Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Fee | Mai 2011
Seelenbekenntnis
von Kerstin Jauer

Ich erzähle euch diese Geschichte aus der größten Verzweiflung heraus, verbunden mit dem Wunsch, mein eigenes Leiden zu schmälern, wohl wissend, dass mir dies nicht gelingen wird. Allein um meines Seelenheils willen wage ich dennoch. Auch da es das Einzige ist, dessen ich für meinen treuen Freund zu tun noch in der Lage bin.

Das Unglück traf ihn, wie es nicht anders sein konnte, in Irland. In der Region um den Loch Deirgeirt in Cill Dálua. Bereits der Anlass seiner Reise war ein trauriger. So kam er aus dem fernen Teutonia, um den Tod seiner geliebten Gemahlin zu beklagen und ihrer Familie nah zu sein. Er ertrug diese Bürde seiner vierjährigen Tochter zuliebe, bestand sein eigener Wunsch freilich darin, sich wieder mit seinem Weib zu vereinen. Doch was war in Irland geschehen?
Gleich in der ersten Nacht begann seine Peinigung. Wie er verlassen in dem fremden Bette lag, sich schmerzhaften Erinnerungen hingebend, war ihm, als hörte er seine Tochter im Nebenzimmer wimmern. Doch das Geräusch verebbte. Als es erneut anhob, um eine Oktave höher diesmal, suchten sich die leisen Töne einen Weg vom untersten Stockwerk herauf zu ihm. Was er hörte, war, so wie er es ausdrückte, eine unendlich traurige Melodie aus fremden Worten, Wimmern und Weinen. Das Klagelied durchströmte seinen Körper und mischte sich mit seinem Leiden, so dass ihm heiße Tränen über die Wangen liefen, als er barfuss die knarrenden Holzstufen hinunterstieg. Unten auf den ausgekühlten Steinen blieb er einen Augenblick stehen, um auszumachen, woher die traurige Stimme kam. Seine Schritte lenkten ihn ins Wohnzimmer. An dieser Stelle, als er mir davon berichtete, weinte er, noch immer von dem schmerzlichen Anblick gefesselt, den er am Fenster des Zimmers erblickt hatte.
Sie stand hinter dem Glas eingehüllt in kaltes Mondlicht. Ihr langes, rubinrotes Haar schimmerte wie der Schein eines ausgehendes Feuers und fiel auf das weiße Leinenhemd, welches ihren Körper bedeckte. Ihr Gesicht hatte die Farbe von Porzellan, wodurch ihre vom Weinen geröteten Augen gespensterhaft groß erschienen. Als sie ihn erblickte, war ihm, als stockte ihr Gesang für einen Atemzug aus, um augenblicklich lauter wieder einzusetzen. Ihr Name verließ tonlos seine trockenen Lippen und in ihren schmerzhaft verzogenen Zügen erkannte er, dass sie ihn verstanden hatte. Die schweren, lieblichen Klänge schwollen an, füllten den Raum und sie schüttelte unmerklich den Kopf. Ihre Augen waren mit Wehmut gefüllt und drohten daran zu ertrinken. Tränen zeichneten feuchte Spuren auf die milchige Haut. Er stürmte zum Fenster und seine Fingerspitzen glitten über das kühle Glas. Heiser wie ein Sterbender auf dem Totenbett stieß er ihren Namen hervor: „Ciara.“ Der Gesang erhob sich zu einem grauenvollen Klagen, erstarb Sekunden später, dann war sie verschwunden.
„Thomas?“
Die Stimme der Schwiegermutter drang an seine Ohren und raubte ihm jegliche Kraft. Er fiel auf die Knie und vergrub den Kopf in den Händen.
„Thomas? Was...?“
Seiner Kehle entrann ein heißeres Schluchzen.
Er spürte eine Hand auf seiner Schulter und gab sich der Illusion hin, es wäre die Ciaras.
„Geh zu Bett.“
„Ich hab sie gesehen.“
Noch immer sah er das traurig Abbild seiner Frau vor sich.
„Du hast geträumt.“
Die Worte suchten sich einen Weg an den Bildern vorbei und irgendwie schaffte er es, sich zu erheben und hinaufzuwanken. Am nächsten Tag brachte niemand die Sprache auf den nächtlichen Vorfall und Thomas tat sein Möglichstes, es als furchtbaren Traum zu begreifen. Die Geschehnisse des Tages waren ihm bedeutungslos und als er endlich aufgewühlt auf seinem Bette lag, war er dankbar, den Wechsel vom Tag in die Nacht geschafft zu haben, ohne dass es ihn seinen Verstand gekostet hätte. Während er den Schmerz über seinen Verlust umarmte wie einen lieben Verwandten, erhob sich im Erdgeschoss erneut die klagende Weise. Die Melodie rührte sein Herz wie ein kunstvoll geführter Bogen die Saiten einer Violine zum Klingen brachten. Er bebte im Inneren, als er wie in der Nacht zuvor die knarrenden Stufen hinuntereilte. Der Anblick, dessen er am Fenster gewahr wurde, griff mit steinernen Händen um seine Seele. Da stand sie. Bildschön und ebenso traurig. Ihre Augen hatten die Farbe eines wütenden Feuers. Ein erschütternder Gegensatz zu den Qualen, die darin loderten.
Ihr geflüsterter Name ging unter in dem durchdringendem Klagelied, welches durch Thomas hindurchfloß und ihn als Wimmern verließ. Lange blickte er ihr ins Gesicht. Der Schmerz verzerrte ihre Züge, zeichnete Furchen der Gram in die aschfahle Haut. Ihr Kopf war leicht zur Seite geneigt, der Blick nach unten gesenkt. Etwas tat ihr leid, durchfuhr es Thomas. Mit dieser Erkenntnis schwoll die Melodie an wie ein krankes Geschwür und die fremden Worte gruben sich schmerzhaft in seine Ohren. Er fiel auf die Knie, schlug die Hände vor die Ohren. Seine Augen suchten die ihren. Stumm flehte er, sie möge aufhören. Sie sah auf ihn hinab, ewig so kam es ihm vor, alsdann steigerte sie ihre Stimme auf ein unerträgliches Maß. Thomas schrie, warf den Kopf zu Boden und dachte, er würde sterben. Als die Töne verebbten, blieb er enttäuscht zurück. Damals fragte ich ihn, was er dann getan habe und er antwortete frei jeder Gefühlsregung, als wäre er jemand anderer.

So gern er auf dem Boden gestorben wäre, um seiner Tochter willen richtete er sich auf, unsicher ob er den Weg in seine Kammer antreten solle oder hinaus in die Nacht. Kaum auf den Beinen schreckte er zurück, fürchtete er, den Geist seiner Schwiegermutter erblickt zu haben. Bei Gott, sie war bleich wie der Tod und ihre Augen aufgerissen als stünde sie demselben gegenüber. Ihre schmalen Lippen bebten.
„Banshee.“
Mit dem geflüsterten Wort schien die Temperatur im Raum zu fallen.
„Du hast sie gesehen.“
Es brach aus ihm heraus wie eine Anklage. Sie antwortete nicht. Mit Augen zu groß für ihr Gesicht und den Händen am Türrahmen glitt sie zu Boden.
„Gott steh uns bei!“
Thomas versuchte dem Gesprochenem eine Bedeutung zu geben, aber es gelang ihm nicht. Er eilte zu ihr, griff ihr unter die Arme, doch sie schüttelte ihn ab, vergrub die Hände in den grauen Haaren und begann zu weinen.
„Sprich mit mir! Was hat das zu bedeuten? Bitte, …!“
Eine Wand aus Schmerz und Schweigen umhüllte die Alte.
Thomas setzte sich neben sie und so verharrten die beiden die ganze Nacht. Am Morgen erhob sich die alte Frau stumm und ließ ihn allein. Er selbst nahm schweren Herzens den Gang zu seiner Tochter auf sich. An das Gefühl, welches ihn beschlich, als er Ciaras Mutter vor dem Bett ihrer Enkelin sitzen sah, konnte er sich nicht entsinnen. Das kleine Mädchen lag friedlich in seinem Bette. Die Wangen leicht gerötet. Die blonden Locken ruhten sanft auf dem Kissen. Doch ein Blick in die offenen blass-grünen Augen und er erkannte den Tod, der einen milchigen Schimmer über die Farbe gedeckte hatte, so wie er später ein weißes Tuch über seine Tochter.
Ich traf ihn auf der Beerdigung. Dies war auch der Zeitpunkt, zu dem er mir von den Vorfällen berichtete. Thomas war der Bedeutung des Wortes Banshee nachgegangen und in seiner vom Leid geplagten Seele, so war es mein damaliges Empfinden, hatte er die für sich einzige Erklärung aus den Vorkommnissen gezogen. Seine Frau sei als Banshee, als irische Todesfee zu ihm zurückgekehrt. Selbst vom Tode dahingerafft, beweinte sie nun diejenigen, die ihr folgen sollten. Ich will und ich muss um meiner selbst willen ehrlich zu euch sein. Ich habe mich seiner nicht so angenommen, wie es meine Pflicht gewesen wäre. Ich tat seine Ausführungen als die eines verzweifelten Mannes ab, dem man sein Liebstes genommen hatte. In seinem Wahn erklärte er mir, dass er Ciara finden würde, auch wenn man einer Todesfee nicht folgen dürfe. Er lachte auf, als er dies sagte. Ein scheußliches Lachen, in dem man den nahenden Wahnsinn kichern hörte. Angesichts seines Verlustes empfand ich seine Seelenstörung zwar als beunruhigend, aber zumindest als begreiflich. Ich hätte besser auf ihn Acht geben sollen.

Hier im Ort erzählt man sich, dass er zum Ufer des Loch Deirgeirts gegangen wäre, den Namen seiner Tochter und den seiner Frau auf den Lippen. Zwischen Wut und Trauer soll sein Gemütszustand gewechselt haben. Langsam hat er einen Schritt in das eiskalte Wasser des Sees gewagt, dann einen weiteren. Das kalte Wasser umspülte seine Füße und Beine und muss an der Wärme seines Körpers gezerrt haben sowie die Bilder der vergangen Nächte an seinem Verstand. In seinen Gedanken hallte das Klagelied wider, welches ihn aufwühlte wie ein ins Wasser geworfener Stein. Als sein Körper unter die Wasseroberfläche geglitten ist, soll er ohne ein Anzeichen verschwunden sein. So erzählt man es sich und so stelle ich es mir vor.
Der Gesang einer Banshee vermag einen in den Wahnsinn zu treiben. War genau dies geschehen? Zweifelsohne hatte er gehofft, gefürchtet, sein Weib auf diese Weise noch einmal zu sehen. Wusste er nicht, dass die Todesfee nie demjenigen erscheint, der sterben wird, sondern seinen Angehörigen? Armer Thomas. Möglich, dass ihn dies gerettet hätte. Es mag aber sein, dass der von ihm eingeschlagene Weg ohnehin für ihn bestimmt war. Ich werde es nie erfahren und eben dies quält mich so.
Ihr mögt euch fragen, weshalb ich das Hirngespinst nicht mehr als solches betrachte? Nun, ich sah das Entsetzen in den Augen meiner Frau. Ohne dass ein Wort von Thomas' Geschichte meine Lippen verlassen hätte, war ihr ihre tote Schwester erschienen. Ein Klagelied auf den Lippen. In der Nacht bevor Thomas sterben sollte. Ich beruhigte sie damals, sagte, es sei ein Traum gewesen und nahm mir vor, möglichst unverzüglich Thomas aufzusuchen. Ich kam zu spät, wie ihr wisst. Ich wünsche meinem Freund von ganzem Herzen, dass er nun mit seiner Familie vereint ist und seinen Frieden gefunden hat. Möge er mir meine Untätigkeit verzeihen.

Letzte Aktualisierung: 20.05.2011 - 13.43 Uhr
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