Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Flower Power | Juli 2011
Die blaue Hortensie
von Susanne Ruitenberg

Gerda kam, ein Handtuch um den Kopf gewickelt, aus dem Bad und trat ans Fenster. „Herrliches Wetter. Auf, Hans, erheb dich. Du verschläfst sonst den ganzen Urlaub.“
Ein undeutliches Murmeln war die Antwort.
„Mach, was du willst. Ich ziehe mich an und gehe frühstücken.“

Einige Zeit später, Hans schlürfte gerade seinen fünften Kaffee, stürmte Gerda auf die Hotelterrasse und fuchtelte mit den Armen. „Du wirst nicht raten, was ich gefunden habe.“
„Mag sein.“
„Was mag sein?“
Hans rollte die Augen. „Na, dass ich es nicht rate. Aber wie ich dich kenne, wirst du es mir sowieso erzählen.“
„Ich habe eine bessere Idee. Trink aus, ich zeig’s dir.“
Hans streckte sich. „Aber ich wollte die Zeitung ...“
„Die läuft dir nicht weg. Los, komm schon.“ Sie nahm seine Hand und zog. Mit einem Seufzen und einem sehnsüchtigen Blick auf die gemütliche Sitzecke unter dem Sonnenschirm stand er auf.

Hans hatte Mühe, Gerda zu folgen, die fröhlich erzählend und mit raumgreifenden Schritten vorwärts strebte. „Der Reiseführer hat nicht gelogen; San Sebastian ist die Hauptstadt der Stadtparks, einer schöner als der andere. Zwei habe ich schon erkundet. Hier ist es.“
Zielstrebig nahm Gerda den zweiten Weg links vom Hauptweg aus. „Ich kann es kaum erwarten.“
„Was denn? Das ist ein Park. Mit Bäumen, Rasen und bunten Blumenrabatten. So etwas haben wir daheim auch.“
„Wart’s ab. Da hinten, da siehst du sie schon leuchten.“ Gerda rannte den Rest des Weges entlang. „Ta-daaa. Na, habe ich zuviel versprochen?“ Sie wies hinter sich. „Hast du je eine so schöne, so riesige und so tiefblaue Hortensienhecke gesehen?“
„Nun ...“
„Meine im Garten werden immer rosa, obwohl ich dieses Blaupulver draufgebe. Und hier ist nicht ein Hauch von Pink zu sehen. Das Laub ganz dicht, Blüte an Blüte, alles makellos. Unglaublich.“
Hans trat näher an die Pflanzen heran. „Die sind ja höher als ich. Mit was die wohl gedüngt werden?“
„Das muss ein ganz besonderer Stoff sein. Ich werde jeden Tag hier vorbeikommen; vielleicht sieht man die Gärtner. Auf alle Fälle werde ich im letzten Moment, bevor wir zurückfahren, einen Ableger ausgraben. Hier sind welche, guck.“
Hans runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht. Das ist sicher nicht erlaubt, einfach Pflanzen auszugraben ... außerdem sollen die Basken Hitzköpfe sein. Was, wenn sie dich erwischen?“
„Sei nicht so ein Feigling. Denk an den ollen Huber von gegenüber, der immer so ein Geschiss um seinen Garten veranstaltet, was der für Augen machen wird, wenn bei uns so eine tolle Hortensie wächst.“
Hans grinste. „Überzeugt.“

Drei Tage später kam Gerda ganz aufgeregt von ihrem Kontrollgang zurück. „Das ist der Wahnsinn, die Hortensie ist über Nacht um einen halben Meter gewachsen. Und ich hab keine Ahnung, womit die gepflegt wird. Man sieht nie einen Gärtner.“
„Hast du mal versucht, jemanden zu fragen?“
„Schon, aber das waren alles nur Touristen. Sie zucken nur die Achseln und lächeln dümmlich, wenn ich sie darauf anspreche.“

Am nächsten Tag spazierten sie zusammen an der Hecke vorbei. Gerda zeigte nach rechts. „Da hat doch jemand Zweige herausgeschnitten. Unerhört!“
Hans lachte auf. „Ach komm, du willst einen ganzen Ableger ausgraben und regst dich über ein paar Zweige auf? Anderen gefällt das tolle Blau sicher auch.“
„Das mein ich doch nicht. Nein, sondern weil das so schepp und dilettantisch geschnitten ist. Respektlos, eben.“

Als sie am nächsten Nachmittag vorbeikamen, blieb Hans abrupt stehen. „Ich glaub‘, mein Hamster bohnert! Man sieht kaum noch etwas von dem Loch und sie ist wieder gewachsen. Das ist doch Hexerei!“
„Vielleicht war heimlich ein Gärtner da und hat das in Ordnung gebracht.“
„Und einen magischen Wachstumsbeschleuniger aufgetragen? Quatsch.“
Gerda schüttelte den Kopf. „Ich versteh’s ja auch nicht.“

Am Tag ihrer Abreise, das Auto stand schon fertig gepackt in der Hotelgarage, steckte Gerda das eigens dafür erworbene Pflanzschäufelchen und eine Tüte in ihre Handtasche. „Bereit für ‚Operation Hortensie‘. Komm mit.“
„Wozu? Du kannst die doch alleine ausgraben.“
„Schmiere stehen, natürlich.“

„Hier, stell dich da hin, am rechten Rand“, sie deutete auf den Weg. „Ich gehe auf die Rückseite. Wenn jemand kommt, der aussieht wie ein Gärtner oder eine Parkaufsicht, pfeifst du.“
„Meinetwegen.“
Hans betrachtete die Hortensie. War sie nicht seit seinem letzten Besuch wieder gewachsen? Und die Blüten waren von noch intensiverem Blau, leuchteten scheinbar von innen. Er sah auf die Uhr. Wo blieb Gerda? Ob er pfeifen sollte? Nein, das würde sie unnötig erschrecken. „Gerda? Brauchst du noch lange?“
Keine Antwort.
„Gerda?“
Komisch, war sie so weit gegangen, dass sie ihn nicht mehr hörte?
„Gerda, komm jetzt endlich, wir müssen fahren.“
Nichts.
Er umrundete die Hortensie und schritt langsam an der Rückseite der Hecke entlang. Da, etwas Metallenes auf dem Boden. Mit einem unguten Gefühl bückte er sich und hob es auf. Gerdas Schäufelchen. Hier sah man auch eine Stelle, an der sie gegraben hatte. Er bückte sich und kratzte mit der Schaufelspitze in die Erde.
Auf einmal spürte er, wie etwas Weiches ihn umhüllte.
Grün und Blau wirbelten vor seinen Augen zu einem undefinierbaren Grünblau.
Etwas hielt ihmMund und Nase zu und um seinen Brustkorb schlang sich eine harte Schlange.
Dann sah er nichts mehr.


©Susanne Ruitenberg
2. Version

Letzte Aktualisierung: 27.07.2011 - 19.36 Uhr
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