten ein Mensch und eine Fee ein Kind zusammen. Ich konnte zurück zu den anderen und bekam meine Kräfte wieder. Aber dafür muss ich Hope jetzt mitnehmen und meine Aufgabe beenden.“
Hope kam hinter dem Sessel hervor: „Sind alle Feen Todesfeen?“, fragte sie unsicher.
Ihre Mutter lachte: „Aber nein, mein Schatz. Es gibt viele verschiedene Arten von Feen. Eine jede hat unterschiedliche Aufgaben.“
„Ich habe dich geliebt, Elaine“, presste Ian durch seine Zähne. Er stand auf und funkelte sie wütend an.
„Und ich liebe dich immer noch. Du wirst es nicht verstehen, aber ich kann nicht anders.“
„Du wirst mir meine Tochter nicht wegnehmen!“ Mit einem Satz sprang er wieder auf sie zu.
Diesmal streckte sie bloß die Hand aus und er hing bewegungslos in der Luft.
Ganz ruhig sagte sie zu ihm: „Ich möchte, dass du dich von Hope verabschiedest, damit sie dich in guter Erinnerung behält.“
Nach einem kurzen Moment nickte er. Und dann schwebte er sacht zur Erde und ließ das Schwert fallen.
Hope rannte zu ihm und umarmte ihn. „Ich werde dich vermissen, Papa.“
„Ich dich auch.“
Elaine hielt Hope die Hand hin. „Es wird Zeit.“
„Pass gut auf sie auf.“ Ian blieb, wo er war, als sich seine Tochter von ihm löste.
„Das werde ich“, entgegnete sie mit einem warmherzigen Lächeln.
Zwei weiße Bälle verließen fliegend das Haus. Ian sah zum Fenster hinaus. Glockengeläut war in der Ferne zu hören. Ein lautes Weinen und Klagen übertönte die Kirchenglocken. Nach und nach stiegen kleine bunte Sonnen zum Himmel auf. Dann wurde es ruhig und auch die Lichter der Häuser gingen aus, bis alles in Finsternis und Stille gehüllt war.

Letzte Aktualisierung: 11.05.2011 - 11.43 Uhr
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