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Endlich frei | Juni 2011
Wenn du loslässt, bist du frei
von Irmgard Anderfuhr

Ich betrete den Raum. Ein wehmütiger Hauch des abendlichen Leuchtens erhellt das Zimmer. Schattenreflexe der Bäume schwirren an der Wand. Meine Hand umspannt krampfhaft das Glas. Trotz der Anspannung spüre ich das Zittern in den Fingern. Auch mein Körper schwankt. Ich straffe mich, gehe mit mit bewusst festen Schritten zum Sessel, um im Zeitlupentempo hineinzusinken. Nun genehmige ich mir einen grossen Schluck, trinke den Wein wie Wasser. Bemerke nicht den herben Geschmack und setze das Glas gleich noch einmal an. Draussen hat die Sonne endgültig gegen die Nacht verloren. Die Lichtpunkte an der Wand haben sich aufgelöst in eine trostlose Fläche der Dunkelheit. Alles ist stimmig mit dem, was ich fühle. Ich schaue zum Telefon – und mir ist, als würde es für immer schweigen. Tief hole ich Luft und wieder stockt mir der Atem, weil das aufkommende Schluchzen von Tränen erstickt wird. Wie soll ich weiterleben? Gefangen in den Emotionen. In Bildern der Vergangenheit, die hier und heute ein trauriges Ende fanden. Wie nur soll es weitergehen, wenn nach dem Anruf vom Nachmittag die Befürchtung Wirklichkeit wird? Kein Anruf mehr von der Schwester, kein gemeinsames Lachen, kein vertrautes Verstehen, nie wieder den Kosenamen hören, den nur sie seit unserer Kinderzeit benutzt. In Gedanken reise ich nach Hause. Fliege durch Raum und Zeit und lande mit rosaroter Brille in der Kindheit. Mutter, die stets ausgleichend zwischen uns Schwestern vermittelte. Und Vater, der zwischen Humor und Autorität seine Liebe zu uns verstecken wollte. Eine Großmutter, die mit tröstender Geste uns Kinder rechts und links an ihren weichen Busen drückte. An die kleinen Fluchten, die wir gemeinsam erlebten, und an die grossen Geheimnisse, die wir – vor allen verborgen – unter der Bettdecke ausgetauscht hatten. Geflüstert, geschrien, mit Blicken verstanden. Zuviel und zuwenig Nähe zugleich.

Und heute, sechzig Jahre später sitze ich hier im Dunkeln und warte, das das Telefon noch einmal klingelt, und sie dran ist. Ich kann nichts tun, habe keine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Mein Körper ist verspannt und schmerzt. Gequält richte ich mich auf und versuche, mich frei zu machen von den schmerzenden Verspannungen, den dunklen Gedanken und dem Glas in meiner Hand. Ich trinke die Neige aus und stelle das Glas ab. Habe die Hände frei. Bemerke die Stille ganz bewusst und tauche in sie ein. Durch die Dunkelheit im Raum hat sich das Flackern des Bildschirms vom Notebook verstärkt. Und grell wandert das Bild einer Rose als Bildschirmschoner von links nach rechts, blendet sich aus, um wieder zu erscheinen. Seelenlose Technik, die scheinbar ohne Ende sich wiederholt. Doch auch dieses Spiel wird nicht ewig sein. Irgendwann wird der Rechner automatisch auf Energiesparmodus umschalten. Klick – genau jetzt passiert es. Das monotone Nichts, das mich nun umgibt tut ungemein gut. Durch nichts abgelenkt, zu nichts verpflichtet. Die Gedanken befreien sich.

Wie lange halte ich das aus? Mit geschlossenen Augen versuche ich, mir eine weisse Wand vorzustellen. Weiss und unschuldig und ohne Bestimmung. Eine weisse Wand. Eine weisse Wand. Weiss, weiss, weiss ... Tief ausatmen, pusten, alle Gedanken loslassen, entlassen, lassen - Weiss

Ich öffne meine Augen, bin umgeben vom sanften Licht des Mondes. Umhüllt von einem Kokoon, der Seeligkeit und tiefen Frieden spendet. Bin mir nun bewusst, dass ich, wenn ich meine Ängste in einen Raum hineingebe und loslasse, frei bin. Frei von Ängsten und traurigen Gedanken. Frei wie ein Adler, der durch die Lüfte segelt, frei wie Fische im unendlichen Ozean, frei wie die Melodie des Herzens, die keine Noten braucht.

Letzte Aktualisierung: 08.06.2011 - 11.45 Uhr
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