'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Endlich frei | Juni 2011
Amaryllis und die Hexe
von Andrea Will

„Die Hexe musste brennen, die Kinder gehn nach Haus.
Nun ist das Märchen von Hans und Gretel aus.“
Denkste!

Was uns die grimmigen Brüder verschwiegen: Das Märchen ging durchaus weiter. Beziehungsweise das, was alle Welt für ein Märchen hält, in Wirklichkeit aber fließende Übergänge zur Realität aufweist. Jakob und Wilhelm hatten insgeheim eine Abschrift hinterlassen, die jetzt an die Öffentlichkeit gelangte. Wir legen unseren Lesern hiermit die Erstveröffentlichung vor und versichern, sie ist sorgfältig recherchiert.
Nachdem sie also in Hans und Margaretes Falle gegangen und in Rauch aufgegangen war, ersuchte die Hexe zunächst um Asyl beim Gehörnten. Da sie aber verständlicherweise eine krankhafte Angst vor Öfen mitbrachte, verwandelte sie die Höllenöfen durch Hexenzauber in Sprinkleranlagen. Wo immer eine Feuerstelle aufloderte, setzte dies einen Löschwasser-Regen in Gang. Bald stand die ganze Hölle unter Wasser. Der Hinkefuß erhob protestierend seinen Dreizack, aber die Alte zauberte überall Brandschutzbestimmungen an die Höllenwände, wonach jedes Feuermachen streng verboten war. Das war zu viel, und so wurde sie ausgewiesen.
Es blieb leider nur noch der Himmelssaal. Bekanntlich ist in Kirchen und auf Himmelswolken immer Platz für Asylbewerber. Die alte Vettel bekam also eine befristete Aufenthaltserlaubnis und ihr wurde ein Platz auf Wolke drei hoch neun zugewiesen, wo ihre Aufgabe im Harfespielen bestand. Das aber fand sie so entwürdigend, dass sie besenringend darum bat, wieder ins Märchenland geschickt zu werden. Der Herr des Himmels willigte ein, aber mit einer kleinen Auflage. Und so standen sie nun vor ihm, die Besenreiterin und ...
… und? Und Amaryllis, eine Fee auf Rollschuhen. Das ist Tatsache! Und ebenso Fakt ist, dass sich das himmlische Oberhaupt daran in keiner Weise störte. Sein Befehl lautete:
„Hör zu, Amaryllis: Es wird langsam Zeit, dass du dir deine Flügel verdienst. Oder willst du ewig auf Rollschuhen laufen?“
„Ihr sagt es, Sire! Was soll ich tun? Und wer ist diese bucklige Alte mit der Warze auf der Nase?“
„Ich muss doch sehr bitten! Ich und einen Buckel! Und die Warze ist nur …“
„Ruhe, ihr beiden! Das könnt ihr später ausdiskutieren. Du wirst die alte Dame ins M-Land begleiten und dafür sorgen, dass sie dort etwas tut, was sie noch nie tat …“
„Aber ich HABE doch schon alles Hexenmögliche …“
„Schweig! Eine gute Tat hast du noch nie vollbracht, oder?“
„Oh .. Äh … Also eigentlich … Das heißt, bei diesen beiden Gören war ich doch sehr gutmütig, müsst Ihr wissen. Haben einfach mein Häuschen angekitscht. Ich hätte sie ja sofort … Aber nein, ich wollte ihnen Zeit lassen, damit ihre armen Seelen geläutert würden, bevor ...“
„Ha! Mir kommen die Tränen. Wir wissen hier doch alle, warum diese Kinder nicht auf der Stelle von dir runtergemampft wurden.“
„Dann gebt wenigstens zu, dass sie danach keinen Hunger leiden mussten. Ich hatte ja alles vorausgesehen, mich selber geopfert und ihnen Dach und Wände aus nahrhaftem Lebkuchen hinterlassen.“
„Sire, die Frau ist doch völlig durchgeknallt. Die verdreht alles. DIE soll ich begleiten?“
„Mein letztes Wort: Ihr verschwindet ins M-Land und du sorgst für ihre gute Tat, Amaryllis. Du hast ihr dabei nach Kräften zu helfen! Und wenn ihr das schafft, ist sie frei und kann im M-Land bleiben oder wo sie will, du aber, Rollschuhfee, bist ebenfalls frei. Nämlich ein freier Engel, dem dank seiner Flügel der ganze Himmel von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang zur Verfügung steht.“
Es war kein Einspruch möglich, und so ritt die faltige Warzenträgerin, die kleine Fee hinter sich, auf ihrem Hexenbesen hinunter ins Märchenland. Der erste Versuch galt einer frisch vermählten Prinzesssin namens Cinderella. Was die Grimms damals der Öffentlichkeit verschwiegen: Cinderellas böse Stiefmutter hatte zur Strafe am Königshof Schwerstarbeit zu verrichten. Die beiden Märchenlandbesucher nahmen nun an, man solle die Prinzessin am besten von dieser Person befreien. Denn die Stiefmutter mochte notgedrungen fleißig sein, roch aber fürchterlich aus dem Hals. Auf Vorschlag der kleinen Fee sprach die Hexe widerstrebend:
„Hex, Hex, Tintendreck
Stiefmutter, sei weg!“
Kaum war Letztere verschwunden, klagte Cinderella, dass sie jetzt Haus und Hof allein versorgen müsse, die Stiefmutter sei zwar böse, aber sie könne nicht auf deren Dienste verzichten. Das sah Amaryllis ein und sie befahl, den Zauber rückgängig zu machen.
„Hex. Hex, Krötenbier,
Stiefmutter, sei wieder hier!“
Schon war alles wie zuvor und Cinderella war’s zufrieden. Doch wenn eine misslungene gute Tat durch eine weitere gute Tat rückgängig gemacht wird, zählt Letzteres nicht, und so begab man sich erneut auf die Suche.
Es wollte aber keine richtig gute Tat gelingen, Jahr um Jahr nicht. Vielleicht fehlte es an Insiderwissen, jedenfalls schlug alles fehl. Hans im Glück durfte nach einem
„Hex, Hex, Teufelsmal;
alle sechs mit Zusatzzahl“
ein schönes Sümmchen im Lotto gewinnen, aber das Geld machte ihn nicht glücklicher, sondern unglücklich. Keine gute Tat.
Dornröschen sollte auf gemeinsame Überlegung hin noch ein wenig länger ihren Schönheitsschlaf halten dürfen. Als sie nach zweihundert Jahren erwachte und schlaftrunken die Hecke durchschritt, wurde sie von einem betrunkenen Autofahrer zu Tode gefahren. Wieder nichts.
Nach vielen weiteren erfolglosen Jahren bei Schneewittchen angekommen, versprachen sich Hexe und Fee etwas davon, dass das Mädchen den vergifteten Apfel nicht aß, um nicht in den Sarg zu müssen.
Voller Zuversicht stimmte die himmelsflüchtige Hexe an:
„Hex, Hex, Rattenpest,
nicht den roten Apfel esst!“
Schneewittchen lehnte prompt das Obst ab, aber da schlug die angebliche Krämerin sie vor Zorn tot, wirklich tot. Hatte sich was mit der guten Tat.
Die Hexe ritt suchend im Schritt über das Märchenland, Amaryllis flitzte auf ihren Rollschuhen vor und zurück, aber es bot sich nichts an. Ihrer beider Freiheit schien in weite Ferne zu rücken. So vergingen die Jahre. Endlos!
Im Schlaraffenland hatten die Menschen Zahnweh, aber ärztliche Hilfe fehlte. Die Fee wusste Rat, und so wurde Rotkäppchens Wolf die Heilkunst eines Dentisten verliehen:
„Hex, Hex, Höllenhund,
Wolf, mach Zähne schnell gesund!“
Sie hatten nämlich beide erkannt, dass der Wolf sehr in die Jahre gekommen und so zahnlos geworden war, dass er niemanden mehr fressen konnte. Doch was sie übersehen hatten: Isegrimm nannte auch noch eine Prothese sein eigen, mit eigens geschärften Zähnen. Es kam, wie es kommen musste, und in Schlaraffenland gab es bald keine Zahnkranken mehr … Wieder keine gute Tat. Es war zum Verzweifeln, die Freiheit konnte abgeschrieben werden. Zeit war es für den Rückflug. Fast hundertsechzig Jahre lang, und keine einzige gute Tat.
Da, in höchster Not, bot sich doch noch eine Chance. Jenseits der Grenzen des Märchenlandes, im Ruhrgebiet, sah Amaryllis von weitem, wie eine junge Frau unbedacht auf die Straße trat und einem heranrasenden Auto nicht mehr ausweichen konnte. Jene war wie zu Stein erstarrt vor Todesgewissheit, und auch den Umstehenden stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Hexe und Fee wussten seit dem Unglück mit Dornröschen, was in wenigen Sekunden geschehen würde. Es ging blitzschnell. Im Sturzflug fand die Hexe keine Zeit mehr für einen zweizeiligen Reim, Mit einem kurzen „Hex - Auto steh!“ sprang sie vom Besen und warf sich zwischen die Unglückliche und das Auto. Dieses stand ohne Bremsweg auf der Stelle still, wie von Geisterhand gestoppt. Unversehrt konnte die junge Frau ihrer Wege gehen.
Geschafft, die gute Tat! Der Verzicht auf einen Reim hatte wohl sein übriges getan. Die Retterin aber durfte sich ins goldene Buch des Rathauses eintragen, fand dort in Bochum als nun freie Hexe eine nette, kleine Wohnung und starb nach weiteren zwanzig Jahren als Greisin friedlich im Bett. Sie wird in diesen Tagen in Rom für das dokumentierte Wunder seliggesprochen. Damit sind Sie, lieber Leser, imstande, ihren Namen selber herauszufinden.
Amaryllis aber hatte sich zu jener Zeit noch etwas in der Stadt umgesehen. Und als sie dann vor dem Himmelsherrscher stand, um ihre Flügel in Empfang zu nehmen, wirkte sie unruhig.
„Nun, Amaryllis, was bedrückt dich jetzt noch?“
„Sire, die neuen Flügel sind gut und schön, aber sie sind kein Ersatz für meine Rollschuhe mit diesen wunderschönen roten Rädern. Und irgendwann möchte nämlich auch ich nicht auf einer Eurer Wolken bei der Rentnerarbeit an der Harfe sitzen. Hättet Ihr etwas dagegen, wenn …“
Die alte Bochumer Ehrenbürgerin hat die vergilbten Dokumente vor ihrem Tod noch für uns ergänzt und uns alles zugespielt. Wir wissen jetzt, dass der Herzenswunsch der kleinen Fee in Erfüllung ging. Sie durfte wieder zurück ins Ruhrgebiet, ohne Flügel. Und jahrelang war man dort Zeuge, wie ein elfengleiches Wesen mit goldenen Haaren auf Rollschuhen seine Bahn glitt. Und wie just die schon sehr betagte Ehrenbürgerin am Rande stand und das herrliche, zarte Geschöpf pausenlos mit einem „Hex-Hex-Huiiiiii“ anfeuerte. Warum Hex, wusste sich niemand zu erklären, denn diese Rollschuhläuferin sah nicht wie eine Hexe aus. Aber wir wissen jetzt, wer wirklich mit Hex gemeint war. Und wer andererseits da so viele Jahre und auch jetzt noch in einer Mischung aus Anmut und Tollkühnheit als Gast-Läuferin dahinrast auf dem Oval der Rollerbahn im Starlight-Express.

Letzte Aktualisierung: 26.06.2011 - 20.03 Uhr
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