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Endlich frei | Juni 2011
Die Orchidee: Schwarze Perle
von Leo Fegerl

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.

Jean-Jacques Rousseau

Zwei rosa Streifen! Michelle suchte am Waschbecken Halt.
„Willst du da drin übernachten?“, drang Davids Stimme durch die geschlossene Tür.
Sie schluckte ihren Schock hinunter und ließ den Schwangerschaftstest in der Handtasche verschwinden. Ihr Blick fiel in den Spiegel. Konnte man es ihr schon ansehen? Unsinn! Sie musste es nur schnellstens weg machen lassen.
Draußen war es seltsam ruhig. Sie atmete tief durch und sperrte auf. „Dein bestes Girl im Stall muss sich auch mal herrichten“, antwortete sie. „Manchmal dauert es schon mal län…“
Die Tür sprang ihr entgegen. Erschrocken stolperte sie zurück. Doch David war schneller. Seine Hand umschloss ihre Kehle und presste sie gegen die Wand.
„Ich entscheide, wie lange du für etwas brauchst. Verstanden?“
Michelle schnappte nach Luft. Der Bär vom Mann grinste.
„Ich habe mehr als genug Geld in deinen Körper gesteckt. Damit hätte ich mir einen neuen Sportwagen kaufen können.“
Er lockerte seinen Griff und tatschte mit der anderen Hand unter ihr weißes Shirt. Michelle ignorierte den Schmerz, als er ihre Brüste knetete. Sie wollte dem Schwein nicht die Genugtuung geben, nach der er lechzte.
„Meine schwarze Perle“, murmelte er. „Vergiss nie, wer dich aus der Gosse geholt hat.“
Er nahm die Hände von ihr und wandte sich ab.
Michelle bemerkte, dass sie zitterte. Jetzt durfte sie keinen Fehler machen. Noch war es nicht vorbei. Dafür kannte sie den jähzornigen Mann zu gut. Sie musste sich zusammen reißen und zu ihrer Professionalität zurück finden. Sie richtete ihre Kleidung und verließ das Bad.
David stand im Schlafzimmer und sah Nachrichten. Sie kuschelte sich sanft von hinten an ihn. „Es tut mir Leid“, schnurrte sie ihm sanft ins Ohr und fuhr mit ihren Nägeln seinen Rücken hinab. Er liebte das. Mit etwas Glück würde er sie jetzt ficken und sie ersparte sich seine Schläge.
„Lass das!“
Innerlich schrie sie verzweifelt auf. Doch noch gab sie nicht auf und liebkoste David weiter in der Hoffnung, dass er ihr nicht widerstehen konnte. Er stieß sie von sich.
„Ich sagte: Lass das!“, schrie er.
Sie flüchtete panisch in die Suite. Er holte sie ein und stieß sie zu Boden. In Erwartung der Schläge krümmte sie sich zusammen und versuchte instinktiv ihr Kleines zu schützen.

*

Einige Zeit später kauerte sie in einer Ecke und vergrub ihr Gesicht hinter ihren Knien. Sie wünschte sich zurück in die Zeit als sie noch ins Gymnasium ging. Warum hatte sie nur die Lehre abgebrochen und war weggelaufen? Ein Job in einem Friseurladen wäre um vieles besser als das hier.
Eine Familie. Ihr wurde bewusst, dass sie schon ewig nicht mehr an ihre Eltern gedacht hatte. Hatte die Schwangerschaft ihre Gefühle und Sehnsüchte verändert?
Davids süßlicher Körpergeruch stieg ihr in die Nase. Er musste ihr sehr nahe sein. Sie fühlte seine Fingerkuppen durch ihr Haar gleiten.
„Steh auf, meine schwarze Perle.“
Sein Mundgeruch ekelte Michelle an.
„In einer halben Stunde triffst du dich mit dem Sohn des Verfassungsrichters. Rick wird dich zu ihm ins Hilton bringen.“
Michelle zwang sich David ins Gesicht zu blicken.
Er wischte ihr zärtlich die Tränen von den Wangen.
War sie wirklich einmal in dieses Scheusal verliebt gewesen?
Damals, als sie noch nicht auf sein Anraten hin ihren Künstlernamen Schwarze Perle angenommen hatte.

*

Edgar Knight war so, wie Michelle sich ihren Traummann vorstellte. Reich, gebildet und gut aussehend. Er hatte sie immer wie eine Prinzessin behandelt. In seinen Armen fühlte sie sich geborgen. Oft stellte sie sich vor, seine Frau zu sein, von der er so oft erzählte. Seine Kinder zu haben.
Er hatte ihr eine Orchidee mitgebracht. Verzückt berührte sie die wächsernen Blüten. Leblos und fremdartig.
Doch die Realität ließ sich nicht lange verdrängen. Sie war nur die Hure, bei der Edgar seine Sorgen und Probleme loswerden konnte. Die Frau, die zuhörte und tröstete.
„Was hast du, Perle?“ fragte er einfühlsam.
Interessierte es ihn wirklich?
„Sie sind wie dunkler Honig, schwer und süß. Aber sie sind vergänglich. Ich bin traurig darüber, dass die Orchidee bald verwelken wird.“
„Dann bringe ich dir eine neue. Jedes Mal, wenn ich zu dir komme”, schmunzelte er liebevoll.
„Und die alte kommt in den Müll“, murmelte sie. War sie wie diese Blume? Der Familie beraubt? Und wenn sie zu nichts mehr nütze war …
„Komm zu mir ins Bett, Perle. Weißt du was? Heut erzählst du mir, was dir am Herzen liegt. Auch ich kann gut zuhören.“
Wie gerne würde sie ihm alles erzählen. Wie sie wirklich lebte. Wie David sie misshandelte. Von der Schwangerschaft. Doch was würde das bringen? Ja, er war wie ein guter Freund zu ihr. Aber sie hatte Angst, dass er sich von ihr abwenden würde, wenn sie sich ihm anvertraute. Der Schein musste bewahrt bleiben, um interessant zu bleiben.
Sie öffnete ihren BH und ließ ihn achtlos von ihrem Körper gleiten. Sie würde wieder einmal seine Orchidee sein.

*

Ihr Kleines ging ihr nicht aus dem Kopf. Es war ihr Kind! Sie wollte selbst entscheiden, ob sie es bekam oder nicht. Sie könnte weglaufen. Zurück zu ihren Eltern nach Rosenheim? Frei sein. Nun, wenigstens davon träumen konnte sie.
Nein, sie machte sich nur etwas vor. Das war ihr goldener Käfig. Daraus entkam man nicht. David würde sie niemals gehen lassen.
Seufzend griff sie nach ihrer Tasche. Wo war sie?! Sie hatte sie neben dem Bett, bei Edgar, vergessen. Hatte sie sie offen gelassen?
Er hatte geschlafen als sie ins Bad gegangen war. Sie musste ihre Tasche holen, wenn es nicht bereits zu spät war.
Sie schlich zur Tür und hielt inne, als sie Edgars aufgebrachte Stimme hörte.
„… egal. Ich warne euch! Ihr werdet mich sicher nicht erpressen. Ich werde dafür sorgen, dass mein Vater euch den Laden sperrt.“
Erpressung? Was meinte er damit?
„Jetzt stell dich nicht blöder als du bist, David. Du glaubst doch nicht, mir mit der schwarzen Schlampe ein Kind andrehen zu können. Ihr habt den Falschen an der Angel. Ich werde dafür sorgen, dass alle erfahren mit welchen Mitteln ihr arbeitet.“
Michelle lief es kalt den Rücken hinunter. Edgar verstand gar nichts. David würde sie erschlagen. Sie musste alles aufklären. Sofort!
Es rumpelte. Sie hörte wie Edgar seine Sachen zusammen suchte. Michelle betrat das Zimmer und brachte kein Wort hervor. Edgar sah sie. Sie hatte ihn noch nie so wütend gesehen. Er stürmte auf sie zu und holte aus. Sie zog ängstlich ihre Hände über den Kopf. Er würde sie schlagen wie alle anderen Männer auch. Er tat es nicht. Sie sah das Leid und die Enttäuschung in seinen Augen. Edgar schüttelte langsam seinen Kopf. Sie konnte Tränen erkennen. Die Zeit stand still. Nur sie und Edgar. Hatte er doch etwas für sie empfunden? Sie musste etwas sagen. Aber was? Der Augenblick verflog.
Edgar drehte sich um und verließ das Hotelzimmer.

*

Michelles Herz raste. Sie musste handeln. David würde sicher schon Rick zu ihr geschickt haben.
Eilig verließ sie die Suite. Blieb vor den Fahrstühlen stehen. Jemand kam nach oben. Rick!
Sie rannte den Gang entlang, schaffte es gerade um die Ecke, als der Fahrstuhl ankam. Verzweifelt blickte sie sich um. Wohin konnte sie gehen? Es musste doch eine Treppe geben. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie wollte raus.
"Michelle!" Ricks Stimme.
Sie wandte sich um und sah ihn am Ende des Ganges.
Was sollte sie tun? Er machte ein paar Schritte auf sie zu.
Sie wich zurück.
"Michelle, ganz ruhig! Ich tue dir nichts. Vertrau mir."
Wie gern würde sie sich der Versuchung hingeben, sich ihm anzuvertrauen. Rick war wie ein Freund. Aber er würde sie dennoch, ohne zu zögern, David ausliefern.
"Bitte, Rick. Lass mich gehen", wimmerte sie.
"Komm, Kleines! Alles halb so schlimm."
Zwischen ihnen öffnete sich eine Tür und ein junges Paar betrat den Flur. Michelle machte einen Satz nach vorne und stieß die Leute beiden in Richtung ihres Aufpassers. Dann machte sie kehrt und rannte als wäre der Teufel hinter ihr her.
Ein Page verließ den Bereich eben durch einen Personaldurchgang. Sie erwischte die Tür, bevor sie zuschlug und schlüpfte hindurch, vorbei an dem verdutzen Bediensteten. Der Page rief ihr etwas hinterher und folgte ihr. Sie brachte einen Servierwagen zwischen sich und den Mann. Fand eine Tür mit einem Notausgangsschild und stürmte hindurch. Eine Treppe führte hinab. Keuchend hielt Michelle inne. Sie bekam kaum Luft. Doch das Näherkommen des Pagen zwang sie weiter.
“Bleiben Sie stehen! Sie dürfen hier nicht rein!”
Er folgte ihr die Stiegen runter. Erwischte ihren Arm. Sie riss sich los und nahm die nächsten Dutzend Stufen auf einmal. Der Schwung war zu groß und sie prallte gegen die Wand.
Schmerz schoss wie Feuer durch ihren Körper. Sie sah sich nach ihrem Verfolger um. Er stand noch immer eine halbe Treppe über ihr, den Ärmel ihres Kleides in der Hand. Michelle zwang sich weiter, obwohl ihr Körper einfach nicht mehr konnte. Sie musste es schaffen! Wenn sie jetzt aufgab, war alles verloren.

*

Wie vertraut ihr diese Tür doch war und dennoch hatte sie unglaubliche Angst zu klopfen. Wie durch ein Wunder war sie aus dem Gebäude entkommen. In gestohlener Kleidung hatte sie sich per Anhalter bis in ihr Heimatdorf durchgeschlagen. Jetzt stand sie hier.
Am erhofften Ziel. Doch was sollte sie ihren Eltern erzählen? Wo sie all die Jahre gewesen war? Konnte sie ihnen diese Schande antun? Was wenn David sie finden würde? Sie hatte ihm nie erzählt, wo sie aufgewachsen war. Würde sie ihre Eltern gefährden?
Sie wollte sich gerade abwenden, als die Tür sich öffnete und sie in die Augen ihrer Mutter blickte. Michelle stieß einen leisen Schrei aus. Tränen schossen ihr in die Augen.
Ihre Mutter stürmte auf sie zu. Sie fiel ihr in die Arme und hielt sie fest als wollte sie sie nie wieder loslassen. Beide weinten hemmungslos. Michelle fühlte sich zum ersten Mal seit Jahren wieder frei.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2011 - 08.43 Uhr
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