Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Fee | Mai 2011
Der Carmen-Effekt
von Paul Sanker

Es war einmal eine junge Frau, die hieß Sabine und war wunderhübsch. Sie hatte langes gelocktes Haar, eine niedliche Stupsnase und eine atemberaubende Figur, sodass jeder Mann sich nach ihr umschaute, wenn sie an ihm vorüberging.

Trotzdem war Sabine nicht zufrieden. Sie fühlte sich zu dick. Immer wenn sie sich im Spiegel besah griff sie sich an die Hüften und an den Bauch und klagte über ihre imaginären Röllchen und angeblichen Pölsterchen. Wenn sie mit ihren Freundinnen ausging und ein Cafe oder eine Eisdiele besuchte, bestellte sie immer nur ein Mineralwasser und ein Stück Knäckebrot. Natürlich musste das ihren Freundinnen den Spaß verderben, die vor ihrem Stückchen Bienenstich saßen oder sich auf ihre Portion Spaghetti-Eis freuten und längst nicht Sabines tolle Figur aufzuweisen hatten.
Sabine sagte dann nur mit einem süffisanten Lächeln: "Guten Appetit. Lasst es euch schmecken. Da werd ich ja schon vom Zuschauen dick."
Glaubt mir, Kinder, für Sabines Freundinnen war dann der Tag gelaufen.
Auch Sabines Freund Bernd hatte es nicht leicht. Immer wieder fragte sie ihn: "Liebst du mich noch?"
Und Bernd antwortete immer wieder: "Ja, Sabine. Ich liebe dich."
"Aber von selber sagst du das nie. Ich muss dich immer erst fragen", schmollte Sabine.
"Ja, aber du fragst mich auch so oft, dass ich gar nicht dazu komme, von selber zu sagen, dass ich dich liebe. Ich bin so verrückt nach dir, dass ich dich fressen könnte", versicherte Bernd.
Doch das war die falsche Antwort. "Du denkst ans Essen, wenn du mich siehst? Also hältst du mich auch für zu dick, du Schwein!"
Damit wars dann vorbei mit dem schönen romantischen Abend mit seiner Freundin.

Eines nachts lag Sabine wach in ihrem Bett und konnte nicht einschlafen. Sie war traurig, dass sie nicht so schlank war wie die Top-Models in den Magazinen und weinte bitterlich. Erst nach Stunden war sie endlich erschöpft und fiel in einen unruhigen Schlaf.
Im Traum erschien ihr eine Fee. Die Fee hieß Carmen. Was Sabine nicht wusste: Carmen war keine gute Fee, sie war auch keine böse Fee. Nein, Carmen war - nun ja - sagen wir mal: launisch.
Und sehr schnell beleidigt. So wie Frauen nun mal sind. Ansonsten hatte Carmen ein kugelrundes mit Sommersprossen bedecktes Gesicht und einen ebenso kugelrunden Bauch. Ihr ganzer Stolz waren ihr goldener Zauberstab und das goldene Krönchen auf ihrer knallroten Igelfrisur, die sie als echte Fee auswiesen.
Carmen lachte gerne viel und anhaltend und war immer guter Laune - solange man sie nicht auf ihren runden Bauch und den runden Kopf ansprach.
"Wer bist du?", fragte Sabine im Traum, als sie Carmen sah.
"Ich bin deine Traum-Fee und bin gekommen, um dir einen Wunsch zu erfüllen. Ist das nicht toll?" Carmen lachte herzlich über alle ihre Backen, so dass es hüpfte und wackelte wie in einer Götterspeise.
"Noch toller wäre es, wenn ich an den Hüften schlanker wäre", maulte Sabine.
"Schlanker? Aber was redest du da, mein Kind? An deiner Figur ist doch nichts auszusetzen", wollte Carmen Sabine aufmuntern und lachte wieder herzerfrischend.
"Da kannst du ja wohl nicht mitreden", brummelte Sabine mit einem schiefen Seitenblick auf die Fee.

O, Ohhh! Großer Fehler.

"Ach. Kann ich nicht?" Carmen steckte die pummligen Fäustchen in ihre üppigen Hüften. Ihre Stimme hätte Papier schneiden können.
"Und warum kann ich das nicht - mein Kind?"
"Nun ..." Sabine zögerte. "Der eine ist eben schlank, und der andere ..."
"Und der andere ...?" Carmens Gesichtsfarbe glich sich ihren Haaren an. Noch ein wenig mehr, und Dampf würde unter ihrem Krönchen emporwirbeln.
"Nun. Der Andere hats mit den Drüsen und kann nicht dünner werden." Sabine ließ ihr bezauberndstes "Doktor-Best-Zahnpflege-Lächeln" aufblitzen.
"So, so - die Drüsen also." Die Fee würgte ihre Worte fast hervor.
"Aber lassen wir das. Kommen wir zum Geschäftlichen." Carmen schien von einem Augenblick zum nächsten ihre Fassung zurückgewonnen zu haben.
"Was hast du für einen Wunsch, mein Kind?" Mit hochgezogenen Augenbrauen und einer leichten Arroganz stand sie da, zupfte beiläufig mit einer Hand ihren Pony und wippte mit der anderen ihren Zauberstab hin und her, so dass feiner Feenstaub aufwirbelte.
"Ich wünsche mir, dass ich vom Essen dünn werde." Sabines Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.
Die Fee verzog keine Miene, als sie Sabines Worte vernahm. Oder huschte da vielleicht der Hauch eines spöttischen Grinsens über Carmens Mundwinkel?
"Dein Wunsch sei dir gewährt." Professionell schwang sie ihren Feenstab drei mal kreisförmig über ihrer Krone und warf dann mit elegantem Schwung den Arm nach vorne, sodass der aus der Spitze hervorsprühende glitzernde Staub auf Sabines Kopf hernieder rieselte.
Sabines Mund stand vor Staunen weit offen. Sie wollte nach dem Feenstaub greifen, doch wenn sie ihn versuchte zu berühren, verschwand er mit einem flüchtigen Glimmen.
"So, das wars", meinte Carmen.
"Die Nacht ist noch lang und ich habe noch einen anderen Auftrag zu erledigen. Machs gut." Die Fee drehte sich noch ein letztes Mal zu Sabine um.
"Übrigens. Noch einen allseits guten Hunger wünsch ich dir." Dann machte es "Plopp!" und Carmen war verschwunden.
"Na also! Wurde Zeit, dass die Dicke endlich verschwindet." Sabine gähnte herzhaft. Damit drehte sie sich um und schlief sofort ein.

Am nächsten Tag war Sabine bester Laune. Sie dachte immer wieder an die Fee, wusste aber nicht so recht, ob sie alles wirklich so erlebt hatte, oder ob es doch nur ein Traum gewesen war.
Am Abend hatte sie Bernd zum Essen eingeladen. Sie gingen zum besten Italiener in der Stadt und Sabine bestellte für sich ein regelrechtes Festmenu.
Nach einem üppigen Antipasti-Teller für Zwei wählte sie die Scaloppini provencal und eine Portion Spaghetti arabiata. Als Beilage gab es einen Sommersalat mit Thunfisch und Oliven. Zum Nachtisch bestellte sie zwei Stückchen Tiramisu.
Bernd staunte nicht schlecht. Bislang hatte seine Freundin bei solchen Gelegenheiten allenfalls ein Stückchen Pute mit Rucola-Salat ohne Öl bestellt. Schön, dass es ihr so schmeckte, dachte Bernd und schaute mit einem säuerlichen Blick heimlich ins Portemonnaie, ob das Geld für die Rechnung reichen würde.

Als sich Sabine am nächsten Morgen auf die Waage stellte hüpfte ihr Herz fast vor Aufregung. Sie hatte sage und schreibe 500 Gramm abgenommen. Na, wenn das kein Grund zur Freude war.
Ein paar Tage später wurde sie von ihrer besten Freundin Pia wieder einmal zum Eis essen eingeladen. Pia tat das gerne, zumal ihre Großzügigkeit bislang immer eine preisgünstige Angelegenheit war, da Sabine nur an einem Wässerchen nippte. Doch diesmal kam es anders. Sabine wählte den größten und teuersten Eisbecher auf der Karte, den Copacabana-Cup mit Schoko, Sahne und Eierlikör. Daraufhin orderte Pia nur zwei Bällchen Vanille, um den Schaden fürs Budget möglichst klein zu halten.
Später kontrollierte Sabine ihre Schlemmer-Aktion auf der Waage. Perfekt! 300 Gramm weniger.
In den nächsten Tagen und Wochen aß Sabine nach Herzenslust alles, worauf sie Appetit hatte. Egal, was sie verschlang, ob Schnitzel, Sahnetorte oder Burger - sie nahm nicht zu. Im Gegenteil, sie verlor weiter Gewicht. So konnte es weitergehen. Doch - der Leser ahnt es schon - es ging nicht so weiter.
Eines Tages wurde Sabine krank. Sie hatte sich den Magen an einem Stück schlecht gewordener Leberwurst verdorben und konnte eine Woche lang nichts essen, so übel war ihr. Alles was sie oben in sich reinschob kam noch schneller am anderen Ende wieder heraus. Ihre Mutter und ihr Freund Bernd machten sich anfangs Sorgen, da sie kaum was aß.
"Kindchen, du musst was essen. Sonst magerst du noch ab und kommst gar nicht mehr zu Kräften."
Doch die Sorge war unbegründet. Sabine nahm nicht weiter ab. Im Gegenteil, sie nahm zu. Je weniger sie aß, umso mehr Pfunde sammelten sich an. Nach einer Woche hatte sie zehn Kilo zugenommen. In der Woche darauf ging es Sabine deutlich besser. Die Durchfälle verschwanden, doch sie behielt ihre Abneigung fürs Essen. Wie früher aß sie nur noch wie ein Spätzchen. Sabine wählte wieder nur einen Salat und Mineralwasser, allerdings nahm sie nun davon immer weiter zu. Nach drei Monaten wog sie schon 80 Kilo, nach einem halben Jahr überschritt sie die 100 Kilo-Grenze. Sie besuchte Dutzende von Ärzten und Ernährungsberatern. Die Spezialisten vermuteten eine seltene Hormonstörung - die Drüsen also - doch niemand konnte ihr helfen.
In Wahrheit wusste Sabine auch, dass ihr keine schulmedizinische Behandlung helfen konnte. Denn ein Heilmittel gegen den Carmen-Effekt gab es nicht.
Immer wenn sie versuchte, sich mit Gewalt Nahrung in den Rachen zu stopfen, musste sie sich gleich wieder übergeben. Das bedeutete: sie nahm weiter zu.
Eines Tages saß sie mit ihren inzwischen 130 Kilogramm im Cafe Zimmermann vor einem Teller mit einem großen Stück Schwarzwälder-Kirsch-Torte. Wie gerne hätte sie die Kalorienbombe verschlungen. Doch sie konnte nicht. Es fehlte der Appetit.
Am Nebentisch saß eine Mutter mit ihrer neunjährigen Tochter und die beiden beobachteten fasziniert die fette Frau.
"Siehst du, meine Kleine", flüsterte die Mutter.
"Das kommt davon, wenn man den Hals nie voll bekommt." Das Mädchen nickte erschrocken und schob ihre Nußecke entsetzt beiseite.

Ja, meine Lieben. Was lernen wir daraus? Vermutlich gar nichts. Und wenn Sabine nicht gestorben ist, dann isst sie vielleicht noch heute nichts.

Letzte Aktualisierung: 30.04.2011 - 21.46 Uhr
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