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Endlich frei | Juni 2011
Edgars Entscheidung
von Hajo Nitschke

Erst kurz vor der Weggabelung machte er Halt. Schon seit geraumer Zeit war ihm die Gegend rätselhaft vorgekommen. Die Schilder aber hatten ihn begleitet. Und die Bilder. Es waren sprechende Schilder und eilig hin und her wogende Bilder. In den letzten Stunden, während die Sonne allmählich tiefersank, war ihre Botschaft zunehmend verwirrender geworden. Hatten sie fahle Schatten geworfen, die nach ihm griffen. Edgar M. verdrängte die Wortgebilde, um sich auf die bevorstehende Entscheidung zu konzentrieren: Weiter nach rechts? Nach links?
Rechts?
Links?
Links?
Rechts?

Was sprach für die eine, was für die andere Richtung? Erschien dieser Weg etwas steiniger und jener etwas breiter, gepflegter? Edgar versuchte sich zu erinnern. Ein wenig störte ihn das Gefühl, beobachtet zu werden. Er schaute sich um, doch da waren nur die Wörter und Bilder, die auf eine rasche Bewegung seiner Hand kurz zurückwichen, nur um ihn danach umso dichter zu umringen. Ihn wie ein lästiger Mückenschwarm zu umsummen. Mitunter klang es bösartig.

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Ein Blick in den Himmel, dessen Wolken jetzt bräunlich schimmerten: Nichts Verdächtiges. Aber die Beobachter mochten über Mittel verfügen, ihn von weit jenseits der Wolken auszuspähen. In Edgars Welt munkelte man von einem geheimnisvollen Schloss, unvorstellbar hoch über dem Firmament.
Edgars Merkzettel hatte bereits die Größe eines Fußballfeldes. Ihn hinter sich her zu ziehen, kostete ihn Mühe, doch es musste sein. Er las …

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… seine letzte Eintragung: „Grenzen der freien Liebe“. Beide Frauen hatten sich beklagt, dass er die jeweils andere bevorzuge. Er dagegen war der Ansicht, er könne lieben, wen und wann er wolle. Mal schlief er unterwegs mit der einen, mal mit der anderen. Dass er zuhause eine Frau zurückgelassen hatte, spielte keine Rolle. Aber seine Begleiterinnen hatten ihm versichert, …

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… dass sie abwechselnd traurig wurden, wenn er die Nacht mit der jeweils anderen verbrachte. Es mit ihnen gleichzeitig zu treiben, war schnell über seine Kräfte gegangen. Deshalb hatte er sich von beiden getrennt und sie zurückgelassen. War die letzten zwei Tage allein gewandert. Edgar befühlte vorsichtig die Hornhaut und die Schrunden: Sie waren zuletzt an seinem Hals hinaufgeklettert, und wenn es so weiterhing, würden sie seine Ohren überziehen. Zu den Augen wäre es dann nicht mehr weit. Diese Hornschicht hatte ihn verändert. Edgar fühlte sich unwohl. Hatte zunehmend Probleme, sich zu konzentrieren.

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Die großen Brüste irritierten ihn am meisten. Edgar M. hatte durchaus nichts gegen einen schönen Busen. Auch nicht gegen einen nackten. Aber dieser – weder völlig bedeckt noch völlig bloß – drohte schon stundenlang, sich über ihn zu wölben und ihn mit der zwischen goldenen Hügeln fixierten Hautcreme-Tube zu erschlagen. Wie hatte das …

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… alles angefangen? Er blickte auf die ersten Notizen zurück:
„Grenzen einer Party“. Sie hatten zuhause gefeiert. Hatten nächtelang getanzt, getrunken und gelacht und sogar die stampfenden Bässe der Anlage übergrölt. Bis die Polizei erschien, weil Nachbarn keinen Schlaf fanden. Danach hatte er seinen Partykeller verschlossen und den Schlüssel weggeworfen. Noch während der Zechgelage hatte er die ersten Schwielen bekommen. Sie hatten seine Füße wie ein zweites Paar Strümpfe umhüllt. Er hatte es auf das stundenlange Tanzen zurückgeführt.

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Als die inzwischen in grellem Orange leuchtenden Brüste ihn erneut bedrängen wollten,
suchte er die zweite Eintragung, und das ausladende, halbnackte Fleisch wich mitsamt der Tube enttäuscht zurück:
„Grenzen des freien Wortes“. Edgar M. hatte sich das Recht genommen, die Missstände seiner Heimat anzuprangern. Es waren vor allem die Ausländer, die das Land seiner Meinung nach lähmten. In Leserbriefen und Internetforen agitierte er so heftig dagegen, dass man ihn anzeigte. Die Freiheitsstrafe wegen Volksverhetzung wurde zur Bewährung ausgesetzt. Seither fand er nur lobende Worte über seine Mitmenschen, gleich welcher Nationalität. Er verherrlichte sogar die Angehörigen einer ortsansässigen Roma-Sippe so sehr, dass ihn rechtsgerichtete Fanatiker verprügelten. Indessen aber …

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… hatte die lästige Hornhaut sich die Beine emporgearbeitet. Er vermochte sie weder abzuwaschen noch abzuschmirgeln. Kein Arzt, keine Schrundensalbe half. So hatte er alle Salben und Tinkturen in den Müll geworfen. Doch die zweite Haut hatte nun Gesäß, Rücken und Brust erreicht.
Edgar überflog die nächste Bemerkung:
„Grenzen der Müllentsorgung“. Er hatte lernen müssen, dass er seine Abfälle bei überquellenden Mülltonnen nicht im Wald abladen durfte. Seine Reaktion war gewesen, nur das Nötigste mitzunehmen und sich auf den Weg in ein Land zu machen, das seine Freiheit nicht beschnitt. So war er mit dem Auto gen Süden gebraust. Die Tempolimits auf der Autobahn hatten ihn nicht interessiert: Freie Fahrt für freie Bürger! Man hatte
schnell Führerschein und Auto beschlagnahmt, so dass er zu Fuß weiterziehen musste.
„Grenzen der freien Bürger“, las er auf dem Zettel.

Erwachsene ebenso

Dank seiner Visa-Karte hatte er keine finanziellen Sorgen. Nahrung und Frauen konnte er sich unterwegs problemlos leisten. ‚Die Freiheit nehm‘ ich mir‘, dachte er zufrieden. Dem Land der Freiheit war er aber noch nicht nähergekommen. Die Hornschwielen hatten nun auch seine Hände und – was ihm besonders peinlich war – seinen Penis erreicht. Wenn er die Haut seiner Frauen berühren oder gar mit ihnen verkehren wollte, empfand er dabei immer weniger. Zuletzt nichts mehr. Ihnen den Abschied zu geben, war ihm auch aus diesem Grunde leichtgefallen.

Nun hatte er also jene Weggabel erreicht.
Rechts? Links?
Links? Rechts?
Er wehrte die Brüste ab und legte, die Entscheidung aufschiebend, die letzten Schritte unter Ausschaltung seiner Gedanken zurück.

zarteste Versuchung

Er würde einfach im letzten Augenblick spontan die eine oder andere Richtung nehmen, ohne sich vorher festzulegen. Wie die Maus im Labyrinth kam sich Edgar vor. Nur, dass es keine Mäuse gab, die bis zum Hals mit Hornhaut überzogen waren. Mochten seine Beobachter Wetten abschließen, für welchen Weg er sich entschlösse: Er würde sie mit seiner Entscheidung blitzartig überraschen. Und auch sich. Denn bis zuletzt ließ er sich nicht in die Karten schauen. Nicht mal von sich selber. Denn er hatte keine.
Schritt für Schritt. Nichts – Schritt – denken – Schritt – nichts - Schritt – sehen – Schritt – auchkeineBrüste – Schritt …

Freude am Fahren

… - nichts – Schritt – hören.
Es war so weit. Wie fremd war die Gegend geworden! Wie fremd war er sich selber mit seiner hässlichen, zweiten Haut. Krank sah das aus. Und krank fühlte er sich.

Edgar M. fasste jetzt, erst jetzt in dieser Sekunde, völlig spontan seinen Entschluss. Die zu vermutende Prognose möglicher Beobachter vereitelnd drehte er sich um und ging zurück. Den Weg, den er gekommen war. Den ganzen selben Weg.

Nach langer Wanderschaft schloss Edgar müde und doch glücklich seine Frau in die Arme. Er hatte viel zu erzählen. Berichtete ausführlich von der Weggabel. Von dem breiten, bequem aussehenden Weg hier und dem steinigen …

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… dort. Nur die lebendigen Frauen und das künstliche Sonnencreme-Fleisch ließ er unerwähnt. Sie lobte ihn für seine Entscheidung, wollte aber von irgendwelchen Beobachtern nichts wissen. Edgar war geneigt, ihr zu glauben. Er musste sich getäuscht haben. Die lauten Wörter und hastenden Bilder nahm er kaum noch wahr.

Nach einer Zeit der Erholung unternahm Edgar einen Versuch: Er ging fremd. Es war eine Sonnencreme-Traumfrau mit goldenen Brüsten. Doch als er in sie eindringen wollte, verdarben ihm die nach wie vor gefühllos machenden Hornschwielen die Lust.

Kaum den Führerschein zurück, veräußerte er sein altes Fahrzeug und kaufte aus Freude am Fahren einen teuren Sechszylinder, hielt sich allerdings sorgsam an alle vorgeschriebenen Regeln. Dies notgedrungen auch deshalb, weil die Wahrnehmung von Verkehrszeichen und Ausfahrtsschildern immer schwieriger wurde. Denn nach den Ohren begannen allmählich auch die Augen, sich zu verhornen.


Die Schlossherren, etwas zuvor, in größerer Entfernung:
„Wie wäre es, wenn wir auswürfeln, ob sich die Hornhaut zurückzieht?“
„Ich würfele nicht, mein Freund. Das wissen Sie doch.“
„Nein? Ich hätte aber zu gerne Revanche.“
“Verständlich. Ich sagte es Ihnen aber gleich: Er wird sich weder nach rechts noch nach links wenden, sondern zurückgehen. Gewonnen!“
„Aber woher wussten Sie …?“
„Programmierer-Geheimnis, Verehrtester. Einen schönen Tag.“

Letzte Aktualisierung: 25.06.2011 - 10.26 Uhr
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