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Endlich frei | Juni 2011
Orla ist auch endlich frei
von Helga Rougui

I.
jetzt? ok - aber besser morgen!!!

sie hält inne
sie steht in der küche
ein glas wein in der hand
sie trinkt einen schluck
branduardi singt ein lied der liebe
sie schaut den bekannten raum
teil ihrer welt
sie wird
sie weiß nicht wie
für einen moment eins mit ihm
ruht für einen moment im anblick des vertrauten
ganz nah bei den dingen
ganz dicht in sich selbst

in diesem einen moment
erscheint ihr der zustand des todes
einmal nicht
furchterregend
sondern
selbstverständlich
das letzte puzzleteil
endlich eingepaßt

und
sie kippt nach vorn
auf ihr gesicht
das glas fällt
und zerspringt
und blutrot ergießt sich
der blutrote strom über die
kalten
fliesen

io!!!
morirò domani!!!


II.
wie jeden tag
die tür geöffnet
der napf mit essen hingestellt
die tür geschlossen
clic macht es
der napf erscheint
clac macht es und die tür
fällt zu

mal ist der napf voll rosa mus
mal häuft sich gelber brei
mal sind grüne blätter dabei
oder
rote stengel quillen

clic
napf
clac

heute ist es
clic
beerenpüree mit
...
???
...
kein
clac

????

kein clac?
ich schlurfe auf knotigen pfoten
zur tür
sie schwingt leicht hin und her

ah

ich stoße sie ein wenig an
sie schwingt
und

ich weiß ich kann nicht hinaus
ich habe meinen sartre gelesen
und
ich weiß ich bin seit langem tot
achtzig jahre hinter dieser tür
das kann keiner leben nennen
und so
kann ich nicht hinaus

die freiheit
sich zu entscheiden
endet mit dem tod
für mich endete sie
vor langer zeit
und so
kann ich nicht hinaus

...

ich ziehe sie leise zu
die tür

clac
III.
Orlas Teint changierte inzwischen ins Dunkelrosafarbene, während sie sich die winzige Knubbelnase rieb.
Das war ja wohl zum Mäusemelken. (Orla liebte es, Floskeln aus der Erdensprache zu verwenden, ohne daß sie wie in diesem Falle weder wußte, was Mäuse noch was Melken waren. So eine Art Blumen, glaubte sie sich zu erinnern.) Jetzt hätte sie eigentlich den Bericht über "Interehectische Gemüsestürme vom Marsianischen Moor zu den Polargianischen Sandwüsten" fertigstellen wollen, aber ihr war schon den ganzen Tag so hinderlich poetisch zumute gewesen. Da war ihr der Brief ihres langjährigen Verehrers, Verlobten und erst kürzlich Verflüchtigten gerade recht gekommen – jedenfalls hatte sie gedacht, daß er von ihm sei, daß er endlich Aufschluß gäbe über die Gründe, warum er überstürzt und auf Nimmerwiedersehn ins Quasi-Nichts hinabgetaucht war. Sie hatte den zimtduftenden Brief weichen elegischen Mutes geöffnet – und nun kam diese schreckliche Zimtrolle-Ziege daher und schickte ihr diesen Kram hier und behumste (Orla kicherte und ließ das Wort noch einmal über ihre runde Zunge gleiten – es schmeckte irgendwie nach... nach Kichererbsenpüree...) - behummusste (mhmm- das war noch besser) sie mit irgendwelchen Schiedsrichterfragen, welcher der beiden Texte ihrer zwei Lieblinge sich besser für den Vortrag beim großen SL-FF (SenfLeberwurst-FreibierFreß? .. nee ... SchmalzlockLiebe-FeenFluch – äh Flug??? - nee, nee ...halt: ScribendiLibido-FreiheitsFest – ja, SO hieß das) eignete.

Wann war sie eigentlich aufgetaucht, diese Zimtrolle?

Jedenfalls war sie unter den Hochzeitsgästen der geplatzten Trauungszeremonie gewesen, damals, als Orla durch ein direkt bis ins Standesamt führendes Wurmloch zugeschaut hatte, wie ihr mühsam an den Haaren herbeigezogener Versprochener Hero von Leander wie Vitzliputzli auf dem ihr zugedachten Hochzeitsstrauß herumgesprungen war, als wäre es ihr gerade geopfertes Herz. Da hatte sie zum ersten Mal die MD zu Gesicht bekommen. Sie hatte vergessen, wofür die Abkürzung stand (das passierte ihr öfter in letzter Zeit, sowie auch, daß es ihr passierte. – Was??) Magische Dreiheit? Modernde Doofheit? Oder Magere Dreistigkeit? Nein, mager war dieser eine wahrhaftig nicht, den sie Muskatklops nannten, aber dreist schien schon besser zu dem anderen zu passen, den sie Vampir riefen, jedoch am unheimlichsten schien ihr ebenjener dritte Teil des Trios – die zwei Meter große Zimtrolle, gewickelt wie ein Omelett, geschnürt mit einem Zitronengrasbändchen, mit Augen glühend wie ofenfrische Backhähnchen. Orla hatte einmal bei der Erkundung eines fast dreieckig geformten Erdenteils gesehen, wie eine HausFrau (so was gab es da noch, total retro) unbewegten Gesichtes einen gerade der Feuerstelle entnommenen fertiggebratenen Vogel mit bloßen Händen zerteilt hatte... Als sie das in ihrer heimischen GalaxXxoPoGgoKitchen selber hatte ausprobieren wollen, waren das Ergebnis ein zu Boden geschmettertes Geflügel, jede Menge Blaulicht vor der Tür und zwei dick und kugelrund verbundene Pfoten gewesen.
Sie war zur HausFrau einfach nicht geschaffen.
Und nun, da Hero sie ohne Angabe von Gründen auf ewig verlassen hatte, sah sie überhaupt schon gar nicht mehr ein, warum sie das Zerteilen von lavaheißem Federvieh durch brutales Auseinanderreißen lernen sollte, mochte es auch eine noch so angesagte Küchenpraxis auf diesem Planeten sein.

Ein Indiana kennt keinen Schmerz. (Noch son Erdenspruch.)
Orla aber schon.
Sie gab sich als EGLdL (Echte Große Liebende der Luxusklasse) ihrem Schmerz hin wie einem guten alten Freund.
Denn sonst war keiner da – der letzte Kandidat fürs Leben war ja gerade ohne für sie erkennbare Motive, aber sicher nicht aus überströmender Leidenschaft abgehauen.

- Nun reichts, sagte Orla zu sich selbst.
Es war dunkel geworden draußen im Garten, der Regen prasselte auf die Büsche, ein Gewitter ging hernieder, und Hero und sein gesamtes Um-Sich-Selbst-Herum-Gesumse konnte ihr fürderhin gestohlen bleiben. Jahrelang war sie hinter ihm hergelaufen, hatte seine Hosen aufgebügelt (im übertragenen Sinne), seine Schwächen kaschiert und seine Fehler ausgebügelt (im wörtlichen Sinne).
Und nun meinte er – ER!! – signalisieren zu müssen, es reiche IHM!?
Und sie stünde da wie ein dummlästiges Anhängsel - zu dem sie sich zugegebenermaßen all die Jahre hindurch gemacht hatte? Eine Marguerite Duras für Arme, die ihrem finalen selbstverliebten, eingebildeten Lover die Gelegenheit gab, auf ihre Kosten im erbärmlichsten Sinne zu dramatischer Hochform aufzulaufen?
Peinlich das – aber schlußendlich nur für sie selbst.

Orla beschloß, daß sie diesmal nicht wie bisher die Schuld ausschließlich bei sich selber suchen würde.
Er hatte genau wie sie seine Rolle gespielt in diesem unheiligen symbiotischen Kasperletheater, und wenn auch die Art, wie er allem ein Ende gesetzt hatte, wieder einmal gut zu seinen üblichen Hau-Ruck-Hau-Drauf-Aktionen paßte, im Grunde hatte er ihr einen Gefallen getan.
Aber von friedlichem Auseinandergehen verstanden solche Typen nichts.
Es mußten schon massenweise Quadratkilometer verbrannter Erde sein plus zwei oder drei Atombömbchen gratis obendrauf – warum ließen Männer die ganze Welt immer so heftig für ihre Unzulänglichkeiten bezahlen?
Auf die Frage würde Orla nie eine Antwort bekommen. Wie auf so viele andere Fragen auch nicht. Und das war das. So ist der Lauf der Welt.


IV.
Seufzend tauchte Orla ihren Organiskriptor in die bereitstehende lavendelfarbene Tinte, und anstatt den Gemüsebericht Korrektur zu lesen, begann sie einige Zeilen auf einen leeren Bogen Papier zu kritzeln.
Sie würde den Text für das FreiheitsFest selber verfassen.


das leben ist
keine wurst
es hat nur ein
ende
dann ist es
aus
mikkimaus
ist traum und ziel


Sie betrachtete zufrieden ihr Werk. Kross und würzig. Sie wußte zwar nicht recht, was oder wer mikkimaus war. Aber sie fühlte, sie war auf dem richtigen Weg zu einer neuen Berufung. Orla von Orbit – die künftige Meisterin der SKL (Lose übersetzt: der Sehr Kleinen Form). Ihr Panzer überzog sich mit ganz vielen fetten eitel neongelben Pünktchen.
Sie würde ihren Text vortragen, und der erste Preis wäre ihr sicher. Sie hörte schon die Ovationen, besonders die stehenden, treppchenmäßig in schwindelnde Höhen anschwellenden. Morgen würde sie zum Pfotographen gehen. (Ihre Pfoten waren tatsächlich das Sehenswerteste an ihr.)

Während sie den Text noch einmal in Schönschrift kopierte, überlegte sie.

Vielleicht sollte sie das "mikkimaus" durch "freiheit" ersetzen.
Wegen der dichterischen Freiheit, die es zu erproben und zu üben galt.
Und zum besseren Verständnis.

Letzte Aktualisierung: 12.06.2011 - 22.36 Uhr
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