Der himmelblaue Schmengeling
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Endlich frei | Juni 2011
Endlich frei
von Christina Stöger

Ich liege im Bett und starre an die Decke. Zehn Minuten noch, dann klingelt der Wecker. Jeden Tag das Gleiche. Ich will nicht aufstehen. Wobei das Aufstehen noch nicht einmal das Schlimmste ist. Es ist der Weg zur Arbeit, und die Arbeit selbst. Nicht, dass ich nicht gern arbeiten würde. Das habe ich schon immer im Freunde gemacht und auch mein Bestes gegeben. Doch was mir in diesem Büro alles passiert, das macht keinen Spaß mehr. Dabei lief am Anfang doch alles gut. Was ist nur passiert?
Wenn ich so zurück denke, dann kann ich den Fehler einfach nicht finden.
Meine Kollegen und ich haben das Büro zusammen aufgebaut. Es lief alles gut, die Aufträge kamen rein, die Stimmung war gelassen und das Klima echt spitze. Wir haben uns alle gut verstanden. Na ja, mal mehr, mal weniger. Stress gab es immer mal wieder, aber ich denke, das ist normal.
Doch dann bekamen wir diese neue Kollegin. Jedes mal, wenn sie das Zimmer betritt, schauen alle Augen nur auf sie. Was ja nicht so schlimm ist. Doch seid dem sie da ist, hat sich unser aller Leben geändert. Sie hat das Büro in zwei Lager gespaltet. Nun redet keiner mehr mit dem anderen. Das ist so traurig und macht mich krank. Ich will doch nur mein altes Leben wieder haben. Ohne diesen ganzen Neid und Stress.

Seufzend stehe ich auf, begebe mich unter die Dusche und schleiche dann mit hängenden Schultern aus dem Haus. Ich habe keine Energie mehr, das alles durchzustehen. Es frisst mich auf. Mein Herz schmerzt und meine Seele weint. Doch ich muss weiter laufen. Schritt für Schritt zur Haltestelle. Der Bus kommt und ich steige ein. Wie jeden Tag fahre ich nun eine Stunde durch die Stadt und habe wieder genug Zeit zum Nachdenken.
Ich kenne die Strecke genau und schließe meine Augen. Jede Ampel, jede Kurve und jede Haltestelle ist mir vertraut. Ich lehne mich zurück und atme tief durch. Ich will einfach nur träumen, weg von hier, an einen anderen Ort. Ganz weit weg.
Ich denke an meinen Urlaub vor einem Jahr an der Nordsee. Ich kann die Sonne auf meiner Haut spüren, wie sie mich wärmt und mir Kraft und Energie schenkt. Der Wind, der durch mein Haar fährt und mich sanft streichelt. In diesen Momenten fühle ich mich so sicher und geborgen. Ich schmecke das Salz auf meinen Lippen - und merke, dass es die Tränen sind, die über meine Wangen laufen. Ich fange sie mit meiner Zunge auf und will nicht aus meinem Traum erwachen. Ich wünsche mich so weit fort. Ich will nicht ins Büro. Ich ertrage das alles nicht mehr. Diese Blicke, dieser Neid, diese Verachtung, die den ganzen Raum erfüllen. Die Kollegen, die hinter dem Rücken tuscheln und schlecht über einen reden. Dabei weiß ich nicht nicht einmal, was genau passiert ist. Meine Gedanken fliegen in die Vergangenheit, zum Ursprung des Ganzen. Wie jeden Tag, zu jeder Zeit wünsche ich mir eine Lösung. Ich würde so gerne einfach nur gehen. Alles liegen und stehen lassen, diesen falschen Menschen meine Meinung ins Gesicht sagen und dann die Tür hinter mir schließen. Ich stelle es mir so oft vor, was ich machen würde. Jeden Tag denke ich daran und kann es doch nicht in die Realität umsetzten. Ich brauche doch das Geld. Wieder zum Amt? Das schaffe ich nicht. Ach könnte ich doch nur etwas ändern. Würde mir doch jemand die Entscheidung abnehmen. Ein Unfall, das wäre doch die Lösung. Nur so ein bisschen, dass ich nicht mehr weiter fahren muss, nicht mehr ankomme, da wo ich nicht mehr hin will.
Ich schau mich im Bus um. Ganz leer ist er jetzt. Ich bin die Einzige, die um diese Uhrzeit in diese Richtung muss. Der Regen tropft an die Scheibe des Busses und die Straßenlaternen spiegeln sich im nassen Asphalt. Alles ist so trostlos und grau. Wie in meiner Seele. Mein Gesicht schaut mich aus der Fensterscheibe an und fragt mein Herz, warum es keine Lösung weiß. Lieber die Augen wieder schließen. Ein paar Minuten habe ich ja noch, bevor ich aussteigen muss. Ich träume mich wieder an den Strand. Das Meer, die Möwen, sie kreischen in meinem Kopf, werden immer lauter... Aber das sind doch keine Möwen? Ruckartig öffne ich die Augen und sehen den LKW, der immer näher kommt. Das Firmenschild kann ich schon lesen. Alles ist wie in Zeitlupe. Ich sehe mein Gesicht, sehe den LKW... und dann nichts mehr. Ich merke, wie sich der Bus überschlägt und auf dem Dach zum liegen kommt. Ich fliege, schlage meinen Kopf an den Metallstäben des Busses an und spüre warmes Blut, dass sich mit meinen Tränen vermischt. Ein Krachen und Knirschen und dann ist es ruhig. Ganz ruhig. Scheinwerfer blenden meine Augen, das helle Licht kommt immer näher und mir wird immer kälter. Regen, Tränen und Blut vermischen sich, durchtränken meine Kleidung. Dann sehe ich ihn. Einen großen, weißen Schatten, der sich über mich beugt und mir seine Hand reicht.
"Komm, steh auf. Du hast es geschafft. Ich nehme dich mit."
Zarte Flügel legen sich um mich und auf einmal ist mir nicht mehr kalt. Jetzt ich habe keine Angst mehr. Alle Sorgen und Probleme lösen sich von mir. Mein Traum ist wahr geworden. Ich nehme seine Hand, stehe auf und folge ihm ins Licht. Ganz leicht fühle ich mich, behütet und beschützt. Angekommen in meinen Träumen. Weicher, weißer Sand knirscht zwischen meinen Zehen. Ich kann das Meer riechen und den Wind auf meiner Haut fühlen. Endlich frei.

Letzte Aktualisierung: 31.05.2011 - 23.26 Uhr
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