Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Endlich frei | Juni 2011
Späte Freiheit
von Sandra Grözinger

Nun bin ich endlich frei! Nach so vielen Jahren! Ich kann es kaum fassen! Irgendwie fühlt es sich noch ein wenig unheimlich an, wie alles, das man nicht kennt und nicht einzuschätzen weiß. Doch je mehr mir bewusst wird, dass nun alles vorbei ist, desto mehr ergreift mich eine unbändige Freude und Lebenslust.
Die letzten zwanzig Jahre waren eine Anhäufung übelster Krisen und Durststrecken. Meine Kindheit und Jugend war glücklich. Meine Eltern kümmerten sich liebevoll um mich und ermöglichten mir eine gute Schulausbildung. Schließlich war ich ihr einziges Kind. Daher investierten sie alles in mich, damit ich die besten Voraussetzungen hatte, um ein ordentliches Studium absolvieren und danach die Firma meines Vaters übernehmen zu können. Ich hatte nie Probleme mit der Schule gehabt, bis ich in der 12. Klasse an einer Hirnhautentzündung erkrankte und über ein halbes Jahr lang ausfiel. Ich verbrachte viele Wochen im Krankenhaus, doch die Ursache wurde nie gefunden. Dank starker Medikamente wurde ich zwar wieder gesund, aber mein Gehirn hatte ordentlich an Leistung eingebüßt. Die Ärzte sagten, dass ich das mit dem Abitur vergessen könne. Aber sie wussten nicht, welch zähe Person sie vor sich hatten. Ich machte mein Abitur mit einem Jahr Verspätung und schaffte es. Natürlich war es nicht überragend, aber für das, was die Ärzte prophezeit hatten, mehr als ordentlich.
Mein Vater tobte: „Was soll nun nur aus der Firma werden? Für was habe ich mir die ganzen Jahre den Hintern aufgerissen? Nur, um dir eine gute Zukunft bieten zu können!“ Er redete einige Wochen nicht mehr mit mir. Nach der anfänglichen tiefen Trauer folgte eine unbändige Wut auf seine Ungerechtigkeit mir gegenüber. Meine Mutter war mir in dieser Zeit eine große Stütze, wenn sie auch nicht zwischen mir und meinem Vater vermitteln konnte. Nach längerem Überlegen war ich mir sicher, meine Zukunft in Sprachen gefunden zu haben und plante daher einen Auslandsaufenthalt in den USA. Doch mitten in den Vorbereitungen ereilte mich der nächste Schock: Meine Mutter war unheilbar an Krebs erkrankt, ein halbes Jahr später trugen wir sie zu Grabe. Eine nie gekannte Traurigkeit überkam mich. Ich ließ niemanden an mich heran, auch meinen Vater nicht. Aber er wollte das auch gar nicht. Seine Tage waren geprägt von Alkohol und Beruhigungstabletten. Hilflos musste ich mitansehen, wie er sich selber ruinierte. Mit meiner Mutter hatte er seinen Halt verloren. Seine Firma ging nicht bankrott, weil er einen sehr fähigen Geschäftsführer hatte. Wenigstens mussten wir keine Geldsorgen haben, da ich ja auch nicht arbeitete. In der ganzen Zeit hatte ich das Gefühl, als würde er mir die Schuld an der Krankheit meiner Mutter geben. Ich weiß, dass das etwas befremdlich klingt. Aber damals ging es mir deshalb richtig schlecht, ich erstickte in Schuldgefühlen. Evelyn sagte damals: „Du musst dir helfen lassen“ und vermittelte mir einen Therapeuten. Lange quälende, aber letztlich erfolgreiche Sitzungen lagen vor mir, es war schlimm, das alles noch einmal so intensiv durchleben zu müssen. Ich war inzwischen 23 und hatte noch immer keinen Beruf erlernt. Mein Vater war wieder einigermaßen normal, zumindest nahm er keine Beruhigungsmittel mehr. Dafür hatte er sich etwas anderes angeschafft: eine Geliebte, 20 Jahre jünger als er und 2 Jahre älter als ich. Als ich sie das erste Mal sah, konnte ich es kaum glauben: rothaarig, vollbusig und gekleidet wie eine Nutte. Entsetzt stellte ich ihn zur Rede, doch er lachte mich aus. Er wolle seinen Spaß haben im Leben und sich von niemandem mehr etwas vorschreiben lassen. Das tat weh. Das hieß ja im Umkehrschluss, dass er mit meiner Mutter keinen Spaß hatte und sie ihn nur herumkommandiert hat. Aber das war nicht so, das wusste niemand besser als ich. Alle Appelle an seinen Verstand prallten an ihm ab wie Gummibälle an Betonwänden. Stattdessen verkündete er, dass er sie heiraten wolle. Sie schaute mich jedes Mal triumphal von oben mit ihren kalten und berechnenden Augen an, wenn mein Vater mich vor ihr wieder in die Pfanne haute. So blind wie er war, würde er ihr alle Möglichkeiten auf seine Finanzen geben und das hieße unweigerlich, dass sie auch in der Firma ihre Finger drin hätte. Denn eins war von vornherein klar: nur darauf legte sie es an. Ich bat den Geschäftsführer, mit meinem Vater zu reden, doch auch er war chancenlos. Wieder geriet ich in den Fokus seiner üblen Beschimpfungen. Ich würde ihm sein Glück nicht gönnen. Dabei soll ich endlich mal etwas arbeiten gehen. Mit letzerem hatte er ja Recht, aber ich wusste einfach immer noch nicht, welche Arbeit mir Spaß machen würde und so nahm ich immer wieder Gelegenheitsjobs an. In dieser Zeit erklärte ich meinen Vater für verloren. Sollte er doch machen, was er wollte. Ich würde ihn sowieso nicht daran hindern können. Wenn er unbedingt seine eigene Familie kaputt machen wollte, konnte ich nichts dagegen tun. Und wenn er so einer blöden Kuh, die im übrigen auch keine Berufsausbildung nachweisen konnte, das Geld in den Allerwertesten schieben wollte, dann sollte er das auch tun. Mir war meine Gesundheit für weitere Aufregungen zu schade.
Eines Nachts hatte ich einen brillanten Einfall, auf den ich heute noch stolz bin. Erst dachte ich, dass es ein Hirngespinst sei, doch als ich Evelyn davon erzählte, war sie Feuer und Flamme: „Ja, so kriegst du sie sicher los!“ Ich redete mit dem Geschäftsführer der Firma und weihte ihn in den Plan ein. Er sagte zu, mir soviel Geld wie ich brauchte zukommen zu lassen. Ich engagierte Henry, der gegenüber der Tussi angeben sollte, Millionär zu sein. Außer seinem Honorar von fürstlichen 5.000 € (im Erfolgsfall sollte er nochmal soviel bekommen) bekam er 10.000 €, um der blöden Tussi entsprechend etwas bieten zu können. Noch nie habe ich so viel Geld mit so einer Leichtigkeit ausgegeben. Aber streng genommen war es ja auch nicht mein Geld. Aber das war auch schon wieder egal. Besser ein arbeitsloser Schauspieler verdiente etwas Geld, als dass es die Tussi später in den Rachen geworfen bekam. Und was soll ich sagen: die Aktion war ein voller Erfolg! Henry becircte sie von vorne bis hinten, gab eine Flasche Champagner nach der anderen aus und gaukelte ihr ein Luxusleben vor, so dass sie Hals über Kopf bei meinem Vater auszog. Ich möchte nicht wissen, wie das von statten ging, aber es wäre sicher ein köstliches Schauspiel gewesen. Da Henry angab, auf Geschäftsreise zu sein, nahm sie sich in einem 5-Sterne-Hotel 3 Tage eine Suite. Leider weiß ich nicht mehr, wie die Sache ausgegangen ist. Henry war dann nämlich plötzlich wie vom Erdboden verschwunden und mein Vater hatte es nun auch endlich kapiert.
Ich dachte, dass das Leben nun endlich wieder beginnen könne. Mein Vater war recht umgänglich geworden und ich hatte mich endlich dafür entschieden, eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen. Ich bekam einen Ausbildungsplatz in einem nahegelegenen Krankenhaus. Drei Tage, bevor ich meinen ersten Tag hatte, erlitt mein Vater einen schweren Schlaganfall. Anfangs war es ungewiss, ob er es schaffen würde, doch auch er erwies sich als zäh. Ganz erholte er sich allerdings nicht mehr von diesem Schicksalsschlag, er war von nun an ein Pflegefall. Ich schlug ihm vor, ihn in einem Heim unterzubringen und ihn täglich zu besuchen. Doch er weinte bitterlich. Er wolle nicht so enden und wenn es schon mit ihm vorbei gehen würde, dann wolle er wenigstens zuhause sterben. Was sollte ich tun? Ich brachte es nicht übers Herz, ihn dennoch in ein Heim zu geben. Sicher war er Jahre vorher immer ungerecht zu mir gewesen und ich hätte mich quasi dafür rächen können. Aber so bin ich nicht. In dem Wissen, dass er mein Vater ist und wir eine Familie sind, habe ich schweren Herzens meinen Ausbildungsplatz abgesagt und mich um meinen Vater gekümmert. Zehn lange Jahre habe ich mich ausschließlich um ihn gekümmert. Es war eine harte und aufwendige Zeit, aber ich bereue es nicht, dies getan zu haben. Als ich merkte, dass es immer schlechter um ihn stand, bat ich einen Pflegedienst um Hilfe, was mir eine große Erleichterung war. Das alles konnte ich nur machen, weil der Geschäftsführer so weise war und die Firma auf Kurs hielt. Wenige Wochen vor seinem Tod überschrieb mir mein Vater seine Geschäftsanteile an seiner Firma und eine lebenslange Teilhabe.
Mit knapp 40 stand ich emotional plötzlich vor dem Nichts. Ich hatte niemanden mehr, um den ich mich kümmern musste. Ich hatte keine sinnvolle Tagesaufgabe mehr. An eine Berufsausbildung in meinem Alter war gar nicht mehr zu denken, aber ich hatte die ja auch gar nicht nötig, da ich finanziell komplett abgesichert war. Und dann kapierte ich es: Ich war frei! Unendlich frei! Ich konnte tun und lassen, was ich wollte! Das war für mich unfassbar! Ich konnte morgens lange schlafen und mir den Tag mit herumtrödeln und fern sehen vertreiben. Natürlich kostete ich das am Anfang aus, doch auf die Dauer war das nichts für mich. So begann ich, mich ehrenamtlich in verschiedenen Einrichtungen zu engagieren. Ich wollte viel mit Menschen zu tun haben, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens standen. So fand ich zu meiner Tätigkeit als ehrenamtliche Bewährungshelferin. Seither kümmere ich mich um Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Außerdem fand ich einen Zugang zur Kirche und bin auch dort sehr aktiv. In meinem Dorf weiß man von mir und meiner Situation und so werde ich immer wieder kurzfristig zu Dingen gerufen, bei denen kurzfristig Hilfe gebraucht wird. Und keiner ist böse, wenn ich mal etwas absagen muss oder will.
„Du hast dir dieses Leben echt verdient“, meint Evelyn. „Aber weißt du, was dir fehlt?“ Ich schüttle den Kopf. „Na, ein Mann!“ Ich lache. „Oh nein, ganz bestimmt nicht! Nun bin ich frei und kann mein Leben so gestalten, wie ich es mir vorstelle. Da schaffe ich mir doch keinen Mann an!“ Wir lachen beide.

Letzte Aktualisierung: 23.06.2011 - 16.17 Uhr
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