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Fee | Mai 2011

Wem Ehre gebührt
von Harry Michael Liedtke

Unter normalen Umständen hätte man die Gestalt, die gerade auf hoffnungslos verschlungenen Pfaden wandelte, als unheimlich bezeichnet. Groß war sie, mindestens zwei Meter, und athletisch. Die Haut des starkknochigen Mannes schimmerte in einem kalkigen Weiß, in der Hand hielt er einen zweizackigen Speer, dessen Knauf als Schlüssel geformt war. Sein schwarzes Gewand hatte er weit über den Kopf gezogen, so dass der größte Teil seines Gesichts verborgen blieb. Nur die Kieferpartie war erkennbar. Kantig stand das Kinn hervor, der breite, wolfsartige Mund wurde von einem zottigen Bart umrahmt. Obwohl aus gegebenem Anlass nur sehr wenige Abbildungen von ihm existierten, hätte jeder, der seinen Weg kreuzte, auf Anhieb gewusst, wen er vor sich hatte: Er war Bilé, der keltische Gott der Unterwelt!
Im Moment jedoch strahlte der Lord der Finsternis so viel Präsenz und Schaurigkeit aus wie ein Esslöffel Haferflocken in einer großen Schüssel Milch. Sich immer wieder verzweifelt umblickend, stromerte er hibbelig mal in diese, mal in jene Richtung. Jetzt setzte er gar seine Kapuze ab, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Unglaublich, ein Höllenfürst, der transpiriert. Wie peinlich. Würden ihn die anderen Hadesregenten so sehen, sie wären vor Lachen und Prusten wohl selbst in Schwitzen gekommen.
Verdammt, er hatte sich verlaufen! Und er wusste auch, in welche Art Falle er getappt war. Loki, der Trickser aus Asgard, hatte ihn erst kürzlich noch gewarnt.
„Pass auf deine Kelten auf“, so seine Worte, „die führen was im Schilde. Überall im Westen, wo die Tore zur Hölle stehen, bauen sie drum herum gewaltige Labyrinthe. Damit sich der Teufel verirrt und niemanden mehr mit ins Totenreich nehmen kann.“
„Tja“, dachte Bilé sarkastisch, „danke für den Tipp.“ Hätte er mal besser auf die Warnung gehört und sich gewappnet, dann stünde er jetzt nicht verloren in diesem aus meterhohen Hecken und Mauern geformten Bodenmosaik. Angenervt kniff er die Augen zusammen. Er wollte ja nicht rabulistisch erscheinen, aber streng genommen befand er sich in einem Irrgarten und nicht in einem Labyrinth. Irrgärten haben Sackgassen, Umwege oder gar Fallen in Form von geschlossenen Wegen. Labyrinthe haben nur einen Weg, und mag er noch so verschlungen sein.
„Bei allem was recht ist“, sinnierte der Herrscher der Anderswelt, „ich wäre gut beraten gewesen, meine Höllenhunde mit mir zu führen. Die hätten sich ihren Weg schon hinausgeschnüffelt.“ Die Wut stieg in Bilé hoch, und er zerhackte mit seinem Schlüsselspeer eine Hecke, haute ein mächtiges Loch ins Mauerwerk und zermackte den Steinboden, nur um zu sehen, dass die angerichtete Verwüstung von Zauberhand wieder verschwand. Nur Augenblicke später sah alles so unversehrt aus wie zuvor. Die Taktik, Spuren zur Orientierung zu hinterlassen, ging also nicht auf. Auch ein Schwebezauber, mit dem er sich auf gallisch durch die Lüfte hätte empfehlen können, funktionierte nicht. Das hatte er alles schon probiert. Das Wegenetz war magisch gesichert, und er kam partout nicht auf die richtige Beschwörungsformel, um den Bann zu brechen. War bestimmt was Orientalisches, das hier angewandte Hexenwerk, und in diesem Zweig der Schwarzen Kunst kannte er sich gar nicht gut aus.
Mit einem Seufzer sank er hernieder und rollte sich auf dem Boden zusammen. Er war erschöpft. Seit mindestens zwei Wochen schlurfte er jetzt schon durch die engen Passagen, die man in einem Ausbund an Fleiß und Hingabe an den Ausgang der Höhle von Cruachan angebaut hatte. Er nahm sein Füllhorn vom Gürtel und trank in gierigen Schlucken mindestens drei Pints Met. Seine Laune besserte sich dadurch indes nicht.
Verdrossen schüttelte er den Kopf. Er konnte sich schon denken, wem er das Elend zu verdanken hatte. „Diese Irrgartenteufelei ist unter Garantie auf Morgaines Mist gewachsen“, fluchte er. Dieses Satansweib. So was Hintertückisches kann sich auch nur eine Frau ausdenken. Nicht zu fassen, der König der Toten bezwungen von einer besseren Landschaftsgärtnerin.
„Wenn ich diese Sidhenhexe in die Finger bekomme ...“, dachte er. „Ich schleife die Schlange am Haarschopf aus ihrem Feenhügel und dann ...“ Er brach den Gedanken ab. Hatte ja doch keinen Zweck, hier in Gewaltfantasien zu schwelgen. Und außerdem, das musste man der Lady aus der Schule des Schwarzen Kreises lassen, was das Druidenhandwerk anging, so machte sie allen was vor. Da hängte sie sogar den großen Cathbad ab. Was wahr ist, muss wahr bleiben. Das gilt auch für Teufel.
Mühsam rappelte sich Bilé auf. Er musste weiter, wollte er hier jemals herauskommen. „Mal überlegen“, grübelte er, „wie war doch gleich die Regel für Labyrinthe? Genau! Wenn du einen Irrgang betrittst, so achte darauf, dass eine Wand immer rechts von dir ist. Irgendwann wirst du an dein Ziel gelangen. Hm, nun denn, ich kam von Osten, also gehe ich jetzt mal in Richtung Norden. Aber Moment, bei allen bösen Geistern, hier war ich doch schon! Na klar doch! Die drei verwachsenen Eiben und dahinter die rissige Mauer. Oder halt, sollte ich mich täuschen? Herr im Himmel, ich werde noch wahnsinnig ...“
Entkräftet lehnte sich der Herr der Unterwelt an eine der Mauern. Schwer atmend musterte er die durch Pflanzen- und Mauerwerk begrenzten Pfade. Atmen ... wie lange schon hatte er das nicht mehr gemacht? Als Gottheit braucht man das nicht, und im Totenreich ist es ohnehin verpönt. Bäh, der ganze Schmutz und Mief, den man beim Sauerstoffeinsaugen mitschluckte ... Davon konnte selbst Untoten übel werden. Also hatte er sich diese schlechte Angewohnheit abgewöhnt. Jetzt aber – überwältigt von der enormen körperlichen Anstrengung – benötigte er jede Art von Energie und innerliche Kühlung.
Sein Japsen war so laut, dass er das Wispern fast überhört hätte. Horchend reckte der schlappe Höllenfürst sein Haupt in die Höhe. Wahrlich, leise Stimmen versuchten ihm etwas mitzuteilen.
„Der Faden ...“, vernahm er. „Hoheit, achtet auf den Faden.“
Was war das denn nun wieder für eine Gemeinheit? Welcher Faden? Verwirrt drehte sich der Totengott im Kreis. Da! Wahrhaftig, auf dem aschgrauen Boden erspähte er ein langes, in die Unentlichkeit führendes Garn. Ein roter Faden ... Nachdenklich kratzte sich Bilé am Kopf. Moment! Ein roter Faden, war das nicht was Griechisches? Hmm ... Bilé ging jäh ein dunkles Licht auf. Na klar doch, Ariadne. Die schnucklige Grazie aus Kreta! Die Süße hatte doch diesen Fadentick. Ein seliges Lächeln zog auf das sonst so grausame Antlitz des Orkusherrschers. Mit der zarten Fruchtbarkeitsgöttin aus dem Süden hatte mal was gehabt. Lang ist’s her! Im Grunde hatte er die kleine Maus nur verführt, um ihren Bruder Helios zu ärgern. Der schnöselige Sonnengott war ihm von Natur aus suspekt gewesen. Dem Strahlemann hatte er unbedingt die Stimmung verhageln wollen. Was auch gelungen war! Was hatte die Lichtgestalt getobt. Nix mehr mit eitel Sonnenschein! Bilé feixte mit verklärtem Gesicht. Hach, dass Ariadne ihm jetzt helfen wollte, hatte echt etwas Rührendes an sich. Hehe, da hatte er wohl Eindruck hinterlassen.
Wohlan denn! Bilé schnappte sich den Faden und ließ sich von ihm leiten. Es wurde ein langer Marsch. Aber weil er nicht mehr versuchen musste, sich Details zu merken, kam ihm die weite Strecke vor wie ein Spaziergang über Hy Breasil, der malerischen Jenseitsinsel. Nichtsdestotrotz atmete er auf, als der Faden, an dem er sich entlanghangelte, ein Ende fand. Einen erleichterten Seufzer ausstoßend, besah sich der König der Toten die Nische, in die ihn das Garn geführt hatte. Sie unterschied sich kaum von den anderen toten Punkten des Irrgartens – außer eben, dass an Kopfwand ein Hebel angebracht war. Das musste es sein! Energisch packte der Totengott den Knauf und zog ihn herunter. Gespannt sah er sich um ... aber es passierte nichts! Bilé zog die Stirn kraus. Was sollte das denn jetzt? Er packte nochmals den Hebel und zerrte daran, doch er konnte ihn nicht mehr bewegen. Er war fest eingerastet. Wärend Bilé sich fragte, ob er die Vorrichtung womöglich mit seinem heftigen Ruck kaputt gemacht hatte, ertönte ein ausgelassenes Kichern. Von Zauberhand wickelte sich der Faden auf und schnürte den Gott der Toten ein wie eine Roulade, bevor er eine Gegenmaßnahme treffen konnte. Das Kichern wurde lauter. Gereizt spannte Bilé seine Muskeln an, und tatsächlich gelang es im, die Fesseln zu zerfetzen. Mit einem Wutschrei riss sich der dunkle Fürst die Bindfäden vom Leib. Aber das war kein Garn mehr, was er da abstreifte. Das waren Haare. Lange schwarze Haare. Bilé stieß ein Knurren aus. Morgaine hatte lange schwarze Haare. Keine Frage, die Sidhe wollte ihn jetzt auch noch persönlich foppen.
„Zeig dich, du hinterlistige Schlampe“, bölkte Bilé völlig unköniglich. Mit seiner Fassung war’s jetzt endgültig vorbei. Er hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass Morgaine erscheinen würde, deshalb war er überrascht, als sie sich aus dem Nichts vor ihm materialisierte. In einiger Entfernung selbstverständlich.
„Na, wer wird denn gleich ausfallend werden?“, grinste sie. Bevor sich Bilé auf die schwarze Fee stürzen konnte, bedeutete sie ihm, sich umzuwenden. „Schaut mal hinter Euch, mein König. Es will Euch jemand grüßen.“
Bilé wirbelte herum und sah direkt in Ariadnes hellgrüne Augen. Doch das Wiedersehen währte nur kurz. Die zierliche Göttin hauchte ihm einen Handkuss zu, dann entmaterialisierte sie sich wieder. Bilé drehte sich zu Morgaine um, doch auch sie war fort. Wo sie gestanden hatte, befand sich nun ein gleißender Spiegel. Er leuchtete so hell, dass der Herr der Finsternis befürchtete, seine Augen würden ausgebrannt. Dennoch trat er neugierig näher. Vielleicht hatten die Weiber ja doch Mitleid und ließen ihn entkommen. Er kannte diese Art Spiegel. Bei ihnen handelte es sich um Dimensionstore. Als er direkt davor stand, entdeckte Bilé am Rahmen ein Kärtchen. Er nahm es ab und las die Inschrift:

„Sei gegrüßt, Bilé, alter Kumpel!
Sieht aus, als wärst du urlaubsreif.
Hier, für dich, ein Freiflug in die Sonne. Direkt in die Sonne!

Dein Freund Helios“

Letzte Aktualisierung: 11.05.2011 - 07.06 Uhr
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