Ganz schön bissig ...
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Fee | Mai 2011
Aman
von Asla Kant

… die Erde klagte still. Doch anders als die Menschen lauschte die, die keine Gnade kennt, dem Schmerz. Sie verstand und wuchs daran. Deshalb überließ ihr die Erde eine Seele. Die anderen waren dem Schatten geweiht …

***


Aman liebkoste das Gesicht eines schlafenden Neugeborenen. Nur ein Hauch, so zärtlich wie der letzte Atem. Seine Seele blieb standhaft und unbeugsam. Seitdem wachte sie über ihn.


Fünfzehn Jahre später tobte Noah durch sein Zimmer. Er gab sein Bestes auf einer Luftgitarre. Die Boxen vibrierten unter dem satten Klang von black hole sun. Noah versuchte sich seit Tagen an einer Übersetzung, ohne Dictionary und ohne Internet. Er bemerkte noch nicht einmal seinen Vater, der die Tür öffnete, mitsang und dabei die bekritzelten Seiten, welche mittlerweile auf dem Bett verstreut lagen, in Augenschein nahm. Der Junge zuckte zusammen, als sich sein Vater Gehör verschaffte.
„Zu laut, Pa?“
„Etwas.“ Noah stellte die Musik ab.
„Dein Englisch ist schon richtig gut, aber die letzte Strophe ist eigenartig, deine Interpretation? Ich bin beeindruckt. Komm, pack die Klampfe weg, Essen ist fertig.“

In dieser Nacht konnte Noah nicht einschlafen. Er griff unter sein Bett und warf einen prüfenden Blick auf seine Songtexte.

Hänge meinen Kopf auf
übertöne meine Angst
bis ihr alle einfach verschwindet
rufe meinen Namen, denn ich bin die, die keine Gnade kennt …

Wut mischte sich mit Scham und Unverständnis. „Hab ich das geschrieben?“ Seine Hände zitterten, denn es war seine Handschrift.

Sie wartete, bis er eingeschlafen war. Dann beugte sie sich über ihn. Sie nahm ihm seinen Atem und prüfte seinen Geschmack. Der erste Hauch von Reife verdrängte die Kindheit. Ein hauchdünner, gläserner Faden löste sich von ihren Lippen und floss wie dunkler Honig in seinen Mund. Das warme Leuchten auf der Haut des Jungen wich einem kalten Schatten. Doch seine Seele blieb standhaft und unbeugsam.

Das gemeinsame Frühstück und die besorgten Blicke seiner Eltern ertrug Noah mit Widerwillen. Etwas übernächtigt, mit einem flauen Gefühl im Bauch stieg er auf sein Fahrrad. Er trat ordentlich in die Pedale. Seine Schwester auf ihrem Minifahrrad mit Stützrädern kam nicht hinterher. Der Kindergarten war nur einen Kilometer entfernt. Sophie schimpfte: „Ich kann nicht so schnell!“ Noah stieg ab. „Wir schieben, einverstanden, Nervensäge?“ Sophie nahm die Hand ihres Bruders und grinste. Vor dem Eingang der Kindertagesstätte schloss Noah das Fahrrad seiner Schwester ab. „Duuu, wer war denn bei dir?“, wollte Sophie wissen. Noah biss sich auf die Lippen, wendete sein Gesicht ab. Gleichzeitig fragte er sich, warum. Warum fühlte er sich ertappt und vor allem, wofür schämte er sich? Das Schulterzucken beeindruckte Sophie nicht im Geringsten.
„Ma und Pa haben geschlafen, hab nachgesehen …, Noah?“
„Keine Ahnung, was du meinst. Du bist spät dran, los!“
Sophie stampfte mit den Füßen auf. „Lügner!“ Sie wühlte ein Stück Papier aus ihrer Hosentasche und hielt es ihrem Bruder unter die Nase. „Eine blaue Kutte auf einem Bett, na und?“ Er riss seiner Schwester das Papier aus der Hand und warf es auf den Boden. „Aber sie hat, sie hat sich auf dich draufgelegt!“
„Sie!?“
Als Noah die kleine Brotdose in Sophies Tasche stopfte, sich zu seiner Schwester umdrehte, verschwand der kleine Körper vor seinen Augen. Sein Arm schoss nach vorn. Das weiche Blond glitt durch seine Finger. Er konnte es nicht festhalten. Noah taumelte. Alles Sichtbare verschmolz zu einem grauen Schleier. Der Boden bewegte sich. Noah fiel.

Das Aufwachen tat weh. Noah lag mitten auf der Straße. Sein Körper war von dunklem Staub bedeckt, den er eingeatmet hatte, und der sich wie pelzige Fäulnis auf seine Zunge legte. Der Junge würgte und spuckte aus. Ein Büschel Haare, welches zu Boden sank, löste sich in Luft auf. Das Blut auf seiner Stirn war zu einer dicken Kruste geronnen. Er kroch über den Asphalt und zog sich an seinem Fahrrad hoch. Gefühlte Zeitlosigkeit verstärkte die Angst. Noah wischte sich Schweiß und Tränen aus dem Gesicht. Er fühlte die kahle Stelle an seinem Kopf, doch was viel wichtiger war, wo war seine Schwester und wo waren die andern? „Sophie?“ Keine Antwort. „Wo bist du!?“ Seine Stimme klang fremd. Ohne Widerhall. Es war grausam still. Nichts bewegte sich. Kein Wind, kein Luftzug. Geräusche fehlten. Das Licht fehlte. Der Junge rieb sich die Augen. Es war nicht dunkel, aber hell war es auch nicht. Noah riss das Tor auf und rannte. Im Hof, zwischen dem Spielplatz und dem Hühnergatter blieb er stehen. Hier war niemand. Auch die Hühner waren weg.
Im Gebäude rutsche er auf staubbedecktem Linoleum aus. An der Garderobe reihte sich eine Jacke an die nächste. Die Schuhe standen immer noch so da, wie sie ausgezogen worden waren. Noah fasste instinktiv an seine Hose. Er zog sein Handy hervor. Im ersten Moment erleichtert, ließ er den nutzlosen Ballast fallen. Sein Herz raste. „Wo seid ihr denn alle! Hallo?“ Noah atmete schwer aus und rannte weiter. Was er fand, waren Kindertoiletten mit nicht abgespültem, eingetrockneten Inhalt, kleine Tische, auf denen Speisereste vor sich hin gammelten und gleichsam versteinert wirkten, kleine Stühle, an deren Füßen sich der Staub auftürmte. Noah ging vor einem Kinderwaschbecken in die Knie. Seine Hände wollten ihm nicht gehorchen, als er versuchte, den Hahn aufzudrehen. Gierig saugten seine Lippen an kaltem Metall. Vergebens. Als er aufstand und in den milchigen Spiegel sah, schrie Noah. Er schrie, bis ihn seine Kräfte verließen.

Auf allen Vieren war Noah nach draußen gekrochen. Seine Augen juckten. Noah würgte. Was er ausspuckte, war diesmal nicht zu übersehen. Der kirschgroße Klumpen roch noch schlimmer als Durchfall. Es wieder hinunterzuschlucken, schließlich war es sein Fleisch, war nicht nur ekelhaft, sondern auch überflüssig, denn als er danach griff, war es verschwunden.

Noah wollte Hilfe holen. „Ob meine Eltern auch verschwunden sind?“ Bei dem Gedanken heftete sich sein Blick auf die Uhr an der Bushaltestelle. 'Viertel nach sieben' ließ sich auf dem vergilbten Ziffernblatt erkennen. „Wie lange steht diese Uhr? Vorhin war es noch hell, früher Morgen! Das ist alles nicht richtig!“ Der Junge schleppte sich nach Hause. Seine Umgebung, vor einem Augenblick noch lebendig und vertraut, schien sich unter einem rasenden Verfall zu beugen. Graue vertrocknete Wiesen, auf denen sich kein Halm bewegte, offenbarten das Sterben. Autos, vom Rost gezeichnet, chaotisch verstreut, manche ineinander verkeilt, säumten Noahs Weg. Der Junge schaffte es nicht mehr, sich auf den Beinen zu halten. Seine Augen trübten sich.

Noah lag auf dem toten Gras im Vorgarten seiner Eltern. Nicht mehr Herr seiner Sinne, schrie er in Gedanken auf, übergab sich dabei und strampelte seine Hose von den Beinen. Er urinierte und es brannte wie Feuer. Als das Kirchendach neben seinem Elternhaus einstürzte, öffnete der Junge ein letztes Mal die Augen. Sie waren schwarz geworden.

Etwas Zartes hatte auf Noahs Beinen Platz genommen. Was es auch war, seine blinden Augen sahen es nicht, aber es wuchs. Es wurde unsagbar schwer. Noah atmete einen Duft ein, der ihm seltsam bekannt vorkam. Er spürte den Hauch einer Berührung, bevor seine Umgebung unter massiven Kräften erbebte. Schwarze Schwingen stießen unter einer hyazinthfarbenen Robe hervor. Ein einziger Flügelschlag zerschmetterte den sterbenden Körper des Jungen. Die Seele verschmolz mit dem fremdartigen Wesen.

Aman trug Noahs Seele. Seine zerstörte Hülle überließ sie dem Schatten.

***


Noah erwachte auf kalten Steinen. Eine untergehende Sonne tauchte das Hochplateau in ein warmes Rot. Ein weiterer Himmelskörper, der mit der Sonne zu versinken schien, weckte Erinnerungen. „Toter Erdschatten“, flüsterte Noah. Fragen stellten sich nicht, denn das Wissen eines längst vergangenen Zeitalters war auf ihn übergangen. Die, die keine Gnade kennt, hatte ihm einen neuen Körper geschenkt. Seine unzähligen Fluchtversuche endeten mit gestutzten Flügeln und Schmerz, den er nicht mehr fühlte. Noah schöpfte Kraft aus diesem Schmerz. Er breitete seine Schwingen aus, denn das letzte Licht des Tages heilte seinen geschundenen Leib. Sie hatte ihn nach ihrem Abbild geschaffen. Doch seine Männlichkeit, seine Seele, rebellisch und unfügsam, ließ ihn zu einer gewaltigen Größe heranwachsen. Er formte sich selbst. Sie hatte ihn unterschätzt und das machte ihn umso anziehender. Sie spürte, wenn sich sein Heilungszyklus vollendete. Allein sein Geruch lockte über weite Entfernungen hinweg. Und damit er ihr an Kraft und Stärke unterlegen blieb, stach sie immer wieder in die alten Wunden, ließ ihn bluten. Sie hatte ihn zu allen Zeiten begehrt.

„Aman!“
Nie zuvor hatte er sie gerufen. Ihre hyazinthfarbene Robe streifte über den Fels. Zarte, bleiche Hände glitten voller Ehrfurcht über die breiten Schultern und starken Schwingen. Sein Gewand hatte die Farbe seiner Augen angenommen.
„Lass mich heil werden. Lass mich fliegen.“
Noah öffnete seine Robe, nahm ihre Hand in seine und legte sie auf seine Brust.
„Du fügst dich.“
Er führte ihre Hand an seinen linken Flügel und öffnete die alte Wunde. „Nein. Aber ich weiß, dass du meinen Schmerz begehrst. Ich schenke ihn dir.“ Seine Schwingen schlossen sich um ihren zarten Körper. Sie versank in seinen schwarzen Augen und hatte doch nicht mehr zu verschenken als keine Gnade. Auch Noah erlag ihrer unwiderstehlichen Anziehungskraft. Er liebte das Meer von Blau ihrer Augen.
„Noah, du wirst dich niemals fügen.“
„Und du weißt, was geschieht, wenn wir uns verbinden. Du wirst schwach werden, Aman.“

Noahs Stimme schwoll an. Er sang für das, was übrig geblieben war. Er sang für Aman.

Hang my head
drown my fear
call may name
because you´re the one
that directs inhumanity
my semen gives you grace
You´ll beg me
and I´ll hear you
Scream again



©anahtar.Навсегда.в

Letzte Aktualisierung: 26.05.2011 - 19.38 Uhr
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