Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Fee | Mai 2011
Flügel für Marlene
von Katharina Conrad

Mein ganzes bisheriges Leben habe ich als plumper Elefant verbracht, und meine Seele war bleigrau und schwer.
Nichts, aber auch gar nichts an mir war feenhaft – bis letzte Nacht.
Dabei hatte ich diese Nacht aus einem ganz anderen Grund herbeigesehnt!
Ein Ende hatte ich erwartet, nicht einen Neubeginn!
Ich wollte sie nur loswerden, Sandrine, diesen Ausbund an Fröhlichkeit mitsamt ihrer französischen Eleganz und ihrem aufgemalten Charme!
Sie hätte Alinas Austauschschülerin sein sollen, nicht meine, die beiden hingen sowieso die ganze Zeit aufeinander. Und ich war weniger als Luft für sie.
Wie sie sich aufgetakelt hatte für die Abschiedsparty! Knalleng und perfekt lackiert küsste sie die Luft neben Alinas Ohr gleich zweimal, dreimal. Marlene der Elefant wurde als lästiges Accessoire an der Garderobe vergessen.
Alina und Sandrine führten die Party an wie Funkenmariechen einen Karnevalszug. Einige auserwählte Mädchen gehörten zu ihrem Gefolge und tanzten zum wummernden Rhythmus, hungrig verfolgt von den Jungs, den französischen wie den deutschen.
Die Kaste der Zuschauer bestand aus mir und dem Rest. Denen, die weder tanzen noch hungrige Blicke werfen durften, aber wir waren es ja gewohnt.
Ich blieb dem Strobolicht fern und lehnte mich mit dem Rücken an die Wand der Aula.
Er war Teil der Dunkelheit neben mir, und weil alles an ihm ebenfalls dunkel war, erschrak ich, als ich ihn plötzlich an meiner Seite fühlte.
Nouri hieß er.
Viel mehr wusste ich nicht, außer, dass er ursprünglich aus Tunesien kam und noch nicht lange in Paris zur Schule ging. Ich roch, dass er eine Lederjacke trug und Rasierwasser, und suchte in meiner Erinnerung nach seinem Gesicht. Ich fand es, obwohl er sich nie in den Vordergrund gedrängt hatte, nicht so wie Sandrine und ihr Hofstaat. Aber er hatte im Unterricht und in der Pause ein paar Mal zu mir rüber geschaut, und ich erinnerte mich an wunderschöne Augen mit verschwenderischen, schwarzen Wimpern.
Seine Hand berührte meine.
Es musste ein Zufall gewesen sein, ein Versehen, ich erwartete, dass er die Hand zurückziehen und verschwinden würde, aber er tat es nicht.
Also tat ich es. Verließ die Aula und hielt meine Hand an mich gepresst, weil sie brannte an der Stelle, die Nouri berührt hatte.
Vor der Aula packte mich das eiskalte Schulflurlicht. Ich floh davor durch die erstbeste offene Tür und landete mitten in den Theaterrequisiten.
Hinter mir öffnete und schloss sich die Tür leise. Wieder roch ich Leder, ganz nah, und drehte mich um, zu Nouri.
Diffuses Licht kroch durch den Spalt unter der Tür, und ich spiegelte ich mich im Schwarz seiner Augen. Gerne hätte ich gewusst, was er wohl sah, wenn er mich so anschaute.
„Marlène“, flüsterte er, und ich fühlte seinen Blick direkt in meiner Seele.
Nebenan brach der wummernde Bass ab, gedämpft begann ein langsamer Song.
Nouri griff meine Hand, kein Zufall, kein Versehen, und zog mich an sich.
Keiner sah uns tanzen in der dunklen Requisitenkammer. Kein abfälliger Blick und kein spöttisches Grinsen zerstörte unseren Zauber. Ich fühlte, nein, ich fühle noch jetzt Nouris weiche Haut und seinen warmen Atem an meinem Hals. So tanzten wir und spürten uns, seine Hand an meinem Nacken, sein schwarzes, seidiges Haar zwischen meinen Fingern, seine Stirn an meiner Stirn.
Ich hoffte, nicht plötzlich wie ein Schlafwandler im grellen Licht der Wahrheit zu stehen, aber es war kein Traum.
Als er mich küsste, streiften seine Wimpern über meine Wange, und meine Seele begann zu leuchten. „Marlène“, murmelte er, und sie begann zu blühen. Er hob mich mühelos auf und trug mich zu dem Himmelbett, und meine Seele begann zu fliegen.


Die Party war noch in vollem Gange.
Ich zog ihn mitten auf die Tanzfläche. Mein Gesicht glänzte von feinem Goldstaub, und alle starrten mich an. Sogar in Sandrines und Alinas Augen flackerte der Widerschein der schimmernden Flügel, die Nouri mir geschenkt hatte und die nichts und niemand mir je wieder würde nehmen können. Wir berührten kaum den Boden unter unseren Füßen, als wir tanzten und Nouri in mein Ohr flüsterte: „Marlène – ma fée...“

Letzte Aktualisierung: 22.05.2011 - 20.38 Uhr
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