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Endlich frei | Juni 2011
Schachmatt
von Martina Bracke

Gustav Mehring bewegte sich langsam auf den Lichtkegel der nächsten Laterne zu, sein Blick richtete sich auf den Asphalt, wo sich das Licht in den Pfützen spiegelte. An der Laterne könnte er vielleicht einmal verschnaufen. Der Einkaufstrolley war doch wieder recht schwer zu ziehen. Immer kaufte man mehr, als man eigentlich wollte. Das änderte sich auch mit siebzig nicht, obwohl sein Hunger nicht mehr so groß war. Aber die Kuchentheke war zu verführerisch gewesen. Na ja, schwer machten den Trolley die Wasserflaschen. Schade, dass sein Enkel heute keine Zeit für ihn gehabt hatte. Der gute Junge. Morgen würde er bestimmt kommen, sie könnten sich die Revanche im Schachspiel schön mit den kleinen Sahneteilchen versüßen. Der süße Zahn lag wahrlich in der Familie. Vielleicht fände der Junge dann auch seine Ruhe wieder. Ob er Probleme beim Studium hat? Er erzählte so wenig in letzter Zeit.
Das Zentrum des Lichts war fast erreicht. Da hatte es aber jemand eilig. Stakkatoartige Schritte hallten, und Wasser spritzte aus den Pfützen. Bei diesem Wetter und bei der Kälte joggen! Verrückte Leute. Die Laterne versprühte ihr Licht und bot einen sicheren Halt für einen Moment. Ja, er wollte sich festhalten und schwenkte ein wenig nach links.
Der Stoß in den Rücken kam plötzlich und unerwartet. Gustav Mehring riss den Einkaufstrolley im Fallen mit sich, und einen Moment breitete sich Dunkelheit in seinem Kopf aus. Doch mit dem Schmerz nahm er auch das Licht wieder wahr. Er sah die Äpfel an sich vorbeirollen. Die Sahneteilchen schossen ihm durch den Sinn. Er versuchte, sich aufzurichten. Was war denn los? Es wurde immer heller. Warum strahlte die Laterne nun so taghell? Es blendete so. Die Augen zumachen, ausruhen, nur für einen Moment ...


Marks Atem fing an zu rasseln. Ruhig, ruhig. Er sollte mal wieder mehr trainieren. Vielleicht war es aber auch die Aufregung, dass er nach diesen wenigen Metern schon stark schwitzte und Seitenstiche bekam. Und dann noch dieser langsame, wohl alte Mann auf dem Gehsteig vor ihm. Durch seine beschlagenen Brillengläser hatte er ihn kaum wahrgenommen. Musste er denn nach links schwenken? Er hatte ihn noch fallen hören mit dem ganzen Eingekauften. Den Blick zurück riskierte er nicht. Die Läden machten gleich zu, sicher kümmerte sich sofort jemand um ihn. Bald wäre er da, könnte verschnaufen. Keine Schritte zu hören. Seine Hand fühlte das Papier in der Jackentasche. Wenn man nicht hinsah, war Geld auch nur Papier. Die Kassiererin im Bioladen eine Straße weiter war viel zu überrascht gewesen, um irgendetwas zu unternehmen. Und die alte Spielzeugpistole – eigentlich hatte er sie längst entsorgen wollen. Es war zu einfach gewesen. Aber dann dieser alte Mann.
Darum konnte er sich jetzt keinen Kopf machen. Er hatte das Geld, es war bestimmt genug, er könnte seinen Freund bezahlen. Freund. Er hätte sich aufs Schachspiel beschränken sollen. Nun kannte er das gedämpfte Licht des Spielcasinos, das hektische Flackern des Automatensalons und das Zwielicht der Hinterzimmerpokerrunden. Geld war kein Thema, sein Freund steckte ihm immer wieder etwas zu, nur eine Unterschrift auf einem kleinen Zettel war zu leisten. Die Zettel aufgetürmt zu sehen, hatte ihn überrascht. Die Forderung, alles nun zurückzuzahlen, auch. Er hatte es mit einem neuen Spiel versucht und verloren. Er brauchte ein Spiel, bei dem er gewinnen würde. So trug er alles zum Pfandleiher, bis er unter dem Bett die alte Spielzeugkiste mit der Pistole fand. Nur einmal Risiko, ganz einfach.
Allmählich verlangsamte sich sein Atem. Die Brille klärte sich. Er achtete auf die Pfützen und zog schon den Schlüssel heraus. Es würde hell sein, ein bisschen verstaubt, aber warm. Vielleicht spielten sie eine Partie Schach, vielleicht redeten sie ein wenig.
Als die Tür aufschwang, blieb es dunkel. Mark atmete hörbar aus. Lange blieb der Großvater nicht weg, wahrscheinlich war er nur kurz einkaufen gegangen. Morgen hätte er ihm doch helfen können. In der Küche war in dem alten Brottopf neben der Obstschale aber bestimmt noch ein Schokoriegel oder eine Tüte Lakritz. Er hängte seine Jacke ordentlich über den Stuhl. Ohne Licht im Wohnzimmer zu machen, spürte er den abgenutzten Stoff des Ohrensessels. Wie zu seinen Kinderzeiten kuschelte er sich mit angezogenen Beinen hinein. Während er ruhiger wurde, glitt der Abend an ihm vorbei: Das erstaunte Gesicht der Kassiererin, das Gefühl, die Scheine in die Tasche zu stopfen, dabei hatte ein Bioladen auch Tüten, auf der Straße dann nach rechts, und doch angefangen zu laufen, zu rennen. Er hatte sich bestimmt verdächtig gemacht. Aber es war ja fast kein Mensch auf der Straße gewesen. Nur dieser Mann. Hoffentlich hatte ihm jemand geholfen. Er zog so einen – wie heißen die Dinger? – Einkaufstrolley wie der Großvater.
Morgen wäre er die Schulden los, morgen würde er endlich wieder frei sein ...
Der Wecker schrillte und riss ihn aus einem unruhigen Schlummer.
Es klingelte noch einmal. Ach, die Wohnungstür. Hatte Großvater denn den Schlüssel nicht mitgenommen?
„Sind Sie Herr Mehring?“
Die Kälte schoss über seinen Rücken beim Anblick zweier Polizisten.
„Wir haben einen Tipp bekommen, dass wir Sie hier finden würden.“
Marks Hand suchte den Türpfosten.
„Wir müssen Sie bitten, mitzukommen.“
Schachmatt. Nach wenigen Zügen. Er hatte die Partie verloren.
„Ich ...“ Er konnte es noch nicht sagen. Aber da war der Rat aus seiner Kindheit: Durch Schweigen wird es nicht besser. Sprich offen, gib es zu. Das entlastet das Gewissen. Die Worte seines immer zu ihm haltenden Großvaters.
„O. k. Das mit dem Bioladen ...“ Das Stirnrunzeln der Polizisten ließ Mark innehalten.
„Ja, Ihr Großvater war heute Abend einkaufen. Auf dem Rückweg ist er auf der Straße zu Fall gekommen. Jemand hat gesehen, wie er gestoßen wurde. Sie haben ihn noch ins Krankenhaus gebracht. Aber da war nichts mehr zu machen ...“
Die Worte versanken in der einströmenden Treppenhausbeleuchtung. Marks Knie gaben nach.

© mbdo2011, 2. Fassung

Letzte Aktualisierung: 26.06.2011 - 11.05 Uhr
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