Sexlibris
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Endlich frei | Juni 2011
Kolibri (Ein Kammerspiel)
von Lutz Schafstädt

In der guten Stube. Auf dem Tisch vor dem Fenster ein Vogelkäfig. Wellensittich Hansi hockt auf der Schaukel, plustert hin und wieder seine Flügel auf, kratzt sich mit dem Schnabel seine Brust. Gleich daneben, auf der Fensterbank, döst Kater Mauz vor sich hin, den Kopf auf die Pfoten gesenkt, den Schwanz an den Körper geschmiegt. Im Sessel, über den Couchtisch mit der ausgebreiteten Zeitung gebeugt, die Brille auf der Nasenspitze, sitzt Oma Lotte. Nachmittagsidylle. Durch das angeklappte Fenster dringen von den Bäumen im Hof die Rufe von Vögeln herein.

Hansi

Draußen. Was für ein magisches Wort. Dort singen und spielen sie, meine Artgenossen. Flattern durch die Luft, bauen sich Nester, necken einander. Manchmal sehe ich sie, durch die Gitterstäbe meines Käfigs und das Glas hindurch. Übermütig und sorglos pflügen sie mit ihren Gefährten durch einen grenzenlosen Himmel. Und ich? Eingesperrt bin ich. Gefangen. Allein. Futternapf, Tränke und Schaukel, das sind die Stationen meiner engen Welt. Ich habe keine Hoffnung mehr, jemals etwas anderes zu sehen. Ich bin des Träumens müde, der wehmütigen Gesänge überdrüssig. Die Sehnsucht nach einer fernen Heimat ist zur schmerzlichen Bürde geworden. Es gibt keinen anderen Ort für mich, kein unbekümmertes Leben mit eigenem Nest, Freunden, Abenteuern. So viel Kummer lastet auf meiner Brust.

Na, wenigstens habe ich noch Mauz zum Reden. Der kennt sich aus in der Welt. Mauz, hörst du mich? Da, seine Ohren haben sich aufgerichtet.

Mauz

Wieder einmal Weltschmerz? Ein wehleidiger, verwöhnter Vogel bist du. Wie oft soll ich dir noch erzählen, wie gut du es hast. Satt und zufrieden solltest du sein, da in deinem goldenen Käfig, wo für alles gesorgt ist und niemand dir etwas anhaben kann. Draußen in der Freiheit, da warten keine gefüllten Tröge auf dich.

Es gibt einen Vogel, der heißt Kolibri. Sein Bild ist auf dem Kalender, der in der Küche über meinem Klo hängt. Vielleicht ist er mit dir verwandt? Er hat so bunte Federn wie du, aber einen viel längeren Schnabel. Er lebt fern von hier, in fremden Wäldern, an deren Bäumen große Blumen wachsen. Der Kolibri trinkt aus diesen Blumen süßen Nektar, dafür schlägt er so schnell mit den Flügeln, dass kein Auge ihnen folgen kann, schwebt auf der Stelle und taucht seinen Kopf tief in die Blütenkelche. Ja, solche Vögel gibt es, draußen in der Welt. Für sie gibt es keine Grenzen, überall finden sie köstliche Nahrung und sie flechten sich gemütliche Nester, die wie kleine Höhlen sind. Keinen Tag würde ein solcher Kolibri in einem Käfig überstehen.

Und du wirst nie erfahren, wie es ist, aus einer Blüte zu trinken, selbst wenn du mit dem Kolibri verwandt wärst. Du bist nämlich feige, begnügst dich damit zu jammern, tagaus tagein. So oft schon hat dein Käfig offen gestanden, du traust dich doch nicht einmal ins Zimmer hinaus. Du hast Angst vor der Freiheit, da musst du dich selber kümmern, um jeden Tropfen Wasser und ein Plätzchen für die Nacht. Na los, fass dir ein Herz und mach dich auf die Suche nach den Kolibris. Wenn du willst, kann ich dich ein Stück des Weges in meinem Maul tragen.

Lotte

Mauz, weg vom Käfig, lass den Hansi in Ruhe. Hat er dir Angst gemacht, mein Piepmatz? Ach je, was ist denn mit dir, was rupfst du dir denn die Federn von der Brust? Bist du etwa krank? Du schaust doch schon seit Tagen so traurig drein. Langsam mache ich mir Sorgen. Komm, wir machen den Käfig sauber. Und auf geht das Türchen.

Ja, nicht erschrecken, ich mach ganz langsam. Ach, du hüpfst mir auf die Hand? Möchtest du einmal hinaus, durch die Stube fliegen? Dann los. Hui, schau mal, Mauz, was der Hansi kann!

Halt, Mauz, hör sofort auf damit. Hier wird nicht nach Hansi gesprungen. Und die Krallen rein, mein lieber Freund. Komm her, ich bring dich hinaus in den Flur. Hier wartest du Schlingel.

Hansi? Was ist in dich gefahren, du flatterst ja wie ein Verrückter. Ganz ruhig, flieg zur Lampe. Nein, nicht da hinüber, weg vom Fenster. Ich mache es schnell zu. Komm runter vom Fensterrahmen. Um Himmels Willen, Hansi, bleib hier!

Ach du Schreck, ich muss hinunter in den Hof. Ganz schnell, vielleicht erwische ich ihn noch. Der Hansi findet sich doch nicht zurecht. Er wird verhungern. Schnell Platz gemacht, Mauz. Hansi, ich komme!

Habicht

Was ist denn das für ein hübscher Flattermann? Hab ich dich!


Lutz Schafstädt (06/2011)

Letzte Aktualisierung: 08.06.2011 - 09.13 Uhr
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