'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Flower Power | Juli 2011
Lasst Blumen sprechen
von Sabine Poethke

Es war einmal, so begannen vor hunderten von Jahren die alten Hausmärchen häufig, es war einmal ein verträumter Ort gleich hinter ich-weiß-nicht-wo. Nur, dass die modernen Märchen so heute nun nicht mehr beginnen können, weil kartografisch und satellitentechnisch alles auf unserer weiten Welt ausgeleuchtet, also irgendwie erfasst wird. Trotzdem wäre es wohl hochgradig schade, gäbe es deswegen keine neuen Märchen mehr. Und damit dies nicht der Fall ist, beginnt die nun folgende Geschichte als Grußkarte im Internet …

„Sie haben Post“, tönte es aus Heinzelmanns Postfach, und mit geröteten Wangen und ohne Zögern klickte er den Link in der ihm fröhliche Grüße verheißenden Mail an. Sofort folgte seinem Befehl ein „Plopp“ und auf dem Monitor zeigte sich das Bild eines kleinen Blumentopfes, aus dem Blumen mit bunten Köpfen wuchsen, deren aufgemalte Münder sangen, holografisch aussehende Augen klapperten und deren Blätter schwangen. Insgesamt sahen die Blümelein aus, als tanzten sie einen Reigen, wie das die Töchter des Erlkönigs im nächtlichen Reihn taten. Heinzelmann sah selig entrückt drein, ob dieses Anblicks, und ein kleiner Jauchzer entschlüpfte ihm voller Freude dazu, und noch bevor er hätte das Bild öffnen und sich den Gruß durchlesen können, geschah Ungewöhnliches. Die Blumen wuchsen und wuchsen und schon kam der erste Spross aus dem Gehäuse hervor. Bald schmückte ein ganzer Strauß von diesen bunten Blumen seinen Schreibtisch. Vorsichtig tippte Heinzelmann, der nichts anderes als ein Gartenzwerg von Beruf war, an eine der Blumen. Schwupps drehte sie ihm ihr lächelndes Gesicht zu. Soetwas hatte er in seiner ganzen Laufbahn als Zipfelmützenträger der ersten Stunde des Gartenbeetes noch nicht erlebt!
„Ihr kommt ja wie gerufen!“, stieß Heinzelmann aufgeregt hervor. „Das passt wie der Wurzelballen in den Blumentopp!“ Schon seit Tagen hatte er sich beinahe die Schädeldecke gespalten, denn der jährliche Züchtertag stand bevor, an dem die Gartenzwerge der nördlichen Halbkugel die besten sieben krönten. Diese würden dann die Ehre der Nördlichen gegen die der Südlichen vertreten und der weltbester Blumenzüchterzwerg gesucht und gefunden werden.
Nun, einmal zur Idee gefasst, rannte der Gartenzwerg zum Fenster, und zwar so schnell, dass er sich seine rote Zipfelmütze festhalten musste, sonst wäre sie vom Kopf gerutscht. Heinzelmann zog in Windeseile die Gardinen zu. Was hier geschah, ging niemanden auf dieser Welt etwas an.
„So“, sprach er liebevoll zu den Blümchen klein, „hier habe ich eine wirklich supertolle Erde für euch. Sogar phosphorhaltig, vielleicht kommen eure Farben dann noch ganz anders zur Geltung als bisher.“ Die Blümelein nickten mit ihren Blüten zu seinen Worten und blinkerten mit den Äugelein in einen nur ihnen bekannten Takt.
Mittlerweile hatte der Gartenzwerg die Pflanzen an passender Stelle mit Bedacht gekappt und setzte die kleinen Wurzeln unter eine Erdschicht in einen Topf aus terrakottafarbenem Ton.
Stolz, und nicht ohne Vorfreude auf den Wettbewerb, betrachtete Heinzelmann sein Werk und war’s so richtig und ganz und gar zufrieden.
Oh, hätte der Zwerg nur geahnt, was schon in der kommenden Nacht passieren sollte!
Doch Heinzelmann legte sich zufrieden in sein Himmelbettchen und schlief tief und fest die ganze Nacht hindurch …

Um am nächsten Morgen mit einem lauten Schreien aus dem Bette zu springen. Da, wo er gestern Abend noch die Wunderblumen, so mysteriös aus dem Internet geladen und danach gewachsen, hingestellt hatte, da gähnte ihn heute nur noch eine Blümchentischdecke an. Voller Wut zog er sich die zipfelige Mütze vom Kopf, dann konnte er sich ungeniert die Haare raufen! Wie ein Indianer beim Regentanz hüpfte er durch seine gute Stube. Hatte er sich doch schon als Gewinner des diesjährigen Züchterwettbewerbes gesehen!
Doch was war passiert? Wo waren die Blümelein hin? So ein Topf verschwindet doch nicht einfach mir nichts dir nichts oder wird gar unsichtbar.

Wir wären nicht in einem modernen Märchen, könnten wir nicht einfach zurückspulen, ohne viel Federlesens.
Trrrrrzzzzzzzzzz …. Wir spulen auf null Uhr … Gong, der letzte Glockenschlag verhallt …

Uiuiui! Unser Topf erhebt sich wie von Geisterhand einige Zentimeter vom Tisch, und sogleich beginnen die Blumen darin wild mit ihrem Laubblättern zu flattern. Als hätten sie nie etwas anderes gemacht! Ein paar der Blüten sprangen zurück auf die Tischdecke und fügten sich dort in ein Muster, die anderen verblieben im Blumentopf und taten ihren Dienst, dass dieser an Höhe gewinnen konnte.
Wenn es auch wirklich wundersam anmutete, so müssen wir uns deshalb nicht wundern, und auch Heinzelmann müsste es ob des Verschwindens seiner Pflanzen nicht.

Doch er tat es, und das hauptsächlich, weil er sich inmitten unseres Märchens und jenseits der Technik des Zurückspulens befand. So konnte er nach dem Haareraufen und seinem wilden Tanz also nur stumm den Kopf schütteln und immer wieder voller Hoffnung, ihn hätte ein Trugbild das Verschwinden nur vorgegaukelt, zum leeren Platz auf dem Tische schauen.

Unterdessen flog der Blumentopf der aufgehenden Sonne entgegen, und seine Insassen reckten ihre Köpfchen nach eben dieser empor. Der Himmel strahlte in hellem Blau, und der Tag ward nicht sehr kühl, obwohl der Morgen noch recht frisch dahergekommen war. So passierte es, dass die Blumen auf ihrer Reise das schöne Schwerin mit seinen Seen und Wäldern überflogen, und ihnen, beim Anblick der kleinen Wellen das Wasser im Mund zusammenlief. Der seichte Tau auf ihren Flügelblättern war schon lange aufgebraucht und sie dürsteten arg.
Für die Menschen dieser idyllischen Landeshauptstadt hätte der fliegende Blumentopf sicher einiges an Fragen aufgeworfen, doch irgendwie schaute an diesem Tag niemand so genau nach oben, jedenfalls nicht dorthin, wo der Blumentopf wie ein Fesselballon seine Kreise zog.
Langsam verlor das Blumenluftschiff an Höhe, sackte nach unten und sackte nach unten. Denn die Blumen waren erschöpft, ihre Blätter voller Müdigkeit, und sie waren sehr durstig! Knapp nur schrammten sie an der Domspitze vorbei, rutschten beinahe mit dem Topf auf dem Domdach wie auf einer Rutschbahn, nur ein winziger Lufthauch trennte sie davon, und sie lenkten mit einem letzten Schwung in Richtung Schlachtermarkt, wo sie ein Brunnen mit frischem Wasser lockte. Näher rückte der und näher. Und wieder hätten sich die Schweriner fragen können, was da wohl geschah, doch abermals sah anscheinend niemand auf den Topf, obwohl er nun schon beträchtlich dicht an den Boden kam.

Und da geschah es: Einen Meter vor dem von allen Blümelein heißersehnten Ziel … zerschellte das Tongefäß auf dem Kopfsteinpflaster und einige seiner Einzelteile rutschen bis an den Brunnenrand. Was ließen da die Blümelein ihre Köpfe hängen …
Ja, an dieser Stelle wäre ein altes Märchen wohl sicher auf gar keinen Fall zu Ende, und auch ein modernes ist es hier noch nicht!
Aufgeschreckt durch das Scheppern neben ihrem Stand schaute sich Frau Busepuhl um und entdeckte die Bescherung. Doch was staunte sie nicht schlecht, als sich der Scherbenhaufen vor ihren Augen auflöste, noch ehe sie hätte bis drei zählen können, oder einen Topflappen häkeln. Sie musste sich die Augen reiben, doch auch das half nicht. Einen kaputten Blumentopf, den die Erde verschluckt hatte … nun, den konnte es wohl nicht gegeben haben!
Zaghaft hob sie die drei Blüten auf, die neben dem Brunnenrand lagen, bestaunte sie und nahm sie dann mit zu ihrem Stand, um sie an eben diesem zu verkaufen.

Wir aber, wir können in einem modernen Märchen alles sehen … und deshalb werden wir wieder ein Stück zurückspulen. Nicht viel, dieses Mal. Dafür zoomen wir noch ein bisschen. Nicht ohne Grund hatte Frau Busephul sich die Augen reiben müssen, denn das, was geschah, genau unter ihren, das war für die Marktfrau einfach nicht zu erkennen gewesen. Aber für uns … Zzzzzrrrrrrommm …
Der Topf, die Erde, die Blumen mit all ihren Blättern und einigen Blüten, sogar mit den blinkenden Äugelein und den wackelnden Mündern, wurden auseinandergenommen, in Ovale und Haken zerlegt und in Schubkarren abtransportiert. Von kleinen Würmern in lustigen Anzügen, die straff von einem breiten Gürtel gehalten wurden. Was hätte sich die Frau Busepuhl bei diesem Anblick wohl amüsiert!
An den letzten der Würmchen hängen wir uns zusammen mal eben wie Spione ran und schauen, wohin er seine Schubkarre lenkt … Und siehe da, am Ende seines Weges wirbelte eine Staubwolke von den aufgesammelten Formen auf und wurde wild – ganz bunt durcheinander – schwuppdiwupp in ein Handy gesaugt, wo sie als lachender Kaktus mit breitem Sombrero wieder auftauchten …

Die Reste der Haken und Ovale formte ein Flash-Logo einer Grünpflanze, deren Blätter je nach Ladekapazität des Akkus ihre Blätter richteten und die Farbe veränderten.
Ja, und während in alten Märchen am Schluss noch ein „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ stand, so ist das bei den modernen Märchen ein ganz kleinwenig anders:
Und wenn sie noch Nullen und Einsen sind, dann wandeln sie sich noch heute und verwirren so manchen klugen oder weniger klugen Kopf gehörig!

Letzte Aktualisierung: 14.07.2011 - 13.25 Uhr
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